«Ostwestalgisch» oder Die Eierschecke der Sachsen ist in Gefahr!


 

OstWestalgisch

Was wir alles schon vergaßen,
was wir in den Büchern lasen,
welche Lieder wir einst sangen,
wie der Lehrer Worte klangen,
Badeöfen und feuchtkalte Räume,
auch freiheitliche Träume,
große Schritte auf rotem Asphalt,
Großvaters kriegsgebeugte Gestalt,
Kritiker hinter Gittern saßen,
was wir alles schon vergaßen,

Marx und Engels als Steinmonument,
rote Lieder, das blaue Hemd,
Mauern rings um unser Land,
in dem sich ein klammes Regime befand,
immer Arbeit, hausreiche Kost,
gebogene Balken und Nägel mit Rost,
von Unzufriednen Klagen und Stöhnen,
hinter verschlossenen Türen Verhöhnen
der Sozialistischen Einheitspartei,
und deren Diktat− so wenig frei,
immer diese zwanghaften Phrasen,
was wir alles vergaßen,

als die Mauer endlich fiel,
beendet wars geduckte Spiel,
Häuser wurden hübsch saniert,
Eigentum zurückgeführt,
leise Stimmen wurden laut,
grüne Wiesen mit Kästen bebaut,
Ostbetriebe rasch ihr Ende fanden,
gesunde Menschen auf der Straße standen,
wo sie sich auf Ewig schämten,
sich als freie Greise grämten,
gutes Essen, nun recht teuer,
eine dicke Mehrwertsteuer,
Bananen endlich in Hülle und Fülle,
feine Kleider, edle Tülle,
was wir nur alles vergaßen,

Freiheit über alle Maßen,
eigene Kinder zurückgelassen,
um im Westen Fuß zu fassen,
da zahlte man hohe Preise,
für so manche weite Reise,
von zwei schwarz‐weißen Fernsehsendern
zu hunderten aus vielen Ländern,
in denen die Wahrheit kommt zu Wort,
auch Triviales findet sich dort,
wir müssen nicht mehr am 1. Mai zur Demo gehen,
für alles und nichts kann unsre Fahne wehen,
denn heute ist die Auswahl groß,
wir haben das vergessen bloß!

Wir sollten eben nicht vergessen…
«beim Hungern und beim Essen»,
auch wenn es uns erschreckt:
Heut und damals. Nichts ist perfekt.

©Sylvia Kling

Das Gedicht wird 2018 in meinem Buch «Als die Amsel verstummte» mit weiteren, ca. 120 Gedichten erscheinen und ist Teil des Programms «Poetisch-musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche». Es wird  von HC Schmidt und mir gelesen – die Interpretation sollte man sich nicht entgehen lassen.

Liebe Leser, Freunde und Besucher,

es hat einige Tage gedauert, ehe ich das Wahlergebnis der Bundestagswahl verkraftet habe. Wie wir inzwischen alle wissen, erreichte die AfD in Sachsen die meisten Stimmenanteile (27%). Manche hatten dies, sowie das bundesweite Wahlergebnis, kommen sehen, manche waren auch überrascht. Wie es auch sei: Wir müssen das so akzeptieren. Inzwischen ist mein Fazit zu der hohen Prozentzahl der AfD-Wähler in Sachsen noch lange nicht abgeschlossen.

Nur eines ist sicher und wird von vielen dieser selbsternannten «ERFORSCHER» außer Betracht gelassen: Ein erheblicher Grund reicht bis in die DDR zurück!

Wie kann das sein? Die Wende ist doch schon so lange her?  Ich bin keine Politikerin, keine Journalistin. Doch ich lebe seit 50 Jahren in Sachsen, bin in der DDR aufgewachsen, habe die Wende und damit auch die Sorgen und Ängste der Menschen in und um Dresden hautnah erlebt. Ich höre auch heute noch zu!

Es ist den ehemaligen Bürgern der DDR kaum Zeit für eine Aufarbeitung gegeben wurden. Die Wende war von ihnen gewünscht: sicher. Doch kaum war sie vollzogen, sind die ehemaligen DDRler mit einem völlig fremden System konfrontiert worden, welches sie nicht einmal im Ansatz kannten. Gerade im «Tal der Ahnungslosen» (Dresden und Umgebung) war es nie möglich, den Medien in der BRD zu folgen. Man kannte nur die Fernsehsender «DDR 1» und «DDR 2», man kannte nur die Berichte aus der Fernsehsendung «Der schwarze Kanal» und den Nachrichten, in welchen die BRD, der Kapitalismus, verteufelt worden sind. Man lebte eingesperrt, konnte außerhalb der Wohnung (und nicht einmal dort war man sicher!) keine Systemkritik üben, man konnte keine anderen Länder außer die sozialistischen Staaten besuchen. Selbst wenn ich als Volljährige zu meiner Verwandtschaft nach Ungarn fahren wollte, brauchte ich meinen Vater als Bürgen. Beim Meldeamt in Dresden musste dieser erscheinen und erklären, dass ich systemtreu sei und nicht im Geringsten die Absicht habe, die DDR zu verlassen. Betrieben wurde dieses Vorgehen von der Stasi oder denkt hier jemand, die hätten bei solchen beabsichtigen Reisen nicht ihre Hände im Spiel gehabt?

Wir wussten nicht, wie es draußen in der Welt zuging. Wir wussten gar nichts. Wir wussten, dass wir uns schnell in die Spur begeben mussten, wenn es einmal im Quartal Bananen im Angebot gab und uns stundenlang anstellen mussten, damit wir unsere Zuteilung für die Familie erhielten. Wir wussten auch, dass wir dennoch nie verhungern würden. Wir hatten unsere Arbeit sicher und keine erheblichen Sorgen:

solange wir dem Sozialismus treu waren und uns nicht mit der Stasi anlegten.

Das war unser Leben. Ein Leben in einem nicht einmal goldenen Käfig. Unser Blick im «Tal der Ahnungslosen» konnte sich nie wandeln. Er ging nur in eine Richtung. Er hatte keine Möglichkeit, sich für andere Länder, andere Sitten, andere Gegebenheiten, andere Gesellschaftsordnungen zu öffnen. Und nun kam alles ganz anders. Viele Bürger haben mit der Wende ein wesentlich besseres Leben erhofft. Reisen war nun endlich möglich und eine Demokratie. «Leise Stimmen wurden laut» schreibe ich hier in meinem Gedicht «Ostwestalgisch» .

Ja! Endlich war es möglich, sich mit gut duftenden Lebensmitteln zu versorgen, die man zuvor nur aus dem Intershop kannte! Ich selbst ging als junges Mädchen oft in den Intershop – nur um diesen «sauberen» Geruch wahrzunehmen und diese Vielfalt hatte für mich den Anschein eines Schlaraffenlandes: weg von dem Grau-in-Grau unserer Kaufhallen in das Bunte, in das Leben hinein. Geld hatte ich keines, mir dort etwas zu kaufen. Doch oft träumte ich von den runden, bunten Kaugummis.

Die Wende war ein wahres Fest. Doch es kam bald die Ernüchterung: Arbeitslosigkeit, geringerer Lohn, geringere Rente, hohe Mieten und vieles mehr.

Für viele Menschen begann ein Verlust der eigenen Identität!

Soll all das eine Rechtfertigung sein? Mitnichten! Aber wenn wir etwas verstehen SOLLEN, dann sollten wir uns schon die Mühe machen, es verstehen zu WOLLEN.

Ich vergleiche es mit einem eingesperrten Menschen: Jahrelang ist er im Keller eingesperrt und dann wird er frei gelassen. Was glaubt Ihr, was dann passiert? Er freut sich auf die Freiheit, das Licht blendet ihn, die Gerüche der Freiheit benebeln seine Sinne.

Doch es wird nicht lange dauern, dass er eben mit dieser Freiheit überfordert sein wird: mit der Vielzahl der Eindrücke, mit völlig neuen Lebensumständen. Er muss sich neu orientieren. Er war ein Opfer! Und: Er braucht Hilfe!

Genau diese Hilfe ist den Menschen im «Tal der Ahnungslosen» und allgemein in den neuen Bundesländern nicht ausreichend zuteil geworden. Ruckzuck – und fertig!

Aus dieser «Opferhaltung» haben sie nie herausgefunden!

Nun keimt in diesen Zeiten in den Menschen Angst auf, wieder einzubüßen, wieder benachteiligt zu werden, wieder um alles kämpfen zu müssen. Mit diesen Sorgen werden sie allein gelassen. Die etablierten Parteien pfeifen auf den Osten – für sie scheinen die Ostler nur geduldet – nicht jedoch ernst genommen, nicht gehört. So formieren sie sich auf der Straße und Parolen mit dem nicht gern gehörten sächsischen Dialekt gehen durch die Presse. Der Sachse wird belächelt, sogar massiv ausgelacht – zumeist nicht grundlos. Auch ich schäme mich nicht selten für die Kleingeistigkeit mancher Sachsen!

Viele Spekulationen werden durch die sozialen Medien gejagt. Manche wollen sich mit diesen profilieren, manche wollen einfach nur die Hintergründe erforschen. Warum jetzt erst? Warum macht man sich erst dann die Mühe, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist?

Mein Aufenthalt auf Facebook wird sich auf Grund der Vielfalt der Säue, die wöchentlich «durchs Dorf gejagt werden» deutlich verringern. Am 26.09.2017 postete ich:

«“Achtung Urlauber: Sachsen ist ab sofort kein sicheres Reiseland mehr!“
Aber AfD-Wähler aus der Freundesliste „entfernen“! Ich las bei einem Freund sogar „Habe sie eliminiert.“ Ist Euch das nicht selbst zu blöd?
Oder dieser Ansgar Meyer, der Sachsen auf Twitter mit Atommüll vergleicht!
Ist noch alles okay?
Ihr seid keinen Deut besser mit solchen undifferenzierten Aussagen!
Ich möchte mit intelligenten Menschen befreundet sein!
Soll ich jetzt schreiben: „Wer nun Sachsen-Bashing betreibt, möge sich aus meiner Freundesliste entfernen“?»

Es gibt auf Facebook inzwischen einen Link, auf welchem man AfD-Liker unter seinen Freunden erkennt und diese dann aus der Freundesliste entfernt. Wie weit soll das alles noch gehen? Wer so etwas tut, hat nicht nur offenbar nie in einem solchen System gelebt, sondern riskiert, dass wir bald nicht mehr frei unsere Meinung kundtun dürfen! Ich, in der DDR aufgewachsen, äußerte mich auf Facebook dazu:

«Was, wenn der Spieß mal umgedreht wird?
Was, wenn uns hinter geschnüffelt wird?
Wer likt die Linke, wer likt die Homos, wer likt WAS?
DAS ist der entscheidende Punkt, Leute!
Ihr wollt Freiheit und Demokratie?
Diese könnt Ihr nicht nur für EUCH beanspruchen!
Lebt sie für alle.»

Das Niveau scheint sich auf Facebook immer weiter zu reduzieren. Ich möchte diesem Trend nicht folgen. Weiterhin bleibe ich mit meinen Freunden und den Künstlern verbunden, werde auch hin und wieder eine meiner Arbeiten/Links zu Videos o.ä. posten. Doch meine Zeit opfere ich nicht mehr für Menschen, die nur den «Like-Schalter»  betätigen oder dabei sind, die Säue bis hin zur Erschöpfung zu jagen! Ich möchte meine Kunst vor allem in der Realität darbieten und dort auch meine Kraft weiterhin für Werte wie Frieden und Menschlichkeit investieren.

Meine Leser wissen: Es fällt mir nicht immer leicht, hier zu leben. Und doch ist es meine Heimat. Ich habe 40 Jahre meines Lebens in Dresden verbracht: einer bezaubernden Stadt mit einer besonderen Geschichte. Sicher: Die Sachsen sind ein sehr eigenes Völkchen: Immer auf ihre Ruhe und Gemütlichkeit bedacht und alles, was dieser zu schaden droht, hat in ihrem Leben und Alltag keinen Platz. »Dor Kaffee un de Eierschecke und alles is guddi!»

In diesem Sinne, liebe Freunde und Leser – bleiben wir aufmerksam und folgen nicht nur dem Medienhype, sondern machen wir uns auch die Mühe, die Psychologie der Menschen nicht außer Acht zu lassen – denn bei allem politischen Gerangel ist diese ein entscheidender Faktor!

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende,

Eure Sylvia Kling

 

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„Verlautbarung“ – das Älterwerden als Tücke oder können wir unseren Blick (ver)wandeln?


Du sehnst dich nach der Jugend,
wo nichts stille stand,
die Sterne golden dich umkreisten,
du sehnst dich nach der alten Kraft,
durch lange Nächte
schöne Träume reisten.

Du sehnst dich nach
dem unbeschwerten Fühlen,
in Ungebändigkeit so schön,
kein Sturz und Bruch,
kein elend Niederfallen
mit schmerzendem Gedröhn.

Du sehnst dich nach
der reinen Haut,
den jungen Brüsten,
so unverdorben weich,
nach ungestümen,
drängenden Gelüsten.

Du sehnst dich
nach dem NochNichtsAhnen,
nun ist der erste Kuss schon längst vergessen,
doch:

junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.

©Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „BruchStücke“, Band I

https://www.amazon.de/BruchSt%C3%BCcke-Sylvia-Kling/dp/3741841145

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

nach dem letzten Gedicht »Offenbarung (Morgenrot)« entstand eine unglaubliche Welle von Meinungen und Kommentaren, auch persönliche Mails erreichten mich. Ich bin froh, dass wir dazu imstande sind, das Thema des Älterwerdens miteinander zu diskutieren, Meinungen anderer zu respektieren.

Mit »Verlautbarung» schreibe ich im letzten Vers:

«doch junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.»

Das ist meine Sicht der Dinge. Mich zum Beispiel muntert es unglaublich auf (und ich habe einige gesundheitliche Probleme), wenn mir junge Menschen zuhören, wenn sie meine Meinung hören wollen. Oder wenn manche mich ignorieren (ja, selbst das), weil sie wissen, dass sie sich mit „meinen Segeln“ nicht messen können. Wenn ich weiß: Ich habe so viel schon erlebt, dass es für zwei Leben reichen würde und begegne anderen Menschen nicht mit Arroganz, sondern mit Reife und Weisheit.

«Glaubst du denn, die andern altern nicht?

Sie würden jeden Morgen fröhlich singen?

Sieh die Zeit einfach als Lebenston.

Nur durch dich kann würdevoll er klingen.»

schreibe ich in dem Gedicht Zeitenlauf am Ende. Ist es so leicht? Setze ich hier einem Irrtum auf, meinem Wunschdenken, liebe Freunde und Leser?

Ich möchte in meinen Gedichten aufzeigen, aber auch aufmuntern – gelingt mir das? Wie könnte ich so anmaßend sein, dies zu glauben?

Männer und Frauen werden unterschiedlich alt.

Das ist beinahe doppeldeutig. Um es eindeutig zu formulieren:

Es gibt zwischen Frauen und Männern im Alterungsprozess erhebliche Unterschiede. Habt Ihr Euch mit dieser Thematik schon einmal auseinandergesetzt?

Eine gute Freundin und Autorin berichtete mir, dass ihr Mann seit dem Wegfall (Renteneintritt) seiner Arbeit an Antriebslosigkeit – ja, teils sogar Depressionen – leidet. Sie schrieb weiter, dass es viele Männer um die 70 aus ihrem Bekanntenkreis betrifft. Warum das so ist – fragt man sich das auch? Werden wir nicht noch immer, in dieser fortschrittlichen Welt voller geistiger und wirtschaftlicher Reichtümer, mit Klischees konfrontiert? Der Mann muss stark sein («Indianer kennen keinen Schmerz»), er muss arbeiten:

Immerhin hat er seine Familie zu ernähren und daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert – man sehe auch auf die Gehaltsunterschiede in gleichen Positionen von Männern und Frauen (!), er muss bauen (das Nest) und er muss zeugen, für Nachwuchs sorgen, seinen Namen und seine Gene weitertragen.

Was geschieht jedoch, wenn all das nicht mehr Teil seines Lebens ist? Worüber definiert sich der Mann nun? Wie fühlt sich der Mann, wenn ihn die Gedanken ereilen, nutzlos geworden zu sein?

Die Frau:

 

Kennt Ihr das Buch »Frauen und Bücher» von S. Bollmann? Frauen waren die ersten, die Bücher lasen und von Männern und der Gesellschaft ausgelacht worden waren. Frauen waren bereit für tiefgründige Gespräche und Betrachtungen, Frauen wollten schon immer «mitmischen». Warum nicht?

Wir wissen: Fast jede Frau, die bis zum 50. Lebensjahr auf Grund gesundheitlicher Probleme ihre Gebärmutter oder/und den/die Eierstock/Eierstöcke verliert, fühlt sich nicht mehr «als richtige Frau». Sie weiß zumeist, dass sie ohnehin kein Kind mehr zur Welt bringen möchte, doch das ändert nichts an ihrem Gefühl. Mir persönlich ging es so. Ich war 43 Jahre alt und hatte bereits drei Kinder. Äußerst seltsam fühlte ich mich, wie «unvollständig», «unweiblich» – ja: alt. (Diese Gefühle hielten allerdings infolge der Verbesserung meiner allgemeinen physischen Verfassung nicht lange an.)

Die Frau weiß auch, dass das Klimakterium nicht mehr fern ist. Dieses ist wiederum häufig mit Gewichtszunahme, teilweise auch Depressionen und manchmal sogar mit sozialem Rückzug verbunden. Der eigene Mann dreht sich immer häufiger nach «Frischfleisch» um. Kein gutes – sogar ein erniedrigendes Gefühl für die Frau!

Die Frau jedoch sucht einen Arzt auf, bespricht es oft auch mit einem Therapeuten. Sie will darüber hinweg kommen. Sie will leben, erleben, sie will sich wieder gut fühlen – hat sie auch einige Kilos mehr auf den Rippen. Keine Frau möchte sich unattraktiv fühlen. Warum ist das so? Unattraktive Menschen werden in dieser Gesellschaft nicht so gern gesehen. Das ist eine Tatsache, die nicht verschwiegen werden darf!

Frauen wurden und werden eher über ihr Aussehen, doch nicht über ihre Arbeitskraft definiert – immer noch. Vor Frauen, die im Berufsleben Leistungen erbrachten, hatte man schon immer eher Angst, als dass man sie dafür bewunderte. Sie erbringen Leistungen und das ist gut so. Doch sie werden NICHT darüber definiert. Können sie aus biologischen Gründen kein Kind bekommen – dann ist das so ähnlich, als würde der Mann seine Arbeit verlieren.

Frauen können sich auch zu Hause beschäftigen. Sie lesen, sie haben Freundinnen, sind vom Grund her extrovertierter, sprechen unter Freundinnen über ihre Probleme, sie gehen shoppen, sie reisen gern, sie schmücken ihr Nest. Eine Frau, die vor einem Jahr in Rente gegangen ist, berichtete mir:  «Endlich kann ich alles machen, was mir gefällt und wofür ich nie Zeit hatte. Die Kinder sind längst aus dem Haus und ich muss mich nicht am Sonntag ausruhen, um am Montag die neue Arbeitswoche zu schaffen. Ich kann Ausflüge machen, wann und wohin ich will, ich kann lesen und malen.» Ihr Hobby hatte sie ihr Leben lang an den Nagel hängen müssen. Es blieb ihr einfach keine Zeit dafür.

Was tun Männer?

Der Absatz tut Not.

Heute noch scheut sich der inzwischen reife Mann, mit »Ärzten oder Therapeuten« darüber zu sprechen. Jenes ist schließlich «Weiberkram». Woher kommt diese eingefahrene Einstellung? Wer hat das den Männern eingetrichtert? Ist es die Erziehung, die Gesellschaft, die eigene Normvorstellung oder ist es Scham?

Komme ich nun zum Thema Sex.

Sex »im Alter« sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein. Die durchschnittliche reife Frau von heute definiert sich zumeist nicht über ihre sexuellen Aktivitäten. Sie kann – man hört es oft – «auch ohne leben». Sie kann den Orgasmus vortäuschen, sie kann sich mit wenig zufrieden geben. Sie hat »ihr Soll erfüllt«, Kinder geboren und erzogen. Vielleicht ärgert sie sich über erschlaffende Haut, über ihre «Hängetitten» (Sabine – verzeih, ich musste das übernehmen, dieses Aussprechen scheint mir doch zu liegen 😉 ). Ist es so, liebe Freunde und Leser?

Aber: Wir sind schon lange revolutionär – auch auf diesem Gebiet. Das nämlich gibt es auch:

In diversen Plattformen tümmeln sich Frauen, die es gar nicht einsehen, auf Sex zu verzichten. Sie wollen ausprobieren, sie wollen sich nicht mehr schämen, sie wollen Bewunderung, Berührung, sich selbst erleben. Sie wollen wissen, wie sie sind – ohne Einschränkungen und ja, sie brüllen sich beim Orgasmus auch schon mal die Seele aus dem Leib.

Doch: Das ist nicht der überwiegende Teil der Frauen.

Wie ist das beim Mann?

Im Alter haben mehr Männer Potenzschwierigkeiten, als den Frauen offenbar bekannt ist. Auch das sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein! Für den Mann ist das der Verlust der Männlichkeit. Für den Mann ist das ein unglaublicher Verlust seiner männlichen Attraktivität. Vielmals führt es auch zu Depressionen und sozialen Defiziten. Er zieht sich zurück. Ein alleinstehender Mann sehnt sich jedoch auch nach körperlicher Nähe, nach Berührungen, nach Sex. Wie sollte er seiner Angebeteten mitteilen: »Liebes, ich muss dir etwas sagen. Wir können gemeinsam etwas unternehmen. Aber Sex kannst du vergessen. Ich kriege ihn nicht mehr hoch.« Welcher Frau würde das gefallen und WENN sie es akzeptiert, dann geschieht es aus Liebe. Aber ändert dies das Gefühl des Mannes – das Gefühl zu sich selbst?

Der Mann ruft nicht seinen Kumpel an, mit dem er Skatrunden bestreitet, um ihm zu erzählen, dass er Potenzprobleme hat. Und sind wir doch mal ehrlich: Welcher Frau würde das gefallen? Wie schnell sind Frauen mit der Meinung: »Was ist das für ein Weichei?« In einem Gedicht »Die WunschInnen« beschreibe ich das und so mancher Frau dürfte das nicht gefallen. Eine kleine Kritik an der Frau sollte mir doch gestattet sein. Man kann sich keinen Mann wünschen, der weint wie sie, der fühlt wie sie, der weich ist wie sie, um ihn dann als «Weichei» abzustempeln. Einen Alpha-Mann haben zu wollen und einen Beta-Mann daraus machen zu wollen? Nein, Ihr lieben Frauen: Das ist Unfug! Männer sind wie sie sind und so, wie wir von ihnen akzeptiert werden wollen, so ist es an der Zeit, sie auch zu akzeptieren!

Frauen und Männer – beide haben im Prozess des Älterwerdens einiges zu bewältigen und nicht immer ist es leicht. Wir sollten mehr miteinander sprechen, wir sollten unsere Probleme gegenseitig respektieren und uns für das andere Geschlecht sensibilisieren. Für keinen der beiden Geschlechter ist das Älterwerden ein «Zuckerschlecken». Dessen sollten wir uns bewusst werden. Ich bin auch nicht dafür, dass man sich etwas «schön redet», sondern lediglich dafür, dass wir uns bewahren, einem positiven Blick die Gelegenheit zu geben, um uns nicht von Bitterkeit fangen zu lassen. Es ist mir durchaus bewusst, dass dies nicht immer möglich ist.

Noch eines sei hinzugefügt:

Meine Ausführungen haben KEINE Allgemeingültigkeit. Es gibt Männer, die kommen sehr gut mit dem Leben ohne Arbeit zurecht, es gibt auch Frauen, welche die Verwandlung ihres Körpers nicht stört usw., usw. Meine Gedichte sind ebenfalls keine wissenschaftlichen Abhandlungen.

Ich hätte sicher noch einiges mehr darüber schreiben wollen –  doch die Gefahr, dass ich Euch keinen Raum mehr zu Kommentaren gebe, ist mir persönlich zu hoch. Ich freue mich auf Eure Meinungen, auf Eure Erfahrungen und vielleicht hat der eine oder andere Mann gute Ratschläge für jene, für die sich das Älterwerden schwieriger gestaltet.

Zum Thema Kommentare:

Neuerdings bekomme ich Hinweise, dass mancher nicht kommentieren kann. So geriet ich in Verdacht, die Kommentare für bestimmte Personen nicht zuzulassen. Sicher, diese Personen gibt es 😉 – betraf jedoch nicht jene, die mir dann eine Mail geschrieben haben. Liebe Leute, schreibt mir eine Mail, falls das passiert, so dass ich möglicherweise Einfluss nehmen kann.

Ich danke Euch und wünsche allen eine schöne Woche und wie immer: Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Beitragsfoto:

pixabay.com/

 

 

Regentag – und die Permanentgrinser


 Ob der Frühling verschlafen hat? Vielleicht schlummert er zwischen zwei Linden?  Immer wieder ist es trübe, Regen fällt und die Sehnsucht nach Wärme lässt sich von Tag zu Tag intensiver spüren. Was könnte man tun, um sich aufzurichten? Haben wir einen Tag, an dem es uns möglich ist, etwas Phantasie zu entwickeln, könnte es so sein:

 

RegenTag

Wie Silberfäden der Regen heute auf mich fiel,
ich fror,
nach kurzer Zeit ward ich durchnässt,
so stellte ich mir vor,
ich wär von jedem Tropfen wie von einem Edelstein besetzt.

Auf dem einzig Teich im ganzen Dorf
prallten Diamanten nieder,
kleine Frösche hüpften gar vergnügt vor meinem Schritt,
plötzlich brannten meine Glieder,
in meinem Herzen ging die Sonne
mit einem Male mit.

 Copyright Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „AufBruch“

 

Liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

ich wünsche Euch einen guten Wochenstart.

Einige Gedanken an diesem Montag von mir – zwischen den Umzugskartons hervorgelugt:

Von zu viel (oder besser formuliert: übereifriger oder falsch interpretierter) Spiritualität halte ich nichts. Menschen, die mir suggerieren wollen, ich müsse wirklich permanent lachen und in jedem stinkenden Misthaufen etwas Positives sehen, sind mir suspekt. Menschen, die immer lachen/lächeln, als hätte man ihnen die Mundwinkel an den Ohren festgeklammert, empfinde ich zweifelhaft. Sie sind mir zu undurchsichtig.

Auf mich wirken Permanentgrinser zuweilen grotesk.

Jeder Mensch hat Sorgen, Nöte, Probleme. Das Leben ist so und ich mag Menschen, die sich das eingestehen können. Ich möchte auf dem Gesicht eines ernsthaften Gegenübers auch Mitgefühl, Zweifel, Trauer, Nachdenklichkeit erkennen können. Wie kann ich sonst angemessen auf ihn reagieren? Wie sonst kann eine realistische Kommunikation zustande kommen?

Wenn wir auch mit „Lebensspuren“ (Falten ist solch ein negatives Wort 🙂 ) rechnen müssen: Das ist es mir wert, wenn ich schlicht und ergreifend MENSCH sein will und mit MENSCHEN leben will – mit Höhen und Tiefen, mit allen Emotionen, die das Leben in uns hervorruft.

Ich kann die Probleme und Nöte nur dann bearbeiten, wenn ich mich ihnen stelle – nicht aber, wenn ich sie hartnäckig weglache und mich selbst betrüge.

Man muss seine Stimmungen nicht auf dem Gesicht für Jedermann sichtbar tragen – wir brauchen im Alltag eine gewisse Maske zu unserem eigenen Schutz. Es ist immer das Maß das Maß aller Dinge.

Ich bin dafür, dass man versucht, positiv zu denken. Ich weiß aber auch: Es ist nicht jeden Tag und in jeder Situation möglich.

Nichts ist menschlicher als Menschlichkeit.

Ich grinse aus verschiedenen Gründen eben diese Tage NICHT oder nicht oft. Das RECHT nehme ich mir.

Weil ich Mensch bin. 

Habt es gut und passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Beitragsfoto:

https://pixabay.com/de/clown-schauspieler-nase-zirkus-362155/