Zurück ist: Das törichte Weib


Ach, welch töricht Weib ich doch bin,
ich, die mit dem vollen Haar und dem spitzen Kinn,
glaub ich noch an die Kunst und deren Mühe,
rühre worteseifrig in manch öligdunkler Brühe,
hör den Narren zu und auch den Weisen,
den Jungen ebenso, wie den Greisen,
meid den Abgrund, mag das Ebne eher,
fühl mich nicht dem Mond, nur der Sonne näher,
nähre inniglich mich von Wiesen, Bächen und Gesang,
hab zu schwachen Wesen einen SeelenHang,
will die alten Lehren nicht verlieren,
stoß mich an so manchem unverständlich Gieren,
will im Puls der Worte jauchzen, klagen,
stelle immer wieder bohrend Fragen,
lege meine Augen in Geschriebnes von Gelehrten,
hänge auch an alten, längst vergessnen Werten,
will der ErdenFäulnis elenden Geruch
wickeln in ein wohlriechend SeidenTuch,
bete keinen Gott an, weil ich an den Menschen glaube,
der mir nun in aller Schändlichkeit den dummen Edelmute raube,
ach, welch töricht Weib ich doch bin,
mit den MenschenTräumen in mir drin,
ich, die mit den Worten weint und schmachtet −
Wie kann man nur lieben, was man doch so verachtet?

Copyright: Sylvia Kling

Auszug aus dem Lyrikband „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ – geplante Veröffentlichung im November 2017 –

Das Gedicht ist Teil des Programms „Poetisch-musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche“ sowie meines Soloprogramms (siehe Termine) „Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“.

Kopieren meiner Texte oder Fotografien ist nicht gestattet (siehe Impressum)!

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger ;-),

nach meinem Urlaub melde ich mich – nicht (un)beschadeter als zuvor – zurück und grüße Euch herzlich. Meine Gedichte für diesen Blog wähle ich stets intuitiv aus – so auch heute.

Ich erinnere mich daran, wie mich in Italien auf einem Campingplatz die Nachrichten über Hamburg erreichten, an mein Entsetzen, meinen Unglauben. Dichtern wird oft nachgesagt, sie seien Idealisten. Ich nenne mich „realistische Idealistin“ – ein klein wenig Wortspielerei kann ich mir nicht verkneifen. Wer meine Arbeiten schon länger kennt, weiß, dass ich das in der Tat bin. So geht das lyrische Ich in dem Gedicht „Das törichte Weib“ mit meinem Ich eng umschlungen.

Ich hoffe, Ihr seid gesund und erfreut Euch trotz aller Widrigkeiten, die uns allen das Leben bietet, am Sommer und den Möglichkeiten, die uns diese Jahreszeit offenbart.

Mit einem Zitat von Erich Maria Remarque aus „Die Nacht von Lissabon“ möchte ich diesen Beitrag beenden:

„Jeder ist für Frieden, wie immer – kurz vor der Katastrophe.“

Eure Sylvia Kling

 

 

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