Frau H. – Entscheidungen für die Ewigkeit


Für mich sind es die Begegnungen mit einzigartigen Menschen, die mich fesseln.

„Die Geschichte der Frau H.“ ist eine meiner drei bisher umfangreichsten Arbeiten. Sie erscheint voraussichtlich im September 2017 in dem Buch „Zimmer 101“.

Über Frau H.:

 

„Eine der letzten tapferen Frauen des letzten Jahrhunderts, die mich noch lehren konnten und mit ihrem Wesen

diese Welt bereicherten. Sie überstanden den zweiten Weltkrieg, flüchteten aus der Heimat, beklagten die Toten und klagten nicht über Unabänderlichkeiten. Sie war eine der letzten Menschen, denen ich zuhören durfte, von denen ich unauslöschliche Nuancen des Bedeutungsvollen erfahren vermochte. Sie war eine derjenigen, an deren Schleifstein ich mein Leben schärfen konnte.“ (Auszug)

 

Auszug aus „Frau H. – Entscheidungen für die Ewigkeit“:

 

Sylvia, Karl ist ein sehr belesener Mann. Auch ein Narr kann weise sein. Das, was Sie vorhin sicherlich erlebt haben und ich kann es mir lebhaft vorstellen, erschreckte mich anfangs auch. Doch ich begriff schnell: Karl ist wie seine mediterranen Vorfahren ein Bewunderer der Frauen, er achtet und mag sie, nicht mehr und nicht weniger. Wenn es darauf ankommt, holt er für die Seniora seines Herzens die Kastanien aus dem Feuer. Darauf kommt es doch an, nur darauf. Seine Inge vergötterte er bis zum Schluss und er ging ihr niemals fremd.

Schließen Sie ihre Schublade wieder, das passt nicht zu ihnen.“

 

Dabei lächelte sie. Ihr wissendes, ihr vergebendes Lächeln. Das Lächeln einer Frau, die ihr Leben gelebt hat. Ihr silbergraues Haar glänzte. Sie hatte es sorgfältig gelegt. Gerade dachte ich darüber nach, woher sie ihre Kraft nahm. In meiner eigenen Scham senkte ich den Kopf.

 

„Was macht die Liebe bei ihnen?“, Frau H. wechselte gekonnt das Thema. Sie lächelte mir aufmunternd zu, sah kurz zum Fenster und sagte: „Der Herbst kommt, den lieben sie doch so.“

 

„Der Liebe geht es gut. Ich glaube, die Liebe gefunden zu haben, auf die ich über zwei Jahrzehnte gewartet hatte.“ Ich rutschte auf dem Stuhl hin und her, als würde ich meiner Mutter von meiner ersten Liebe erzählen.

 

Frau H. schmunzelte und neckte mich: „Da leuchten die Augen auf, so sollte es wohl die Liebe sein. Vertrauen Sie ihm?“

 

Das war eine gute Frage. „Es ist schwer für mich, jemandem zu vertrauen. Vertrauen ist etwas für Naive“, konterte ich und lachte.

„Trotzdem ist es eine reife Liebe. Sie ist so, als ob ich es wage, blind an einer Frucht zu naschen und nicht zu wissen, ob ich jeden Moment in eine faulige Stelle beiße.“

 

Ich sah zum Fenster hinaus und bewunderte, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Esche verfingen. Es war ein malerisches Bild, welches mich fesselte. Während ich sah, wie ein sanfter Wind diese Blätter hin und her wiegte, sagte ich:

„Ich weiß nicht, ob es diesmal hält. So oft hatte ich schon Hoffnung. Irgendwann entschloss ich mich, allein zu bleiben und mein Leben der Literatur zu widmen. Kein Mann hätte mich mit dieser Leidenschaft ertragen, denn ich verbringe viel Zeit mit dem Lesen und Schreiben, mit der Sinnsuche und den Gebrechen der Vergänglichkeit.

Doch dieser Mann kam, ging wieder und kehrte zurück. Ich hoffe auf eine goldene Herbstzeit und dass wir auch noch im Winter und nächsten Frühling darüber streiten, ob ich die richtigen Zeitformen wähle oder nicht, ob Mephisto ein „Guter“ war oder nicht, ob Goethe ein (begnadeter) Exzentriker war, den man nicht unbedingt als Freund hätte haben wollen oder ob ich über Goethe urteile, ohne dass es mir zustehen würde.

 

Frau H. betrachtete mich lange, tätschelte meine Hand und sagte:

 

„Ein später Apfel kann im Frühjahr genossen werden, wenn sie ihn im Herbst gut lagern.“

 

Ich wollte Frau H. noch etwas fragen. Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob man auch zwei Menschen aus ganzem Herzen lieben kann. Ich wusste, dass die Liebe zu jedem dieser Menschen unterschiedlich und einzigartig ist. Als stünden da zwei Berge. Der eine Berg ist bekannt: jede Erhebung, jeder Millimeter, jede flache und tiefe Stelle, jede glatte und gefährliche Stelle, hunderte Male hat man ihn schon erklommen.

Nackt hat man sich auf ihm gewunden, ist mit ihm schon beinahe eins geworden.

 

Der andere Berg ist unbekannt: er will erforscht, erkundet

werden. Er weckt die Sehnsüchte, verbirgt das Unbekannte, lässt uns noch träumen. Er ist ein unvollständiges Bild, eine

Verlockung für die Neugierde der Sinne. Er ist ein Geheimnis und wir Menschen lieben Überraschungen und Geheimnisse. Doch ich wagte nicht, diese Frage zu stellen oder Frau H. um ihre Antwort zu bitten.

(c) Sylvia Kling

Das Kopieren oder Weiterverwendung von Textstellen ist nicht gestattet!

Für mich sind es die Begegnungen mit einzigartigen Menschen, die mich fesseln. Dieser Beitrg ist eher etwas für das Wochenende - keine kurze Aussage mit Flüchtigkeitscharakter. "Die Geschichte der Frau H." ist eine meiner drei bisher größten Arbeiten. Sie erscheint voraussichtlich im September 2017 in dem Buch "Zimmer 101". Frau H.: "Eine der letzten tapferen Frauen des letzten Jahrhunderts, die mich noch lehren konnten und mit ihrem Wesen diese Welt bereicherten. Sie überstanden den zweiten Weltkrieg, flüchteten aus der Heimat, beklagten die Toten und klagten nicht über Unabänderlichkeiten. Sie war eine der letzten Menschen, denen ich zuhören durfte, von denen ich unauslöschliche Nuancen des Bedeutungsvollen erfahren vermochte. Sie war eine derjenigen, an deren Schleifstein ich mein Leben schärfen konnte." (Auszug) Auszug aus "Frau H. - Entscheidungen für die Ewigkeit": Sylvia, Karl ist ein sehr belesener Mann. Auch ein Narr kann weise sein. Das, was Sie vorhin sicherlich erlebt haben und ich kann es mir lebhaft vorstellen, erschreckte mich anfangs auch. Doch ich begriff schnell: Karl ist wie seine mediterranen Vorfahren ein Bewunderer der Frauen, er achtet und mag sie, nicht mehr und nicht weniger. Wenn es darauf ankommt, holt er für die Seniora seines Herzens die Kastanien aus dem Feuer. Darauf kommt es doch an, nur darauf. Seine Inge vergötterte er bis zum Schluss und er ging ihr niemals fremd. Schließen Sie ihre Schublade wieder, das passt nicht zu ihnen." Ihr silbergraues Haar glänzte. Sie hatte es sorgfältig gelegt. Gerade dachte ich darüber nach, woher sie ihre Kraft nahm. In meiner eigenen Scham senkte ich den Kopf. "Was macht die Liebe bei ihnen?", Frau H. wechselte gekonnt das Thema. Sie lächelte mir aufmunternd zu, sah kurz zum Fenster und sagte: "Der Herbst kommt, den lieben sie doch so." "Der Liebe geht es gut. Ich glaube, die Liebe gefunden zu haben, auf die ich über zwei Jahrzehnte gewartet hatte." Frau H. schmunzelte und neckte mich: "Da leuchten die Augen auf, so sollte es wohl die Liebe sein. Vertrauen Sie ihm?" Das war eine gute Frage. "Es ist schwer für mich, jemandem zu vertrauen. Vertrauen ist etwas für Naive", konterte ich und lachte. "Trotzdem ist es eine reife Liebe. Sie ist so, als ob ich es wage, blind an einer Frucht zu naschen und nicht zu wissen, ob ich jeden Moment in eine faulige Stelle beiße." Ich sah zum Fenster hinaus und bewunderte, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Esche verfingen. Es war ein malerisches Bild, welches mich fesselte. Während ich sah, wie ein sanfter Wind diese Blätter hin und her wiegte, sagte ich: "Ich weiß nicht, ob es diesmal hält. So oft hatte ich schon Hoffnung. Irgendwann entschloss ich mich, allein zu bleiben und mein Leben der Literatur zu widmen. Kein Mann hätte mich mit dieser Leidenschaft ertragen, denn ich verbringe sehr viel Zeit mit dem Lesen und Schreiben, mit der Sinnsuche und den Gebrechen der Vergänglichkeit. Doch ER kam, ging wieder und kehrte zurück. Ich hoffe auf eine goldene Herbstzeit und dass wir auch noch im Winter und nächsten Frühling darüber streiten, ob ich die richtigen Zeitformen wähle oder nicht, ob Mephisto ein Guter war oder nicht, ob Goethe ein gnadenloser Exzentriker war, den man nicht unbedingt als Freund hätte haben wollen oder ob ich über Goethe urteile, ohne dass es mir zustehen würde. Frau H. betrachtete mich lange, tätschelte meine Hand und sagte: "Ein später Apfel kann im Frühjahr genossen werden, wenn sie ihn im Herbst gut lagern." Ich wollte Frau H. noch etwas fragen. Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob man auch zwei Menschen aus ganzem Herzen lieben kann. Ich wusste, dass die Liebe zu jedem dieser Menschen unterschiedlich und einzigartig ist. Als stünden da zwei Berge. Der eine Berg ist bekannt: jede Erhebung, jeder Millimeter, jede flache und tiefe Stelle, jede glatte und gefährliche Stelle, hunderte Male hat man ihn schon erklommen. Nackt hat man sich auf ihm gewunden, ist mit ihm schon beinahe eins geworden. Der andere Berg ist unbekannt: er will erforscht, erkundet werden. Er weckt die Sehnsüchte, verbirgt das Unbekannte, lässt uns noch träumen. Er ist ein unvollständiges Bild, eine Verlockung für die Neugierde der Sinne. Er ist ein Geheimnis und wir Menschen lieben Überraschungen und Geheimnisse. Doch ich wagte nicht, diese Frage zu stellen oder Frau H. um ihre Antwort zu bitten. (c) Sylvia Kling Foto: stux/ https://pixabay.com/de/person-mensch-weiblich-frau-zwei-207304/

Foto: stux/ https://pixabay.com/de/person-mensch-weiblich-frau-zwei-207304/

 Aus „Die Geschichte der Frau H.“ stammen einige meiner Aphorismen, die ich gern auch für Widmungen in Büchern verwende.

Liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

mit diesem Beitrag wünsche ich Euch ein wunderschönes Märzwochenende. Nächste Woche werde ich Euch hoffentlich mit einem herzerwärmenden Märzgedicht beglücken können ;-). Ich freue mich schon sehr auf den Frühling, das Blühen, das Erwachen der Natur, die wärmenden Sonnenstrahlen und diesen unverwechselbaren Duft des Frühlings, der uns wieder verführerisch in diese neue Jahreszeit trägt.

Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

„Abschied von Harry“ und ein großes Dankeschön an Euch und die Menschlichkeit


Heute geht es um Geschichten über und um Menschen, Tiere und andere, uns im Leben begegnende Dinge. Wer es noch nicht wusste: Ich schreibe auch Prosa und orientiere mich am Alltag, all jenem, was uns Menschen ausmacht und uns bewegt. Daher unterhalte ich mich gern mit Menschen in der Alltäglichkeit, hinterfrage, möchte auch das Profunde über sie erkunden. Oft geht es um Hoffnung und um bestimmte Wege, die Menschen finden. Es handelt sich also um Geschichten, in denen immer das Leben mitschwingt. Den Tod und die Trauer, das Abschiednehmen tabuisiere ich – wie auch in den Gedichten – nicht.  

„Abschied von Harry“ (siehe Link unten) wird mit anderen Geschichten in meinem Buch „Zimmer 101“ im Sommer 2017 erscheinen.

Geschichten aus dem Alltag verschiedener Menschen werden erzählt:

Da ist z. B. der alte Mann, der jeden Tag um die gleiche Zeit den Bordstein fegt, auch, wenn dieser sauber ist und niemand weiß, warum er das tut. Da ist das ungleiche Paar, das sich wider der gesellschaftlichen Normen findet, die Fabel über den Fliegenpilz und die Braunkappe und Franz, der in der Psychiatrie seine Mutter besucht, die nicht mehr sprechen möchte und dessen Erinnerungen an die geliebte Mutter seiner Kinder- und Jugendtage die Gegenwart in dem stillen Zimmer berühren.
Da ist auch „Anastasias Kolibri“, der sie lehrt, alte Dinge loszulassen oder auch Julians Mutter, die nach dem Auszug Julians ihr Leben neu finden muss und Seiten an sich entdeckt, die sie nicht kennt und einige andere, allzu menschliche Geschichten.
Nicht zuletzt lasse ich auch in diesen Geschichten den menschlichen Schwächen genügend Raum. Da ist z. B. die Voreingenommenheit und Borniertheit der Menschen eines Dorfes, die einen Obdachlosen zu dem gerade gesuchten Sexualstraftäter abstempeln. Es werden infolge der persönlichen Geschichte einer Freundin der Protagonistin Parallelen zum Fall Marianne Bachmeier aus dem Jahr 1981 hergestellt, die im Gerichtssaal Lübeck den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter Anna erschossen hat.

Nicht zu vergessen ist  „Die Geschichte der Frau H.“, die schon manche Eurer Herzen im Sturm erobert hat:

Die über 80-jährige, gebürtige Ungarin, welche die Protagonistin mit ihrer Weisheit und Sensibilität besticht und sie lehrt, sie aufbaut und sie reifen lässt. Eine Frau, wie wir sie nicht mehr oft antreffen werden: klug, charmant, autark, moderat. Eine Frau, die den ersten und zweiten Weltkrieg überlebt und viele Entbehrungen und Verluste erlitten hatte und dennoch nie aufgegeben hat. Den letzten Teil von über 70 Seiten hatte ich nie vollständig veröffentlicht (es gibt dazu auf meiner HP eine Leseprobe – dort sind die vorangegangenen Teile vollständig zu lesen):

http://www.sylvia-kling.de/menu/biographien.php#start

 

Hier entlang geht es zur Geschichte „Abschied von Harry“

http://www.sylvia-kling.de/download/abschied_von_harry_1.pdf

Unser Haushund wartet , dass endlich sein Stock geworfen wird... (piqs.de ID: a12207debd193a405e103237f31e853a)

Unser Haushund wartet , dass endlich sein Stock geworfen wird… (piqs.de ID: a12207debd193a405e103237f31e853a)

Foto: http://piqs.de/fotos/71318.html
Lizenz: Creative Commons License
Fotograf: fotodruide

Liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

in den letzten Tagen durfte ich hier viel Menschlichkeit erfahren. „Eriks Reise“ wurde zwischenzeitlich 1700 Mal aufgerufen. Einige von Euch haben sich entschlossen, Eriks Reise auf dem Blog Eriks weiter zu verfolgen. Auch „Die Reise“ anlässlich des Weltkrebstages hat viele von Euch interessiert und berührt, Euch zu Kommentaren angeregt oder zum Rebloggen. Dafür möchte ich Euch von ganzem Herzen danken!

Wieder einmal trage ich die Hoffnung in mir, dass wir wieder mehr bewusst und reflektierend miteinander leben. Ja, am Ende werden wir uns nicht an unsere „Widersacher“ und diejenigen erinnern, die sich mit den Fäusten und dem Ellenbogen durch das Leben kämpften, ohne nach rechts oder links zu sehen.

Am „Ende“ werden wir uns an unsere Freunde und deren Hilfsbereitschaft und an die Menschlichkeit erinnern! DAS ist es, was bleibt.

In diesem Sinne wünsche meinen Freunden, LeserInnen und BesucherInnen einen guten Start in die neue Woche. Bei uns in Sachsen zieht der Nebel über die Felder und auch sollte man sich mit Gummistiefeln ausrüsten ;-).

Eure Sylvia Kling

Eriks Reise


„Ich habe bisher ein aufregendes Leben geführt, mit wilden Partys, allem drum und dran, etc., aber ich bin auch ein meisterhafter Einsiedler. Soll heißen, ich kann in Einsamkeit schwelgen, ohne wirklich einsam zu sein und hole mir so – für Außenstehende vielleicht schwer nachvollziehbar – die volle Portion Erholung in Form von Ruhe und Zeit für mich selbst, ohne irgendwelche, äußeren Reize / Einflüsse beachten zu müssen – absolute Erholung und Regeneration garantiert.“

Erik ist 27 Jahre alt. Sein Leben ist so normal, wie das Leben vieler anderer jungen Männer. Er wohnt in Berlin, hat eine Arbeit und Hobbys. Eben „normal“.

 

(c) Erik vor dem 26.12.2016

(c) Erik
vor dem 26.12.2016

Am 26.12.2016 feiert der lebenslustige Erik im Kreise seiner Familie den 2. Weihnachtstag. Wie bei vielen, anderen Familien ist es ein trautes, friedliches Beisammensein mit Kerzen, gutem Essen und freudigen Gesichtern. Alles ist ganz normal.
Bis Erik plötzlich zusammenbricht. Nach einem schweren, epileptischen Anfall verliert er das Bewußtsein. Im Krankenhaus Berlin-Köpenick stellt man einen 2,5 cm großen Hirntumor rechtsseitig fest.

Wie er damit umgeht, wie er die erste Operation übersteht, wie er seinen neuen Alltag verbringt, wie er ganz besondere Menschen kennenlernt, die sonst nie seinen Weg gekreuzt hätten, wie er sich neu orientiert und was er erfährt, was wir von diesem mutigen Jungen lernen können, berichtet er auf seinem Blog und ich hier – in stark gekürzter Form natürlich. Denn alles, was Erik weiterhin zu erzählen hat, könnt Ihr auf seinem Blog lesen, den ich am Ende des Beitrages als Link setze.

In einer persönlichen Mail am 24. Januar 2017 schreibt mir Erik:

„.…dann hab ich mein Ziel erreicht – einfach ein wenig Hoffnung/Positives an Menschen abgeben, die nicht so stark sein können/sind.“

Für den 26.12.2016 trägt er auf seinem Blog nachträglich ein:

„Ich dachte mir ich starte jetzt endlich Mal (rückwirkend) einen Blog, um Freunden und Verwandten eine zentrale Anlaufstelle zwecks Info’s & anderen Betroffenen vielleicht auch ein wenig Hoffnung / Austausch geben zu können 🙂 . Motiviert & kämpferisch bin ich zumindest durch und durch 💪😁 und habe nebenbei schon einiges in’s Handy getippt & dachte mir, ich lass jetzt einfach Mal den Rest der Welt daran teilhaben, wie alles abläuft, man damit umgehen kann usw 😁.“

Verlegung

Erik wird  am 27.12. 16 nach Berlin-Neukölln verlegt. Dort liegt er mit Manfred aus Potsdam im Zimmer. Erik schreibt:

„Für die kommende Zeit war ich seine persönliche Krankenschwester – gern geschehen 😁✌ und er hat mich postwendend nach Potsdam eingeladen – das zeigte mir mal wieder, dass vieles leichter von der Hand geht, wenn man einfach mal auf die Mitmenschen Rücksicht nimmt und sich selbst auf z.B. Empathie besinnt.“

Erste OP

Erster OP-Termin war am 06.01. 17 und da wurde eine radikal Kraniotomie durchgeführt, welche jedoch risikobedingt abgebrochen wurde, da das beim Monitoring während der OP zu gefährlich nahe an wichtige Hirnareale ging.

13.Januar 2017 – Erik berichtet und kann es nicht lassen, uns ein Grinsen ins Gesicht zu zaubern:

  • Vorläufiger histologischer Befund sagt aus, dass es ein bösartiges Gliom ist – wer sich belesen möchte http://www.gliome.info/ aber bitte nicht hyperventilieren ;)✌
  • Der endgültige wird wohl in den kommenden Tagen erwartet
  • somit steht fest, dass dringender Handlungsbedarf besteht
  • bei der ersten OP wurde Risikobedingt abgebrochen und somit muss nun vor einer möglichen Chemo-/Strahlentherapie so viel Gewebe wie möglich entfernt werden
  • Eingriff ist gefährlich nahe am Teil des Hirns, welcher für die linke Motorik zuständig ist
  • Aber dat muss halt gemacht werden 💪😎

Nebenwirkungen nach dem Eingriff:

  • Wesensveränderungen
  • Im Worst-Case wohl Störungen des (linken) Bewegungsapparats
  • Laut der Ärztin sind dies aber alles temporäre Nebenwirkungen, die sich nach ein / zwei Wochen wieder legen / selbstständig aufheben / trainiert werden können
  • Also alles halb so wild und vielleicht bringt das ja auch, wie mein Vater und Robert einstimmig meinten, was Gutes zum Vorschein 😜😂

Somit steht der weitere Fahrplan fest:

  • Donnerstag, 19.01., ist morgens die OP angesetzt
  • Danach wohl weiterhin ein/zwei Wochen stationäre Behandlung/Überwachung
  • Im Nachgang dann Chemo-/Strahlentherapie

Ich bin gespannt 😁

Auf der Raucherinsel trifft er auf einige, interessante Menschen, wie er schreibt. Er begegnet den unterschiedlichsten Charakteren, die ihn erheitern, nachdenklich stimmen, die ihn auch irgendwie halten.

Operation:

Am 19.01.2017 wird Erik operiert.

Erik nach der Operation

Erik nach der Operation

Am 22.Januar

Heute schreibt Erik wieder über eine Begegnung:

„Ende 50, Schlaganfall, aber Humor bis zum Abwinken 😂 dafür liebe ich diese kleinen Raucherinseln 😂 wie kleine Ausflugsorte. Meist verbunden mit geselligem, stark von Sarkasmus geprägtem Smalltalk über die abscheulichsten Krankheiten & Zustände hier im Krankenhaus 😂 und nun auch die Erkenntnis, dass selbst Privatpatienten hier kein schönes Leben haben 👻😂.“

„… Zum Glück darf ich mittlerweile auch wieder duschen (vorerst noch ohne Kopfwäsche 😪) .“

„… Morgen wird dann auch endlich die Cannabis Methode angesprochen, jetzt wo das schon (medizinisch) legalisiert wurde und Studien seit längerem die Wirksamkeit fundiert belegen.“

Am 22. Januar bringt er die Bloggerwelt erneut zum Lachen:

Eriks Frühstück im Krankenhaus

Eriks Frühstück im Krankenhaus

„Jetzt ist aber gut, mir wurde jetzt Frühstück in fünf Minuten versprochen – die spielen hier nur so mit den Gefühlen der Patienten 😪😂😂😂😂😂;)

Schönen sonnigen Tag euch da draußen!

Update 9 Uhr:

Früüüühstück 😍😍😍😍😍😍😍😍

Der Tag ist gerettet 💖 das mit der Sommerfigur 2017 hab ich erstmal hinten angestellt ;)😂👍“

Zur Ernährung:

„Damit ich mich nicht wieder rausreden kann, oder wie man das bei Vorsätzen üblicherweise versucht, hab ich mir gedacht, ich schreib die hier einfach nieder und lass euch einfach an der Post-Krankenhaus-To-Do-Liste teilhaben, die in mir über die letzten Wochen gereift ist (vielleicht auch zu intim/privat, aber scheiß drauf, Tumor ist nur einmal im Jahr ;)🍻🎶😂)“ …

Am 23.01.2017 liest man wieder von Eriks Humor, der einfach unbestechlich ist und mich schon von Beginn an fesselt. Erik war im Edeka einkaufen, nachdem er einen Freund zum Bus brachte:

„Jetzt kann von mir aus der Krieg ausbrechen – ich bin für alles gewappnet 😂✌ werde mich jetzt über den Tisch hermachen und die Speckröllchen auf den Winterschlaf vorbereiten/füttern,  dann wohl noch kurz unter die Dusche, mich stundenlang peelen (? ;)) und dann glücklich, wie ein Baby in’s Bett fallen. Vorausgesetzt der Herr auf dem Flur/benachbarten Zimmer hört auf um Hilfe zu rufen 😂 ebenso wie die nette ältere Dame am Ende des Ganges mit ihrem stetigen „Haaaaaaaallo“ „hallllllohooooooooo“ 🙈😂 Zustände sind das hier 😁 ein Glück gibt es Schwestern, die sich dennoch bemühen den Leuten tatkräftig zu helfen wo sie nur können – meinen größten Respekt!“

Am 24. Januar trägt Erik auch Folgendes ein:

„Akzeptiere die Diagnose – aber niemals die Prognose“

& das irgendwie eher nach Esoterik usw. klingende:

„Wer von seiner Heilung überzeugt ist, kann Wunder erwarten, die unter >normalen< Umständen, d.h. in der materiellen Welt undenkbar sind.“

Dr. Wighard Strehlow aus seinem Buch „Die Physiotherapie der Hildegard von Bingen“

 

Liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

heute wird Erik nach 30 Tagen aus dem Krankenhaus entlassen und er freut sich so sehr, dass nur wenige von uns dies nachvollziehen können. Er hat inzwischen einen Schwerbehindertenausweis beantragt.

Zum Abschlussgespräch mit dem Arzt schreibt Erik Folgendes:

Schlusswort/Empfehlung direkt vom Arzt:

Es ist wichtig, dass man sich jetzt erstmal in der einst gewohnten Welt wieder zurechtfindet, guckt wie man alles managed, mit dem Wissen, (Stand jetzt) dass einem bewusst ist, dass die zur Verfügung stehende Zeit begrenzter, als bei anderen Menschen im selben Alter ist.

Von daher sollte man sich zum Beispiel eine Liste mit Dingen anlegen, die man gern machen möchte – Mount Everest besteigen oder ähnliches muss nicht drauf stehen – aber Kleinigkeiten, die Freude machen, positive Sachen eben.

Auch wenn der Job keinen Spaß macht, sollte man sich nach Alternativen umschauen, sollten allerdings die Kollegen oder gar der Job richtig Spaß machen, sollte man sich das erhalten und ehrlich zu sich selbst sein, wenn man doch an Grenzen stößt / easy wieder einsteigen. Man sollte keinesfalls jetzt anfangen die Tage zu zählen.

Genauso sollte man es auch nicht übertreiben und sich jetzt jeden Abend die Flasche Wein gönnen, einfach weil man sich sagt was soll’s. Ein Bier ist mal OK aber es sollte einem bewusst sein, dass gewisse Dinge nicht mehr wie früher gehen – beim zweiten Bier hört’s dann auch schon auf und kann gefährlich werden, da das Hirn nicht mehr soviel abkann 😪🙈😂

Sport ist wieder erlaubt, Gym, wie auch Fußball, aber Kopfbälle sind erstmal tabu.

In zwei Wochen kann ich wohl wieder zum Friseur 😱😂

Kurz um:

Man sollte sich die Lebensqualität bewahren und die Zeit bestmöglichst genießen 😇✌

#staypositive Leute 😆✌

Und nun möchte ich Euch seinen Blog empfehlen, auf welchem Ihr Erik noch besser kennenlernen könnt. Dieser junge Mann macht allen Mit-Betroffenen Mut. Er hat meinen höchsten Respekt!

https://rummelschubser.wordpress.com/

Was macht man mit einem Leben, das plötzlich aus den Fugen gerät?

Das Leben leben und nicht einfach nur dabeistehen, während es an einem vorüberzieht.

„Sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen bedeutet auch immer, sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen und nach dessen Sinn zu fragen.“ Was war bisher, was soll in Zukunft sein? Wenn das Leben Revue passiert, fallen häufig auch die Unzulänglichkeiten in den Blick. Verpasste Chancen werden herausgefiltert, gute Vorsätze gefasst. Sich nicht mehr so viel über Kleinigkeiten ärgern, ab sofort achtsamer sein, optimistischer.“

Anja Mehnert, Psychoonkologin 

Anmerkung:

Wenn Ihr diesem Beitrag ein „Gefällt mir“ gebt, gebt Ihr es Erik und seinem Mut, seinem Lebenswillen, der Hoffnung und der Liebe.

DANKE

Zimmer Einhunderteins


Leseprobe zu „Zimmer Einhunderteins“ (um die lustige Szene nicht zu versäumen, bitte bis zum Ende lesen)

Sie saß am Ende des Raumes, als er leise die Tür zum Zimmer Einhunderteins öffnete. Regungslos sah sie aus dem Fenster hinaus. Er folgte ihrem Blick. Draußen stand eine Eiche mit ausladender Krone.

Die Krankenschwester von Station 2b hatte ihn vorgewarnt. Sie würde sich kaum noch bewegen. Gesprochen hätte sie seit der Einlieferung kein einziges Wort. Man hatte sie von der Neurologie in die Psychiatrie verlegt, als man feststellte, dass sie körperlich gesund sei.

Die freundliche Schwester mittleren Alters erklärte ihm, seine Mutter sei vor einem Kaufpark zusammengebrochen. Sie habe bewegungslos mitten auf dem Parkplatz gesessen, keine Fragen beantwortet und habe mit einem Tunnelblick erstarrt auf den Steinen gesessen.

Verlegen sah die Krankenschwester zu Boden, tätschelte seinen Arm und verschwand eilig im Schwesternzimmer.

Franz wollte diesen Beschreibungen nicht folgen und verdrängte die Bilder, die sich in seinem Kopf zu manifestieren suchten.

Das lange, schwarze Haar der Mutter fiel über die Rückenlehne des Rollstuhles. Warum saß sie in einem Rollstuhl? Vorsichtig schloss Franz die Tür und bemerkte, dass er den Atem anhielt. Bevor er weiter in das Zimmer trat, stieß er die angestaute Luft hörbar aus. Die unheimliche Stille im Raum brach für einen kurzen Augenblick.

Mit weit aufgerissenen Augen, als hätte er Angst, sie geweckt zu haben, sah er zu ihr. Sie regte sich nicht.

Zögerlich blickte er sich im Zimmer um. Es war sehr schlicht eingerichtet. Außer dem Bett, einem beigefarbenen Nachtschrank und Esstisch mit zwei Stühlen stand nichts in diesem kleinen Zimmer. An den weißen Wänden des Zimmers hingen Bilder, welche in bunten Farben gemalt waren. Sie deuteten als einziges Zeichen in dieser eintönigen Umgebung auf Lebendigkeit. Sie erinnerten Franz an die bewundernswerten Bilder der Mutter.

Sie malte auf Leinwand, als sich das Leben noch vollkommen anfühlte.

Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort hätte er sich an deren Anblick erfreut.

Er hob einen Stuhl, der an dem kleinen runden Tisch stand und trug ihn neben ihren Rollstuhl. Immer noch achtete er auf jede seiner Bewegungen, um keine Geräusche zu verursachen. Es wäre fehl am Platz, diese lautlose Atmosphäre zu stören. Er fühlte sich gerade wie ein Eindringling in eine Welt der bedrückenden Starre. Als er neben ihr saß, sah er in ihr Gesicht.

Mutter war noch immer wunderschön. Ihr Gesicht erinnerte ihn an das der Puppe, die er seiner kleinen Tochter zum letzten Geburtstag schenkte. Sie wünschte sich unbedingt eine dunkelhaarige Puppe. “Sie soll solche Haare haben wie die Oma Birgit”, erklärte sie ihren Eltern in einem Ton, der offensichtlich jeglichen Widerspruch im Vorfeld unterbinden sollte.

Die unverkennbaren, mandelförmigen Augen in dem Braun der Haselnuss, die außergewöhnliche Tiefe in ihrem Blick oder später die leichten Züge der Bitterkeit in den Mundwinkeln, die oft in ihrem Lächeln verhüllt waren.

Ihr Gesicht war für ihn wie ein offenes Buch. Jede ihrer Stimmungen konnte Franz in ihm ablesen.

(…)

Karsten verstarb vor zehn Tagen, ohne Vorwarnung. Karsten war ihre große Liebe; damals, als sie Ende vierzig war, als sich das Leben für ihn und seine Mutter vollkommen anfühlte.

Bis Karsten in ihr Leben trat, fühlte sich seine Mutter innerlich wie eine Randfigur im eigenen Leben. Doch das hätte sie niemals gezeigt. Es gab noch so viel Feuer in ihr. Sie malte, war albern, ernst, nachdenklich und auch etwas verrückt. In ihr lebte eine eigene Dynamik, die für Franz nicht berechenbar war.

Nachdem sie mit Karsten aus ihrer Heimat weggezogen waren, setzte sich Mutter eines Abends an Franz’ Bett. Erst unterhielten sie sich über eine Klassenarbeit in Englisch. Plötzlich begann sie zu lachen. Franz sah sie erstaunt an und hob die Augenbrauen verschmitzt. Solche unerwarteten Reaktionen waren ihm bei Mutter nicht unbekannt. Sie erklärte von selbst:

Als junges Mädchen glaubte ich schon, ich sei auf einem Flugplatz der Verlierer gelandet und würde diesen nie verlassen. Ich denke, ich bin nun doch in ein Flugzeug gestiegen, um diesem Ort den Rücken zu kehren. Ist das nicht ein komisches Bild?”

Franz überlegte kurz, lächelte und sagte: “Manchmal bist du wirklich komisch, Mama.” Seine Mutter lachte und kitzelte ihn durch. Auch das gehörte zu ihren gemeinsamen Albernheiten, ihren Ritualen.

Mutter war ein Dickkopf. Oh ja, sie konnte so eigensinnig sein. Ungefähr drei Mal im Jahr wurde sie Franz gegenüber sehr laut. Wenn sie ihn schimpfte, stand er mucksmäuschenstill vor ihr und rührte sich nicht. Er ging dann in sein Zimmer und verhielt sich ruhig. Irgendwann hörte er seine Mutter im Haus friedlich summen oder Selbstgespräche führen.

Danach war alles wieder gut.

Da war sie wieder seine Mutter, die mit Scherzen ihren Alltag bestand und nie aufhörte, für ihn neue Koseworte zu erfinden, ihm am Abend die Handinnenfläche zu steicheln, ihn für gute Zensuren zu loben und ihm zu sagen, wie stolz sie auf ihn war.

Im Zimmer Einhundertundeins war die Stille genau das, was Franz in diesen Minuten brauchte. Abgespannt strich er über das Haar der Mutter. Auf diesem Rollstuhl sah sie aus wie eine Statue. In regelmäßigen Abständen bewegten sich die Lider. Die Pupillen ihrer Augen blieben ausdruckslos. Die Augen der Mutter blickten in die Finsternis.

Irgendwie wirkte Mutter jetzt sogar erhaben.

‚Eine residierende Prinzessin‘, dachte Franz. Ja, so sah sie gerade aus: wie eine Prinzessin auf dem Thron. Nur die Krone fehlte.

Franz entsann sich an seine Aktentasche, die neben ihm stand, entnahm ihr einen Block und Stift und begann, mit großen Buchstaben Mama darauf zu schreiben. Er hielt es ihr vor das Gesicht. „Sieh, Mama. Mama, Mama, Mama …, da steht es: Mama.“ Er bewegte das Blatt Papier hin und her. Sie blieb immer noch unbeweglich.

Verzweifelt riss er das Blatt ab, knüllte es zusammen und warf es verzweifelt in den Raum.

(…)

Franz atmete nur mühevoll tief durch und öffnete das Fenster. Aus der Ferne vernahm er das sanfte Spiel einer Geige.

Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort hätte er sich an den berauschenden Klängen erfreut.

Die Musik kam ihm bekannt vor. Er erinnerte sich an den Talentewettbewerb an der Schule. Eine seiner Schülerinnen erspielte sich den ersten Platz.

Franz stand auf, ging in das Badezimmer und sah sich erstaunt um. Nichts in diesem kleinen Raum deutete darauf hin, dass sich seine eitle Mutter darin bewegt hätte.

In Karstens Haus war das ihr Raum. Dort zelebrierte sie mit Akribie ihre Schönheitspflege. Dabei waren Make-up, Lippenstifte und Nagellacks kaum zu sehen. Sie mochte es nicht, sich mit Kosmetik das Gesicht „zuzukleistern“, wie sie es bezeichnete. „Das machen nur Frauen, die nicht zu sich stehen und sich maskieren wollen“, erklärte sie ihm überzeugt.

Karsten lachte über die Präzision, mit welcher sie ihre Haare und Haut pflegte und verwöhnte. Einmal fragte er neckend, ob die Möglichkeit bestehen würde, dass auch er einen Teil der Badschränke mit seinen Utensilien beanspruchen könne. Mutter sah ihn ganz schuldbewusst an und bot sofort an, ihre Cremes, Lotionen und Haarpflegemittel an eine andere Stelle zu räumen. Das sorgte unter “den Männern” für einen gehörigen Lachanfall. Dabei wussten sie, dass Mutter ein Mensch war, der stets glaubte, anderen Menschen zur Last zu fallen, indem sie einfach ein wenig Raum einnahm – inneren wie äußeren.

Franz wurde fündig. Den breitzinkigen Plastekamm wenigstens erkannte er als ein eindeutiges Indiz, dass sich seine Mutter hier aufhalten musste. Er nahm den Kamm an sich, verließ das Badezimmer und setzte sich wieder auf den Stuhl neben ihr. Ihre rechte Hand umfasste er mit seinen Händen und sah sie wieder an. Dann sagte er leise, aber deutlich: “Mama, ich möchte so gern dein Haar kämmen. Das habe ich noch nie getan. Ist es dir recht?”

Einen kurzen Augenblick glaubte er, sie hätte kaum merklich ihren Kopf bewegt. Oder bildete er sich das nur ein? Franz streichelte sanft über ihre Wange und beobachtete dabei ihr fein geschnittenes Gesicht. In dem Moment der Berührung schloss sie kurz ihre Augen. Verdutzt hielt Franz inne und bewegte sich nicht mehr, um keine Regung des Lebens in diesem Zimmer zu versäumen. Hoffnungsvoll sprach er gedämpft: “Mama, bitte sag etwas. Ich mache mir solche Sorgen um dich.”

Ihm war, als würde ein gewaltiger Sturm die letzten und einzigen 12 erfüllten Jahre seiner Mutter hinwegfegen.

Seine Mutter schwieg. Der Stillstand setzte sich erbarmungslos fort. In seiner Brust hämmerte es. Kurz schob er seine linke Hand in die Hosentasche und krallte sich mit den Nägeln in das Innenfutter. In der anderen Hand hielt er noch den dunkelbraunen Kamm. Franz ballte die linke Hand zur Faust. Er war kein Mensch, der zu aggressiven Gefühlen neigte. Nun aber spürte er Zorn in sich aufsteigen, den aufkeimenden Wunsch, irgendetwas zu zerschlagen. Er spannte den Unterkiefer an, biss die Zähne aufeinander, schob das Kinn vor und versuchte, diese Anspannung loszulassen.

Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort, hätte er jetzt etwas entzwei geschlagen.

(…)

Ihr Lieblingszitat war ein Zitat aus “Der kleine Prinz”. Der Fuchs sagte zum kleinen Prinzen: “Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.” Wieder und wieder las sie ihm aus diesem Buch vor und jedes Mal weinte sie.

Öffne deine Seele für das Wesentliche. Lenke dich nicht den ganzen Tag mit Aktivitäten ab, sondern nimm dir Zeit zum Fühlen. In der Wahrnehmung liegt unsere ganze Gabe. Nur nutzen wir sie viel zu wenig. Aus ihr heraus erkennst, lernst und handelst du.“ Franz verstand damals nicht alles, was sie ihm sagte.

Die Krankenschwester sprach weiter. “Sie lief auf den Mann zu und umarmte ihn weinend. Der Mann stieß sie weg und sagte: ‘Laufen denn hier nur Verrückte herum?! Fassen sie mich nicht an!’ Daraufhin brach ihre Mutter vor den Augen dieses Mannes zusammen. Der lief einfach weiter, unglaublich ist das. Ein älteres Ehepaar kümmerte sich um ihre Mutter. Die Frau erzählte es der Rettungssanitäterin und zitterte dabei. Der Körper ihrer Mutter war mit kalten Schweißperlen regelrecht übersät. Man nennt das Schockzustand.”

Da war sie, die Wahrheit, diese gnadenlose. Seine Augen brannten. Seine Arme hingen schlaff an ihm herab. Er fühlte sich, als ob er hinter einer großen Glasscheibe stünde und nur zusehen können, hilflos, verzweifelt, wehmütig. Es gab keine Tür in dieser Glaswand, um Mutter auf seine Seite zu ziehen. Sie ließ sich nicht einschlagen. Er hatte keine Chance, zu seiner Mutter zu gelangen.

Nur mit großer Mühe unterdrückte er den Impuls zu weinen.

Die Krankenschwester beugte sich ein wenig vor und legte ihm besänftigend die Hand auf den Unterarm.

“Die Ärzte versuchen, sie zurückzuholen. Ich bete für ihre Mutter.” Die Frau sah ihn mit wässrigen Augen an und ihr Mund zitterte.

Franz fror. Er schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Und doch fühlte er sich ein wenig, als hätte er eine Erleuchtung. Das Puzzle setzte sich zusammen. Karsten war groß und trug graumeliertes Haar. Er hatte eine sportliche Figur und besaß auch ein blaugelbkariertes Hemd. Vielleicht war es sogar das gleiche.

Mutter hatte es Karsten vor einigen Monaten regelrecht aufgedrängt. Er würde mehr Farbe vertragen können, meinte sie.

Karsten jedoch trug am Liebsten gedeckte Farben, hatte es gern schlicht. Nur ihr zuliebe trug er es, flüsterte er Franz damals zu und zwinkerte. “Manchmal muss man Prinzessinnen Opfer bringen.”, flunkerte er. “Da ich keine Drachen töten kann, ist das doch eine erträgliche Alternative, nicht wahr?” Karsten war so ein Spaßvogel.

Vor wenigen Monaten noch wischte sich Franz nach dem Lachen die Tränen aus den Augen.

Franz spürte einen heftigen Druck in seinem Brustkorb. “Danke” flüsterte er und bat die Frau, ihn allein zu lassen. Wie lange er dort saß, wusste er später nicht mehr. Immer wieder sah er diese Szene vor sich, wie einen nicht enden wollenden Film. Nur im Hintergrund nahm er das Ticken der Uhr über sich wahr. Zeit spielte für ihn jetzt keine Rolle.

zimmer_101_1

Buchcover: Khalid Aouga – Künstler aus Düsseldorf

(…)

Eine Hand klopfte grob auf seine Schulter und Franz erschrak. Ein Mann, ungefähr Mitte 50, stand vor ihm und grinste ihn an.

Mit einer viel zu hohen, unwirklich klingenden Stimme plärrte er: “Rosa Luxemburg war toll. Die konnte Lenin in die Tasche stecken. Karl, der liebe Knecht war auch nicht schlecht.”

Der Mann lachte viel zu laut und entblösste dabei schrecklich gelbe Zähne. Er stellte sich dicht neben Franz, der krampfhaft versuchte, seinen Körper auf dem Stuhl nach rechts zu rücken. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase, in seinem Magen breitete sich ein mulmiges Gefühl aus. Franz drehte sich angewidert weg. “Kennen sie die Rosa?”, tönte der Mann, kratzte sich ungeniert auffällig am Schritt und lachte. “Die war sogar sexy, finde ich, die Rosa. Ha, ha, ja, sexy war sie. Finden sie nicht?” Der Mann fuhr sich mit beiden Händen hektisch durch das ungekämmte, halblange Haar. Franz sah ihn entgeistert an. Ihm wurde plötzlich bewusst, wo er sich befand.

Die Krankenschwester kam angelaufen. “Herr Beier, jetzt lassen sie den Herrn in Ruhe.” Der Mann lachte wieder und zeigte mit dem Finger auf Franz. “Der kennt die Rosa nicht. Der ist zu jung, der Schnösel. Die sind alle zur falschen Zeit geboren.”, zischte der Mann der Schwester zu und Spucke lief ihm aus den Mundwinkeln. Franz entdeckte jetzt einen großen Fleck im Hosenschritt des Mannes. “Sie gehen sich jetzt die Hosen wechseln und duschen!”, befahl die kleine, zierliche Krankenschwester resolut, packte ihn am Arm und zog ihn von Franz weg. Dabei lächelte sie Franz schuldbewusst an.

Der Mann ließ sich von ihr den Gang entlang ziehen. Drei Zimmer vor dem seiner Mutter verschwanden sie. Es war ein eigenartiges Bild: die zirka ein Meter sechzig kleine, zarte Frau, die einen ungefähr ein Meter neunzig großen Koloss hinter sich herzog, der wie ein bockiges Kind mit Schmollmund hinter ihr her watschelte.

Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort, hätte Franz über diese groteske Szene gelacht.

Die gesamte Erzählung werde ich nächstes Jahr in meinem Buch „Zimmer Einhunderteins“ veröffentlichen. Das Buch wird Geschichten beinhalten wie:

„Die Geschichte der Frau H.“

„Das kleine Paket“

„Im Land der Vergessenden“

„Als Julian nicht mehr nach Hause kam“.

 

Ich wünsche meinen Lesern und Freunden einen schönen Sonntag und morgen einen guten Start in die neue Woche.

Eure Sylvia Kling

Philosophische Poesie – SCHULD


I. Philosophische (Poesie)
SCHULD

Schuld
ist die Eskalation entstandener Fehler.
Warum ist sie dann noch
Schuld?
Wenn der Mensch doch aus Fehlern
besteht, lernt, durch sie wächst.
In Hoffnung auf Gnade.
Abhängig von der Vergebung.
Das Schicksal ist machtlos.
Selbst die Klügsten sind dumm,
können sie nicht verzeihen.
Ich bin nicht klug.

 

II. (Philosophische) Poesie
SCHULD

Ich schreibe über die Essenz des Lebens,

über die ZwischenTöne,

über Sanftmut und Menschlichkeit,

die Wunder der Natur,

die (Un)Überschaubarkeit,

(Un)Erreichbarkeit,

LebensIrrtümer,

die Liebe, diese (un)ergründliche, (un)erreichbare,

am Leben haltende.

Ich weiß das Wort. Es ist meine Höhle.

Ich kann IHR nicht vergeben. Meine Sprache bleibt stumm.

In meiner Höhle duftet es nach Flieder, nach süßem Leben.

 

Bei dieser Lesung ertönt kein Beifall.

Betretenes Schweigen löscht das letzte Licht.

ZeitTropfen fallen still.

Die Jahre lichten sich.

Der Fährmann begibt sich auf den Weg.

Er singt ein Lied, melancholisch und doch gottgleich.

Vorhang auf! Seine Vorstellung beginnt.

IHRE Kulisse verfällt.

Vergebungslos.

Manchmal erbarmt sich die Schuld.

(Ich stehe auf der Brücke und

winke IHR ein letztes Mal,

ehe sie wie ein einsamer Schwan

den Lebensfluss verlässt.)

 

©Sylvia Kling

 

 

Uwe Richter, g. U.

Uwe Richter, g. U.

Zum Foto:

Uwe schickte mir schon vor längerer Zeit diese Fotografie und ich wusste genau: Diese werde ich für einen ganz bestimmten Text verwenden.

Schaut doch mal auf Uwes Blog: http://uwerichtersfotoblog.wordpress.com/

 

Zu diesem heutigen Beitrag entfernte ich die Möglichkeit eines Kommentares im offiziellen Bereich.

Wer Anmerkungen oder das Bedürfnis hat, mir seine Gedanken dazu mitzuteilen, der nutze bitte die Möglichkeit einer persönlichen Mail an die veröffentlichte E-Mail-Adresse.

Vielen Dank!

Eure Sylvia Kling

EndSommerBrief


Aus „HerbstKlänge“ – Die Geschichte der ZeitLosen

Lieber H.,

Wie oft lächelst du,wenn du meine Nachrichten liest? Wie oft schimpfst du über mich? Wie oft warte ich ungeduldig auf deine Zeilen?

Ich sitze auf einer alten Holzbank an der Elbe und atme die langsam kühler werdende Luft gierig ein. Immer wieder denke ich über dich nach. Du bist ein Mysterium für mich. Du bist ein Grobian. Deine Ehrlichkeit ist mir oft zu nah.

Irgendwann bemerke ich, wie sich mein Körper im Rhythmus meiner Gedanken schaukelt, beinahe wie ein Blatt im Wind.

Deine Gefühle lese ich zwischen den Zeilen. Eines Tages habe ich begonnen, in dir zu lauschen. Ich weiß, du bist ja ein “ganzer Mann” und für solche Gefühlsduseleien nicht zu begeistern. Du schreibst nichts, was du nicht auch wirklich meinst. Da ist mir deine Ehrlichkeit nah genug.

Du nennst mich eine Nervensäge. Ich nenne dich einen alten Kauz.
Die Bank unter mir bewegt sich. Ich bin wütend auf dich. Zornig, wenn ich daran denke, wie du mich heute wieder kritisiertest. Ich will einen Mann, keinen Vater. Schliesslich hast du auch Ansprüche, die meine Stirn schon mehr als einmal in grobe Furchen gezogen haben.

Auf meinen Lippen wird es salzig. Ich fühle mich, als ob ich den Kerker zu deinem Herzen zu öffnen versuche. Du willst es und doch nicht. Kennen wir uns schon zu lange? Du willst mich nicht verletzen, hast du geschrieben.
Du bist mir so vertraut. Dann wärmst du mich von innen. Und oft bist du mir auch fremd. Dann suche ich nach einer wärmenden Decke, die mich einhüllt, mich in meinen Gefühlsepisoden beschützend.

Der Himmel färbt sich im sanftblau ein, das müde Sonnenlicht scheint sich einzumischen. Ich lehne mich zurück und atme wieder ruhig.

Ich habe dich mit vielen Sinnen erfasst. Doch ein Rätsel bleibst du mir, mit deinen sturen Betrachtungen. Du gibst mir wenig Raum, so zu sein und bleiben zu können wie ich bin. Ich bin die ewig Grübelnde, alles Zermalmende, Festhaltende, die mit dem schmerzenden Stachel, die Mimose,Tröstende, Liebende. Ich bleibe, verdammt noch mal, wie ich bin, du Brüllender, Tobender, Sehnsüchtiger, Ehrlicher, Kauziger!

Die Bank unter mir ist schon längst zum Stehen gekommen. In der Elbe badet die Sonne wie eine schöne Frau mit rotgoldenem Haar.

Die Jugend geht zur Neige, hast du geschrieben. Nein, mein kritischer Geliebter. Unsere Jugend söhnt sich nur mit der Zeit aus.
Deine Seele sei mit dem Tod deiner Frau von dieser Erde gegangen. Nicht ganz, mein Lieber. Vielleicht ist dein Herz auch nur ergraut?

Wenn es so sei, will ich dich auch wie du bist. Ich mag den Gedanken, mit dir im Schein der Laternen über die alten Zeiten zu jubeln und zu klagen.

Kalt ist es inzwischen geworden.
Ich glaube, unsere Herbstzeit hat längst begonnen. Wusstest du, dass ich den Herbst wie ein Kind in seiner Wiege besinge?
Vielleicht ist Dir danach, in diese Zeitenklänge einzustimmen.

Deine „Mimose“

 

©Sylvia Kling

Straßenfotografien, g. U.

Straßenfotografien, g. U.

Gleich nach der Publizierung dieser Fotografie durch Lennart wusste ich, welche Geschichte ich damit verbinde.  Schaut doch mal auf den Blog des Fotografen und Ihr werdet mir zustimmen, wie wertvoll die LebensMomente sind.
DANKE, Lennart!

https://strassenfotografien.wordpress.com

Die Frau von Gegenüber oder Jeden Tag


Meine Weihnachtsgeschichte für Euch:

"Die Frau von Gegenüber oder Jeden Tag" - ©Sylvia Kling
Zum Hören folgt mir bitte hier entlang:

http://www.sylvia-kling.de/download/die_frau_von_gegenueber_2.ogg

 

Hier befindet sich die Geschichte für die Lesefreudigen:

http://www.sylvia-kling.de/download/die_frau_von_gegenueber_1.pdf

 

Uwe Richter - siehe Link unten

Uwe Richter – siehe Link unten


Zum Foto: Uwe Richter – Fotograf Hier geht es zu Uwes Blog: https://uwerichtersfotoblog.wordpress.com/ Heute möchte ich ergänzen, dass dieses Model mein persönlicher Favorit ist. Diese Frau besticht mit Natürlichkeit, mit einer zauberhaften Mischung von Reife, Melancholie und Wärme. Ich möchte heute Uwe besonders danken, dass er mir diese, auch für ihn bedeutenden Fotografien, zur Verfügung stellt.


Ich wünsche allen Freunden und Lesern ein besinnliches Weihnachtsfest.

Eure Sylvia Kling

Ich erinnere mich – N(OST)algische Fragmente


Leute, das waren Zeiten!

Wir brauchten ein Visum, um nach Ungarn zu fahren.

„Warum fahren sie, zu wem fahren sie, wie lange fahren sie, wo werden sie sich aufhalten?“ Solche und ähnliche nervtötende Fragen mussten wir jedes Jahr beantworten. Nach einigen Jahren wussten sie dann endlich Bescheid. Trotzdem stellten sie immer dieselben Fragen. Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich meine Freundin Birgit mit nach Ungarn nehmen. War das ein Prozedere! Mein Vater erschien dann auf dem Amt und regelte die Dinge auf seine Art. Damals wusste ich noch nicht so recht, welche Art genau das war. Heute ist mir das natürlich klar.

Überall liegen heute Bananen herum. Eigentlich kann ich sie kaum noch ersehen, ich kaufe sie auch äußerst selten. Damals stellte ich mich stundenlang an, um für jeden eine Banane zu ergattern. Meine Ausbeute waren manches Mal tatsächlich sechs Bananen, auf die wir uns regelrecht stürzten. Den ersten Bissen machten wir wie Menschen, die am Verhungern sind. Die weiteren aßen wir genüßlich, ganz langsam. Heute wundere ich mich darüber, dass die Dinger beim Essen nicht braun geworden sind.

Und dann dieses FDJ-Hemd, das ich als Jugendliche tragen musste. Ich erinnere mich daran, wie viele Schüler/innen meiner Klasse die Hemden „gerade in die Wäsche gegeben hatten“ – nur, damit sie sie nicht tragen mussten. Irgendwann kam es der damals jungen Klassenleiterin „spanisch“ vor. Beim nächsten Elternabend wurde darauf hingewiesen, dass die Mütter sich doch beim Wäschewaschen etwas beeilen sollten, damit die FDJ-Hemden bereit liegen. „Seid bereit, immer bereit“ galt auch für diese blauen Hemden.

Es stellte sich heraus, dass die Mütter hervorragende Hausfrauen waren. Die Hemden lagen schon längst gewaschen und gebügelt im Schrank der Schüler/innen. Das gab Ärger zu Hause!

Am Intensivsten ist die Erinnerung an die Flucht aus unserer Neubauwohnung, als mein Vater einen Anruf seiner Schwester bekam. Die Augsburger Verwandtschaft halte sich gerade in Dresden auf und möchte uns besuchen.

Um Himmels Willen, das wäre ein Dilemma für meinen Vater und unsere Familie gewesen. Der war in seiner gehobenen Position bei der Deutschen Reichsbahn einer  „GVS-Verpflichtung“ unterlegen. Das hieß: Jeglicher Kontakt zum westlichen Ausland war strikt unterbunden und sollte ein solcher stattgefunden haben, war dieser umgehend zu melden.“ Selbst, wenn mein Vater oder ein Familienmitglied einem Kapitalisten die Hand gegeben hätte, so war dies meldepflichtig. Die Schwester meiner Mutter lebte sei 1959 in Amerika/Kalifornien und sie durfte sie seit 30 Jahren nicht mehr sehen, lesen oder hören. Meine Mutter fluchte und weinte oft.

Jeder, der in der DDR gelebt hat und von der Arbeitsweise der STASI Bescheid wusste, damit in Berührung kam, weiß, was hier vonstatten ging.

Mein Vater hatte jedenfalls nicht die geringste Lust auf eine „Meldung“. Er rief uns Kinder und meine Mutter zusammen und sagte nur noch: „Anziehen! Wir fahren weg.“ Ich protestierte, meine Schwester auch. Die hatte sich mit ihren Freunden verabredet. Doch mein Vater ließ keine Widersprüche zu und forderte uns zur Eile auf. Es ging dann recht schnell. Innerhalb von zehn Minuten saßen wir in unserem Trabant, den wir nach 13 Jahren Wartezeit endlich unser Eigen nennen konnten und brausten davon – sofern man in diesem Fall von einem „Davonbrausen“ sprechen konnte. Unser „Flüchtlingskoffer“ fuhr also aufs Land zu einem überraschenden Besuch bei meiner Lieblingstante.

Leute, das waren vielleicht noch Zeiten! Da machte die Aufregung noch Spaß!

Meine Mutter fand das alles gar nicht lustig und hätte gut und gerne auf diese Form der Aufregung verzichten können. Sie hasste die Kommunisten genauso wie die Kirche. „Diese ständige Kontrolle der Roten macht mich noch wahnsinnig!“, schimpfte sie ohne Unterlass.

Einmal, ich war in der 8. Klasse, kehrte ich nach den Sommerferien in die Klasse zurück und Michael B. fehlte. Die Mitschüler/innen flüsterten, eine geheimnisumwitterte Stimmung machte sich in der Klasse breit. „Die sind im Westen!“, hörte ich dauernd und aus jeder Ecke. „Wie das denn?“, fragte ich. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Eduard von Schnitzler erzählte doch immer so überzeugend, wie schlecht, bedauernswert und sogar gefährlich der Kapitalismus sei. Wie nur konnte man in solch eine Hölle gehen wollen und das freiwillig?

Die Klassenleiterin kam nicht umhin, sich den Fragen der Klasse zu stellen. „Die Familie B. versuchte, illegal in die BRD zu flüchten. Sie wurde gefasst und die Eltern von Michael befinden sich nun im Gefängnis. Michael lebt deshalb jetzt bei seinen Großeltern und besucht vorerst eine andere Schule.“

Ich war schon immer sehr sensibel und fand das traurig. Die ganze Wahrheit erfuhren wir dann von Michaels Bruder Tom. Die Familie hat einiges in Kauf genommen. Der Vater wurde bei der Flucht angeschossen und befand sich im Gefängniskrankenhaus. Die Mutter erlitt einen Schock, ebenso die Kinder. Michael war gerade auf Grund dieser Erlebnisse krank und dies dauerte einige Wochen. Der Ausreiseantrag, der ja ohnehin schon länger vor dem „versuchten, unerlaubten Grenzübertritt“ durch die Familie B. gestellt wurde, ist zwei Jahre später bewilligt worden. Ich sah Michael B. nie wieder.

Als ich einige Jahre später einen polnischen Staatsbürger heiraten wollte, war sprichwörtlich „Polen offen“.

Die STASI klopfte bei meinem Vater an die Reichsbahntür und stellte bohrende Fragen. Mein Vater war die Ruhe in Person. „Nein, meine Tochter möchte nicht ausreisen. Meine Tochter ist vom Sozialismus überzeugt, so habe ich sie erzogen. Nein, meine Tochter hat kein Interesse am Kontakt mit dem kapitalistischen Ausland. Der zukünftige Mann meiner Tochter ist zwar Pole, aber durchaus vertrauenswürdig ….“

Naja, so vertrauenswürdig war er dann doch nicht. Ich war mit 20 Jahren bereits von ihm geschieden. Aber nichtsdestotrotz – war das eine latent rote Sauerei!

Meine Ausbildung machte ich bei der Justiz. In dieser Zeit lernte ich viel über das „System“. Es gab sehr viele, sogenannte „MfS-Verfahren“. Diese wurden durch Richter durchgeführt, die gerade ihr zweites Staatsexamen absolvierten. „Zu meiner Zeit“ war das ein junger Richter, der gerade mal 29 Jahre alt war.

Kein Richter durfte sich dagegen sträuben, sonst drohte ihm die Entlassung.

„Draußen“ durfte ich nicht erzählen, wie häufig DDR-Bürger versuchten, „unerlaubt“ die Grenze zu übertreten und welche Mittel dabei angewandt wurden, um ihr Ziel zu erreichen, welche Strafen sie erhielten und wie die Verfahren abliefen. Ich war Gott sei Dank nicht dabei, doch die „Justizprotokollantin“ Katrin, die für diese Verfahren ausgewählt wurde, ließ einiges durchblicken. Die Katrin W. durfte nach der Wiedervereinigung in keiner Behörde arbeiten. Der Richter wurde 1991 vom damaligen Justizminister entlassen. Als er aus dem Urlaub kam, heftete ein Zettel an seiner Tür: „Melden sie sich umgehend beim Justizministerium“. Zwei Stunden später war der Vater einer einjährigen Tochter arbeitslos. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt in Dresden.

Ich wusste nicht, ob die Rechtsprechung wirklich im Recht war. Die sozialistische Erziehung, die mir von klein auf die rote Farbe überstülpte, prägte mich einerseits, doch mein Gerechtigkeitsempfinden prägte sich ebenfalls mit jedem Jahr und Zweifel wurden genährt. Ich hatte auf dem Gerichtsgang einen Mann gesehen, der mit Handschellen vorgeführt wurde. Mir wurden die „Flüchtenden“ als die personifizierten „Teufel“ beschrieben, diese „Systemgegner“, diese „Landesverräter“. Dieser Mann sah aber ganz normal aus, wie einer meiner Nachbarn.

Ja, irgendwann sind die Ostdeutschen geflüchtet, in Massen. Sie haben vor Freude geweint, sie haben um ihre Freiheit gekämpft.

Heute kommen andere Flüchtende nach Ostdeutschland. Die sind nicht gern gesehen, obwohl sie auch weinen und um ein kleines bisschen Freiheit kämpfen.

Vielleicht wollen sie an unseren hart erkämpften Wohlstand? Nicht, dass wir uns wieder stundenlang nach Bananen anstellen müssen, weil die Fremden die Bananen aufkaufen? Das wäre ja …, undenkbar, ja!

Das Vergessen ist doch ein Dilettant ….

Nach Ungarn können wir heute auch jederzeit reisen. Aber wer will das noch?

Ja, ja, das waren noch Zeiten! Ich könnte weitere OstGeschichten erzählen, doch ich muss leider an der „Geschichte der Frau H.“ weiterarbeiten.

Nur eines noch: Fragt mich jemand, was ich vermisse aus den alten Zeiten? Einige von euch werden sich sicher noch an mein Gedicht  „OstKind(er)“  erinnern – es ist jetzt in meinem Lyrikband enthalten.

ICH vermisse den Zusammenhalt, das freundliche Wort des Nachbarn, die alten Werte. Aber die vermissen sicher auch so manche Deutsche aus den alten Bundesländern, nicht wahr? Die Zeit hat sich verändert, so oder so!

Immerhin hatte ich eine Nachbarin, die im Buchhandel arbeitete und mich als Kind und Jugendliche mit „Bückware“ versorgte, sonst wäre ich nicht in den Genuss gekommen, mich literarisch unsozialistisch zu bilden.

Mein Nachzügler, der ja erst 2003 – da war ich im stolzen Alter von 36 Jahren – geboren wurde, fragte mich kürzlich: „Was war die DDR?“ Wie erkläre ich es meinem Kind? Gut, ich versuchte es kindgerecht: „Das war ein kleines Land, aus dem wir nicht hinaus durften. Es war eine Mauer da, die DDR war wie ein Gefängnis.“ Der Kleine sagte daraufhin entsetzt mit kindlicher Logik: „WAS, Mama? Du bist in einem Gefängnis aufgewachsen?“

„Ja, so ungefähr. Ich bin sozusagen vorbestraft ….“

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wunderschönen 3. Oktober und spreche den ehemaligen DDR-lern an diesem Tag Mut zu, kleine Reminiszenzen durchaus zuzulassen.

image

Das war mein Jugendweihe-Buch. Wir hielten es alle in den Händen. Dann verschwand es in der „Versenkung“.

 

Eure Sylvia Kling

image

DAS waren noch Zeiten! Da wurden wir bei dem wöchentlichen Schulappell aufgerufen und erhielten, wenn wir Glück hatten, solche Urkunden.

image

Na, für so manchen Schüler wäre eine solche Urkunde heute eine wahre Motivation.

Im Übrigen erscheint die hier Unterzeichnende  „B. Boxberger“ (links) in meiner Danksagung des Lyrikbandes. Sie war meine Deutschlehrerin und förderte mich. Ohne dieser Frau hätte ich nie den Mut gehabt, den begonnenen Weg weiterzugehen. Irgendwann bog ich in die falsche Richtung ab. Doch in den letzten Jahren kehrte ich um – immer mit den Gedanken an Frau Boxberger. Es gibt Menschen, die vergißt man nie. Sie war der „Engel meiner Kindheit“.

 

image

Das „künstlerische Wort“ – gibt es das heute noch?
image

Seid bereit!

Immer bereit!

Ich habe in meinem „DDR-Hefter“ ungefähr 30 solcher Urkunden, die zu den wöchentlichen Schulappellen überreicht worden sind.

Ja, das waren eben Zeiten ….

Einfach so (Ein Brief mit Risiko)


Liebe (r) „Wolkenruf“,

warum ist es schrecklich, wenn ich Deinen realen Namen wissen möchte?
Ein Name schafft eine gewisse “Identität” – gerade im Zeitalter von Internet, dieser manchmal gemochten, oft auch verhassten Transparenz. Doch da ist noch diese seltsame Anonymität.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn ich mich mit einem Menschen über Gedanken austausche und seinen Namen nicht einmal weiß.
Merkwürdig, als ob der Name etwas daran ändern würde, dass man einem fremden Menschen in seine tiefsten Empfindungen Einblick gewährt.

So viel kann passieren im Leben. Ich gehe aus dem Haus und ein Auto überfährt mich, einfach so. Oder ein Ziegelstein fällt mir auf dem Kopf, einfach so.
Fieberhaft sehnt man diesen Tag X herbei, an dem man jenem fremden Menschen endlich außerhalb der virtuellen Zone begegnet, der einem gar nicht fremd zu sein scheint. Dort, in der Wirklichkeit, wo das Leben seine Bahnen zieht.
Er kennt doch all Deine Gedanken, Deine Regungen, Deine Ängste, Deine Hoffnungen. Dann also steht er endlich vor Dir, dieser Mensch und alles ist anders.
Es ist vorbei, einfach so. Der Zauber, der sich nicht einmal Liebe nannte, nur Verbundenheit, vielleicht etwas Zuneigung; einfach eine schlichte, sanfte Vertrautheit, ist vorüber. Die Magie streift Dich nur noch einmal in Erinnerung an die Zeit des Schreibens, des Anvertrauens; beinahe wie ein warmer Windhauch. Jetzt ist sie weg, einfach so. Sie weht jetzt anderswo.

Vertrauen? Was ist das? Welchem Menschen kann man schon vertrauen, wo doch alle nur mit sich selbst beschäftigt sind? Welchen Wert hat es noch in einer Welt, in der Neid, Mißgunst oder Eifersucht das Dasein beherrschen?
Aber es gibt noch die Wenigen, an die man glauben kann. Ohne der Hoffnung schwindet das letzte kleine Licht. Ohne Risiko lässt es sich nicht leben.
Finde ich, einfach so. Ich lebe nicht in ewiger Dunkelheit. Nicht jetzt und auch nicht, wenn die Menschen nichts mehr lernen sollten.

Suche ein wenig nach dem kleinen Licht. Lass Deine Zeit nicht einfach so verstreichen.

L. 

©Sylvia Kling

Castelo S. Jorge, Lisbon, Portugal (piqs.de ID: 861b001ec26dfc7c9796b8a67f1eb27d)

Castelo S. Jorge, Lisbon, Portugal (piqs.de ID: 861b001ec26dfc7c9796b8a67f1eb27d)

Zum Foto:

Some rights reserved.

Fotograf: Pedro Ribeiro Simões

Titel: Writing

http://piqs.de/fotos/138675.html

———————————————–

(Textneubearbeitung Sept. 2015)

Kopieren oder Weiterverwendung ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet!

Leseprobe aus „Frauenwunder“ für Frauen (und Männer)


Stockfotos. g. U.

Stockfotos. g. U.

Kapitel 6
DIE FRAU IM SACK

Die letzten Tage kosteten mich enorm viel Kraft, denn ich las zwecks unvermeidlich zu schließender Bildungslücken hinsichtlich des Klimakteriums einiges an Lektüre. Diese war einerseits beruhigend (ich war nicht die einzig Leidende!), andererseits aber auch in höchstem Maße beängstigend (Hormone einnehmen? Niemals und nimmer, Punkt!).

Ich warf die Zeitungen in die Ecke und beschloss, irgendwie doch weiter leben zu wollen. Also schmiedete ich einen Plan.

Erstens: Kleiderschrank beräumen, zweitens: Sachen verschenken, drittens: Geschäfte aufsuchen für die Frau ab Größe 44.
Also los ging es. Ich probierte alles an. Vorher nahm ich eine Baldriantablette, um meine angeschlagenen Nerven zu schonen. Es dauerte zwei Stunden: Die wunderschönen Oberteile meiner früheren Lieblingsmarken stapelten sich auf dem Bett. Ich liebte all diese Sachen und hatte sie immer geschont. Ich wusch sie mit den Händen, um den Stoff nicht in der Waschmaschine zu quälen. Sie hingen in meinem Kleiderschrank abgesondert von den anderen Sachen, damit ich mich immer an ihrem Anblick erfreuen konnte. Und nun? Nun war alles vorbei. Der Schrank wurde immer leerer und gähnte mich mit regelrechter Bösartigkeit gelangweilt an.
Ich setzte mich auf die Bettkante und weinte verstört. Meine Lieblingsmarken gab es nicht mehr in dieser Größe, ich musste mich von ihnen endgültig verabschieden.
Die Sachen mussten jetzt jedenfalls weg. Ich wollte sie nicht mehr sehen, wollte nicht, dass sie mich täglich an den Verlust meiner jungendlichen Schönheit erinnern. Meine Schwägerin hatte diese Größe und nicht viel Geld. Ich beglückte sie am Ende dieses für mich furchtbaren Tages mit all diesen phantastischen Oberteilen, Röcken und Jeans. Sie freute sich ungeheuer. Normaler Weise beglückt es mich ungemein, anderen Menschen eine Freude zu machen.
Diesmal jedoch befand ich mich in der Schlucht von übermächtiger Trauer. Und immer, wenn ich meine Schwägerin sah, völlig neu eingekleidet mit meinen Sachen, trauerte ich. Manchmal konnte ich sie kaum ansehen.  (Die Frau war einfach so schön schlank!) Diese latente Erinnerung war nicht gerade aufbauend.

Am nächsten Tag suchte ich eines jener Geschäfte auf, an welchem ich immer vorbei fuhr. Vor wenigen Jahren bedauerte ich die Frauen, die dort einkaufen gehen mussten. Es hieß „Fülle in Hülle“. Schon alleine der Name verursachte mir Übelkeit. Beim Betreten des Geschäftes sah ich mich um, als würde ich augenblicklich eine Bank überfallen wollen. Eilig verschwand ich im Laden und schloß geräuschvoll die Tür.

Ich war froh, als ich sah, dass die Verkäuferin mindestens zwei Konfektionsgrößen größer trug als ich. Das half mir beträchtlich, den Mut zu finden,  um folgenden Satz herauszuquetschen:
„Ich muss mich neu einkleiden und suche etwas Modernes in meiner Größe.“

Dieser einzige Satz brachte die Verkäuferin dazu, meine Konfektionsgröße zu erraten (was diese Berufsgruppe wohl einfach zu gern machte und es mich früher stets erfreute…). „Ich schätze mal, sie brauchen höchstens die 44?“, meinte sie und lächelte mich freundlich an. Darauf war ich nicht vorbereitet. „Äh, ja, die 44 bis 46 brauche ich. Das heißt oben herum bedarf es eher die 46, bei den Hosen reicht die 44“, stammelte ich. Sie verstand mich trotzdem und lachte irgendwie gemütlich. „Na, umgedreht wäre es nicht so angenehm, nicht wahr?“ Ich war ja nicht so schnell mit dem Verstehen, vor allem wenn ich abgelenkt und angestrengt bin. „Nee, wäre es wohl nicht“, meinte ich salopp und als ich den Satz ausgesprochen hatte, verstand ich erst ihre Bemerkung (sie meinte das also sogar noch freundlich).

„Was haben sie sich denn so vorgestellt?“, fragte die Verkäuferin besonnen und sah mir direkt in die Augen. Ich bemerkte, dass sie jene mütterliche Ausstrahlung besaß, die ich an anderen Frauen mag (nur eben nicht an mir) und fasste etwas mehr Vertrauen zu ihr.
„Nun ja, ich habe im letzten Jahr zugenommen  und würde jetzt gern etwas Weiteres tragen, was mein Gewicht kaschiert.“ Die Frau sah mich an, als hätte ich gerade offenbart, dass ab morgen die Männer Babys gebären. Ich bemerkte, wie sie schluckte und überlegte. „Ich möchte ihnen ja nicht zu nahe treten, junge Frau…“, begann sie und sprach betont langsam, „aber wir führen hier Größen bis über die 54 hinaus. Die Frauen, die diese Größen tragen, wollen tatsächlich kaschieren, was auch in Ordnung ist. Aber sie, mit der 44…, müssen doch nichts kaschieren. Sie können doch ihre Weiblichkeit präsentieren. Sie sprach noch weiter, aber ich verschwand schon wieder in meinem Tunnel. Ich hörte nur „Weiblichkeit“ und war enorm gestresst. Irgendwie gelang es ihr jedoch, dass ich wenigstens meinen Kopf wieder aus der Öffnung des Tunnels steckte.
„Sie sind wesentlich größer als der Durchschnitt der Frau von Heute und man sieht ihnen die Konfektionsgröße gar nicht an.“ Das war Balsam in meinen Ohren und so kroch ich vollends aus dem Tunnel hervor. Dabei überlegte ich kurz, ob die Verkäuferinnen vielleicht eine psychologische Ausbildung erhielten, was ich bisher noch nie feststellen konnte. Als ich noch dünn war, sagte mal eine Verkäuferin zu mir: „Sie brauchen zwar nur die 36/38, aber sie haben ausladende Hüften. Solche Kleidung haben wir hier nicht.“ Damals flüchtete ich aus diesem Laden und man sah mich dort nie wieder.

Jedenfalls stand hier ein offensichtlich außergewöhnlich nettes Exemplar dieser Zunft vor mir und ich faßte den Entschluß, aus diesem Einkauf einiges zu lernen.
„Ach, ich weiß nicht, ich war früher immer schlank und kann noch nicht so richtig damit umgehen. Ich möchte wirklich lieber erst einmal etwas, was nicht so an meinem Körper anliegt, will mich einfach wohler fühlen.“
„Das verstehe ich sehr gut“, meinte die nette Dame und tätschelte meinen Arm. „Wenn wir Frauen älter werden, leiden wir meistens. Die Männer sind da viel lockerer“, erklärte sie mir weise. (Wie war das mit dem „netten Exemplar“? Ich nehme alles zurück!)

Die Frau musterte mich wieder kurz. Offenbar studierte sie meine Gesichtszüge, die in der Regel wie die aufgeschlagenen Seiten eines Buches sind. „Kommen sie doch mal mit. Ich zeige ihnen mal einiges in dieser Größe und sie können in Ruhe anprobieren und auswählen. Es ist niemand weiter im Laden und sie haben alle Zeit der Welt. Die Kleidung ist so wichtig im Leben einer Frau und gerade in unserem Alter legt die Frau besonderen Wert auf ihr Äußeres.“ UPS…. Der erste Teil ging hinunter wie Öl. Doch da war es schon wieder. (Kann das Erdhörnchen nicht mal die Klappe halten?)
Bei dem letzten Satz begann mein Kopf plötzlich verdächtig zu hämmern (in „unserem Alter“ sagt sie? Diese Frau ist über 50 und ich noch nicht einmal Mitte 40! Das sind mindestens acht Jahre! Da gibt es wohl erhebliche Unterschiede!)
Gerade war ich dabei, in meinen wohl geliebten Tunnel zu gleiten, als die Frau sagte:
„Nun ja, sie sind zugegebener Maßen mit Sicherheit jünger als ich und können sich mehr Extras gönnen….“ Und wieder lächelte sie gütig. Diese Meinung war mit meiner endlich konform.

Zunächst suchte ich mir zwei Ponchos aus: einen dunkelbraunen und einen grauen. Ich mochte die Farbe grau nicht, sie ließ mich blass und müde wirken. Jetzt war mir alles gleich, Hauptsache, es war weit und geräumig. Die Verkäuferin sah mich ein wenig traurig an, als ich diese zwei Teile griff und gesenkten Kopfes auf die Kabine zuging. Sie versuchte, mich aufzuheitern: „Hier…, diese zwei Sweatshirts kann ich ihnen noch empfehlen. Die können sie unter die Ponchos ziehen und sie haben etwas Farbe, hellen das Bild etwas auf.“ Nun ja, den Wink mit dem Zaunspfahl konnte ich diesmal gleich verstehen, denn ich tendierte beim Anblick der Ponchos zur Trübsinnigkeit. „Die Pullover liegen an. So können sie die Ponchos super bequem darüber tragen und nichts stört sie darunter.“
Im Spiegel erblickte ich meine verbitterten Mundwinkel, sah die alternde Frau im Spiegel böse an und steckte ihr die Zunge raus. (Bist du häßlich geworden, verdammt noch mal, wie kann das sein? Wie konntest du nur in so kurzer Zeit zum wehmütigen Fleischklops mutieren?) Das alles war mir zu viel. Ich drehte dem Spiegel den Rücken zu und betrachtete das erste enge, fliederfarbene Longshirt näher. Auf dem Schild stand: „EU – Gr. 46/48“. „Das ist doch die 46/48!“ rief ich entsetzt aus der Kabine heraus und hielt mir, erschrocken von der eigenen Impulsivität, sofort die Hand auf den Mund. „Ja, aber die fällt kleiner aus und da sie so groß sind, brauchen sie es länger“, beruhigte mich die Frau.
„Okay“,  meinte ich kleinlaut und zog es mir über, immer noch mit dem Rücken zum Spiegel gewandt. (Es ist doch noch schlimmer, so groß zu sein. Wenn ich klein und dick wäre, würde ich nicht so auffallen. Viele Frauen sehen so aus. Aber groß und dick…, da sehe ich aus wie ein Monster. Aber das versteht die Frau nicht. Sie sieht ja nur das, was sie will.)
Ich sah mich nicht an, sondern zog geschwind den Poncho darüber. „Und? Kommen sie klar?“, rief die Verkäuferin, die scheinbar direkt vor meiner Kabine stand. Warum müssen sie das immer tun? Warum fragen sie solche überflüssigen Sachen wie „Kommen sie klar?“ oder „Brauchen sie noch etwas?“ Womit um Himmels Willen soll ich denn beim Anprobieren nicht klar kommen oder was soll ich beim Ankleiden brauchen? Will sie mich anziehen? Warum lassen die einen nicht in Ruhe anprobieren und rauben einem jede Möglichkeit, sich mit den Sachen anzufreunden? Ich bin doch kein Mann, der ins Geschäft geht, weil er einen Bierbauch mit sich herumschleppt, die Pullover in der XXL darüber streift, „alles klar“ sagt, zur Kasse geht und bezahlt….
Ich bin eine Frau und muss eine Beziehung zu den Sachen aufbauen. Sie sollen ein Teil von mir werden. Als ich meine wunderschönen Sachen meiner Schwägerin schenkte, gab ich einen wichtigen Teil von mir weg. Es war schon wie ein kleiner Tod. Jetzt muss ich mich neu binden: an neues Material, an neue Gerüche, neue Farben, neuen Schnitt, neue Größen. Warum lassen sie einem nicht die Zeit?
„Ja, ich komm klar“, brummte ich aus der Kabine und zog Grimassen wie ein bockiges Kind. (Sie stört mich tatsächlich bei meiner intensiven Kontaktaufnahme mit dem Neuen, mit dem sich vielleicht einmal mein Körper im Einklang befinden soll. Das ist nicht zu fassen!)

Ganz langsam drehte ich mich um, mit dem Gesicht zum Spiegel. Ich spürte, wie ich wieder so schrecklich schwitzte und hatte Angst, dem neuen Longshirt unangenehme Achselflecke verpasst zu haben. Was, wenn ich das Teil nicht kaufe? Was, wenn die Frau die Flecken sieht? Mist, ich habe früher nie geschwitzt. Was zum Teufel ist mit mir los? Und dann nahm ich die fremde Frau dort im Spiegel wahr.
Eine große Frau in einem Sack sah mich an, mit wütend vorgeschobenem Kind, hängenden Mundwinkeln, monströsem Leibesumfang, der in dem Sack noch umfangreicher wirkte.

Meine Lider flatterten in dem grellen Licht der Umkleidekabine (Warum müssen die in den Kabinen immer so viel Licht haben? Wir Frauen wollen gar nicht so viel sehen wie die glauben!). Ich sah ein unförmiges Gebilde in mausgrauem Design und erkannte mich nicht wieder. Mein Atem stockte, im Brustkorb schmerzte es verdächtig. Das Fazit: Ich regte mich mächtig auf. Diese plumpe Gestalt dort konnte doch unmöglich ICH sein?
„Klappt es denn?“, tönte von draußen die Frau, die es ja nur gut mit mir meinte. In diesem Augenblick war sie meine Feindin, denn sie wurde immerhin Zeugin meiner Wandlung zur massigen Kugelfrau.
„Ja, es klappt…“, stöhnte ich mit brüchiger Stimme. (Nichts klappte, rein gar nichts, gute Frau!) Ich wusste, sie wartete darauf, dass ich den Vorhang aufzog, damit sie mich betrachten konnte. Das tat ich auch. Das klappte zumindest ….
Ich überragte die Frau mindestens um eineinhalb Köpfe und sie war viel dicker als ich. Doch ich glaubte, als ich vor ihr stand, sie wäre das zarteste Geschöpf, welches jemals neben mir stand. Das machte die Sache noch schlimmer.
Sie brauchte eine kleine Weile, ehe sie etwas sagte und lächelte nicht. (Das hätte ich jetzt auch nicht ertragen!) Nur in ihren Augen konnte ich so etwas wie Mitgefühl erkennen, in diesen wenigen Sekunden. (Soll sie lieber doch lächeln!)
„Wie fühlen sie sich?“, fragte sie. „Wie im Sack“, antwortete ich ehrlich. „Ja, das ist sicher eine Umstellung für sie, aber sie müssen sich auf alle Fälle wohl fühlen darin. Das ist das A und O bei der Kleidung.“
„Ja, ja, es ist schon okay“, flüsterte ich angestrengt. „Besser als in engen Sachen, in denen ich aussehe wie eine Presswurst.“ Die Frau lachte herzlich über diesen Ausdruck und empfahl mir, die anderen zwei Teile auch zu probieren. Mir war gar nicht zum Lachen zumute, was mein düsterer Blick wohl verriet. Die Verkäuferin räusperte sich und entschloß sich, umgehend wieder eine ernste Miene aufzusetzen, aus welcher pures Verständnis für mich regelrecht tropfte. „Darf ich ihnen noch eine Hose anbieten?“, schlug sie betont munter vor, im Versuch, diese Situation zu entschärfen. „Wenn sie die vierunddreißiger Länge haben?“, knurrte ich, denn gewöhnlich war diese Länge Mangelware.
„Ja, allerdings habe ich in dieser Länge nur zwei: Eine schwarze und eine dunkelbraune.“ Klar, schwarz und dunkelbraun, andere Farben würde ich meiner Umgebung auch nicht mehr zumuten wollen. Melancholisch dachte ich an meine knallenge weiße Jeans, die vor wenigen Jahren meine schlanke Figur betonte. Missmutig nahm ich der Verkäuferin die Hosen ab und lief stocksteif dem zweiten schweren Gang entgegen.

In der Kabine nahm ich die Hosen unter die Lupe und traute meinen Augen nicht. Nicht nur, dass die braune Hose aussah, als ob sie einer Siebzigjährigen gehöre. Nein, sie hatte sogar an den Seiten einen Gummizug, der noch einige Kilo mehr erlaubte. Solche Hosen verachtete ich immer, ich lachte über sie. Sie sollten den gewaltigen Frauen erlauben, nicht darben zu müssen. Der Gummizug war meiner Meinung nach eine Vermeidungsstrategie der übergewichtigen Frauen. Er war einfach nur eine Hilfe zum Selbstbetrug. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich jemals mit solch einer „Omahose“ in einer Kabine stehen würde, um sie anzuprobieren, geschweige denn zu kaufen. Es gab Zeiten, da hättee ich sowas Entwürdigendes nicht einmal zum Unkraut ziehen getragen. Wütend warf ich die Hose auf den Stuhl in der Kabine und verdammte mein Leben. (Warum machte ich nicht einfach eine Diät? Warum kaufe ich mir nicht solche Drinks aus der Apotheke, die man literweise in sich hineinschüttet, um an Gewicht zu verlieren? Warum muss ich nach meiner Mutter schlagen? Warum bin ich überhaupt eine Frau geworden? Männer haben es viel einfacher. Warum konnte ich keinen Sport machen?)
Diesmal hielt sich die Verkäuferin zurück, sinnlose Fragen zu stellen. Ich hätte schon lange fertig sein müssen, doch ich stand wie angewurzelt in der Kabine, stellte mir Grundsatzfragen und starrte die Hosen angewidert an.
„Nein!“ platzte es plötzlich aus mir heraus. „So etwas ziehe ich nicht an, wirklich nicht!“ rief ich schwer atmend und riss den Vorhang auf.
„Okay“ sagte die Verkäuferin und versuchte, ihren beruhigenden Ton beizubehalten. Dabei hob sie beschwichtigend die Hände. Ich nahm die Hosen, legte sie unwirsch auf ihren Arm, den sie mir schon bereitwillig reichte, schloss den Vorhang wieder und zog in Windeseile den anderen Longpullover und Poncho über meinen Kopf. Ich sah mich im Spiegel an, beschloss, dieses Elend hinzunehmen, zukünftig in den Abgründen des „Omadaseins“ zu verschwinden, mich um Koch- und Backrezepte und meinen Haushalt zu kümmern, eine unübertreffliche Mutter für den Kleinen zu sein, eine sittsame, ewig lächelnde Ehefrau in grauer Reizlosigkeit. Punkt, aus, fertig; so einfach wird das sein. Es wird sogar extrem einfach sein. Ich werde nämlich ruhiger leben!
„Es ist wie es ist“, sagte ich konsterniert, „ich bin dick!“ Dann lief ich zum Stuhl, nahm unsanft die Klamotten an mich und stand mit meiner gebrochenen Eitelkeit vor der Verkäuferin. Diese riss ihre Augen entsetzt auf und rief:
„Sie sind doch nicht dick! Sie sind eine stattliche Erscheinung!“ plärrte die Frau regelrecht, ohne jegliche Zurückhaltung und die „stattliche Erscheinung“ hallte durch den kleinen Verkaufsraum. Ich stutzte. (Stattliche Erscheinung nennt man das? Sie besuchte sicherlich jede Weiterbildung in Verkaufspsychologie, damit die Frauen in ihrem Laden ihr Geld lassen! Verdammt noch mal, ich übergebe mich gleich!)
„Ja“, meinte ich in einem Ton, der unmissverständlich klar machte, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte. „Ich bezahle jetzt.“
„Natürlich, gern“. Die Frau drehte sich um und ich hörte ihr Aufatmen. Ob sie wohl nach mir den Laden schließt, um sich von mir zu erholen? Was wird sie wohl ihrem Mann heute Abend erzählen? „Heute war eine total verrückte Frau bei mir. Die hat vielleicht ein Theater um sich gemacht! Die hat sich furchtbar ernst und wichtig genommen. Das war bestimmt eine von denen, die den ganzen Tag nichts weiter zu tun haben, als in sich hineinzuhören…“, und schlimmer wollte ich mir ihre Aussagen gar nicht ausmalen.

Seit diesem Tag verschwand ich in der Farblosigkeit der alternativen Umhängesäcke.

7676740-plump-woman-eating-burger

GESELLSCHAFTSTAUGLICHE SPORTSFRAUEN

An einem dieser düsteren Tage holte ich wieder einmal meinen Sohn vom Sport ab. Der Schnee taute, um mich herum nur grauer Matsch, der meine Stimmung nicht gerade hob. Die Wolken modellierten am Himmel ein schwarzes Gebilde und ich sehnte mich schon jetzt, am frühen Nachmittag, nach meinem Bett.
Während sich die Kinder umzogen, unterhielten sich die ehrgeizigen Mütter der kleinen Sportler angeregt über ihre eigenen sportlichen Aktivitäten. Ich stand dabei, lächelte gezwungen und tat wie immer so, als ob ich dem Gespräch (gackernder Hühner) aufmerksam lauschte, als ob ich mittendrin wäre (und doch nicht dabei).
Dann sagte eine von ihnen (eine jener Frauen, die man mit der Taschenlampe röntgen konnte): „Ich sage euch, ich habe über Weihnachten zwei Kilo zugenommen. Jetzt muss ich mich aber ranhalten, um die wieder loszuwerden! Ich hasse die Feiertage!“ Und ihre Stimme überschlug sich bei „zwei“ beinahe und sie betonte „hasse“, indem sie eine verbale, nie enden wollende Silbentrennung vornahm. Die Augenbrauen hob sie dabei unheilheischend. Zu ihrem Nachteil reichend verdrehte die Frau affektiert die Augen und erhielt von den anderen Müttern mimikreiche verständnisvolle Zustimmung.

Ich merkte, wie mein Mund offen stand und klappte ihn schnell wieder zu. Das darf nicht wahr sein, oder? Diese dürre Pute regte sich jetzt gerade nicht über zwei Kilo auf, oder? (Ich hasse die Feiertage nicht, ich liebe Kekse und Festtagsbraten, Ruhe und Familie, stressfreie Tage, an denen mein Sohn nicht mit dem Leistungssport gequält wird und ich niemanden von den ambitionierten Sportmüttern sehen muss ….)
Sollte ich das etwa sagen? Oder sollte ich über die lächerlichen Rückenübungen gegen meine Arthrose berichten? Bin ich komisch oder eine Eigenbrötlerin? Sollte ich mit dem Strom schwimmen, um auch so viel Beifall zu ernten wie die dünne Mutter, die jetzt leider hungern muss, um sich wieder zu mögen? Nachdenklich nagte ich an meiner Unterlippe und bemerkte aus den Augenwinkeln heraus, wie mich die betroffene Mutter neugierig musterte.
Ich war hin- und hergerissen. Nun fühlte ich mich wie eine introvertierte, weldfremde Mutti, sah mich plötzlich mit einer kitschigen, blumigen Kittelschürze aus Dederon (wie sie meine Mutter früher trug, die ich albern und abartig fand, die mein Frauenbild prägte) am Herd stehen. Die Schürze brachte mein mütterliches Aussehen glanzlos zur Geltung und die Aufgabe am Herd füllte mich ganz und gar aus. Die anderen Mütter tanzten dabei attraktiv, fit und mondän um mich herum. Ich sah ihnen verzweifelt zu, wand mich ab und kochte das Lieblingsessen meiner Männer weiter. Sie sahen auf mich hinab, belächelten mich mitleidig und lachten laut, wie die Hexen, die ich aus den Märchen kannte.

Eine der Sportsfrauen riss mich plötzlich aus meiner furchterregenden Vorstellung. „Sag mal, Sonja, DU massakrierst dich wohl nicht so, oder?“ (Weil: du bist ja nicht so schlank…, warum nicht so?). Ihr Mund verzog sich ekelhaft süßlich und ich konnte den Spott in ihrem Gesicht sehen. Ihr Gesicht war sorgfältig geschminkt. Sie trug eine Markensportjacke, knallenge Röhrenjeans und hohe Stiefel. Sie wirkte wie frisch aus einem Modeheft (Werbung für die moderne, selbständige, gesunde, glückliche Frau…) entsprungen.
„Nö“ meinte ich (scheinbar) ungerührt. „Ich lebe doch nur einmal und Hunger macht böse!“
Kam das etwa aus meinem Mund? Wenn die wüsste, welche grässlichen Vorstellungen mich verfolgen, wie schrecklich die letzten Tage für mich waren, wie sehr ich litt ….
Die Sportsfrau sah mich mitleidig an. Die anderen schwiegen betreten. Ich musste dringend auf die Toilette (hoffentlich fange ich dort nicht an, die Armaturen zu putzen) und eine Zigarette rauchen. Ich beruhigte mich und konzentrierte mich auf meinen Sohn. Er kam aus der Kabine, vor welcher die Sportmütter immer noch schnatterten und mich wieder so höflich mitleidig anlächelten.

(Ihr könnt mich mal!)

Stockfotos. g. U.

Stockfotos. g. U.

Sylvia Kling

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß?