Frau H. – Entscheidungen für die Ewigkeit


Für mich sind es die Begegnungen mit einzigartigen Menschen, die mich fesseln.

„Die Geschichte der Frau H.“ ist eine meiner drei bisher umfangreichsten Arbeiten. Sie erscheint voraussichtlich im September 2017 in dem Buch „Zimmer 101“.

Über Frau H.:

 

„Eine der letzten tapferen Frauen des letzten Jahrhunderts, die mich noch lehren konnten und mit ihrem Wesen

diese Welt bereicherten. Sie überstanden den zweiten Weltkrieg, flüchteten aus der Heimat, beklagten die Toten und klagten nicht über Unabänderlichkeiten. Sie war eine der letzten Menschen, denen ich zuhören durfte, von denen ich unauslöschliche Nuancen des Bedeutungsvollen erfahren vermochte. Sie war eine derjenigen, an deren Schleifstein ich mein Leben schärfen konnte.“ (Auszug)

 

Auszug aus „Frau H. – Entscheidungen für die Ewigkeit“:

 

Sylvia, Karl ist ein sehr belesener Mann. Auch ein Narr kann weise sein. Das, was Sie vorhin sicherlich erlebt haben und ich kann es mir lebhaft vorstellen, erschreckte mich anfangs auch. Doch ich begriff schnell: Karl ist wie seine mediterranen Vorfahren ein Bewunderer der Frauen, er achtet und mag sie, nicht mehr und nicht weniger. Wenn es darauf ankommt, holt er für die Seniora seines Herzens die Kastanien aus dem Feuer. Darauf kommt es doch an, nur darauf. Seine Inge vergötterte er bis zum Schluss und er ging ihr niemals fremd.

Schließen Sie ihre Schublade wieder, das passt nicht zu ihnen.“

 

Dabei lächelte sie. Ihr wissendes, ihr vergebendes Lächeln. Das Lächeln einer Frau, die ihr Leben gelebt hat. Ihr silbergraues Haar glänzte. Sie hatte es sorgfältig gelegt. Gerade dachte ich darüber nach, woher sie ihre Kraft nahm. In meiner eigenen Scham senkte ich den Kopf.

 

„Was macht die Liebe bei ihnen?“, Frau H. wechselte gekonnt das Thema. Sie lächelte mir aufmunternd zu, sah kurz zum Fenster und sagte: „Der Herbst kommt, den lieben sie doch so.“

 

„Der Liebe geht es gut. Ich glaube, die Liebe gefunden zu haben, auf die ich über zwei Jahrzehnte gewartet hatte.“ Ich rutschte auf dem Stuhl hin und her, als würde ich meiner Mutter von meiner ersten Liebe erzählen.

 

Frau H. schmunzelte und neckte mich: „Da leuchten die Augen auf, so sollte es wohl die Liebe sein. Vertrauen Sie ihm?“

 

Das war eine gute Frage. „Es ist schwer für mich, jemandem zu vertrauen. Vertrauen ist etwas für Naive“, konterte ich und lachte.

„Trotzdem ist es eine reife Liebe. Sie ist so, als ob ich es wage, blind an einer Frucht zu naschen und nicht zu wissen, ob ich jeden Moment in eine faulige Stelle beiße.“

 

Ich sah zum Fenster hinaus und bewunderte, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Esche verfingen. Es war ein malerisches Bild, welches mich fesselte. Während ich sah, wie ein sanfter Wind diese Blätter hin und her wiegte, sagte ich:

„Ich weiß nicht, ob es diesmal hält. So oft hatte ich schon Hoffnung. Irgendwann entschloss ich mich, allein zu bleiben und mein Leben der Literatur zu widmen. Kein Mann hätte mich mit dieser Leidenschaft ertragen, denn ich verbringe viel Zeit mit dem Lesen und Schreiben, mit der Sinnsuche und den Gebrechen der Vergänglichkeit.

Doch dieser Mann kam, ging wieder und kehrte zurück. Ich hoffe auf eine goldene Herbstzeit und dass wir auch noch im Winter und nächsten Frühling darüber streiten, ob ich die richtigen Zeitformen wähle oder nicht, ob Mephisto ein „Guter“ war oder nicht, ob Goethe ein (begnadeter) Exzentriker war, den man nicht unbedingt als Freund hätte haben wollen oder ob ich über Goethe urteile, ohne dass es mir zustehen würde.

 

Frau H. betrachtete mich lange, tätschelte meine Hand und sagte:

 

„Ein später Apfel kann im Frühjahr genossen werden, wenn sie ihn im Herbst gut lagern.“

 

Ich wollte Frau H. noch etwas fragen. Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob man auch zwei Menschen aus ganzem Herzen lieben kann. Ich wusste, dass die Liebe zu jedem dieser Menschen unterschiedlich und einzigartig ist. Als stünden da zwei Berge. Der eine Berg ist bekannt: jede Erhebung, jeder Millimeter, jede flache und tiefe Stelle, jede glatte und gefährliche Stelle, hunderte Male hat man ihn schon erklommen.

Nackt hat man sich auf ihm gewunden, ist mit ihm schon beinahe eins geworden.

 

Der andere Berg ist unbekannt: er will erforscht, erkundet

werden. Er weckt die Sehnsüchte, verbirgt das Unbekannte, lässt uns noch träumen. Er ist ein unvollständiges Bild, eine

Verlockung für die Neugierde der Sinne. Er ist ein Geheimnis und wir Menschen lieben Überraschungen und Geheimnisse. Doch ich wagte nicht, diese Frage zu stellen oder Frau H. um ihre Antwort zu bitten.

(c) Sylvia Kling

Das Kopieren oder Weiterverwendung von Textstellen ist nicht gestattet!

Für mich sind es die Begegnungen mit einzigartigen Menschen, die mich fesseln. Dieser Beitrg ist eher etwas für das Wochenende - keine kurze Aussage mit Flüchtigkeitscharakter. "Die Geschichte der Frau H." ist eine meiner drei bisher größten Arbeiten. Sie erscheint voraussichtlich im September 2017 in dem Buch "Zimmer 101". Frau H.: "Eine der letzten tapferen Frauen des letzten Jahrhunderts, die mich noch lehren konnten und mit ihrem Wesen diese Welt bereicherten. Sie überstanden den zweiten Weltkrieg, flüchteten aus der Heimat, beklagten die Toten und klagten nicht über Unabänderlichkeiten. Sie war eine der letzten Menschen, denen ich zuhören durfte, von denen ich unauslöschliche Nuancen des Bedeutungsvollen erfahren vermochte. Sie war eine derjenigen, an deren Schleifstein ich mein Leben schärfen konnte." (Auszug) Auszug aus "Frau H. - Entscheidungen für die Ewigkeit": Sylvia, Karl ist ein sehr belesener Mann. Auch ein Narr kann weise sein. Das, was Sie vorhin sicherlich erlebt haben und ich kann es mir lebhaft vorstellen, erschreckte mich anfangs auch. Doch ich begriff schnell: Karl ist wie seine mediterranen Vorfahren ein Bewunderer der Frauen, er achtet und mag sie, nicht mehr und nicht weniger. Wenn es darauf ankommt, holt er für die Seniora seines Herzens die Kastanien aus dem Feuer. Darauf kommt es doch an, nur darauf. Seine Inge vergötterte er bis zum Schluss und er ging ihr niemals fremd. Schließen Sie ihre Schublade wieder, das passt nicht zu ihnen." Ihr silbergraues Haar glänzte. Sie hatte es sorgfältig gelegt. Gerade dachte ich darüber nach, woher sie ihre Kraft nahm. In meiner eigenen Scham senkte ich den Kopf. "Was macht die Liebe bei ihnen?", Frau H. wechselte gekonnt das Thema. Sie lächelte mir aufmunternd zu, sah kurz zum Fenster und sagte: "Der Herbst kommt, den lieben sie doch so." "Der Liebe geht es gut. Ich glaube, die Liebe gefunden zu haben, auf die ich über zwei Jahrzehnte gewartet hatte." Frau H. schmunzelte und neckte mich: "Da leuchten die Augen auf, so sollte es wohl die Liebe sein. Vertrauen Sie ihm?" Das war eine gute Frage. "Es ist schwer für mich, jemandem zu vertrauen. Vertrauen ist etwas für Naive", konterte ich und lachte. "Trotzdem ist es eine reife Liebe. Sie ist so, als ob ich es wage, blind an einer Frucht zu naschen und nicht zu wissen, ob ich jeden Moment in eine faulige Stelle beiße." Ich sah zum Fenster hinaus und bewunderte, wie die Sonnenstrahlen in den Blättern der Esche verfingen. Es war ein malerisches Bild, welches mich fesselte. Während ich sah, wie ein sanfter Wind diese Blätter hin und her wiegte, sagte ich: "Ich weiß nicht, ob es diesmal hält. So oft hatte ich schon Hoffnung. Irgendwann entschloss ich mich, allein zu bleiben und mein Leben der Literatur zu widmen. Kein Mann hätte mich mit dieser Leidenschaft ertragen, denn ich verbringe sehr viel Zeit mit dem Lesen und Schreiben, mit der Sinnsuche und den Gebrechen der Vergänglichkeit. Doch ER kam, ging wieder und kehrte zurück. Ich hoffe auf eine goldene Herbstzeit und dass wir auch noch im Winter und nächsten Frühling darüber streiten, ob ich die richtigen Zeitformen wähle oder nicht, ob Mephisto ein Guter war oder nicht, ob Goethe ein gnadenloser Exzentriker war, den man nicht unbedingt als Freund hätte haben wollen oder ob ich über Goethe urteile, ohne dass es mir zustehen würde. Frau H. betrachtete mich lange, tätschelte meine Hand und sagte: "Ein später Apfel kann im Frühjahr genossen werden, wenn sie ihn im Herbst gut lagern." Ich wollte Frau H. noch etwas fragen. Schon lange beschäftigte mich die Frage, ob man auch zwei Menschen aus ganzem Herzen lieben kann. Ich wusste, dass die Liebe zu jedem dieser Menschen unterschiedlich und einzigartig ist. Als stünden da zwei Berge. Der eine Berg ist bekannt: jede Erhebung, jeder Millimeter, jede flache und tiefe Stelle, jede glatte und gefährliche Stelle, hunderte Male hat man ihn schon erklommen. Nackt hat man sich auf ihm gewunden, ist mit ihm schon beinahe eins geworden. Der andere Berg ist unbekannt: er will erforscht, erkundet werden. Er weckt die Sehnsüchte, verbirgt das Unbekannte, lässt uns noch träumen. Er ist ein unvollständiges Bild, eine Verlockung für die Neugierde der Sinne. Er ist ein Geheimnis und wir Menschen lieben Überraschungen und Geheimnisse. Doch ich wagte nicht, diese Frage zu stellen oder Frau H. um ihre Antwort zu bitten. (c) Sylvia Kling Foto: stux/ https://pixabay.com/de/person-mensch-weiblich-frau-zwei-207304/

Foto: stux/ https://pixabay.com/de/person-mensch-weiblich-frau-zwei-207304/

 Aus „Die Geschichte der Frau H.“ stammen einige meiner Aphorismen, die ich gern auch für Widmungen in Büchern verwende.

Liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

mit diesem Beitrag wünsche ich Euch ein wunderschönes Märzwochenende. Nächste Woche werde ich Euch hoffentlich mit einem herzerwärmenden Märzgedicht beglücken können ;-). Ich freue mich schon sehr auf den Frühling, das Blühen, das Erwachen der Natur, die wärmenden Sonnenstrahlen und diesen unverwechselbaren Duft des Frühlings, der uns wieder verführerisch in diese neue Jahreszeit trägt.

Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling