Das kleine Schwarze, François Villon und Kunst als Mittel, mich der „Wahrheit“ zu nähern


Es wird verwunde(r)n – oh nein, ich veröffentliche jetzt kein Foto von mir mit dem kleinen Schwarzen ;-).

Meine Homepage trägt ein neues Kleid – „das kleine Schwarze“ eben. Ein völlig neues Design erwartet Euch (auch ein anderer Titel) sowie neue Gedichte und ähnliches. Ihr könnt mir nun mit Eintragung der E-Mail-Adresse folgen.

Demnächst wird es dort Arbeiten von mir zu lesen geben, die ich weder hier, noch auf Facebook präsentiere (nur in Büchern oder im Programm „Poetisch-musikalische Szenen“). Wie definiere ich meine Arbeiten in der zeitgenössischen Poesie? Dazu komme ich in diesem Beitrag später noch. Deshalb: Lest bitte bis zum Ende.

Auf meiner Homepage wird es  zu lesen geben, was mich literarisch oder musikalisch noch so umtreibt. Man bekommt über neue Beiträge und Änderungen eine Nachricht, wenn man mir folgt. Ist das ein Angebot?

Hier ist sie nun:

http://www.sylvia-kling.de/

Ich würde mich sehr freuen, den einen oder anderen, der sich gern überraschen lässt, auf meiner Homepage begrüßen zu dürfen und lade Euch herzlich zu einem Spaziergang in den Gefilden einer RealPoetin ein.

Was spreche ich heute an? Bitte lest bis zum Schluss. Es geht um Balladen, die an jene von

François Villon

angelehnt sind. Ja, ich gestehe:  Ich bin seit einem Jahr „Villon-Liebhaberin“, was ich nur sagen kann, weil der gute Mann schon Jahrhunderte tot ist (sonst würde ich wohl mit einer Klage rechnen müssen 😉 ). Durch HC Schmidt, jenen Künstler, mit welchem ich ab April 2017 auch ein gemeinsames Programm habe (AusgeKLINGt – Poetisch musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche), lernte ich die Balladen von Villon kennen und schätzen. Mit seiner besonderen Art, Villon zu lesen, hat HC Schmidt mich für dessen Balladen in ein Boot geholt, auf welchem ich nun auf den Wellen der Renitenten reite.

Wenn der gute François wüsste, dass sich noch nicht viel geändert hat! Und darum geht es. Ich spreche ihn an, lasse ihn auf meine Art wieder auf-leben und ver-mische Vergangenheit mit der Gegenwart. Ich schätze durchaus die klare Sprache und die Satire, auch die wortgemachte Eindringlichkeit in den Balladen Villons und den Spott, der aus seinen Zeilen springt. Mir ist es bewusst, dass vielen Menschen die „Abgerissenheit“ in der Sprache nicht gefällt. Doch auch diese ist für mich ein Teil des Lebens, mag es auch dem Einen oder Anderen zu vulgär erscheinen.

So ist es gut und richtig, dass wir uns in eine Poesie begeben, in welcher wir uns eben desillusionieren lassen müssen.

Für mich jedoch besteht die Poesie nicht nur aus der blumenreichen Sprache und aus der Vorstellung, mich mit idealistischen Wortgebilden zu füllen. Sie ist für mich besonders faszinierend, wenn ich mich in ihr nicht beständig vom Realismus entfernen muss, sondern diesem durch die Sprache näher komme und ihm besondere Bewortungen und eine kraftvolle Vielfalt, ganz eigene Note verleihe. Nietzsche sagte: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“.

Ich ergänze: „Für mich ist die Kunst das sensibelste und zugleich konkreteste Mittel, mich der Wahrheit zumindest zu nähern.“

Im philosophischen Sinne ist der Begriff „Wahrheit“ ohnehin umstritten. WAS ist WAHRHEIT? Es gibt sie nicht. Doch dies würde hier zu weit führen, so beschränke ich mich auf das Thema.

Ich zähle mich nicht zu den „Lyrikern“, wenn ich auch hin und wieder einen lyrischen WortAusflug unternehme und meine Feinsinnigkeit belebe. Gerade zu den Themen LIEBE und NATUR präferiere ich die sanftsüße Bewortung.

Doch diese Spaziergänge gönne ich mir als Dessert. So beglückt es mich überaus, Lyrik bei „echten“ Lyrikern zu lesen und mich von ihrer wohlgefeilten, rosigen Sprache tragen zu lassen. Wer mag es nicht: die Flucht aus dem Realen, hinein in Seelenwärme und einen süßen Geschmack auf der Zunge? Es ist für mich keineswegs konträr – es ist das Leben: süß und zugleich bitter.

Wenn man mich liest, sollte man also wissen:

Als philosophiebegeisterte Poetin und Liebhaberin der Menschen mit all ihren Schwächen reise ich nicht in das Land der Worte, um mich von dem realen Leben zu entfernen. Da liest man auch bei mir durchaus von „Katzenkot“ und „fetten Ratten“, von „Höllengift“, „versüfften Gedärmen“ und „alkoholgetränkten Gehirnen“, von den Lieblosigkeiten und Absonderlichkeiten des Alltags jener Menschen, denen es nicht gelungen ist, ihre Gesellschaftsmasken zugunsten des Mammon aufzubehalten. Da liest man das, was man sich nicht vorstellen kann. Und doch existiert es. Am Rande. Für uns oft nicht sichtbar. Und daneben ein süffisantes Lächeln jener, die glauben, „sie werfen Münzen in den Kleiderstaat, damit es sich weiterdreht, das GierigRad“ (aus „Sättigung“)…. Es ist nicht nur, dass ich „Schwachen eine Stimme gebe“, wie die Rezensentin Anne-Marit Strandborg in ihrer Rezension zu „BruchStücke I“ schrieb.

Durch „die Entfernung des Ichs“, wie der Schauspieler, Regisseur und Lyriker Jürgen Brandtner in seiner Rezension zu „AusGeatmet“ schrieb, komme ich mir wieder näher. Ich möchte sie verstehen, möchte ihnen näher rücken, möchte erfahren, was ich sonst nie erfahren würde und es ist nicht selten so, dass es mich glücklich erschöpft zurück lässt. Denn hier erfahre ich von der wirklichen Stärke der scheinbar Schwachen. Hier lerne ich. Vom LEBEN. Von Vergänglichkeit. Vom Sinn. Von Trivialitäten.

Ich bedanke mich bei Euch herzlich für Euer Interesse und wünsche Euch noch eine angenehme Februarwoche.

Eure Sylvia Kling

Und nun – für alle, die meine „Liebelei“ noch nicht kennen – eine der Balladen von Villon:

François Villon (Darstellung aus Grand Testament de Maistre François Villon, 1489)

François Villon (Darstellung aus Grand Testament de Maistre François Villon, 1489)

Eine nette Ballade, die Villon dem König aus der Verbannung sandte

Ich, François Villon, ein Dichter und Vagant,
Franzose und verbannt aus seinem Vaterland,
mich kitzelt der Geruch der großen Stadt,
ich brauche Raum und habe nicht einmal
für meinen Kopf ein Futteral.
Ich hab den Hetzhund endlich satt,
der mich durch die verfaulten Wälder treibt.
Ich bin ein ganzes Jahr schon unbeweibt.

Du aber weißt, wie reißend mich das Blut bewegt,
wie mein Gehirn durch alle Himmel fegt,
ich hab dir mehr als einen Reim geschenkt,
da war noch Würze drin und Salz.
Jetzt klebt ein Schandfleck rot an meinem Hals,
und wer mich fängt und henkt,
streicht hundert Gold-Dukaten ein;
soll das mein Leben lang dein Wille sein?

Du, sieh her, ich trage auf der grauen Haut
nur diesen Rock, der ist geklaut
und stinkt nach Muff und Mottenfraß.
Sieh hier, am Knie ein Loch, so groß
wie eine Faust … Wer bin ich bloß,
daß ich zu Mist und Aas
verdammt bin, ich, Villon, ein rauer Knecht,
der auch zu dichten sich erfrecht.

… mein Bruder hör: Wozu bist du so stolz
auf einen Thron gesetzt, wenn du wie Holz
dich anfühlst und nicht schreist:
„Schafft den Villon mir her, zieht ihm ein Kleid
von Seide an. Ist höchste Zeit,
daß dieser Kavalier mit mir zu Abend speist!“
Mein Bruder, hör: Ich habe Wind im Darm
und bin wie keine Laus, so arm.

 

Bert Brecht übernahm mehrere Balladen daraus leicht verändert in seine Dreigroschenoper.

Einer der eindrucksvollsten Interpreten Zechscher Villon-Texte (in der Version von 1931) war der Schauspieler Klaus Kinski, der auch Lesungen auf Schallplatte einspielte.

Quelle: Wikipedia – dort kann man über Villon viel erfahren!

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54 Gedanken zu „Das kleine Schwarze, François Villon und Kunst als Mittel, mich der „Wahrheit“ zu nähern

  1. Liebe Sylvia, vor einigen Jahren bin ich in Würzburg gewesen – und in einem mittelaterlichen Hof sang „ein heutiger Minnesänger“ mit entsprechender Kleidung die Lieder von Walther von der Vogelweide – und es hat mich fasziniert, dass seine Texte nichts von ihrer Lebendigkeit (und im Grunde nicht mal etwas von ihrer Zeitbezogenheit) verloren haben – war für mich ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass echte Dichtung über die Zeiten hinweg ihr Wort behält…
    …wollte noch etwas zu dem „abstrakten Geräkel“ sagen, im „Nachgespräch“ zu meinem Text „Zwei und Eines“ (Du erinnerst Dich?): Du hast recht: Wie sich Bilder zu Worten verdichten können, so können (abstrakte) Worte Bilder und Aussichten eröffnet – entscheidend ist wohl nur, dass es ein Erinnern ist – dann ist es immer wesentlich – in welcher Form auch immer…
    Lieben Gruß – aus dem (nicht minder ;-)) stürmigen und verregneten Rheinland
    Guido

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    • Lieber Guido,

      ja, diese mittelalterlichen Feste haben eine ganz eigene Faszination – wie ich finde. Du bringst es auf den Punkt: „Echte Dichtung behält über die Zeiten hinweg ihr Wort.“ Du solltest als Zitat verarbeiten. Ist Dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass man im Schreiben mit anderen (im Dialog – schriftlich, aber auch mündlich) manchmal Worte einfallen, die einem oft versagt bleiben, wenn man sich hinsetzt, um etwas zu schreiben? Es ist mir oft schon so geschehen und kürzlich ging es auch dem Künstler Khalid Aouga so (der schreibt und auch meine Bücher mit Zeichnungen verschönt). Er kommentierte auf Facebook etwas so stark, dass ich ihn darauf hingewiesen habe. Und siehe da: sein nächstes Zitat lebte und er postete es (im Bild).
      Ist es nicht wunderbar, wie uns oft die Worte entgleiten und kleine oder größere Weisheiten entstehen?
      Nun bin ich abgekommen vom Thema. 😉
      Mir gefällt auch die mittelalterlich nachgestellte Kleidung auf diesen Festen (nun ja, ich würde sie nicht unbedingt im Alltag tragen, aber sie haben so etwas Schlichtes und doch Stattliches).

      Natürlich erinnere ich mich an unser „Nachgespräch“.
      Du hast das gut formuliert und ja, wenn wir imstande sind, aus den Worten Bilder entstehen zu lassen, so haben wir das Ziel, die Sprache LEBEN zu lassen, erreicht. 🙂

      Liebe Grüße aus dem heute unglaublich stürmischen, nahe bei Meißen gelegenen 700-Seelen-Dörfchen
      (machte ich doch nicht heute den Witz: „Mensch! Ich hätte nicht 20 kg abnehmen sollen, dann würde ich stehen bleiben!“ – hahaha – na gut, darüber lache wohl nur ich allein! 🙂 )

      Sylvia

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      • Liebe Sylvia,

        …das kenne ich sehr gut, dass ein Gespräch „wortschöpferisch“ ist, vielleicht weil es noch einmal andere Verknüpfungen zum Inhalt herstellt – und weil man „mit vier Augen“ noch einmal mehr sieht als mit zwei 🙂 – vielleicht kann man ja Gedichte.Lieder und Texte als Teile eines großen, umfasssenden Gepsräches sehen, oder als kostbare Momente einer Weggemeinschaft.

        …ich bin so froh, dass bei uns im Rheinlad der Sturm „weggeweht“ ist – und unsere Närrinnen und Narren ausgelassem und ungefährdet Karneval feiern können (und ich mich in Ruhe von einer Erkältung erholen kann, die mich seit zwei Tagen heimgesucht hat)…

        Ich fand Deinen Witz übrigens sehr schlüssig 🙂

        Hab eine gute Zeit!
        liebe Grüsse
        Guido

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  2. Liebe Sylvia, ich denke, ein bisschen was hat sich inzwischen doch geändert, jedenfalls in unseren Breiten. sonst würde ich um deinen Hals zittern.
    Ich war auf deiner Seite, hab ein wenig gestöbert, und was ich sah, gefällt mir gut.

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  3. Es hat mich genug, um Ihren Kommentar zu erhalten. Die Überprüfung fließenden Verkehr, die bedeutet, dass Sie Erfolg in Ihrem Blog garantiert haben. Ich mochte das Video. Die Ballade ist groß und das half mir sehr viel mit der Übersetzung.

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  4. François Villon gefällt mir auch sehr gut und ich hatte ihn schon mal bei Blog.de (2012 wurde Blog.de geschlossen). In einem eigenen Blog von mir habe ich Beiträge von dort nach WordPress exportiert.

    Ein Beitrag bzw. Video von mir dort war:
    Kinski liest Villon – Denkst du, es macht mir Spaß, du Hund?
    https://hubwen12.wordpress.com/2016/07/31/kinski-liest-villon-denkst-du-es-macht-mir-spass-du-hund/

    Aber was mir noch besser gefällt ist dieses hier:
    Klaus Kinski spricht villon – Eine Ballade, Mit der ich meine Mitmenschen um Verzeihung bitte

    Wünsche noch einen schönen Abend und viel Spaß beim Zuhören – Hubert

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    • Haha, ja die kenne ich und auch Kinskis Interpretation. Mir gefällt natürlich die von HC Schmidt auch sehr gut. ER wird dann meine „bösen“ Sachen lesen, die ich bisher weder in einem Buch, noch hier oder auf FB veröffentlichte. Diese Texte MUSS einfach einer lesen, der die entsprechende Aura und Stimme hat und nicht so ein zartes Frauenstimmchen.
      Ich sehe mir die Videos dann trotzdem noch mal an. Es ist doch letztendlich so: Jedesmal entdeckt man etwas Neues … :-).
      Es freut mich, dass Du diesen Balladen auch viel abgewinnen kannst, Hubert. 🙂

      Ganz liebe Grüße

      Sylvia

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  5. Schön Silvia, ich wünsche dir viel Erfolg. Werde versuchen, ab und zu reinzuschauen, aber du weist ja, die Zeit… ,
    In habe François Villons Balladen und Gedichte anfangs der 60-iger Jahre viel gelesen. Damals war ich jung und rebellisch.
    Rebellisch bin ich geblieben – ich mag ihn halt heute noch…
    Ernst

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  6. Ich liebe auch Worte, darum werde ich deinen folgen 🙂
    Zunächst lese ich mich mal in deine neue Homepage ein – rein äusserlich betrachtet gefällt sie mir schon sehr gut …. und da ist schon eine Menge drin. Schön!

    ❤ Grüsse, Christel

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    • Dankeschön – das ist durchaus zu verstehen. Es ist allerdings kein Blog, auf welchem täglich etwas passiert, das wäre auch für mich nicht mehr zu bewältigen. Ich denke, es wird nicht mehr als ein Mal wöchentlich etwas „passieren“ ;-).
      Wir begegnen uns ja hier – das ist auch wunderbar.

      Herzliche Grüße,

      Sylvia

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