Fenster


Heute habe ich ein besonderes Gedicht für Euch. Es handelt sich um Auszüge aus meinem Leben als Frau in der DDR – bis heute, in Verse gepackt – eine meiner Arbeiten, in denen mein Ich ausnahmslos im lyrischen Ich steckt.
Es ist ein wenig länger, aber es erzählt. Vielleicht erkennt so manche Frau sich in einigen Phasen wieder. 😉

Zum gestrigen Frauentag veröffentlichte ich dieses Gedicht auf Facebook.

Viele Frauen hatten ihr Leben lang schwer zu tragen: Kindererziehung, Berufstätigkeit, Haushalt, später dann die Pflege der Eltern und so manche Frau, die ich kenne, kämpft in der wunderschönen Herbstzeit des Lebens noch gegen eine Krankheit an.

Für mich braucht es keinen besonderen Tag, allen Frauen Respekt zu zollen. Jeden Tag sollten wir unseren Frauen Aufmerksamkeit und Achtung gegenüberbringen!

Fenster

Erste Jahre auf dem Dorf,
hinter Mauern,
doch ruhig, entspannt,
ich habe Fahrrad fahren
gelernt,
beinahe steckte ich
eine Scheune in Brand,
dann die Stadt,
hektischer,
doch belebter, bunter,
heiße Sommer,
eisige Winter,
Friedhöfe, Parkanlagen,
für ein Mägdelein war
ich recht munter,

Plattenbauten,
laut, dünnbautig,
Bohrmaschinen
(nach dem Weihnachtsfest),
heimliches Erkunden
von Ruinen,
Gärtchen zum Kirschenklauen,
alte Herren,
die lauerten,
um mir fleischigwulstig
auf die Finger zu hauen,

ein ständiger
Wandel, einmalig,
trotz mancher Prügeltracht,
Nachbars Sohn hat sich
mit dem Gasherd
wegen seiner Freundin
umgebracht,
blanke Fenster holten
mich nicht raus aus
dem Elternfrust,
ich flüchtete,
hinaus ins Leben
im Osten,
schlug doch ein Freiheitsherz
in meiner Brust,

Lehre,viele
hochdotierte, ach so
kluge Juristen,
die mit den Gesetzen
und den vielen Fristen,
und die Winter und
die Sommer und
die Herbste vergingen,
immer wieder Arbeit,
bis drei Kinder
endlich an mir hingen,

ja, so brachte ich
die Kinder, die ich
liebe
auf gerade Bahn,
sah durch blanke
Fensterscheiben –
und ich pfiff auf den
frühen Plan,
die Winter wurden
milder und die Sommer
heißer,
und mit jedem verwehten
Herbstblatt wurde meine
Stimme leiser,

da kam ein Weh und
Leid dahergeschlichen,
als wär das elend,
nicht so freie Leben
aus meinem reifen
Weiberleib gewichen,
ich bin gefallen,
musste liegenbleiben,
nicht mal die Fensterscheiben
konnt ich blanke reiben,

da war sie also nun,
meine weite Welt,
die Sommer kamen,
die Winter gingen,
mein Leben hat sich
einfach tot gestellt,
die Mauern im Osten
waren längst
schon abgeschafft,
und ließen eine alte
Ossifrau zurück,
so ohne Kraft,

doch komm ich nun zum
Ende mit diesen
Peinlichkeiten,
Mensch, waren das
verrückte Jahreszeiten!
Und wenn mich heute
einer fragt,
was ich die fünfzig
Jahre so gemacht,
da sag ich (lachend):
«Viele Fenster geputzt.
Es war auch wirklich
angebracht!»

(c)Sylvia Kling

Das kleine WortZwinkern am Ende beschreibt meinen ganz eigenen Humor.

Vorbereitet wird dieses Gedicht für
meinen Lyrikband „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ (Veröffentlichung 2018 geplant)

Wie immer der Hinweis: Das Kopieren und Weiterverwenden ohne meine Zustimmung ist untersagt!

(piqs.de ID: 75e4500f5af837e23c343223ed56a804)

Foto: http://piqs.de/fotos/148384.html
Lizenz: Creative Commons License
Fotograf: Bachmont

Ich wünsche meinen Freunden, LeserInnen und BesucherInnen einen guten Wochenausklang und schon jetzt ein wunderbares, erholsames Wochenende. Passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

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39 Gedanken zu „Fenster

  1. Pingback: Sylvia Kling über uns Frauen, die wir auf der Ostseite der Elbe lebten | prominentimostblog

  2. Wenn frau Fensterscheiben nicht einschlagen kann, muss sie sie halt putzen, um Durchblick zu haben. Ich denke, dir ist das ganz gut gelungen, liebe Sylvia! ich habe gelegentlich meinen Kopf zum Einschlagen von Fenstern benutzt – im wortwörtlichen Sinne 😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Erstaunlich, wie Du in ein paar Versen eindrucksvoll das Leben zeichnest! In ein paar Strichen, aber absolut plastisch nacherlebbar! Erstaunlich finde ich auch, wie man auf ein paar gemeinsame Nenner, übergreifende Themen kommt, wenn man im Rückblick gleich ein paar Jahrzehnte überschauen kann, wenn aber trotzdem die einzelnen Streiche, die erste Liebe präsent sind, als wäre es erst gestern gewesen …

    PS
    Beim Thema Fensterputzen fällt mir immer der Satz meiner verstorbenen Tante ein, die stets sehr auf Sauberkeit achtete. Sie sagte, „Solange sich die Nachbarn nicht beschwehren, dass sie nicht mehr hereinschauen können, brauche ich die Fenster noch nicht putzen.“

    Dir alles Gute und lieben Gruß, Michael

    Gefällt 4 Personen

    • Lieber Michael,

      vielen lieben Dank für Deinen so intensiven Kommentar. Es freut mich sehr, dass es Dir gefält. 🙂

      Deine Tante hatte wohl Recht. 🙂
      Ich selbst mag eben leider selbst angeschmutzte Fenster nicht.
      Meine Katze hat die Angewohnheit, überall ihre Spuren zu hinterlassen. So „laufe ich des Öfteren mit dem Glasspray herum“, um diese Spuren zu beseitigen. Es ist also eine kleine „Macke“ von mir, die (nicht nur) mir auffiel und die ich in mir bewegte, so dass es als Metapher in diesem Gedicht bewortet wurde. In Zeiten meiner Krankheit, die mich oft wochen- und monatelang hinstreckte – blieb mir auch nichts anderes übrig, als meine Fenster blank zu halten, um mich an dem Anblick draußen zu erfreuen.

      Andere Nachrichten folgen noch ;-).

      Liebe Grüße
      Sylvia

      Gefällt 2 Personen

    • Ich habe dieses Gedicht vor drei Monaten geschrieben, liebe Michi. Im Laufe der Zeit gibt es bei jedem Dichter/Autoren eine Weiterentwicklung oder man probiert neue Sachen aus.
      Gerade diese biographischen Verse haben einen anderen Klang, als die, die ich aus Beobachtungen heraus verfasse.
      Ich denke, mein neues Buch wird daher wieder einen anderen Anstrich haben. Mein Mentor freut sich jedesmal, wenn er sieht, was sich wieder verändert hat. 🙂

      Ich danke Dir für das Lesen und Deinen lieben Kommentar.

      Herzliche Grüße

      Sylvia

      Gefällt 2 Personen

  4. Na ja… meine Mutter floh während dem Krieg mit drei Kindern aus Oberschlesien nach Westdeutschland und musste trotz ihrer dann zwölf Kinder ihr Leben lang, in Wechselschicht mit meinem Vater, arbeiten. Weil einer alleine schon damals die Familie nicht ernähren konnte und damit immer jemand bei den Kindern ist, weil es bei uns leider keine Kinderkrippen oder andere soziale Hilfen vom Staat für uns gab.
    Sehr oft stand sie nachts am Bügelbrett und auch ansonsten …unglaublich was sie bis zu ihrem Tod leistete.
    LG🍀

    Gefällt 1 Person

    • Vielen lieben Dank. 🙂

      Ja, die Diskussionen hatten wir gestern auf FB auch, wobei in den Sechzigern die Frau nicht arbeiten durfte. Die Entwicklung war schon etwas anders. Im Osten hat die Frau sich für eine Berufstätigkeit von Anfang an entscheiden dürfen. Das hatte postive, aber auch negative Seiten.

      Ich war Schlüsselkind und mir hat es nicht geschadet. Meine Mutter ist eine sehr starke Frau, die viel in ihrem Leben geleistet hat.
      Viele junge Frauen können sich ein solches Leben nicht einmal ansatzweise vorstellen (Ost und West).

      Sei herzlich gegrüßt,
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

  5. Liebe Sylvia! Von dieser nicht leichten Lebensgeschichte bleibt mir nach dem ersten Durchlesen der Durst nach Selbstverwirklichung, der nur zeitweise gestillt wird und vor allem das Freiheitsherz , das sich auch in den immer wiederkehrenden Bild der Fenster- mal blank mit klarer Sicht, mal ungeputzt ohne Durchblick- spiegelt. Auch die schlimme Zeit”mein Leben hat sich einfach tot gestellt” ist tief berührend. Am Ende klingt der Schlusssatz dass das Putzen eben nötig war, dann doch eher versöhnlich …Ja, eigentlich würde ich das jetzt gerne wieder und wieder lesen; denn sicherlich würde ich noch viel , viel mehr darin finden…Lieben Dank für diesen berührenden Beitrag! lg 🌻Petra

    Gefällt 2 Personen

    • Vielen lieben Dank, Petra.
      Viele Frauen haben mir schon Rückmeldungen dazu geschrieben (auch per persönlicher Nachricht), dass sie sich in vielem aus dem Gedicht wiedererkannten. Jammern gibt es für uns Frauen nicht ….

      Ich danke Dir für Dein Interesse an dieser wohl bisher persönlichsten Arbeit von mir.

      Herzliche Grüße
      Syvia

      Gefällt 1 Person

  6. Dabei war nur ein Teil darin enthalten (man kann diese Gedichte nicht ganz so ausdehnen….).
    Ich danke Dir, liebe Petra.
    Der Gedanke zur Metapher „Fenster“ kam mir, als ich im Laufe der Jahre feststellte, dass ich blanke Fenster sehr mag und schmutzige Fensterscheiben machen mich nervös. 😂

    Herzensgrüsse
    Sylvia

    Gefällt mir

  7. servus dir Silvia
    Ich konnte mich so richtig in deine kleine Anekdote hineinversetzen – kurz und bündig ein Lebensrückblick der prägt – und an Jahren Bedeutung gewonnen hat – ähnliche Geschichtchen brachten mich zum Schmunzeln – denn Kirschenklau gehörte einfach zum Lausbuben wie der Tulpenklau (eine) zum Muttertag 😀
    lieb grüß die zuzaly aus Hildesheim

    Gefällt 1 Person

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