Wenn 


Einen schönen Sonntagabend wünsche ich Euch.

Eure Sylvia Kling

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Heidebrand und «Die Spuren entschlüsselt der Blinde»


 

Im grünsten Grün der Heide
um Dresden, dort so genannte,
da suchte ich eine Bleibe,
weil Trauer in mir brannte −
geflohen vor Tyrannen,
die Wahnsinn nur verkünden
und Schändlichkeiten spannen
um unsre Welt, und zünden −

geschickt in Niedertracht
mit (oder auch ganz ohne)
üblicher GottesWacht,
so Hässlichkeit sich klone −
da also ließ ich mir schmeicheln
vom grünsten Grün der Heide,
vom SommerWind mich streicheln
und wünschte, dass ich treibe −
mit der Natur Geschick
weg von der NarrenBrust,
der Welt bricht das Genick,
ich fühle den Verlust −

ach, bin ich heute dramatisch
im grünsten Grün der Heide,
ich lasse andre fanatisch,
(vom Grün ich lieber schreibe) −
und wenn der Irren Geläute
mit Waffen und Morden und Toten
nicht warnet die ErdenLeute,
die im Hasse sich verknoten −

so lieg ich mit FieberAsche
im grünen HeideLand,
und tränend aus mir wasche
des Menschen UnVerstand.

©Sylvia Kling

Auszug aus „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ – Veröffentlichung im November 2017

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

trotz aller Widrigkeiten sind wir bestrebt, den Termin zur Veröffentlichung meines fünften Buches nicht nochmals zu verschieben. Ich freue mich sehr, wieder den Düsseldorfer Künstler Khalid Aouga gewonnen zu haben, die Zeichnungen für dieses Buch anzufertigen.

Es gibt weitere Neuigkeiten:

Wir – der Gitarrist Volker Wolfram und ich –  tragen der Tatsache Rechnung, dass sich die Menschen in diesen unruhigen Zeiten nach Erholung und Zerstreuung, fern alltäglicher Belastungen, sehnen.

Diese werden unsere Gäste im folgenden Programm erfahren. Viele Gedichte werden mit Instrumentalbegleitung gelesen.

Die Spuren entschlüsselt der Blinde

Die Suche von Sylvia Kling nach Sinn, Substanz und Beständigkeit sowie nach Farben, Klängen und unverstelltem Sein werden von ihrer Intuition, der unsterblichen Hoffnung und Liebe geleitet.

Mit geschlossenen Augen, den Blick nach innen gerichtet, findet sie mit ihren Worten immer wieder die Wege zurück nach draußen: ins Leben, die Heimat, die Natur.

Dem Gitarristen Volker Wolfram gelingt es, vor der Poetin Worte einen musikalischen Teppich auszurollen, der, sobald diese dort Platz genommen haben, zu schweben beginnt und sich auf die Reise begibt, die geschlossenen Augen des Herzens zu öffnen.

 

Weitere Programme sind hier einzusehen.

 

 

Hinweise zum Urheberrecht:

Zeichnung: © Khalid Aouga

Weitere Hinweise sind aus dem Impressum zu entnehmen.

 

«Die Erwachten» (Tierisch nachgewählt) und hereinspaziert in die Hör- und SehBar, liebe Leute!


Die Erwachten

Die Spatzen pfeifens schon vom Dach:
Die Geier und die Krähen,
beginnen schon zu spähen –
In Deutschland sind jetzt alle wach!

Es schwirrt und fliegt und tiriliert,
was Schnäbel, kleine Hirne hat,
wie krächzt es wild – landesweit,
dass es sogar die Würmer friert!

Die Würmer sahen es nicht ein,
der Erde abzuschwören,
sie ließen sich nicht stören,
sie wollten schließlich nützlich sein!

An Macht sich mächtig weiden –
die Vögel – weiter fliegen,
sie wollen alle kriegen,
die Würmer sollen leiden!

DIE müssen viel mehr fressen,
an Kraft sei zu gewinnen,
man muss sich auch besinnen,
im Schlafe wards vergessen!

Die Spatzen pfeifens schon vom Dach:
Die Großen und die Kleinen,
die ernst es wirklich meinen.
Jetzt ist in Deutschland alles wach!

©Sylvia Kling

«Tierisch nachgeWÄHLt»

Auszug aus dem 2018 erscheinenden Buch «Als die Amsel verstummte»

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

heute ist es wieder einmal soweit – welche Freude: Ich habe einen Tag Internet und so packe ich einiges in diesen Beitrag hinein.

Aus dem Live-Mitschnitt in Leipzig (29.09.2017) könnt Ihr hier drei Stücke hören:

«Geh nicht» – Interpretin: Sylvia Kling/Text: Sylvia Kling/Musik: Volker Wolfram

 

«Unter den Helmen» («Die Verborgenen») – Interpret: HC Schmidt/Musik: Volker Wolfram/Text: Sylvia Kling

 

«Von der Fragenden» Interpret: HC Schmidt/Musik: Volker Wolfram/Text: Sylvia Kling

 

Alle drei Stücke liegen auch als «ogg-Datei» vor – in diesem Fall bitte aufrufen:

http://www.volker-wolfram.de/menu/jigsaw.php

Rechte Seite – unter „Live aus Leipzig“ –

Wer HC Schmidt mit der Interpretation «Die Verborgenen» gern mal sehen möchte und mich daneben lauschend (der Gitarrist ist leider im Video verdeckt), sehe gern hier hinein:

Ich wünsche Euch noch eine wunderbare Woche und wie immer: Passt auf Euch auf!

Eure Sylvia Kling

«Ostwestalgisch» oder Die Eierschecke der Sachsen ist in Gefahr!


 

OstWestalgisch

Was wir alles schon vergaßen,
was wir in den Büchern lasen,
welche Lieder wir einst sangen,
wie der Lehrer Worte klangen,
Badeöfen und feuchtkalte Räume,
auch freiheitliche Träume,
große Schritte auf rotem Asphalt,
Großvaters kriegsgebeugte Gestalt,
Kritiker hinter Gittern saßen,
was wir alles schon vergaßen,

Marx und Engels als Steinmonument,
rote Lieder, das blaue Hemd,
Mauern rings um unser Land,
in dem sich ein klammes Regime befand,
immer Arbeit, hausreiche Kost,
gebogene Balken und Nägel mit Rost,
von Unzufriednen Klagen und Stöhnen,
hinter verschlossenen Türen Verhöhnen
der Sozialistischen Einheitspartei,
und deren Diktat− so wenig frei,
immer diese zwanghaften Phrasen,
was wir alles vergaßen,

als die Mauer endlich fiel,
beendet wars geduckte Spiel,
Häuser wurden hübsch saniert,
Eigentum zurückgeführt,
leise Stimmen wurden laut,
grüne Wiesen mit Kästen bebaut,
Ostbetriebe rasch ihr Ende fanden,
gesunde Menschen auf der Straße standen,
wo sie sich auf Ewig schämten,
sich als freie Greise grämten,
gutes Essen, nun recht teuer,
eine dicke Mehrwertsteuer,
Bananen endlich in Hülle und Fülle,
feine Kleider, edle Tülle,
was wir nur alles vergaßen,

Freiheit über alle Maßen,
eigene Kinder zurückgelassen,
um im Westen Fuß zu fassen,
da zahlte man hohe Preise,
für so manche weite Reise,
von zwei schwarz‐weißen Fernsehsendern
zu hunderten aus vielen Ländern,
in denen die Wahrheit kommt zu Wort,
auch Triviales findet sich dort,
wir müssen nicht mehr am 1. Mai zur Demo gehen,
für alles und nichts kann unsre Fahne wehen,
denn heute ist die Auswahl groß,
wir haben das vergessen bloß!

Wir sollten eben nicht vergessen…
«beim Hungern und beim Essen»,
auch wenn es uns erschreckt:
Heut und damals. Nichts ist perfekt.

©Sylvia Kling

Das Gedicht wird 2018 in meinem Buch «Als die Amsel verstummte» mit weiteren, ca. 120 Gedichten erscheinen und ist Teil des Programms «Poetisch-musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche». Es wird  von HC Schmidt und mir gelesen – die Interpretation sollte man sich nicht entgehen lassen.

Liebe Leser, Freunde und Besucher,

es hat einige Tage gedauert, ehe ich das Wahlergebnis der Bundestagswahl verkraftet habe. Wie wir inzwischen alle wissen, erreichte die AfD in Sachsen die meisten Stimmenanteile (27%). Manche hatten dies, sowie das bundesweite Wahlergebnis, kommen sehen, manche waren auch überrascht. Wie es auch sei: Wir müssen das so akzeptieren. Inzwischen ist mein Fazit zu der hohen Prozentzahl der AfD-Wähler in Sachsen noch lange nicht abgeschlossen.

Nur eines ist sicher und wird von vielen dieser selbsternannten «ERFORSCHER» außer Betracht gelassen: Ein erheblicher Grund reicht bis in die DDR zurück!

Wie kann das sein? Die Wende ist doch schon so lange her?  Ich bin keine Politikerin, keine Journalistin. Doch ich lebe seit 50 Jahren in Sachsen, bin in der DDR aufgewachsen, habe die Wende und damit auch die Sorgen und Ängste der Menschen in und um Dresden hautnah erlebt. Ich höre auch heute noch zu!

Es ist den ehemaligen Bürgern der DDR kaum Zeit für eine Aufarbeitung gegeben wurden. Die Wende war von ihnen gewünscht: sicher. Doch kaum war sie vollzogen, sind die ehemaligen DDRler mit einem völlig fremden System konfrontiert worden, welches sie nicht einmal im Ansatz kannten. Gerade im «Tal der Ahnungslosen» (Dresden und Umgebung) war es nie möglich, den Medien in der BRD zu folgen. Man kannte nur die Fernsehsender «DDR 1» und «DDR 2», man kannte nur die Berichte aus der Fernsehsendung «Der schwarze Kanal» und den Nachrichten, in welchen die BRD, der Kapitalismus, verteufelt worden sind. Man lebte eingesperrt, konnte außerhalb der Wohnung (und nicht einmal dort war man sicher!) keine Systemkritik üben, man konnte keine anderen Länder außer die sozialistischen Staaten besuchen. Selbst wenn ich als Volljährige zu meiner Verwandtschaft nach Ungarn fahren wollte, brauchte ich meinen Vater als Bürgen. Beim Meldeamt in Dresden musste dieser erscheinen und erklären, dass ich systemtreu sei und nicht im Geringsten die Absicht habe, die DDR zu verlassen. Betrieben wurde dieses Vorgehen von der Stasi oder denkt hier jemand, die hätten bei solchen beabsichtigen Reisen nicht ihre Hände im Spiel gehabt?

Wir wussten nicht, wie es draußen in der Welt zuging. Wir wussten gar nichts. Wir wussten, dass wir uns schnell in die Spur begeben mussten, wenn es einmal im Quartal Bananen im Angebot gab und uns stundenlang anstellen mussten, damit wir unsere Zuteilung für die Familie erhielten. Wir wussten auch, dass wir dennoch nie verhungern würden. Wir hatten unsere Arbeit sicher und keine erheblichen Sorgen:

solange wir dem Sozialismus treu waren und uns nicht mit der Stasi anlegten.

Das war unser Leben. Ein Leben in einem nicht einmal goldenen Käfig. Unser Blick im «Tal der Ahnungslosen» konnte sich nie wandeln. Er ging nur in eine Richtung. Er hatte keine Möglichkeit, sich für andere Länder, andere Sitten, andere Gegebenheiten, andere Gesellschaftsordnungen zu öffnen. Und nun kam alles ganz anders. Viele Bürger haben mit der Wende ein wesentlich besseres Leben erhofft. Reisen war nun endlich möglich und eine Demokratie. «Leise Stimmen wurden laut» schreibe ich hier in meinem Gedicht «Ostwestalgisch» .

Ja! Endlich war es möglich, sich mit gut duftenden Lebensmitteln zu versorgen, die man zuvor nur aus dem Intershop kannte! Ich selbst ging als junges Mädchen oft in den Intershop – nur um diesen «sauberen» Geruch wahrzunehmen und diese Vielfalt hatte für mich den Anschein eines Schlaraffenlandes: weg von dem Grau-in-Grau unserer Kaufhallen in das Bunte, in das Leben hinein. Geld hatte ich keines, mir dort etwas zu kaufen. Doch oft träumte ich von den runden, bunten Kaugummis.

Die Wende war ein wahres Fest. Doch es kam bald die Ernüchterung: Arbeitslosigkeit, geringerer Lohn, geringere Rente, hohe Mieten und vieles mehr.

Für viele Menschen begann ein Verlust der eigenen Identität!

Soll all das eine Rechtfertigung sein? Mitnichten! Aber wenn wir etwas verstehen SOLLEN, dann sollten wir uns schon die Mühe machen, es verstehen zu WOLLEN.

Ich vergleiche es mit einem eingesperrten Menschen: Jahrelang ist er im Keller eingesperrt und dann wird er frei gelassen. Was glaubt Ihr, was dann passiert? Er freut sich auf die Freiheit, das Licht blendet ihn, die Gerüche der Freiheit benebeln seine Sinne.

Doch es wird nicht lange dauern, dass er eben mit dieser Freiheit überfordert sein wird: mit der Vielzahl der Eindrücke, mit völlig neuen Lebensumständen. Er muss sich neu orientieren. Er war ein Opfer! Und: Er braucht Hilfe!

Genau diese Hilfe ist den Menschen im «Tal der Ahnungslosen» und allgemein in den neuen Bundesländern nicht ausreichend zuteil geworden. Ruckzuck – und fertig!

Aus dieser «Opferhaltung» haben sie nie herausgefunden!

Nun keimt in diesen Zeiten in den Menschen Angst auf, wieder einzubüßen, wieder benachteiligt zu werden, wieder um alles kämpfen zu müssen. Mit diesen Sorgen werden sie allein gelassen. Die etablierten Parteien pfeifen auf den Osten – für sie scheinen die Ostler nur geduldet – nicht jedoch ernst genommen, nicht gehört. So formieren sie sich auf der Straße und Parolen mit dem nicht gern gehörten sächsischen Dialekt gehen durch die Presse. Der Sachse wird belächelt, sogar massiv ausgelacht – zumeist nicht grundlos. Auch ich schäme mich nicht selten für die Kleingeistigkeit mancher Sachsen!

Viele Spekulationen werden durch die sozialen Medien gejagt. Manche wollen sich mit diesen profilieren, manche wollen einfach nur die Hintergründe erforschen. Warum jetzt erst? Warum macht man sich erst dann die Mühe, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist?

Mein Aufenthalt auf Facebook wird sich auf Grund der Vielfalt der Säue, die wöchentlich «durchs Dorf gejagt werden» deutlich verringern. Am 26.09.2017 postete ich:

«“Achtung Urlauber: Sachsen ist ab sofort kein sicheres Reiseland mehr!“
Aber AfD-Wähler aus der Freundesliste „entfernen“! Ich las bei einem Freund sogar „Habe sie eliminiert.“ Ist Euch das nicht selbst zu blöd?
Oder dieser Ansgar Meyer, der Sachsen auf Twitter mit Atommüll vergleicht!
Ist noch alles okay?
Ihr seid keinen Deut besser mit solchen undifferenzierten Aussagen!
Ich möchte mit intelligenten Menschen befreundet sein!
Soll ich jetzt schreiben: „Wer nun Sachsen-Bashing betreibt, möge sich aus meiner Freundesliste entfernen“?»

Es gibt auf Facebook inzwischen einen Link, auf welchem man AfD-Liker unter seinen Freunden erkennt und diese dann aus der Freundesliste entfernt. Wie weit soll das alles noch gehen? Wer so etwas tut, hat nicht nur offenbar nie in einem solchen System gelebt, sondern riskiert, dass wir bald nicht mehr frei unsere Meinung kundtun dürfen! Ich, in der DDR aufgewachsen, äußerte mich auf Facebook dazu:

«Was, wenn der Spieß mal umgedreht wird?
Was, wenn uns hinter geschnüffelt wird?
Wer likt die Linke, wer likt die Homos, wer likt WAS?
DAS ist der entscheidende Punkt, Leute!
Ihr wollt Freiheit und Demokratie?
Diese könnt Ihr nicht nur für EUCH beanspruchen!
Lebt sie für alle.»

Das Niveau scheint sich auf Facebook immer weiter zu reduzieren. Ich möchte diesem Trend nicht folgen. Weiterhin bleibe ich mit meinen Freunden und den Künstlern verbunden, werde auch hin und wieder eine meiner Arbeiten/Links zu Videos o.ä. posten. Doch meine Zeit opfere ich nicht mehr für Menschen, die nur den «Like-Schalter»  betätigen oder dabei sind, die Säue bis hin zur Erschöpfung zu jagen! Ich möchte meine Kunst vor allem in der Realität darbieten und dort auch meine Kraft weiterhin für Werte wie Frieden und Menschlichkeit investieren.

Meine Leser wissen: Es fällt mir nicht immer leicht, hier zu leben. Und doch ist es meine Heimat. Ich habe 40 Jahre meines Lebens in Dresden verbracht: einer bezaubernden Stadt mit einer besonderen Geschichte. Sicher: Die Sachsen sind ein sehr eigenes Völkchen: Immer auf ihre Ruhe und Gemütlichkeit bedacht und alles, was dieser zu schaden droht, hat in ihrem Leben und Alltag keinen Platz. »Dor Kaffee un de Eierschecke und alles is guddi!»

In diesem Sinne, liebe Freunde und Leser – bleiben wir aufmerksam und folgen nicht nur dem Medienhype, sondern machen wir uns auch die Mühe, die Psychologie der Menschen nicht außer Acht zu lassen – denn bei allem politischen Gerangel ist diese ein entscheidender Faktor!

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende,

Eure Sylvia Kling

 

«Sinn» und: Die Zeit der Kälte ist die Zeit für warme Herzen!


Sinn

Reichtum trägt einen dicken Mantel,
Armut in einem dünnen Kleide bleibt,
Schon immer war es so,
früher und es ist so in der neuen Zeit.

Zu jeder Zeit gibt es jene Seelen,
die den Armen sind sehr zugeneigt:
sie versorgen, ihre Kräfte gar entbehren,
wo sich Menschsein von seiner besten Seite zeigt.

Ich stelle mir vor in diesen Tagen,
wie es wohl ohne diese warmen Herzen wär,
jämmerlich würden Arme sterben
und Reiche hätte diese Welt noch mehr.

Was dann? Es würde kaum genügen,
die neuen Armen, sie wären die einst Reichen,
wer die Geschichte kennt, der weiß:
Gier ist des Menschen Markenzeichen.

So hoffe ich, solange wir Gäste auf der Erde sind,
wird es Hilfe geben – ohne Aussicht auf Gewinn,
Menschen, die andrer Menschen sich erbarmen,
und ihn erfüllen: den eigentlichen Menschensinn.

©Sylvia Kling

(Auszug aus dem 2018 erscheinenden Buch „Als die Amsel verstummte“ – Das Kopieren ist untersagt, siehe auch Impressum)

Liebe Leser, Freunde und Besucher,

Ich möchte heute noch nicht auf die Wahl eingehen. Wir werden in sozialen Netzwerken unentwegt damit konfrontiert. Natürlich bin ich auf die Ergebnisse (auch in dem rechtslastigen Sachsen) gespannt.
Doch lassen wir doch mal unseren Blick schweifen – dort hin, wo wir gebraucht werden: von Menschen, denen es nicht so gut geht wie manchem von uns. Für Menschen, die sich schon an einer Tasse Tee oder Kaffee, an einer heißen Suppe und einer warmen Behausung und ja: auch an einem Lächeln erfreuen.

Es wird wieder kälter und damit Zeit für offene Herzen!
Im vorigen Jahr sagte ich zu meiner Lesung in der Marienkirche Dessau inhaltlich, indem ich u.a. auf die Vorurteile vieler Leute zur Armut Bezug nahm:
„Es ist mir egal, wie es dazu kam, dass Menschen so arm sind, betteln zu müssen. Es IST Armut.“

(Eigentlich sagte ich ganz spontan: «Es ist mir wurscht.» 🙂 )
Denkt daran, wie viele sinnlose und unnötige Dinge wir in unserer Überflussgesellschaft kaufen und wie viel wir täglich entsorgen!
Haben wir da nicht die Mittel, den Armen einen Kaffee oder eine Stulle zu geben?

Foto: Sylvia Kling: Dresden 2016, Bautzner Landstraße – inzwischen ein beinahe gewohntes Bild in Großstädten

«Wir waren in einem kleinen Café.
2 Kunden kamen.
„5 Kaffees. 2 für uns, 3 zum spenden.“

„Was ist ein Spender-Kaffee?“, fragte ich.
„Warte ab!“

Mehr Kunden. 2 Mädchen bekamen ihre Kaffees, sie bezahlten.

Nach einer Weile bestellten drei Anwälte sieben Kaffees, tranken drei aber bezahlten für die sieben.

Während wir redeten, betrat ein armer Mann das Cafe.
Mit einer zarten Stimme fragte er: «Haben sie ein paar Spender-Kaffees?»

Diese Wohltätigkeit stammt aus Napoli (Naples, Italien).
Die Leute bezahlen die Kaffees und Mahlzeiten für andere Menschen, die es nicht können.»

Im Netz ist das Projekt hier zu finden:

http://suspendedcoffee.de/

Der Link für die offenen Herzen (Facebook):

Beitragsfoto: Sylvia Kling/Dresden – Bautzner Landstraße/2016

„Verlautbarung“ – das Älterwerden als Tücke oder können wir unseren Blick (ver)wandeln?


Du sehnst dich nach der Jugend,
wo nichts stille stand,
die Sterne golden dich umkreisten,
du sehnst dich nach der alten Kraft,
durch lange Nächte
schöne Träume reisten.

Du sehnst dich nach
dem unbeschwerten Fühlen,
in Ungebändigkeit so schön,
kein Sturz und Bruch,
kein elend Niederfallen
mit schmerzendem Gedröhn.

Du sehnst dich nach
der reinen Haut,
den jungen Brüsten,
so unverdorben weich,
nach ungestümen,
drängenden Gelüsten.

Du sehnst dich
nach dem NochNichtsAhnen,
nun ist der erste Kuss schon längst vergessen,
doch:

junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.

©Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „BruchStücke“, Band I

https://www.amazon.de/BruchSt%C3%BCcke-Sylvia-Kling/dp/3741841145

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

nach dem letzten Gedicht »Offenbarung (Morgenrot)« entstand eine unglaubliche Welle von Meinungen und Kommentaren, auch persönliche Mails erreichten mich. Ich bin froh, dass wir dazu imstande sind, das Thema des Älterwerdens miteinander zu diskutieren, Meinungen anderer zu respektieren.

Mit »Verlautbarung» schreibe ich im letzten Vers:

«doch junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.»

Das ist meine Sicht der Dinge. Mich zum Beispiel muntert es unglaublich auf (und ich habe einige gesundheitliche Probleme), wenn mir junge Menschen zuhören, wenn sie meine Meinung hören wollen. Oder wenn manche mich ignorieren (ja, selbst das), weil sie wissen, dass sie sich mit „meinen Segeln“ nicht messen können. Wenn ich weiß: Ich habe so viel schon erlebt, dass es für zwei Leben reichen würde und begegne anderen Menschen nicht mit Arroganz, sondern mit Reife und Weisheit.

«Glaubst du denn, die andern altern nicht?

Sie würden jeden Morgen fröhlich singen?

Sieh die Zeit einfach als Lebenston.

Nur durch dich kann würdevoll er klingen.»

schreibe ich in dem Gedicht Zeitenlauf am Ende. Ist es so leicht? Setze ich hier einem Irrtum auf, meinem Wunschdenken, liebe Freunde und Leser?

Ich möchte in meinen Gedichten aufzeigen, aber auch aufmuntern – gelingt mir das? Wie könnte ich so anmaßend sein, dies zu glauben?

Männer und Frauen werden unterschiedlich alt.

Das ist beinahe doppeldeutig. Um es eindeutig zu formulieren:

Es gibt zwischen Frauen und Männern im Alterungsprozess erhebliche Unterschiede. Habt Ihr Euch mit dieser Thematik schon einmal auseinandergesetzt?

Eine gute Freundin und Autorin berichtete mir, dass ihr Mann seit dem Wegfall (Renteneintritt) seiner Arbeit an Antriebslosigkeit – ja, teils sogar Depressionen – leidet. Sie schrieb weiter, dass es viele Männer um die 70 aus ihrem Bekanntenkreis betrifft. Warum das so ist – fragt man sich das auch? Werden wir nicht noch immer, in dieser fortschrittlichen Welt voller geistiger und wirtschaftlicher Reichtümer, mit Klischees konfrontiert? Der Mann muss stark sein («Indianer kennen keinen Schmerz»), er muss arbeiten:

Immerhin hat er seine Familie zu ernähren und daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert – man sehe auch auf die Gehaltsunterschiede in gleichen Positionen von Männern und Frauen (!), er muss bauen (das Nest) und er muss zeugen, für Nachwuchs sorgen, seinen Namen und seine Gene weitertragen.

Was geschieht jedoch, wenn all das nicht mehr Teil seines Lebens ist? Worüber definiert sich der Mann nun? Wie fühlt sich der Mann, wenn ihn die Gedanken ereilen, nutzlos geworden zu sein?

Die Frau:

 

Kennt Ihr das Buch »Frauen und Bücher» von S. Bollmann? Frauen waren die ersten, die Bücher lasen und von Männern und der Gesellschaft ausgelacht worden waren. Frauen waren bereit für tiefgründige Gespräche und Betrachtungen, Frauen wollten schon immer «mitmischen». Warum nicht?

Wir wissen: Fast jede Frau, die bis zum 50. Lebensjahr auf Grund gesundheitlicher Probleme ihre Gebärmutter oder/und den/die Eierstock/Eierstöcke verliert, fühlt sich nicht mehr «als richtige Frau». Sie weiß zumeist, dass sie ohnehin kein Kind mehr zur Welt bringen möchte, doch das ändert nichts an ihrem Gefühl. Mir persönlich ging es so. Ich war 43 Jahre alt und hatte bereits drei Kinder. Äußerst seltsam fühlte ich mich, wie «unvollständig», «unweiblich» – ja: alt. (Diese Gefühle hielten allerdings infolge der Verbesserung meiner allgemeinen physischen Verfassung nicht lange an.)

Die Frau weiß auch, dass das Klimakterium nicht mehr fern ist. Dieses ist wiederum häufig mit Gewichtszunahme, teilweise auch Depressionen und manchmal sogar mit sozialem Rückzug verbunden. Der eigene Mann dreht sich immer häufiger nach «Frischfleisch» um. Kein gutes – sogar ein erniedrigendes Gefühl für die Frau!

Die Frau jedoch sucht einen Arzt auf, bespricht es oft auch mit einem Therapeuten. Sie will darüber hinweg kommen. Sie will leben, erleben, sie will sich wieder gut fühlen – hat sie auch einige Kilos mehr auf den Rippen. Keine Frau möchte sich unattraktiv fühlen. Warum ist das so? Unattraktive Menschen werden in dieser Gesellschaft nicht so gern gesehen. Das ist eine Tatsache, die nicht verschwiegen werden darf!

Frauen wurden und werden eher über ihr Aussehen, doch nicht über ihre Arbeitskraft definiert – immer noch. Vor Frauen, die im Berufsleben Leistungen erbrachten, hatte man schon immer eher Angst, als dass man sie dafür bewunderte. Sie erbringen Leistungen und das ist gut so. Doch sie werden NICHT darüber definiert. Können sie aus biologischen Gründen kein Kind bekommen – dann ist das so ähnlich, als würde der Mann seine Arbeit verlieren.

Frauen können sich auch zu Hause beschäftigen. Sie lesen, sie haben Freundinnen, sind vom Grund her extrovertierter, sprechen unter Freundinnen über ihre Probleme, sie gehen shoppen, sie reisen gern, sie schmücken ihr Nest. Eine Frau, die vor einem Jahr in Rente gegangen ist, berichtete mir:  «Endlich kann ich alles machen, was mir gefällt und wofür ich nie Zeit hatte. Die Kinder sind längst aus dem Haus und ich muss mich nicht am Sonntag ausruhen, um am Montag die neue Arbeitswoche zu schaffen. Ich kann Ausflüge machen, wann und wohin ich will, ich kann lesen und malen.» Ihr Hobby hatte sie ihr Leben lang an den Nagel hängen müssen. Es blieb ihr einfach keine Zeit dafür.

Was tun Männer?

Der Absatz tut Not.

Heute noch scheut sich der inzwischen reife Mann, mit »Ärzten oder Therapeuten« darüber zu sprechen. Jenes ist schließlich «Weiberkram». Woher kommt diese eingefahrene Einstellung? Wer hat das den Männern eingetrichtert? Ist es die Erziehung, die Gesellschaft, die eigene Normvorstellung oder ist es Scham?

Komme ich nun zum Thema Sex.

Sex »im Alter« sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein. Die durchschnittliche reife Frau von heute definiert sich zumeist nicht über ihre sexuellen Aktivitäten. Sie kann – man hört es oft – «auch ohne leben». Sie kann den Orgasmus vortäuschen, sie kann sich mit wenig zufrieden geben. Sie hat »ihr Soll erfüllt«, Kinder geboren und erzogen. Vielleicht ärgert sie sich über erschlaffende Haut, über ihre «Hängetitten» (Sabine – verzeih, ich musste das übernehmen, dieses Aussprechen scheint mir doch zu liegen 😉 ). Ist es so, liebe Freunde und Leser?

Aber: Wir sind schon lange revolutionär – auch auf diesem Gebiet. Das nämlich gibt es auch:

In diversen Plattformen tümmeln sich Frauen, die es gar nicht einsehen, auf Sex zu verzichten. Sie wollen ausprobieren, sie wollen sich nicht mehr schämen, sie wollen Bewunderung, Berührung, sich selbst erleben. Sie wollen wissen, wie sie sind – ohne Einschränkungen und ja, sie brüllen sich beim Orgasmus auch schon mal die Seele aus dem Leib.

Doch: Das ist nicht der überwiegende Teil der Frauen.

Wie ist das beim Mann?

Im Alter haben mehr Männer Potenzschwierigkeiten, als den Frauen offenbar bekannt ist. Auch das sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein! Für den Mann ist das der Verlust der Männlichkeit. Für den Mann ist das ein unglaublicher Verlust seiner männlichen Attraktivität. Vielmals führt es auch zu Depressionen und sozialen Defiziten. Er zieht sich zurück. Ein alleinstehender Mann sehnt sich jedoch auch nach körperlicher Nähe, nach Berührungen, nach Sex. Wie sollte er seiner Angebeteten mitteilen: »Liebes, ich muss dir etwas sagen. Wir können gemeinsam etwas unternehmen. Aber Sex kannst du vergessen. Ich kriege ihn nicht mehr hoch.« Welcher Frau würde das gefallen und WENN sie es akzeptiert, dann geschieht es aus Liebe. Aber ändert dies das Gefühl des Mannes – das Gefühl zu sich selbst?

Der Mann ruft nicht seinen Kumpel an, mit dem er Skatrunden bestreitet, um ihm zu erzählen, dass er Potenzprobleme hat. Und sind wir doch mal ehrlich: Welcher Frau würde das gefallen? Wie schnell sind Frauen mit der Meinung: »Was ist das für ein Weichei?« In einem Gedicht »Die WunschInnen« beschreibe ich das und so mancher Frau dürfte das nicht gefallen. Eine kleine Kritik an der Frau sollte mir doch gestattet sein. Man kann sich keinen Mann wünschen, der weint wie sie, der fühlt wie sie, der weich ist wie sie, um ihn dann als «Weichei» abzustempeln. Einen Alpha-Mann haben zu wollen und einen Beta-Mann daraus machen zu wollen? Nein, Ihr lieben Frauen: Das ist Unfug! Männer sind wie sie sind und so, wie wir von ihnen akzeptiert werden wollen, so ist es an der Zeit, sie auch zu akzeptieren!

Frauen und Männer – beide haben im Prozess des Älterwerdens einiges zu bewältigen und nicht immer ist es leicht. Wir sollten mehr miteinander sprechen, wir sollten unsere Probleme gegenseitig respektieren und uns für das andere Geschlecht sensibilisieren. Für keinen der beiden Geschlechter ist das Älterwerden ein «Zuckerschlecken». Dessen sollten wir uns bewusst werden. Ich bin auch nicht dafür, dass man sich etwas «schön redet», sondern lediglich dafür, dass wir uns bewahren, einem positiven Blick die Gelegenheit zu geben, um uns nicht von Bitterkeit fangen zu lassen. Es ist mir durchaus bewusst, dass dies nicht immer möglich ist.

Noch eines sei hinzugefügt:

Meine Ausführungen haben KEINE Allgemeingültigkeit. Es gibt Männer, die kommen sehr gut mit dem Leben ohne Arbeit zurecht, es gibt auch Frauen, welche die Verwandlung ihres Körpers nicht stört usw., usw. Meine Gedichte sind ebenfalls keine wissenschaftlichen Abhandlungen.

Ich hätte sicher noch einiges mehr darüber schreiben wollen –  doch die Gefahr, dass ich Euch keinen Raum mehr zu Kommentaren gebe, ist mir persönlich zu hoch. Ich freue mich auf Eure Meinungen, auf Eure Erfahrungen und vielleicht hat der eine oder andere Mann gute Ratschläge für jene, für die sich das Älterwerden schwieriger gestaltet.

Zum Thema Kommentare:

Neuerdings bekomme ich Hinweise, dass mancher nicht kommentieren kann. So geriet ich in Verdacht, die Kommentare für bestimmte Personen nicht zuzulassen. Sicher, diese Personen gibt es 😉 – betraf jedoch nicht jene, die mir dann eine Mail geschrieben haben. Liebe Leute, schreibt mir eine Mail, falls das passiert, so dass ich möglicherweise Einfluss nehmen kann.

Ich danke Euch und wünsche allen eine schöne Woche und wie immer: Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Beitragsfoto:

pixabay.com/

 

 

Die Offenbarung (Morgenrot)


Die Offenbarung (Morgenrot)

Mein Leben,
es war nicht still,
nicht stumm,

heute frage
ich bitter,
warum,

hab ich getragen
so düstere
Stunden,

warum
auf dem Weg
nur Steine gefunden,

warum trug
meine Seele ein
TrauerGewand,

warum ich nur
böse Träume
fand,

ja, heute frage
ich
abgeblüht,

die Wehmut
hockt in meinem
Gemüt,

die Nacht
hat mich an den
Händen genommen,

bis das Morgenrot
ist an mein
Fenster gekommen,

hat mich
liebgoldig
umschlungen,

ist mir entschlossen
in die Augen
gedrungen,

drehte dann
zierlich sich
im Kreise,

sprach
ins Ohr mir
entzückend leise:

Es ist das
Vergangene
nicht mehr im Jetzt,

keine
alte Dorne
dich noch verletzt,

kein
modriges Wasser
taugt zum Trinken,

jedes
alte Fleisch beginnt
zu stinken,

jedes
Lied klingt
eines Tages alt,

die schönste Rose
verliert ihre
Gestalt,

in alten Kleidern
larven irgendwann
Motten,

sogar Gott zuweilen
erträgt das
Verspotten,

jede Zeit
hat ihren vergänglichen
Glauben,

auch das Heute
wird irgendwann mal
verstauben,

das Heute, ja
trägt sich
wunderbar leicht,

wenn man dem
Gestern
verzeihend entweicht,

drum beweine
nicht die
NieVollendung,

in deinem
Herzen braucht
es Wendung,

lobsingen
solltest du
jeden Tag,

der dich in
seiner Schönheit
barg,

diese Verse
sind rebellisch
wahr,

daran nähre dich
bis zum Ende
gar.

©Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“, welches im November 2017 erscheinen wird. Die Zeichnungen fertigt wieder Khalid Aouga – Autor und Künstler aus Düsseldorf – an, was mich besonders freut.

Das Gedicht wurde bisher schon mehrfach zu Lesungen vorgetragen und ist Teil meines Soloprogramms „AusgeKLINGt – Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“.

Das Beitragsfoto stellte der Fotograf Uwe Richter zur Verfügung. Hier findet Ihr seine neue Seite auf WordPress, die ich Euch empfehlen möchte:

https://minoltagrafie.wordpress.com/

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

mit diesem Gedicht wünsche ich Euch einen wunderschönen Wochenausklang und ein erholsames Wochenende.

Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Puppenmädchen


©Christine: Christine vom Blog Deine Christine – Link zu ihrem wunderbaren Blog: https://deinechristine.wordpress.com/

Puppenmädchen
Für B.

Wie es damals war, als wir Kinder waren,
weiß ich noch sehr genau:
Gänseblümchen steckten in deinen Haaren,
deine Augen verträumt im Meeresblau.

Du warst still und klug, voller Lieblichkeit,
ich war jungenhaft wild und am Plagen,
es war eine arglos fröhliche Zeit,
du warst meine Sonne in den Kindertagen.

Du spieltest mit Puppen, ich mit Soldaten,
wir waren verschieden und doch warn wir gleich,
denn wenn wir unsere Traumwelt betraten,
waren wir kleine Mädchen im eigenen Reich.

Vierzig Jahre sind inzwischen vergangen,
und ich weine und ich weine bitterlich,
die Zeit hat sich hat sich im Nebel verhangen,
mein Puppenmädchen, für dich.

Du blickst aus dem Bett, wo dein Leben jetzt ist,
du kannst nicht gehen, nichts greifen, nicht lachen,
als ob jeder Muskel in dir vergisst,
die normale verdammte Arbeit zu machen.

Das Sprechen fällt dir elend schwer,
die Krankheit ist teuflisch gnadenlos,
deine Augen sind immer noch blau wie das Meer,
und deine Stille ist größer noch als groß.

Manchmal trägt man dich in einen Rollstuhl hinein,
damit das Leben dich ein wenig zu streifen vermag,
du siehst zu, wie es ist, der Anderen Sein,
wie es ist: so ein kraftvoller Lebenstag.

Dein Haar glänzt lebendig, so wie einst,
wenn du blickst in die Lebensidylle –
durch ein Fenster hindurch (ungebrochen du scheinst)
bist du Teil dieser buntsüßen Fülle.

Ich weiß nicht, wie lang dich das Leben noch hält,
nichts weiß ich. Ich fühle mich hilflos und leer,
hab im Traum letzte Nacht die Zeit verstellt.
Auf Anfang, mein Mädchen. Für ein Immer. Und mehr.

©Sylvia Kling

Vorbereitet für meinen Gedichtband „Als die Amsel verstummte“

Erscheinungsdatum: voraussichtlich Ende 2018

Gewidmet ist dieses Gedicht allen Frauen,
die an Multipler Sklerose erkrankt sind – der Krankheit
mit den 1000 Gesichtern.

Ich danke heute besonders Christine, die mir das Beitragsfoto gern zur Verfügung stellte.

Christine wurde 1972 geboren, ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Die Diagnose MS hat sie mit 15 Jahren erhalten.

Mittlerweile lebt  sie bereits 30 Jahre mit der MS = Multiple Sklerose. Die MS hat sich nach 13 Jahren Ruhe zu Wort gemeldet und Christines Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Hier findet ihr den Blog von Christine – für Betroffene, Angehörige und Interessierte:

https://deinechristine.wordpress.com/

Ich möchte Euch folgende Geschichte nicht vorenthalten, die mich dazu bewegte, das „Puppenmädchen“ zu schreiben:

Das Leben ist …

Heute war ich unterwegs, um Vorbereitungen für die Entlassung meiner Mutti aus der Klinik zu machen. Dabei besuchte ich meine alte Heimat und den Ort, an welchem ich aufgewachsen war: Dresden.
Ich hatte Bücher als Geschenke in der Tasche und suchte meine alte Nachbarin auf, die meine Kindheit als gute Seele begleitete.
Kennt Ihr das? Es gibt Menschen, die man nie im Leben vergisst.

Anschließend wollte ich noch für meine beste Jugendfreundin Bea bei deren Eltern mein Geschenk für sie abgeben.
Wir hatten in den letzten 5 Jahren auf Grund diverser Lebensumstände, auch auf meiner Seite, den Kontakt verloren.

Ich wusste, dass Bea in den Neunzigern an MS (Multiple Sklerose) erkrankte. Als wir uns das letzte Mal hörten, lief sie an einer Krücke und klagte über massive Gleichgewichtsstörungen. Sie wohnte mit ihrem Lebensgefährten, mit dem wir gemeinsam in einem Haus aufgewachsen waren und der sie seit seinem 14. Lebensjahr vergötterte, in Bayern.
Als Schwerbehinderte hatte sie eine gute Arbeit in einem Großunternehmen, die ihr auch während ihrer Schübe und demzufolge Krankheitszeiten immer den Arbeitsplatz sicherten.

Nach 27 Jahren traf ich auf Beas Eltern, die mich nicht wiedererkannten und sich riesig freuten, mich zu sehen. Doch lange hielt die Freude nicht an, denn bald hatten wir alle, die Eltern, ich und mein Mann Tränen in den Augen.

Die Mutter erklärte mir, dass Bea ans Bett gefesselt ist. Sie kann nicht mehr zufassen, nicht mehr aufstehen, demzufolge nicht mehr laufen. Sie sieht nur noch sehr schlecht.
Ihr Gesundheitszustand hat sich in den letzten Jahren rapide verschlechtert.
A., unser Jugendfreund und ihr Lebenspartner, pflegt sie. Sie wohnen nun wieder in der Nähe unserer alten Heimat. A. hat seine Arbeit aufgegeben, um sich voll und ganz der Pflege meiner Freundin zu widmen.

„Sie mag nicht mehr“, sagte ihre Mutter. „Ich könnte den ganzen Tag, von früh bis abends weinen.“
Sie überreichte mir die Telefonnummer von Bea.
„Sylvia, vielleicht kannst Du etwas erreichen? Sie lässt uns nicht mehr an sich ran. Niemanden lässt sie ran, nur noch A. Ich glaube, sie gibt auf.“

Betreten stand ich in ihrem kleinen Korridor, wo ein Foto von Bea hing. Es war aus neunziger Jahren und ich erkannte sie sofort.
In diesem Moment hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Ich bin kein Mensch vieler Tränen. Weinen ist etwas, was ich nicht so gut kann. Ich weine eher in meinen Worten.

Ewig war ich nicht mehr in diesem Haus mit der Nummer 93. Jetzt gibt es dort einen Fahrstuhl. Viel hat sich verändert, auch die Menschen darin. Alt sind sie geworden, kämpfen gegen den Krebs, leben mit den Folgen von Herzinfarkten und Muskelabbau.

Ich versprach Bea Mutter, gleich morgen Bea anzurufen. Dieses Versprechen werde ich halten.

Still war es dann im Auto. Ich starrte aus dem Fenster. Mein Magen krampfte sich zusammen. Wenn ich doch nur heulen könnte!
Unbeschreibliche Wehmut kroch in mir hoch, eine unsagbare Trauer.

Ich sah den Park, der sich gleich gegenüber unseres Hauses befand. Dort spielten wir gemeinsam, wollten Kriminelle jagen, die es nicht gab, suchten Kastanien, fuhren im Winter Schlitten, klauten in den angrenzenden Gärten Kirschen.

Bea war mein Pendant. Sie war eher ein ruhiges, ausgeglichenes Mädchen und immer ein wenig langsam – auch in ihren Entscheidungen. Ich dagegen war temperamentvoll, ein wahres Energiebündel, sprühte vor Ideen (die sie nicht immer verstand …), wollte sie unbedingt mitreißen in meine Welt der Phantasie und der Erlebnisse.

Wenn es Bea zu viel wurde, bremste sie mich und meistens sah ich dann ein, dass ich wohl übertrieb. Ich liebte sie, gerade weil sie so still und überlegt, so ganz anders als ich, war.

Ich sah Bea vor mir: mit ihren klaren, blauen Augen, ihren brünetten Locken, ihrer schlanken Gestalt. Ich sah Bea, wie sie den Puppenwagen durch den Park schob und dann in den Busch zum Austreten gehen wollte. „Passt Du bitte auf meinen Puppenwagen auf?“, fragte sie.
„Na gut“, sagte ich halbherzig und stellte mich einen Meter von dem Wagen entfernt hin, stocksteif, die Hände salopp in die Hosentaschen gesteckt. Meiner Auffassung nach reichte das vollkommen.
„Nee, Du musst ihn schon anfassen!“, bestand Bea darauf, schob den Puppenwagen vor meine Beine und sah mich herausfordernd an. Wenn es um ihren Puppenwagen ging, kannte sie keine Gnade.

„Was?“, rief ich entsetzt aus. „Ich soll das komische Ding hier aaaaaaanfassen?“, schüttelte ich mich, um meine Aussage dramatisch zu bekräftigen.
Ich hielt nichts von Puppen und solcherlei Mädchenspielzeug und fasste das „Zeuch“, wie ich es abfällig nannte, auch nicht an.
Im Falle von Bea und mir zogen sich die Gegensätze in der Tat an, wie ein Sprichwort besagt.
Jetzt sah ich UNS. Nicht mehr die Strenge dieses Lebens. Nicht mehr unsere verstreuten Jahre. Nicht mehr die Wehmut oder die Zweifel.

Danach fuhren wir in die Klinik zu meiner Mutter. Ich hätte noch mehrere Stunden Auto fahren können, um meinen Gedanken und Gefühlen nachzuhängen. Meine Gedanken überschlugen sich. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Zu den Menschen, die alles so hinnehmen, wie es ist, gehöre ich nicht.
Als ich sie anrief, musste ich jede Träne, die rollte, unterdrücken. Sie kann kaum noch sprechen (ihre Sprache gleicht der einer Schlaganfallpatientin). Sie kann kaum noch zufassen. Sie liegt fast ausschließlich oder wird mit dem Rollstuhl gefahren. Es geht ihr sehr schlecht. Die MS hat einen schnellen Verlauf genommen. Sie hat ihr häßlichstes Gesicht gezeigt.

Meine Bea, meine zarte, feine und sensible Bea.
In diesem Moment, heute, fühle ich mich hilflos. Nichts wird noch so sein wie es mal war.

Wir sollten Demut lernen. Jeden Tag aufs Neue. Wir sollten jeden Tag, den wir gesund verbringen, als ein Geschenk betrachten.

Aber:
Warum ist dieses Leben manchmal so ein Schwein?

©Sylvia Kling

Zur Krankheit Multiple Sklerose:

  • Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft
  • Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer. Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen 20 und 40 Jahren
  • Ursache ist vermutlich eine Autoimmunreaktion: Das Immunsystem greift fälschlicherweise körpereigene Strukturen an, in diesem Fall die Hüllschicht der Nervenfasern
  • MS ist „die Krankheit mit den vielen Gesichtern“, da die Symptome so vielfältig sind
  • Die Krankheit verläuft zunächst häufig in Schüben und kann später in eine chronisch fortschreitende Form übergehen. Es gibt verschiedene Verlaufsformen
  • MS lässt sich bislang nicht heilen. Die Therapie zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern

Quelle: http://www.apotheken-umschau.de/Multiple-Sklerose

Ich danke allen, die sich die Mühe gemacht haben, diesen Beitrag bis zum Ende zu lesen. Habt eine wunderbare Woche.

Eure Sylvia Kling

Worte und Lieder


Es handelt sich um eine erste Probeaufnahme von „Kinder (Kleine Hände)“ der Liedermacherin Bettina Wegner.

 

Heimat

Heimat,
welch großes Wort,
ein Zuhause,
eine Liebe,
ein ewiger Ort,

könnt ich dich
nur finden,
die Freiheit,
mein Ich,
mein Sein,
wo mich denn
getroste binden,
in ein Stückchen
Ewigkeit hinein,

wachen Geistes,
zeitfern und real
mich niederlassen,
offenbaren −
mit meinen Schmerzen,
meiner Qual,
mit meinen Freuden,
mit meinen ganzen
fünfzig Jahren,

selbst die Stadt,
in deren Schoße
eines Tages ich
ergraute,
zeigt zuweilen mir ein
KaltGesicht,
die ich liebte,
ihr vertraute,
meine Spuren sind
dort längst verwischt,

Heimat
nirgends,
nirgends fühl ich mich
zu Hause − gehe,
doch ich
kehre niemals heim,
Heimat, die mich
niemals verstehe,
solltest du mich finden,
so lad mich auf die
letzten Jahre ein!

©Sylvia Kling

Ich verweise ausdrücklich auf die Urheberrechte (siehe Impressum).

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger,

endlich gelingt mir heute wieder einmal ein Beitrag. So habe ich Song und Worte in einen Beitrag „gepackt“. Das Gedicht ist ein Auszug des Buches „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“, welches im November erscheinen wird.

Ich möchte Euch auch auf meine/unsere nächsten Programme hinweisen. Die Termine findet Ihr hier:

https://sckling.wordpress.com/lesungentermine/

Ich hoffe, es ist Euch gut ergangen, Ihr hattet eine schöne Sommerzeit und seid gesund. Allen meinen Lesern möchte ich heute ganz besonders danken für die Treue und die Freude, die Ihr mir mit Kommentaren und Zuspruch macht. Daraus schöpfe Mut und Kraft – gerade in Zeiten, in denen die Kraft nicht selbstverständlich ist.

Passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

 

 

Zurück ist: Das törichte Weib


Ach, welch töricht Weib ich doch bin,
ich, die mit dem vollen Haar und dem spitzen Kinn,
glaub ich noch an die Kunst und deren Mühe,
rühre worteseifrig in manch öligdunkler Brühe,
hör den Narren zu und auch den Weisen,
den Jungen ebenso, wie den Greisen,
meid den Abgrund, mag das Ebne eher,
fühl mich nicht dem Mond, nur der Sonne näher,
nähre inniglich mich von Wiesen, Bächen und Gesang,
hab zu schwachen Wesen einen SeelenHang,
will die alten Lehren nicht verlieren,
stoß mich an so manchem unverständlich Gieren,
will im Puls der Worte jauchzen, klagen,
stelle immer wieder bohrend Fragen,
lege meine Augen in Geschriebnes von Gelehrten,
hänge auch an alten, längst vergessnen Werten,
will der ErdenFäulnis elenden Geruch
wickeln in ein wohlriechend SeidenTuch,
bete keinen Gott an, weil ich an den Menschen glaube,
der mir nun in aller Schändlichkeit den dummen Edelmute raube,
ach, welch töricht Weib ich doch bin,
mit den MenschenTräumen in mir drin,
ich, die mit den Worten weint und schmachtet −
Wie kann man nur lieben, was man doch so verachtet?

Copyright: Sylvia Kling

Auszug aus dem Lyrikband „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ – geplante Veröffentlichung im November 2017 –

Das Gedicht ist Teil des Programms „Poetisch-musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche“ sowie meines Soloprogramms (siehe Termine) „Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“.

Kopieren meiner Texte oder Fotografien ist nicht gestattet (siehe Impressum)!

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger ;-),

nach meinem Urlaub melde ich mich – nicht (un)beschadeter als zuvor – zurück und grüße Euch herzlich. Meine Gedichte für diesen Blog wähle ich stets intuitiv aus – so auch heute.

Ich erinnere mich daran, wie mich in Italien auf einem Campingplatz die Nachrichten über Hamburg erreichten, an mein Entsetzen, meinen Unglauben. Dichtern wird oft nachgesagt, sie seien Idealisten. Ich nenne mich „realistische Idealistin“ – ein klein wenig Wortspielerei kann ich mir nicht verkneifen. Wer meine Arbeiten schon länger kennt, weiß, dass ich das in der Tat bin. So geht das lyrische Ich in dem Gedicht „Das törichte Weib“ mit meinem Ich eng umschlungen.

Ich hoffe, Ihr seid gesund und erfreut Euch trotz aller Widrigkeiten, die uns allen das Leben bietet, am Sommer und den Möglichkeiten, die uns diese Jahreszeit offenbart.

Mit einem Zitat von Erich Maria Remarque aus „Die Nacht von Lissabon“ möchte ich diesen Beitrag beenden:

„Jeder ist für Frieden, wie immer – kurz vor der Katastrophe.“

Eure Sylvia Kling