Heim(lich)


Liebe Freunde, Leser und Besucher,

in der Adventszeit, in der wir unsere Häuser schmücken und unseren Herzen und Gefühlen ein warmes Zuhause geben, sollten wir nicht diejenigen vergessen, die in Heimen, Krankenhäusern, Gefängnissen oder in Pflege dies nicht so erleben können wie wir, denen Familie und Freunde in dieser Zeit fehlen.

Heim(lich)

Sie sitzt am Fenster
im Zimmer siebzehn,
draußen stehen
weiße BaumArmeen

Sie hebt die Finger,
berührt das Glas,
die SilberklarWolken,
das saftige Gras

Zwischen den Bäumen
spielen Kinder Ball,
ihr Ohr hängt am Fenster,
sie vernimmt nur den Schall

Ein Junge spielt
mit dem Vater Fangen,
ihr Mund küsst die Scheibe,
nur nicht seine Wangen

Ein wenig Geist
die Frau entzündet,
die Erinnerungen ihr
ein Leben verkündet

Wehmütig zieht sie
aus ihrer Bibel ein Bild,
das Foto der Tochter,
es stimmt sie mild

Sie horcht zur Tür,
ob ein Klopfen ertönt –
Wie immer auf dem Gang
nur das Alter stöhnt.

Copyright Sylvia Kling
Auszug aus meinem Lyrikband „BruchStücke II“ – erschienen September 2016 –

(piqs.de ID: ac9f086da0ab615005d31c7e13f8f1c1)

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Foto: Fotograf: kk+
Titel: Ricky
http://piqs.de/fotos/679.html
Lizenz: Creative Commons License

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26 Gedanken zu „Heim(lich)

  1. Liebe Silvia,

    ein wirklich ausgesprochen berührendes Gedicht, welches aufzeigt, mit welchen Problemen gerade ältere Menschen zu kämpfen haben, die, in den Augen der Gesellschaft, praktisch „ausgedient“ haben. Ich finde, dass viele Menschen nicht recht zu würdigen wissen, was wir denen zu verdanken haben, die eine oder mehrere Generationen vor uns gelebt haben. Irgendwie musste ich daran denken, dass wenn ein Mensch keinen praktischen Nutzwert mehr hat, er abgeschoben an den Rand gedrängt wird, um denen Platz zu machen, die diesen Wert noch besitzen. Ich weiß, dass das hart klingt und vielleicht auch gar nicht so ist, aber es ging mir durch den Kopf.

    Und du hast ja bereits gesehen, dass ich mich mal wieder durch deine wirklich wunderbar gewählten Worte zu etwas eigenem inspiriert gefühlt habe und danke dir herzlichst für diese Inspiration. Und ich danke dir sehr, dass du mit deinen Texten Themen ansprichst, die alle etwas angehen und sie mit viel Feingefühl und eindrücklich gewählten Worten vermittelst. Das ist wirklich eine großartige und beeindruckende Leistung.

    Ich sende dir herzliche Grüße und, wie immer, ein warmes Lächeln 🙂
    Alex

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Fort geträumt – Wortewelten

  3. Wie sehr ein Finger Fingerzeig für Sehnsucht sein kann, wie Du es in der zweiten Strophe gestaltest! Das sagt mehr als Worte, und solche Bilder machen ja auch die mögliche Eindrücklichkeit von Lyrik aus!
    Vielleicht werden wir als Gesellschaft wieder sensibler, mehr für unsere Alten zu tun. Ihnen verdanken wir ja, dass wir Zukunft haben. Ich freue mich immer, wenn ich lese oder höre, dass z.B. ein Kinderchor Weihnachtslieder in einem Altenheim gesungen hat. Nur sollte Weihnachten eben öfter im Jahr sein!

    Da sind Dir, Deinem Inneren wirklich sehr eindrückliche Zeilen gelungen, liebe Sylvia.

    Liebe Grüße in Deine Adventszeit!
    Johannes

    Gefällt mir

    • Lieber Johannes,
      vielen herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Kommentar!
      Gestern, als ich meine Mutter in der Kurklinik besuchte, war ich sehr erleichtert zu sehen, dass sehr viele Angehörige ihre Eltern und Großeltern besuchten.

      Ja, wir sollten unbedingt wieder zur Achtsamkeit zurückkehren und auch unsere Kinder und Enkel animieren, die Alten, die immerhin unsere Zukunft mitgestalteten, zu achten und sie nicht allein zurückzulassen.

      Ich wünsche Dir auch eine schöne Adventszeit und sende Dir liebe Grüße aus der Nähe von Meißen,

      Sylvia

      Gefällt 1 Person

  4. oh mein Gott – ist das schön.
    Und soetwas zu dieser Zeit zu schreiben, hat schon eine gewisse Grausamkeit. Ohne Ironie (oder Witz) wische ich eine kleine Träne hinfort, eine größere oder gar zwei, habe ich nicht zugelassen. Das würde mir dann doch zu viele Erinnerungen bringen, die sehr schmerzlich sind.
    Vielen Dank, für diese tiefen Worte und das rütteln an ein Gewissen, welches manch einer vermissen lässt (vielleicht auch ich – wer weiß das schon?).
    Lieben Gruß aus dem trüben Olbersdorf mit glitzernden Fenstern.
    Ede

    Gefällt 2 Personen

    • Wenn es Dich berührt hat, ist doch alles erreicht. Man sollte ohnehin nur das zulassen, was einem wirklich bekommt und Du machst das – für Dich – ganz genau richtig (finde ich zumindest – es ist also nur eine subjektive Einschätzung 😉 ).

      Liebe Grüße aus der Nähe von Meißen,
      Sylvia

      Gefällt mir

  5. In eindrucksvollen Bildern beschreibst Du hier, wie Altern auch oft Einsamkeit bedeuten kann, und wie alten Menschen als einzig Lebendiges oft nur ihre eigenen Erinnerungen bleiben.

    Ich wünsche Dir eine besinnliche Adventszeit!
    Lieben Gruß, M.!

    Gefällt 3 Personen

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