Wir leben – mit dem Tod


Diese Woche kam ich mit Priska Pitt auf Facebook zu ihrem Beitrag:

Der plötzliche Tod

ins Gespräch. Der Tod, der zum Leben dazugehört. Der Tod als etwas Unabänderliches. Ich hatte ihr in der Kommentarleiste auf Facebook berichtet:

„So viele Kommentare auf WP – da sieht man, dass viele Menschen den Tod nicht mehr als Tabuthema betrachten. Er gehört dazu. Seit meiner Nahtoderfahrung habe ich eine eigene Einstellung dazu. Ich habe nach über 20 Jahren erst darüber geschrieben: vor sechs Wochen erst. So lange hat es gebraucht.“

TodesNähe

Seltsam sah ER einst mich an,
nahm mich schweigend an die Hand,
sein Kuss war nur recht kalt
und grässlich die Gestalt,
meine Zunge wie ein Stein,
und mein Leibe nicht mehr mein,
mein Geist ist still geschwebt
und hat die Zeit durchlebt,
die ich zuvor durchging,
so wie ein Schmetterling
meine Seele durchschwirrte
und tausendmal sich verirrte
in diesen kalten Wänden –
was, hier sollt ich verenden?

Es war so elend trist,
ach, wär ich nur ein Christ,
so dacht ich in der Dunkelheit
und wünscht, ich würd vom Schmerz befreit,
doch trieb mein Blut noch schwallend,
und weiße Kittel krallend
sich nadlig in meine Haut,
sie schrien so schrecklich laut,
die Luft, sie zu sehr eilte,
und in der Brust verkeilte
sich ein Brocken, verbissen,
mich aus dem Sein gerissen –
ER sah mich wieder an,
suchte nach meiner Hand,
ich wollt ihm die nicht reichen,
diesem hässlichen Bleichen,
sein Kuss nach Ende schmeckte,
eine Nebelschicht bedeckte
die Schmerzen, meine Glieder.
ER sank auf mir hernieder!

Wie hätt ich diese Zeilen geschrieben,
wär der Elende auf mir geblieben?
Der Tod war viel zu träge,
ich war so jung und rege,
Leben wühlte in meinen Sinnen,
Licht begann durch mich zu rinnen,
den Tod, den stieß ich wüst beiseite.
Auf ging es ins Leben. Das Zweite.

(1994)

Copyright Sylvia Kling

Vorbereitet für das Buch „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ – Veröffentlichung 2018 geplant –

Arno von Rosen – Zeichnung, g. U.

Von ganzem Herzen danke ich meinem lieben Freund Arno von Rosen, der mir die Verwendung seiner wundervollen Zeichnungen gestattete. Sollte jemand meiner Freunde, LeserInnen oder BesucherInnen den Autor (nein, das Multitalent) Arno von Rosen nicht kennen, so folgt mir hier entlang zu einem Besuch auf seinem Blog:

http://arnovonrosen.wordpress.com/

Ich wünsche Euch einen schönen Wochenausklang und hoffe, wir können am Wochenende wieder ein frühlingshaftes Wetter genießen. Mein Frühlingsgedicht wartet noch in den Startlöchern ;-).

Eure Sylvia Kling

Beitragsfoto: Uwe Richter

https://uwerichtersfotoblog.wordpress.com/

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52 Gedanken zu „Wir leben – mit dem Tod

  1. „Wir leben – mit dem Tod“ …stimmt! Auch, dass heute einige viel offener damit umgehen. Aber leider gibt es immer noch genügend, die sich entschuldigen, wenn sie „zuviel“ vom Tod, diesem ach so traurigen Thema, geredet haben. Ich finde nicht, dass man sich dafür entschuldigen muss und dass dies ein Thema ist, dass genauso interessant und wichtig ist, wie wenn über eine Geburt geredet wird.
    Deine Erzählung über deine Nahtoderfahrung und dein Gedicht dazu berühren mich sehr. Ich glaube, das ist bisher das erste Mal, dass ich so eine „negative“ Darstellung lese.
    Ich habe gerade 1995 sehr viel darüber gelesen, nachdem der Sohn meiner Freundin mit 12 1/2 tödlich verunglückte. Er hatte zwar nicht solch eine Nahtoderfahrung, er war sofort tot, aber es interessierte mich damals einfach sehr, auch weil ich in der Zeit viele Todesfälle (auch junge) mit „erlebte“.
    Du hast Positives fürs Leben aus dieser/deiner Erfahrung mitgenommen und das gefällt mir ganz besonders.
    Herzliche Grüße…

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    • Bitte entschuldige, dass ich erst jetzt den Kommentar genehmige und antworte. Ungefähr 20 Kommentare verschwanden seit einigen Wochen „einfach so“ im Papierkorb. Wie das passieren kann, ist mir völlig unklar. Ich muss da mal recherchieren.

      Danke für Deinen Kommentar – ich kenne auch positivere Nahtoderfahrungen von anderen Menschen. Vielleicht war es so bei mir, weil ich so gar nicht bereit war oder ich Angst hatte. Das kann man nicht wissen.

      Herzliche Grüße

      Sylvia

      Gefällt 1 Person

      • Ist doch nicht schlimm. Ich habe hier heute das Problem, dass ich die Kommentare auch nicht angezeigt bekommen habe. Irgendwie scheint da gerade etwas nicht so gut zu funktionieren.
        Liebe Grüße…

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  2. Sie verlässt mich das Gedicht sprachlos. Eine solche Intensität in einem persönlichen Ereignis, lässt mich atemlos. Wie Sie dies unter diesen Umständen gekostet haben muss. Meneras alle, lassen Sie einige schöne Verse und das Bild ist wirklich spektakulär, sie zu begleiten.

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  3. Liebe Sylvia, in meiner Arbeit im Hospizberein mache ich immer wieder die Erfahrung, wie erfindungsreich das Leben angesichts des Sterbens ist, in ihm das letzte Wort behält – dass es auch im Sterben nicht aufhört – eine lebensbejahender Erfahrung als diese kann ich mir nicht denken, und es ist ein Geschenk, wenn Andere diese, ihre Erfahrung mit-teilen…
    Hab ein schönes Wochenende,
    Lieben Gruß, Guido

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  4. Das ist ein sehr packendes Gedicht!
    Ja, da packst du etwas an, was uns alle angeht und doch so häufig verdrängt wird. Wen wundert’s!
    Du warst damals so jung, viel zu jung zum Sterben…Ich nehme an, dass deswegen auch deine Begenung so schrecklich war. Ich habe schon ganz anderes, Postiveres, gehört…
    „Auf ging es ins Leben. Das Zweite.“ Na, Gott sei Dank! Du würdest uns fehlen! 💜

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    • Vielen lieben Dank, Petra. Ich war damals nicht nur jung, sondern ich hatte zwei Kinder im Alter von 4 und 7 Jahren zu Hause und war alleinerziehend.
      Da gingen mir – bevor ich im vorübergehenden Niemandsland verschwand – so viele Bilder von der Geburt der Kinder und den wenigen Jahren danach durch meinen Kopf. Ich kann mich gut an den Gedanken erinnern: „Was wird nun aus ihnen?“ Für mich war das noch viel schlimmer. Das wollte ich jedoch nicht auch noch in diesem Gedicht unterbringen. …
      Liebe Grüße
      Sylvia

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  5. Liebe Sylvia, dein „nichts verklärendes“ (Ulli) Gedicht ist sehr stark, man kommt nicht leicht an ihm vorbei. Sehr eindringlich, wie auch das Portrait von Arno.
    Dein Leib – dein Geist – deine Seele — sie reagieren verschieden auf dasselbe Ereignis („meine Zunge wie ein Stein, … mein Geist ist still geschwebt …meine Seele durchschwirrte und tausendmal sich verirrte …“) Dein junges Blut war „noch schwallend“, und auf geistiger Ebene wollte sich keine Tröstung zeigen („Es war so elend trist, ach, wär ich nur ein Christ“). Nach dem, was ich über den Tod und das Danach habe herausfinden können, werden sie von Menschen sehr unterschiedlich erlebt. Es kommt sehr auf den Vorstellungsinhalt an und ob die Seele einverstanden ist.
    Liebe Grüße dir! Gerda

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  6. Liebe Sylvia,

    das Gedicht ist wirklich wundervoll geschrieben – scheinbar verfolgt mich das Thema und will nicht, dass ich meine Augen verschließe, verdränge, nicht zulasse. Sehr berührend und auch das Bild passt so wunderbar zu diesem Gedicht. Herzlichen Dank (an euch Beide, also auch an Arno) für das (Mit)Teilen.

    Herzlichst und ein warmes Lächeln
    Alex

    Gefällt 2 Personen

    • Ich danke Dir für das Berührenlassen.
      Bisher haben mir schon viele ihre Nahtoderfahrungen berichtet und ich musste jedes Mal weinen. Eine mir beschriebene Erfahrung habe ich aufzeichnen dürfen. Wenn Du mal an einem anderen Tag magst (sie ist Teil einer kleinen Geschichte), schicke ich sie Dir mal.

      Aus den Hintergründen zu dieser Erfahrung mache ich kein Geheimnis, gehe jedoch nicht zu sehr ins Detail:
      Ich hatte eine OP, die ursprünglich als völlig harmlos geplant worden war, jedoch infolge der Schwere der Erkrankung (die Ärzte sahen es erst beim Operieren) erweitert werden musste. Man musste ja zuvor mit Unterschrift bestätigen, dass man – sofern weitere Eingriffe notwendig werden – nicht erst aufgeweckt werden möchte, sondern die Ärzte bevollmächtigt, notwendige Maßnahmen zu ergreifen. So kam es also.
      Allerdings verwechselte man mich mit der nächsten Patientin und verpasste mir, damals zarte 58 kg, eine massive Narkose für eine Schwergewichtige.
      Das führte zu einem Blutdruckabfall und wohl auch zu Atemverlusten – keine Ahnung. Man besprach danach nur das Nötigste mit mir – heute würde ich mir das nicht mehr gefallen lassen.
      Mein Glück: Eine Ärztin bemerkte an mir etwas im Vorraum, was sie anhielt. Bevor ich ins Koma fiel, hörte ich sie noch schreien.

      Ich lag dann auf der ITS. Einige Tage später empfahl man mir, an Gewicht zuzunehmen, da ich zu dünn war. Mein Körper würde wohl nicht gerade geeignet sein, solche Belastungen auszuhalten.

      Haha, das müsste mir heute mal einer sagen … ;-).

      Heute gebe ich bei OPś stets diesen Blutdruckabfall an und es ist leider immer so, dass die Ärzte infolge Asthma etc. ganz schön zu tun haben während einer Narkose, doch wenn ich irgendwo hin gehe, suche ich mir gute Kliniken aus, in denen ich grundsätzlich ein gutes Gefühl habe. Nichts ist schlimmer, ohne Vertrauen zu einer OP zu gehen.

      Ich grüße Dich herzlich
      Sylvia

      Gefällt 3 Personen

      • Liebe Sylvia
        Das ist ja unglaublich. So schnell könnte es gehen…Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester im Spital, da hat sie so einiges mitbekommen… aber Dein Erlebnis übertrifft alle…
        Schön, dass Du noch bei uns bist. Deine Gedichte, Du als Mensch würden fehlen hier.

        Gefällt 1 Person

      • Liebe Priska,
        den Ärzten hatte ich nie einen Vorwurf gemacht – es sind auch nur Menschen. Was ich nicht gut fand, war, dass sie es vor mir versuchten zu verschweigen und es auf meine körperliche Verfassung schoben (Untergewicht). Sie wussten ja nicht, dass ich vorher noch etwas mitbekam.

        Ganz lieben Dank für Deine Worte, Priska – ich werde ja ganz rot :-).

        Herzliche Sonntagsgrüße
        Sylvia

        Gefällt 1 Person

    • Ich danke Dir sehr, liebe Martina.

      Deine Angst verstehe ich sehr gut! Deshalb bin ich auch eine Befürworterin der Sterbehilfe, die ja wieder einmal in D verboten wurde (es ist allerdings auch nicht verwunderlich).
      Darum LEBEN wir und das jeden Tag intensiv.

      Sei herzlich gegrüßt,
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

  7. Hat dies auf Die Erste Eslarner Zeitung – Aus und über Eslarn, sowie die bayerisch-tschechische Region! rebloggt und kommentierte:

    Diese Worte passen zu den letzten und dem heutigen Tag. Schon wieder ist heute – diesmal im jungen Alter von 58 Jahren – ein Eslarner von uns gegangen. Die letzten Tage wechseltn sich die Beerdigungen mit dem Läuten der Sterbeglocke ab. Eslarn stirbt aus? Wollen wir es mal nicht hoffen.

    Gefällt 2 Personen

  8. Liebe Sylvia, ich erkenne deine Gedanken zu diesem Thema und habe selbst über den Tod nachgedacht. Es stimmt was du schreibt. Wer jung ist verdrängt und bekämpft IHN, aber je älter ich werde, desto mehr Freund wird ER mir, den ich schon so oft sah ohne ein einziges Wort zu wechseln, denn er versteht uns auch ohne Worte.Alle Menschen sterben, nur einige beginnen damit lange bevor ihr Leben verhaucht ist, du aber schickst deine Gedanken auf Flügel durch das Leben und gibst deine Kraft bereitwillig an andere weiter. Das bewundere ich und bedanke mich, ein kleiner Teil davon sein zu dürfen ❤

    Gefällt 5 Personen

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