Die Faszination des Schreibens: „Der Erzählstein“


Glaubt mir: Nichts, was ich in letzter Zeit las, hat mich mehr berührt, als die Erzählung von Khalid Aouga „Der Erzählstein“. Ich könnte selbst ein Buch darüber schreiben, wie dieses Buch mich berührt hat, zum Nachdenken zwang, mir Tränen in die Augen trieb und eine Gier in mir entzündete, sich über diese packende Geschichte hinaus für das Schicksal vieler Menschen im Nahen Osten zu interessieren.

Bitte glaubt mir noch eins: Die arabische Kultur ist so farbenprächtig, filigran und faszinierend exotisch, so dass sie unsere westliche Welt nicht nur bereichern, sondern auch zu ergänzen vermag.

Ich erhielt das Manuskript vom Autor mit der Bitte um ein Korrektorat und Lektorat, welches ich gerne annahm, da Khalid Aouga mir – und meine Leser werden ihn kennen – die bewegenden Zeichnungen für zwei meiner Bücher anfertigte.

Mein Mann und ich waren uns sofort einig, dass dieses Buch in die gut sortierten Bücherregale des heimischen Wohnzimmers gehört. Es ist ein Stück Literatur, dessen Vielschichtigkeit beeindruckt und die Geschichte zweier Brüder erzählt, die die Last von dauerhaftem Krieg und Zerstörung nie ablegen konnten. Es ist ein Buch, das eindringlich mahnt, Hass und Kriege zu ächten und sich dem friedlichen Leben bedingungslos zu verschreiben.

Kurzum: Hier folgen Leseproben, sonst verliere ich mich darin, ein Buch über das Buch „Der Erzählstein“ zu schreiben.

Es kam mir alles so unwirklich vor. Es mischte sich mit meinen Träumen und meinen Erinnerungen aus den Straßen von Beirut. Bilder und Geräusche wurden in mir lebendig: der Lärm der Maschinengewehre, Granaten, Sirenen, der Schreie von Menschen und das Bild meines Vaters, der meinen Bruder Christopher trägt, mich hinter sich herziehend. »Geht es Ihnen gut, ist alles in Ordnung?«, fragte mich der Polizist, wobei er mich mit seiner rechten Hand leicht am Oberarm berührte. Er sagte mir, dass die Beamten der Antiterroreinheit jeden Augenblick bei uns sein werden, da sie sich im Bahnhof befanden. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, standen schon zwei Männer vor mir. Einer trug Lederjacke und Jeans, der andere eine verwaschene Militärjacke. Es ging alles so schnell. ›Warum kommen direkt die Männer von der Antiterroreinheit? Warum prüft man nicht erst mal alles nach oder ist das die übliche Vorgehensweise? Nicht, dass die zwei Verdächtigen jetzt nach Syrien, in die USA oder wer weiß wohin verfrachtet werden‹, dachte ich. Alles ist möglich, wenn Staaten in Panik geraten. Die beiden Männer, die nun vor mir standen, sahen nicht gerade vertrauenerweckend aus, was mir noch mehr zusetzte. Der in Lederjacke gab mir die Hand, sah mich mit dem Blick eines Zerberus an, der die Reisepässe der Gestrandeten vor den Pforten seiner persönlichen Hölle überprüft und sagte »Herr Talal, kommen Sie bitte mit uns mit.« ›Was geht hier vor? Ich habe doch niemandem meinen Namen verraten.‹ Er merkte, dass mir das Ganze nicht gefiel und sagte beschwichtigend: »Es geht um Ihren Vater, nur soviel kann ich Ihnen verraten, der Rest wird Ihnen unser Chef erzählen.«

(…)

Ich hatte einmal meinen Vater gefragt, warum er uns ausgerechnet nach Deutschland brachte. Er antwortete wie so oft mit einem Vergleich. »Mit einem Piloten zu fliegen, der schon eine Bruchlandung hinter sich hat, ist viel sicherer, als mit einem zu fliegen, der diese Erfahrung nicht gemacht hat. Und Deutschland hat schon mehr als nur eine hinter sich«, sagte er und streichelte mein Kopf.

(…)

Unsere Eltern führten eine harmonische Ehe. Wir erlebten trotz der äußeren Umstände eine schöne Zeit. Mutter sprach nicht viel über den Krieg. Sie lehrte uns vieles über die Geschichte Libanons, die arabische  Sprache und deren Schönheit.

Ihre Lektionen hatte sie immer in schöne Geschichten gepackt. Es wurde nie langweilig ihr zuzuhören. Sie liebte die Gedichte und Essays der alten arabischen Meister. Sie meinte, nicht mal ein Nizar Elqabani oder  Mahmoud Darwish können ihnen das Wasser reichen. »Wisst ihr warum?«, fragte sie. Wir wussten es nicht. »Weil die zeitgenössischen Dichter noch am diesseitigen Schmerz festhalten und von ihm zehren. Die alten Meister hatten ihre Meisterschaft erreicht, weil sie sich von ihm gelöst hatten«, erklärte sie uns. Unsere Mutter war die Sonne unseres Lebens.

Khalid selbst schreibt zum Buch:

«Ich habe zwei Jahre lang daran gearbeitet, von 2008 bis 2010. Zum Schluss haben ihn die von mir sehr geschätzte Dichterin Sylvia Kling und ihr Mann Volker korrigiert und lektoriert.
So viel Arbeit kann man nur in Etwas investieren, das einem sehr wichtig ist.
Das Schicksal vieler Menschen, die ihre Heimat hinter sich zurücklassen müssen, aus welchen Gründen auch immer, interessiert mich sehr. Wie leben sie? Wie denken sie? Wie ist ihre Einstellung zum Sein?
Wie gehen die Alteingesessenen damit um?
Und die wichtigere Frage ist, wie werden Kinder damit fertig?
„Der Erzählstein“ musste zwangsläufig den Nahostkonflikt ansprechen, da sich ein Großteil der Geschichte im Libanon abspielt. Ein Thema, bei dem sich die Geister nicht nur scheiden, sondern schon mal die Köpfe einschlagen. Aber lasst euch überraschen ….»

Der Link zum Buch:

https://www.neobooks.com/ebooks/khalid-aouga-der-erzaehlstein-ebook-neobooks-AVdD6pDsz5W64AJ33jLZ

Portrait des Autors und Künstlers Khalid Aouga:

Khalid wurde 1973 in Marokko geboren. Er lebt seit 1986 in Deutschland.

https://sckling.wordpress.com/2015/07/25/darf-ich-vorstellen-ii-khalid-aouga/

Hier findet Ihr den sympathischen Autor und Künstler auf WordPress:

https://aouga.wordpress.com/

Weitere Bücher:

Islamische Lyrik:

https://www.buecher.de/shop/kunst/an-mein-krankes-herz/aouga-khalid/products_products/detail/prod_id/15015814/

Heute eröffnet Khalid seine Ausstellung in Düsseldorf:

Einige ganz persönliche Worte noch von mir:

Ich bin sehr dankbar, Khalid kennen zu dürfen und ihn sowie seine Familie bald auch persönlich zu treffen. Wenn man mit Khalid spricht und arbeitet, weiß man erst, was wahre Freundschaft und Menschlichkeit bedeuten.

Ich wünsche Euch ein erholsames Wochenende und wie immer: Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Advertisements

Worte und Lieder


Es handelt sich um eine erste Probeaufnahme von „Kinder (Kleine Hände)“ der Liedermacherin Bettina Wegner.

 

Heimat

Heimat,
welch großes Wort,
ein Zuhause,
eine Liebe,
ein ewiger Ort,

könnt ich dich
nur finden,
die Freiheit,
mein Ich,
mein Sein,
wo mich denn
getroste binden,
in ein Stückchen
Ewigkeit hinein,

wachen Geistes,
zeitfern und real
mich niederlassen,
offenbaren −
mit meinen Schmerzen,
meiner Qual,
mit meinen Freuden,
mit meinen ganzen
fünfzig Jahren,

selbst die Stadt,
in deren Schoße
eines Tages ich
ergraute,
zeigt zuweilen mir ein
KaltGesicht,
die ich liebte,
ihr vertraute,
meine Spuren sind
dort längst verwischt,

Heimat
nirgends,
nirgends fühl ich mich
zu Hause − gehe,
doch ich
kehre niemals heim,
Heimat, die mich
niemals verstehe,
solltest du mich finden,
so lad mich auf die
letzten Jahre ein!

©Sylvia Kling

Ich verweise ausdrücklich auf die Urheberrechte (siehe Impressum).

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger,

endlich gelingt mir heute wieder einmal ein Beitrag. So habe ich Song und Worte in einen Beitrag „gepackt“. Das Gedicht ist ein Auszug des Buches „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“, welches im November erscheinen wird.

Ich möchte Euch auch auf meine/unsere nächsten Programme hinweisen. Die Termine findet Ihr hier:

https://sckling.wordpress.com/lesungentermine/

Ich hoffe, es ist Euch gut ergangen, Ihr hattet eine schöne Sommerzeit und seid gesund. Allen meinen Lesern möchte ich heute ganz besonders danken für die Treue und die Freude, die Ihr mir mit Kommentaren und Zuspruch macht. Daraus schöpfe Mut und Kraft – gerade in Zeiten, in denen die Kraft nicht selbstverständlich ist.

Passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

 

 

Brand(t)ige Zeiten!


Text und Gestaltung: Jürgen M. Brandtner

Ihr könnt Euch erinnern an den Regisseur, Schauspiellehrer, Schauspieler, Rezitator und Lyriker Jürgen Brandtner?

Wenn man diesen Links folge, erfährt man einiges über den inszenierenden, spielenden, lehrenden, schreibenden und sogar singenden

Jürgen Brandtner:

https://sckling.wordpress.com/2016/02/04/darf-ich-vorstellen-vi-teil-i-juergen-m-brandtner/

https://sckling.wordpress.com/2016/02/05/darf-ich-vorstellen-vi-teil-ii-juergen-m-brandtner/

 

Ich lege Euch mit Inbrunst seinen Blog mit der Seite „Brandtneue Lyrik“ ans Herz:

https://theaterjmb.wixsite.com/brandtneue-lyrik/single-post/2017/08/09/F%C3%9CNFTAGEWOChe

Auch über Kommentare freut sich Jürgen.

Damit verabschiede ich mich heute und wünsche allen eine noch wunderbare Woche mit vielen Inspirationen und möglichst wenig Überladungen.

Eure Sylvia Kling

Gefährlichkeiten


Gefährlichkeiten

Was bin ich vor Tieren weggerannt,
so jeder Verwandte mich gekannt,
war es eine Kröte, jeglich Insekt,
was kroch, was schlich, ward ausgestreckt,

ICH hatte Angst und einmal war:
Mir nach lief eine Kückenschar,
man dorfesweit mein Zetern hörte,
so laut, dass es die Nachbarn störte,

bis meine Mutter mich erlöste,
mit mir geschwind vom Hofe döste
und mir erklärte: «Die Babys sind von der Henne,
vom Opa Franz», die ich doch kenne,

«die legen mal dein Frühstücksei!»
Ha! Das war MIR doch einerlei!
Kreischende Küken rannten mir hinterher,
das war unmenschlicher Verkehr.

Egal, ob Hund, ob Katze,
ob zarte Pfötchchen oder Tatze,
das Tier schien mir, ob groß, ob klein,
ein Ungeheuer nur zu sein.

Längst entschlüpft der Kinderhaut,
von Tieren wurd ich nie verSAUt.
Inzwischen wurd mir – eiskalt – klar:
NICHT Tier – der Mensch ist die Gefahr!

©Sylvia Kling

 

Drum liebe bloß die Tiere mehr,
der Mensch liebt sich alleine – sehr. 😂💟

Fortsetzung folgt!

BEITRAGSFOTO: pixabay.com

„werdepate“

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

zum Gedicht muss ich nichts weiter schreiben – es spricht für sich. Es gibt noch ein weiteres Gedicht, welches ich als eine Art Fortsetzung sehe („TIERisch“) und Euch auch in den nächsten Wochen zeige.

Heute schaffte ich es, mal nach einer erfolgten Nachbuchung von 500 MB einen Beitrag zu veröffentlichen. Auf Facebook ist dies täglich leichter für mich, da ich dort per Smartphone poste – hier ist dies leider nicht erfolgversprechend. Der Aufbau von WP ist nicht dafür geeignet. Es kommt zu Fehlern und immer wieder musste ich feststellen, dass die meisten meiner Follower meinen Beitrag nicht angezeigt bekommen. Also lasse ich das und warte lieber, bis sich eine Möglichkeit ergibt, die für mich und Euch zufriedenstellender ist.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut und Ihr könnt Euch am Sommer erfreuen. Bei uns in Sachsen beginnt am kommenden Montag wieder die Schule. Auf ein Neues! Bald hat mein „Kurzer“ Jugendweihe, was ich kaum fassen kann. 😉

Mein Buch „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ ist nicht vergessen – nur hängt momentan wirklich alles am fehlenden Internet. Dennoch sind wir bemüht, diesen Lyrikband bis November zu veröffentlichen. Auch mein erster Prosaband „Zimmer 101“ wartet auf die Beendigung des Lektorats und die neugierigen Augen von Lesern.

Bleibt gesund und passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling