„Die Geschwinde“ und: Ich habe vor 17 Jahren eine Tür geöffnet, die nie wieder zugefallen ist.


Die Geschwinde

Die Jahre verstreichen
und mein Haar ergraut
und die ersten Zeichen
des Alterns auf der Haut,

da erinner ich mich leise
an meine Kinderzeit
und in Gedanken reise
zurück, jahrzehnteweit,

sehe mein zartes Gesicht,
die glänzenden Wangen,
ein Gleichgewicht
zwischen Träumen und Bangen,

Blitze, übermütig hell
in den Augen, so braun,
und wie sportlich schnell
sprang ich übern Gartenzaun,

die trauernden Stunden
in der tristen Kammer,
die Kummerrunden,
erstes Liebesgejammer,

wie gern würde ich geben
dem Mädchen die Hand,
ihr erzählen vom Leben,
vom Verlust und Bestand,

was mir ist begegnet
in all den Jahren,
obwohl zur Taufe gesegnet,
um sie zu bewahren,

wie sehr Erinnern heute
mich glücklich macht und hält,
weil ich das Leben deute,
es nicht an mir zerfällt,

so flüstere ich dem Kind
ins kleine Ohr hinein:
Die Zeit, sie ist geschwind,
doch sie ist dein. Und mein.

Copyright Sylvia Kling

Das Kopieren und Weiterverwenden ist nicht gestattet! Auch die persönlichen Fotografien sind mein Eigentum!

Sylvia Kling – 1969

Heute habe ich mich wieder einmal für persönliche Worte entschieden, für autobiographische Fragmente.

Es ist erstaunlich und doch wieder nicht:

Je älter man wird, um so häufiger und intensiver erinnert man sich an die Kindertage und beginnt, Kontakt zu dem Kind von einst zu suchen. In der Psychologie wird es im therapeutischen Kontext „das innere Kind“ genannt. Mit Freude habe ich in den letzten Wochen Fotos aus meinen Kindertagen angesehen. Meine Eltern waren Kriegskinder, mein Vater (Ferenc/Franz) war ein Flüchtlingskind. Seine Mutter, meine Großmutter wurde mit ihren fünf Kindern aus Ungarn vertrieben.

Nicht alles war einfach: für sie nicht, auch nicht für uns. Meiner Mutter war immer wichtig, dass wir nicht hungern mussten (also ehrlich: Ich war ein Pummelchen! 🙂 ). Sie war voll berufstätig. Meinem Vater war die Karriere absolut wichtig. Leistung war für ihn ein primäres Thema. Ich habe ihn nur wenig wirklich gekannt. Er ist 1995 bei einem schweren Zugunglück in Breitenau (Chemnitz) ums Leben gekommen.

Wir waren im Wesentlichen eine typische DDR-Familie: sauber, Mittelstand (ich denke, das waren in der DDR fast alle Familien), ziemlich angepasst und artig. Wir trugen die aktuellen Frisuren (siehe meine Mutter 😉 ), wir machten Wochenendausflüge und achteten darauf, dass wir schnell genug in der Kaufhalle sind, wenn es doch mal Bananen oder besonderes Bier gab. Und wir haben brav die 13 Jahre auf den Trabant gewartet. Als er endlich vor der Tür stand, unsere „Rennpappe“ (heute nenne ich ihn „Flüchtlingskoffer“ 😂 ), glaubten wir wirklich, wir gehörten nun beinahe zur Elite ….😉

Wir hatten wenig. Und doch hatten wir alles.

Familie Kling in Dresden, ca. 1971

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich lebe und an diese Zeit denken darf.

Als ich mit bereits 12 Jahren an einer Essstörung erkrankte, die mit 20 Jahren  einen aktuten Zustand angenommen und sich in Bulimie umgewandelt hatte, wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt. Eine lange Reise war es, die ich im Jahre 2000 „begann zu beenden“. Nach 20 Jahren Essstörungen durfte ich erfahren, wer ich bin.

Ich durfte mich kennenlernen und mit den darauffolgenden Jahren mit meinem „Ich“ spazieren gehen, mit ihm lachen, weinen, mit ihm endlich leben. Man hatte mir gesagt, dass ich großes Glück hatte, so „davonzukommen“ und tatsächlich sah ich in der Klinik, in welcher ich ein viertel Jahr stationär behandelt wurde, viele Fälle, die mich zum Weinen brachten. 

Ich lernte unglaublich begabte Mädchen und Frauen kennen. Alle waren auf eigene Weise kreativ. Alle waren „HSP“ – „Hochsensible Persönlichkeiten“ und haben nie gelernt, ihre Fähigkeiten adäquat einzusetzen, mit ihren intensiven Gefühlen umzugehen. Einige litten unter Traumatas. 

Ein Mädchen wurde zur Zwangsernährung nach Dresden gefahren, in die Klinik „Am Weißen Hirsch“. Sie war erst süße 19 Jahre alt und bestand nur noch aus Haut und Knochen. Ich war damals 32 Jahre alt und ihre beste Freundin. Nach einer Woche wurde sie bereits von uns abgeschottet und durfte ihr Zimmer nicht verlassen. 

Man ließ mich nur ein Mal täglich zu ihr, obwohl sie mich öfter sehen wollte. Der Grund war:  Ich brachte sie immer zum Lachen und Lachen verbrannte Kalorien ….

Das habe ich nie verstanden. Lachen ist Leben. Warum durfte das Mädchen nicht lachen?

Als sie mit Blaulicht abgeholt wurde, konnte ich mich nicht einmal verabschieden. Ich habe lange darunter gelitten und frage mich heute noch, ob sie überlebt hat. Sie hatte keine Kraft mehr.

Ja, es war eine schwere Erkrankung, diese Bulimie. Sie geht immer mit Depressionen und meist mit Nebensuchterkrankungen wie z. B. Tabletten-, Alkoholmissbrauch daher. 

Doch bin ich dankbar auch dafür, dass sie mir begegnet ist.  Klingt das nicht seltsam? Ich habe gelernt, dem Leben gegenüber demütig zu werden. Vor 17 Jahren habe ich eine Tür geöffnet, die nie wieder zugefallen ist.

Zum Thema zurück: die Kinder- und Jugendzeit – kurzum: 

Nicht alles war gut. Nicht alles war schlecht. Es war eben „einfach“ – wie es war.

Heute erinnere ich mich mehr an das Gute und viel weniger an das Schlechte.

Die Zeit ist eben geschwind. Aber sie ist uns:

dem kleinen und dem großen ICH.

In diesem Sinne, liebe Freunde, LeserInnen und BesucherInnen,

vielen herzlichen Dank für Euer Interesse an diesem Beitrag. Ich hoffe, auch Ihr könnt in der Vergangenheit kramen und so manche Erinnerungen in die heutige Zeit tragen und sie ehren. Manche mehr, manche weniger.

Ich wünsche Euch schon jetzt ein wundervolles Wochenende und eine erholsame Zeit. Ich werde mit meiner Familie den 30. Geburtstag meines Ältesten feiern und mich an der Zeit erfreuen.

Eure Sylvia Kling

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59 Gedanken zu „„Die Geschwinde“ und: Ich habe vor 17 Jahren eine Tür geöffnet, die nie wieder zugefallen ist.

  1. Er-inner-n ist ja ein Weg, der nach innen führt. Die Griechen wussten noch um dessen Bedeutung; die Erinnerung war ihnen eine eigene Muse wert, Mnemosyne.
    Klar gibt es Menschen, die Erinnerung verwenden, um vor der Gegenwart zu fliehen. Das muss man nicht bewerten, es gehört einfach Kraft dazu, Licht und Schatten gleichermaßen zu sehen. Aber gerade aus den Schatten lernen wir ja, wenn wir sie ins Licht rücken.
    Ich finde es schön, dass Dir das gelungen ist und Du Vergangenes aufarbeiten konntest. Die Wurzeln für all das gehen ja oft Leben weit zurück.
    Man spürt es Deinen so lebensnahen Zeilen an, liebe Sylvia, wie die daraus resultierende Erfahrung Dich bereichert. Das kann auch anderen Kraft geben, auf solchem Weg weiterzugehen. Ganz besonders aber ist diese Kraft für Dich wichtig!
    Danke für so viel ehrliche Worte. In unserer Welt tun sie gut.
    Liebe Grüße,
    Johannes

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  2. Liebe Sylvia,
    das sind sehr offene und bewegende Worte die Du hier schreibst. Ich bewundere Deinen Mut sich öffentlich so weit zu öffnen.
    Im Großen und Ganzen ist die Kindheit, Jugend und im Prinzip das ganze Leben von den Zeiten und Umständen geprägt die zu der Zeit herrschten, als wir das Licht der Welt erblickten.
    An meine Kindheit kann ich mich fast nicht mehr erinnern. Bildern existieren kaum. Da Wohnraum fehlte, bestand unsere erst Wohnung aus einer Küche und einem Schlafzimmer. Ich lag im Ehebett. Nachts wurde eine Sperrholzplatte eingesteckt damit ich nicht aus dem Bett falle. Zum Klo ging es über den Hof. Bad oder Dusche Fehlanzeige. Baden war nur im Gemeinschaftsbad im Keller der Schule möglich.
    Meine Jugend war schön. Nachdem es wenig Spielzeug gab und PC usw. noch nicht erfunden waren, waren wir viel draußen und haben typische Kinderspiele wie Räuber und Gendarm gespielt. Ich behaupte, dass uns das draußen spielen gesund erhalten und widerstandsfähiger gemacht hat.
    Später ging’s dann mit 14 Jahren in die Lehre und anschließend in den Beruf. In diesem Jahr werde ich in Rente gehen. Nach 50 Jahren Arbeitsleben wird es Zeit.
    Bisher war ich im Großen und Ganzen gesund und ich hoffe, das bleibt so.
    Mein Leben war bisher, wie wohl jedes andere auch, ein Leben mit Höhen und Tiefen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und das ist gut so. Im Nachhinein bleiben mehr die Höhen als Tiefen in Erinnerung.
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und alles Gute für den Umzug.
    Liebe Grüße
    Harald

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    • Lieber Harald,

      sehr herzlichen Dank für Deinen intensiven und berührenden Kommentar.
      Das, was Du schilderst, ist wieder ein Beispiel mehr, dass wenig Habe nicht hinderlich sein muss, gesund und froh aufzuwachsen.
      Du hast so Recht: Das Spielen im Freien, damit das soziale Miteinander und die Freude am Entdecken der Natur hatte den Kindern nicht geschadet. Deshalb bin ich froh darüber, dass mein Jüngster noch immer viel raus geht und mit Freunden Buden baut, mit ihnen auf Entdeckungsreise geht.

      Schade, dass Du nur wenige Bilder aus den frühen Tagen hast.

      Oh, Du hast Dir (50 Arbeitsjahre – WOW!) Deinen Ruhestand wirklich mehr als verdient und ich wünsche Dir von Herzen weiterhin Gesundheit und viel Zeit für Dich und die Erfüllung von so manchem Wunsch, der im Arbeitsleben nicht realisierbar war.

      Danke für die Wünsche zum Umzug 😊.
      Ich wünsche Dir auch ein tolles Wochenende und danke Dir für Deine Worte.

      Herzlichst,
      Sylvia

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  3. Dein Gedicht habe ich zufällig zu „Lay Lady Lay“ gehört und es war eine fabelhafte Symbiose von Wort, Musik und Gefühlen. Deine privaten Erlebnisse habe ich sehr nachdenklich gelesen und wieder Parallelen zwischen uns festgestellt und egal in welcher Himmelsrichtung aufgewachsen ist, es scheint, dass die Lebensgeschichte ein wichter Teil für einen kreativen Kopf ist, falls man soweit im Leben kommt. Vielleicht habe ich eines Tages deinen Mut etwas mehr über meine Kindheit zu erzählen. Du hast mich sehr berührt und ich fühle eine tiefe Verbundenheit zu dir, wie unter Geschwistern im Geiste liebe Sylvia ❤

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    • Lieber Arno,
      sehr berührt lese ich Deine Zeilen. Ich denke, die Menschen mit schwierigem Lebensweg sind jene, die uns am Meisten fesseln. Diese Tiefe ihrer Gedanken entspringen den Tiefen ihres Lebens.
      Ich wollte damals, schon mit 10 Jahren, unbedingt Künstlerin werden. Doch mein Leben nahm eine ganz andere Wendung.
      Für alles jedoch bin ich dankbar, selbst für die tiefsten Abgründe.

      Vielleicht brauchst Du einfach nur noch ein wenig Zeit. Wenn sie gekommen ist, spürst Du das ganz deutlich, lieber Arno.

      Dann bist Du jetzt mein geistiger Bruder? 😀 Au fein! Ich hatte mir immer einen gewünscht. 💜

      Vielen herzlichen Dank für Deine innigen Worte! 💛

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    • Ich danke Dir herzlich, liebe Sylvia.
      Nein, der Weg war nicht leicht und doch war ich damals so hochmotiviert, dass ich keinen einzigen Rückfall dort erlitten hatte. Da kam mir mein Ehrgeiz wohl zugute. Wenn ich mir etwas vornehme (der Entschluss dauert nur meist lange …), dann setze ich stets alles daran, es durchzuziehen.

      Ich hoffe sehr, dass ich anderen Mut machen kann. Wie ich gerade der Teilzeitpoetin schrieb: Man kann diesen Erkrankungen leider nicht mit
      Vernunft beikommen. Leidensdruck – wenn dieser groß genug ist und der Lebenswille, ganz tief in einem, dann packt man das. Ansonsten hat man wenige Chancen.

      Das Schlimme ist, dass man sich mit dieser Erkrankung viele gesundheitliche Schäden zuzieht, wie z.B. chronische Magenbeschwerden, chronische Speiseröhrenentzündungen, kaputte Zähne, Herzrhythmusstörungen, Magendurchbrüche und den Rest lasse ich jetzt weg – der ist im schlimmsten Falle tödlich. Viele Menschen wissen das gar nicht. Sie glauben: So ein bisschen Gekotze (sorry) kann doch nicht so schlimm sein. Doch es gibt Patienten, die das bis 15 Mal täglich vollziehen und das ist lebensgefährlich.
      Ich wusste das damals nicht …, erst in der Klinik habe ich das alles erfahren.

      Ich umarme Dich zurück und grüße Dich herzlich
      Sylvia

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  4. Ich habe gerade dein neuestes Werk entdeckt: Ein wundervolles Gedicht! Ich werde im Mai erst 27 Jahre alt, sodass meine Lebenserfahrung sich bisher auf zwei Jahrzehnte beschränkt, an dessen eine Hälfte ich mich ehrlich gesagt nur noch fragmentarisch erinnere. Mit dem zeitlichen Abstand beginne ich besser zu verstehen, wie ich früher war, was mich beeinflusst hat, wie ich zu dem Menschen geworden bin, der ich im Moment bin.
    Besonders stark fand ich deine Zeilen, in der Du von Deiner Krankheit und jenem jungen Mädchen gesprochen hast. Es gehört einiges dazu, in der Öffentlichkeit darüber zu schreiben. Es ist aber so wichtig, gerade für die jüngeren Generationen. Mich hat das sehr berührt, habe ich mit dem Thema doch selbst auch so einige Erfahrungen gemacht. Vielen Dank, dass Du das geteilt hast.
    Alles Liebe!

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    • Vielen herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar.

      Wie ich gerade Gerda als Antwort schrieb: Ich habe mich immer sehr stark von persönlichen Berichten zu meinem Leben – zumindest solchen tiefgreifenden Episoden – zurückgehalten.
      Gerade, weil die Essstörung schon viele junge Menschenleben zerstört hat und schon seit einiger Zeit nicht mehr zum Tabuthema gehört, schreibe ich jetzt darüber.
      Und immer, wenn ich Mädchen sehe, denen die Krankheit anzusehen ist, wenn ich ihre traurigen, nicht mehr lebendigen (hungrigen) Augen sehe, dann zerreißt es mir fast das Herz. Dann habe ich den Impuls hinzugehen, sie an die Hand zu nehmen, ihnen meine Geschichte zu erzählen, sie aufzurütteln.

      Doch wir alle wissen: Es nützt nichts. Mit Vernunft ist einer Suchterkrankung nicht beizukommen.

      Auch erinnere ich mich in diesen Wochen an Isabelle. Sie war Mitte 20, wenn ich mich recht erinnere. Zusätzlich zur schweren Essstörung (Anorexia und Bulimia nervosa im Wechsel) litt sie unter Borderline-Persönlichkeitsstörung und war stets, auch bei hohen Temperaturen, in langärmelige Shirts eingepackt.
      Sie hatte sich wenige Monate vor dem Klinikaufenthalt eines Tages so stark erbrochen, dass der Mageninhalt in der Speiseröhre stecken blieb. Eine Nachbarin hat den Notarzt gerufen. Was die Folgen sind, kann man sich ausmalen. Sie hatte viele Narben, auch im Brustbereich.
      Und was war Isabelle für ein überaus intelligentes, warmherziges und begabtes Mädchen!

      Ein Mädchen litt bereits unter Herzrhythmusstörungen. Ein Mädchen erlitt beim Vorgang des Erbrechens einen Magendurchbruch.

      All diese Begegnungen trage ich in mir und auch die Augen dieser Mädchen vergesse ich nie. Augen voller Trauer.

      Ich hoffe, Deine Erfahrungen mit diesem Thema sind auch für Dich Erinnerungen, die Du ohne Bitterkeit betrachten kannst.

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  5. Was soll ich noch sagen, liebe Sylvia, was nicht schon gesagt wurde? Von der ersten Zeile bis zur letzten bin ich innerlich bewegt mitgegangen, habe verglichen, Bilder stiegen auf, so der plötzliche Tod der 23jährigen Tochter einer sehr lieben Freundin (Magersucht), auch die Leiden einer anderen an den Folgen von Zeckenbiss …, eigene Kindheitsbilder, Suche nach den familiären Wurzeln…. Es ist so schön, wie du dein eigenes Leben aufblätterst und teilhaben lässt, im Umgang respektvoll mit dir selbst und den Menschen, mit denen zu verbunden warst, so dass auch ich, eine Unbekannte, mich bei dir sicher fühlen kann.

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    • Liebe Gerda,
      Du hast mit Deinen Worten SEHR VIEL gesagt, was mich außerordentlich berührt. 💜

      Die Hilflosigkeit der Angehörigen, wenn Anorexia das Leben einer/eines Lieben auffrisst (eine Paradoxie …), ist eigentlich das Schlimmste.
      Man sieht zu, wie ein Mensch freiwillig verhungert.
      Es ist eine Krankheit unserer Zivilisation, denn kein Mensch, der dem Krieg oder der Armut einer Hungersnot ausgesetzt wird, würde je freiwillig hungern oder sich nach dem Essen erbrechen.
      Leider muss man das so sagen – nichts desto trotz ist sie da, Bestandteil unseres jetzigen Lebens und gefährlich.

      Normalerweise schreibe ich nicht gern solche persönlichen Dinge über mich – sicher ist das schon aufgefallen. Zumindest halte ich mich sonst eher bedeckt.

      Doch gestern – beim Einpacken der ersten Umzugskartons – sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen, denen ich Raum zur Entfaltung gab:
      Ich schreibe so viel über Menschen, deren Schwächen und Stärken, deren Leben, Niederlagen, Abgründe, deren Höhen.
      Warum nicht auch über mich als Mensch in diesem so bunten Leben? 😊
      Keineswegs mag ich es, wenn meine Freunde und Leser glauben, ich erhebe mich über andere Menschen, ergötze mich womöglich an deren Leid und Weh oder spiele die „poetische Therapeutin“.
      Ich menschel ebenso wie andere.
      Das Leben ist wie eine große Bühne, auf der wir alle spielen, singen, weinen und lachen.

      Ich freue mich sehr über die Sicherheit – bei mir (sei es auch „nur“ virtuell). DANKE 💛💚💓

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    • Liebe Eva,
      ganz lieben Dank für Deine Worte.

      Ich glaube Dir hundertprozentig, dass es Dir oft das Herz gebrochen hat.
      Diese Mädchen – alle waren viel jünger als ich – waren etwas ganz Besonderes.
      Ich las das Buch von Bärbel Wardetzki: „Weiblicher Narzissmus – Hunger nach Anerkennung“. Die Autorin hat „den Nagel auf den Kopf getroffen“. Auch schreibt sie, dass ihr gerade die Bulimie-Patientinnen sehr nahe gegangen sind.
      Übrigens hatten wir auch kurze Zeit einen jungen Mann mit Bulimie auf der Station. Er hielt sich jedoch nicht an die Regeln (essen und NICHT erbrechen), so dass er gehen musste. Die Dunkelziffer an bulimischen Männern ist ziemlich hoch. Das Problem: Sie holen sich oft keine Hilfe, da diese Erkrankung eine „Mädchenkrankheit“ sei. Das Schamgefühl ist einfach latent vorhanden – mehr, als bei Mädchen oder Frauen.
      Hast Du diese Erfahrung auch in der psychiatrischen Klinik gemacht?

      Sei herzlich gegrüßt
      Sylvia

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      • Liebe Sylvia, da hast du Recht, die Dunkelziffer bei Männern ist sehr hoch. Das Angebot von Selbsthilfegruppen nehmen fast nur Mädchen und Frauen an. Oftmals haben Männer auch ganz schwerwiegende Verläufe, weil sie in der Regel erst sehr spät Hilfe annehmen. Sie haben wirklich ein großes Problem damit, sich zu outen. Denke da an den Skispringer, Sven Hannawald, der war sehr mutig, hat sich öffentlich geoutet und sich therapieren lassen.
        Wünsche dir alles Gute! Herzliche Grüße Eva

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      • Oh ja, an Sven Hannawald kann ich mich diesbezüglich gut erinnern. Ich fand das damals äußerst mutig und beispielhaft.
        Dass Männer zu spät Hilfe annehmen, hat doch sicher auch Gründe in der Erziehung. Jungs und Mädchen werden unter verschiedenen Prämissen erzogen („das macht ein Junge/ein Mädchen nicht, so muss ein Junge/ein Mädchen sein etc.). Aber ich glaube, darüber könnten wir ewig diskutieren. Es ist ein so umfangreiches Thema. 😊

        Sei herzlich gegrüßt
        Sylvia

        Gefällt 1 Person

  6. Danke, dass du uns so vieles von dir mitteilst! Du hast vieles mitgemacht und bist (wohl auch dadurch) und trotzdem eine so starke, dynamische Persönlichkeit geworden! Vielleicht drängt Kunst und Engagemnt auch deswegen so aus all deinen Poren! Alles Gute, Sylvia! Und falls du „Meine Schwester Einsamkeit“ wieder vergessen hat, lasse sie einfach ruhen…Liebe Grüße, Petra

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    • Liebe Petra, ich danke Dir herzlich. Ich denke, meine Kreativität hat sich erst nach all dem entfalten können.
      Ich habe die Schwester nicht vergessen. Nur sind wir inmitten der Umzugsvorbereitungen, Proben für das Programm mit HC Schmidt und nächste Woche muss ich zur OP. Ich nehme mir momentan einfach zuviel vor und muss etwas langsamer „fahren“. Ansonsten bleibe ich leider stecken.
      Es wird alles seine Zeit bekommen – dessen bin ich mir sicher.

      Sei herzlich gegrüßt
      Sylvia

      Gefällt 2 Personen

  7. Danke für die Einblicke in Deine Geschichte, die einen mitfühlen und sicher viele eigene Erinnerungen aufkommen lässt. Ich finde, Du hast sehr schön klar gemacht, dass alles, was wir im Leben erleben – Schönes wie weniger Schönes – uns und unser Sein prägen und uns das erleben lassen, was wir jetzt erfahren dürfen.
    Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute.

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  8. Ganz lieben Dank für diesen gedankenanregenden, aussergewöhnlichen Beitrag – wundervolle Worte in deinem Gedicht. Es erinnert, fordert auf zum Erinnern:
    „Je älter man wird, um so häufiger und intensiver erinnert man sich an die Kindertage“ … das ist das beste Training gegen Alzeimer 🙂 (hab ich von Vera Birkenbihl gelernt und verknüpfe geradezu dir!)
    ❤ Grüsse und guten Start ins Wochenende,
    Christel

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  9. Liebe Sylvia, so eine überraschend offene Biographie habe ich nicht von dir erwartet! Auch „Die Geschwinde“ gefällt mir sehr gut. Interessant ist, dass meine Mutter in einer ungarischen Pflegefamilie in der Nähe von Hermannstadt (heute Sibiu) Rumänien, aufgewachsen ist. Sie sprach bis zu ihrem Tod fließend Ungarisch, was hier im Westen sehr selten vorkommt. Ich wunderte mich, dass euer Sohn den Namen Ferenc trägt; der ist auch eher sehr ungewöhnlich. Aber jetzt klärt sich einiges auf.

    Der Name „Kling“ klingt aber nicht gerade Ungarisch?

    Auf dem Foto, die Kleene mit der Bommelmütze, das bist du? Das Foto und deine Geschichte zeigen wohl wirklich ein authentisches Bild deiner Familie und deiner Biographie. Wenn man schon mit 12 an einer psychischen Krankheit leidet und einen Weg von 20 Jahren bis zur Heilung hinter sich gebracht hat, kann man wohl behaupten dass das Leben einem einiges abverlangt und gelehrt hat. Jetzt wundere ich mich auch nicht über deine Nieren – und Hüftprobleme. Eine Bulimie hat Ursachen. Ich hoffe du hast sie verarbeitet oder wirst mit ihr fertig. Ich glaube es gibt seelische Lasten, die man lernt auch lebenslang zu tragen. Den tragischen Tod deines Vaters bedauere ich sehr. War sicherlich eine schwere Zeit für euch. Typische DDR-Familie. So wie du sie beschreibst, waren wir wie ihr, nur eben typische BRD-Familie. Das erste Auto meines Vaters war übrigens ein mausgrauer VW Käfer. Den Geruch des Autos hab ich noch heute in der Nase. Gummifussmatte! Igitt! Wir machten einmal eine Reise nach Rmänien. Mit Zelt. Mein Reisegepäck hatte ich in meiner Schultasche und einem Kinderrucksack. Das war alles.

    Ist es nicht interessant, wie Menschen sich entwickeln? Ich wundere mich nicht mehr. Immer häufiger begegnen mir Menschen mit sehr interessanten Lebenswegen. In den letzten Jahren glaube ich, wesentlich bewusster zu leben. Mir begegnet der Stoff, aus denen Geschichten, Romane und Filme entstehen.

    Liebe Sylvia, danke für deine Offenheit.

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.

    Manfred Krain

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    • Lieber Manfred,

      vielen herzlichen Dank für Deinen intensiven Kommentar.
      Dieser Beitrag ist ist nur ein kleiner Teil meiner Biographie. Das Buch liegt noch unfertig in der Schublade und braucht noch viel Zeit.

      Ungarisch spreche ich leider nicht (nur einige Worte), da mein Vater uns nicht an seiner Muttersprache teilhaben ließ. Er hat sie verdrängt ….

      Der Name „Kling“ kommt auch nicht aus Ungarn, doch das muss ich noch einmal ermitteln. 🙂
      Lieber Manfred, die Nieren- und Hüftprobleme haben überwiegend ihre Ursachen in der Borreliose, an der ich nach der Geburt von Ferenc erkrankte (Zeckenbiss) – Du kannst es gern noch mal unter dem Kommentar von Arabella – hier – nachlesen.

      Oh nein, die Bulimie ist nicht mehr Teil meines Lebens – zumindest nicht in diesem Sinne. Sie ist als Bestandteil meines bisherigen Lebens noch vorhanden, doch ich habe alles wunderbar überstanden. Für mich war der Leidensdruck im Jahre 2000 groß genug, mit guter Motivation in die Behandlung zu gehen.

      Ich musste lächeln: Wären unsere Familien uns begegnet, wäre also ein mausgrauer Käfer neben unserer Rennpappe gefahren – welch ein Bild! 🙂
      Ich bin ja ganz ehrlich: Ich kann diese Trabanten gar nicht mehr leiden. Wenn ich sie hier auf der Straße teilweise noch sehe, dann ekelt mich schon der Geruch. Als Kind habe ich mich im ersten Jahr auf Reisen ständig erbrechen müssen. Dieses Geruckel dort drin, dieser ekelhafte Gestank. Ich verstehe nicht, wie man ein solches Stänkerauto heute noch fahren kann (aber das ist nur meine persönliche Empfindung – ich weiß …).

      Ich freue mich auch immer, wenn ich auf Menschen treffe, die mir Geschichten erzählen können. Manchmal kann ich – ohne mit ihnen zu kommunizieren – in ihren Gesichtern lesen.
      So verstehe ich Dich sehr gut – je älter man wird, um so sensibler wird man diesen Lebensgeschichten gegenüber, die einen berühren und anhalten lassen.

      Nochmals herzlichen Dank für Deine wundervollen Worte, lieber Manfred.

      Herzliche Grüße
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir von ganzem Herzen, liebe Arabella und bin von Deinen Worte sehr berührt.

      Weißt Du, als ich dann nach der Geburt meines Nachzüglers an einer „nicht psychosomatischen Krankheit“, der Borreliose, erkrankte und über Jahre hinweg mehr im Krankenhaus verbrachte, als zu Hause, da dachte ich: Auch das überstehe ich. Aber sicher war ich mir nicht.
      Anfangs betrachtete ich diese Folge eines Zeckenbisses als Strafe für meine damals „selbstgewählte“ Sucht.
      Doch auch das ging vorüber.
      Ich grüße Dich herzlich,

      Sylvia

      Gefällt 2 Personen

  10. Du bist eine sensationelle Frau. Deine Offenheit und Demut berühren unglaublich.
    Ich erfahre auch, dass ich zu meinem „inneren Kind“ zurückgehe und ihm manchmal über den Kopf streichle. Ich verstehe heute, was ich damals nicht verstand habe….
    Du zeigst uns viel über Dankbarkeit und Empathie und ich danke Dir dafür.
    Herzlich. Priska

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  11. Danke am Teilhaben ❤
    Ist es nicht immer so, dass wir nur das Positive sehen wollen? Ich kenne das auch von mir. Und auch dieses Angepasste zu der Zeit. Ich glaube, da war es egal, ob West oder Ost. Mein Vater war zwar ein Oberpfälzer Urgestein, aber meine Mutter Flüchtling aus Kunzendorf (Schlesien, heutiges Polen). Die Linie meiner mütterlichen Seite würde ich einmal verfolgen… Väterlicherseits hat mein Opa zurück verfolgt bis ins 12. Jahrhundert. Der Ursprung ist Marienbad 😉

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    • Nun ja, ich möchte auch gar nicht mehr so das Negative betrachten. Es ist existent – sicher, doch ich drehe und wende es nicht mehr, wie ich es früher getan habe.
      Je mehr Zeit vergeht, um so mehr habe ich an Sicherheit und meinem Ich gewonnen und so entsteht die Verbindung zum Positiven.
      Ich habe inzwischen viel über das Leben meiner Mutter erfahren.
      Momentan schreibe ich die Lebensgeschichte meines Großvaters mütterlicherseits ab (aus seinem Original). Er berichtet über sein Leben, über seine Erlebnisse im I. und II. Weltkrieg, über die Kinder, die starben und überlebten.
      Damit erfuhr ich auch viel über meine Mutter. Sie hat meine ganze Bewunderung!
      Vielleicht sind das auch Faktoren, die dazu führen, das eigene, dagegen kleine Wehwehchen nicht mehr als weltbewegend zu betrachten.

      Übrigens: Mein Großvater kam aus Böhmen und meine Großmutter aus Italien.
      Es ist höchst interessant, der Familiengeschichte zu folgen, oder? 🙂

      Sei herzlich gegrüßt,
      Sylvia

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