Die Schreiberei und so


Die Schreiberei und so

Momentan bereite ich meine Lesung in Dresden vor und ich gestehe, doch recht aufgeregt zu sein :-). Dazu kommt, dass ich seit Tagen dabei bin, eine Bronchitis auszukurieren und natürlich hoffe, mein Erkältungsgekrächze weicht einer samtweichen Stimme ;-).

Die Schreiberei und so:

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem alten Bekannten. Wie so oft kamen wir von einem zum anderen Thema und schließlich landeten wir bei den lieben Kinderchen. Holger sagte: „Weißt du, wie mir davor graut, wenn mein Jüngster auch eines Tages aus dem Haus geht? Ich weiß gar nicht, was wir dann anfangen sollten?“ Ich antwortete ihm: „Schafft euch schon jetzt Hobbys an, die ihr ein wenig pflegt, damit ihr dann eure Zeit mit diesen ausfüllen könnt. So wird es viel leichter.“ Holger sah mich mit großen Augen an, nickte schließlich und meinte sinnierend: „Ja, da ist wohl was dran.“ Ich ließ ihn also nachdenklich zurück. Wie ich so bin, kam mir am nächsten Tag beim Walken eine zündende Idee: „Darüber schreibe ich.“ Als ich am Abend im Bett lag, schoß mir die Überschrift der Erzählung ein: „Als Julian nicht mehr nach Hause kam“.

Die Protagonistin Sonja erlebt einen persönlich tiefen Fall, als ihr Sohn Julian aus ihrem Haus auszog, um in einer anderen Stadt zu studieren. Sie zog ihn nach dem frühen Tod ihres Mannes alleine auf und stellte ihr gesamtes Leben auf Julian ein. Mit ein wenig Augenzwinkern, doch auch mit dem nötigen Ernst versuche ich, einen Verlauf zu skizzieren, der die Protagonistin in eine völlig neue Welt des eigenen Lebens und der Autonomie führt. Die Erzählung schreibe ich in der „Ich-Form“.

Hier eine Leseprobe (unlektoriert) und einzelne Absätze getrennt:

Als Julian nicht mehr nach Hause kam

Gähnend langweilig, einfach nur öde. Das Haus hatte irgendwie seinen Charme verloren. Die Fassade müsste mal gestrichen werden. Nein, müsste sie nicht.
Sollte ich lieber das Haus von Grund auf renovieren? Warum das? Harry hatte vor 10 Jahren alles neu gemacht.

Irgend etwas musste ich tun. Das Haus war immer unsere Höhle, hatte etwas Magisches. Harry, Julian und ich: das Traumtrio.

War ich in den Wechseljahren, dass es mir so schlecht ging? Was war nur los?

Da half nur Telefonieren. Ich wählte Julians Nummer. Als ich seine Stimme hörte, atmete ich auf. In diesem Moment stieg die Sonne gemächlich auf der Kiefer vor dem Haus von Ast zu Ast und blendete mich. Die Augen zugekniffen, doch mein Gesicht in die Sonne streckend, sagte ich zu Julian: „He, du! Ich wollte mal hören, wie es dir geht?“ Ich versuchte, so gelassen wie möglich zu klingen.
„Mama, du hast gestern vormittag erst angerufen und mich gefragt, wie es mir geht. Heute geht es mir nicht anders als gestern.“ Julian klang etwas genervt. Ich schämte mich. „Ja, klar. Ich wollte Dir heute nur viel Glück wünschen.“
„Wofür?“, fragte mein Sohn. „Äh, naja, bei allem so.“
„Aha, ja, danke, Mama. Ich muss jetzt zur Uni. Bis später!“
„Ja, bis später!“, flötete ich albern und legte auf. Zum Schämen ging ich nach oben ins Schlafzimmer und es dauerte nicht lange, bis mich ein Heulkrampf erfasste.

Am nächsten Tagen rollte der Wagen des Lebens weiter, als sei alles wie immer. Im Büro musste ich den neuen, kahlgeschorenen Kollegen einarbeiten. Martha, unsere Bürostute, lief mit wackelndem Arsch zum Schreibtisch unseres Juniorchefs und beugte sich vor, um ihm auch noch einen Blick auf ihre Hühnerbrüstchen zu gönnen.
Sie bückte sich heute auch verdächtig oft, um den pinkfarbenen Stringtanga zu präsentieren, der über der Hüfthose herauslugte.
Die Pute hatte sicher zu Hause ihre Wohnung pink gestrichen.

Ich wollte mich gern auf zu Hause freuen, doch es gelang es mir nicht. Vielleicht sollte ich wieder ganztags arbeiten? Harry wollte damals, dass ich kürzer trete, um mich um Julian besser kümmern zu können. Ich hatte das nie bereut. Julian wollte unbedingt Journalistik studieren, schon seit er 12 Jahre alt war. Also sah ich zu, dass er im Gymnasium gute Noten erhielt und sprang wie ein aufgescheuchtes Huhn ab dem frühen Nachmittag um ihn herum.
Beim Fußballverein war ich eine durch und durch organisierte, disziplinierte, engagierte Mutter und versäumte kein Punktspiel.
Vorzeigemutter Sonja in einer Zeit, die zu schnell vorwärts ging. In einer Zeit, in der das Küken es eilig mit dem Wachsen hatte.

Verdrossen kochte ich mir Kaffee und setzte mich einige Minuten auf die Terrasse. Wenn wenigstens Harry noch da wäre. Aber der hatte es vorgezogen, sich vorzeitig aus dem Staub zu machen. Wahrscheinlich arbeitete er im Himmel weiter. Wer weiß, vielleicht saß er gerade dort oben, in der stillen Wolke und lachte sich eins. „Meine Sonja, ach, meine Sonja, deine Klagen sind die ideale Kulisse für ein Theaterstück über alternde Mütter!“

„Sei still, Harry! Hättest du damals auf mich gehört und nicht so viel gearbeitet, wärest du noch da. Nein, es gab kein Ende für dich, bis dein Herz mitten in der Nacht aufgehört hatte zu schlagen.
Julian hatte lange gebraucht, darüber hinweg zu kommen. Ich erzählte ihm immer, Du würdest jetzt für den lieben Gott neue Häuser bauen.
Als Julian dich am meisten gebraucht hätte, hattest du dich davongeschlichen, Harry. Nun, du körperloses Arbeitstier, lass mir meine Trauerseele.“

(…)

Am Freitag war ich früh zu Hause. Ich wollte meinen privaten, überfälligen Bürokram erledigen und schlich, mit einer Kaffeetasse bewaffnet, in Harrys ehemaliges Arbeitszimmer. Die Papierberge türmten sich bereits auf dem Schreibtisch und stimmten mich nicht gerade froh. Ich hasste es, nach der Arbeit im Büro auch meine private Zeit mit Papier zu verbringen. Aber mein schlechtes Gewissen trieb mich an.
Den Locher und einen Stift bereitgelegt, machte ich mich an die Arbeit. Nach fünfzehn Minuten schon fühlte ich mich ausgelaugt und noch lustloser als zuvor.

Als mein Blick gedankenlos durch das Zimmer streifte, in welchem mich eigentlich nichts mehr überraschen sollte, blieb er an meiner alten Gitarre hängen. Sie baumelte verlassen an der Wand wie ein Relikt aus aus einer noch ungequälten, freien Zeit: der Zeit meiner Jugend. Mir war in diesem Augenblick, als sehe sie verdrießlich auf mich herab und schmolle mit mir, als ob sie mit mir sprechen wolle, jedoch das Sprechen verlernt habe, als ob sie im Heute und Jetzt eine Art Phantom sei, welches aus der Wand kroch und wieder verschwinden könne.
Stocksteif saß ich nun in diesem Raum und starrte auf die Gitarre. Es hatte sich Staub auf ihr verfangen, der sich gerade durch die Sonne, die durch das Fenster blitzte und auf ihr ruhte, besonders hervortrat und den vernachlässigten Zustand in trister Strenge betonte.

(…)

Am nächsten Tag kroch ich erst aus dem Bett, als in mein Schlafzimmer durch das geöffnete Fenster der Geruch von gebratenem Fleisch drang. Ich hörte das Telefon klingeln und rannte in den Flur. „Ja?“ Ich hasste Telefonieren nach dem Schlafen. Noch keinen Kaffee intus, noch keine Dusche. „Ich bin es, Mama“, hörte ich meine Lieblingsstimme. Prompt war ich wach. „Du klingst, als ob du gerade aus dem Bett gefallen bist?“, meinte mein Sohn. Er kannte mich eben zu gut. „Ja, äh, ja, das bin ich tatsächlich“, entgegnete ich und kicherte.
„Jetzt?“, sagte Julian erstaunt. „Es ist fast 12 Uhr, Mama.“ Seine Stimme nahm einen mahnenden Klang an. Ich überlegte kurz, ob ich die Tür zu meinem gestrigen Abend einen Spalt öffne und Julian hineinspähen lasse.
„Ja, ich war erst gegen 3 Uhr morgens zu Hause, mein Schatz.“ Meine vergnügte Stimme war nicht zu überhören. „Na, sieh mal an. Wo warst du denn?“, fragte er erstaunt.
„Ich war in einer Blues-Bar“, verkündete ich stolz.
„Allein?“, fragte er.
„Nein, natürlich nicht, mit Sandra.“
„Hm.“
„Wie, hm?“
„Ja, du warst lange nicht mehr aus.“
„Das ist wahr und es wurde Zeit, es zu ändern.“
Das Gespräch verwunderte mich. Es war noch nicht so lange her, da stellte ich Julian solche bohrenden Fragen. Wo war er? Mit wem war er? Wie lange war er? Was kam noch?
„War es schön?“, fragte mein Sohn.
„Oh ja, es war einfach toll!“ Meine Stimme hob sich und ich zupfte gedankenverloren an den Rosen, die auf dem kleinen Schränkchen im Flur standen. Vor meinem geistigen Auge baute sich der Gitarrist auf, mit seiner wilden Frisur und dem Dreitagebart, den durchtrainierten Beinen, dem Knackarsch in den eng sitzenden Jeans und dem verschmitzten Lächeln, dem unglaublichen Spiel seiner Hände auf den Gitarrensaiten, sein Arm um meine Schultern, der tiefblaue Blick in meine Augen.
„Mama?“
„Ja?“
„Ich komme nächstes Wochenende mal nach Hause.“
„Oh fein! Da freue ich mich. Da machen wir es uns richtig gemütlich.“
Genau, wir machen es uns richtig gemütlich. Das sagte Julian doch das letzte Mal, nicht wahr? „Gemütlich“, sagte er. Ich sitze strickend am Kamin und erzählt mir von seinem Studentenleben. Ich sehe immer wieder über die Brillengläser hinweg zu ihm und gebe meinen Senf dazu.
Ich schüttelte mich.
„Ich würde gern wieder deinen tollen Nudelauflauf essen.“, meinte mein Sohn beiläufig und unterbrach meine Gedanken. Stimmt, ich hatte vergessen, ihn zu fragen, was er essen möchte.
„Natürlich, mein Schatz, den mache ich dir.“
„Vielleicht kannst du auch den tollen Apfelkuchen backen? Den mag ich so sehr.“
„Ja, den Apfelkuchen, den kann ich auch machen.“
„Schön, Mama, dann bis nächste Woche. Kussi.“
Knack.

Nudelauflauf und Apfelkuchen. Apfelkuchen und Nudelauflauf. Nichts lieber als das, mein Schatz.

©Sylvia Kling

Na, dann wollen wir doch hoffen, dass Sonja ihren neuen Lebenssinn findet, ohne ihren Julian aus den Augen zu verlieren.

Straßenfotografien, g. U.

Straßenfotografien, g. U.

Foto und Beitragsfoto: Straßenfotografien – hier findet Ihr den Blog mit den vielseitigen Fotografien von Lennart:

https://strassenfotografien.wordpress.com/

 

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33 Gedanken zu „Die Schreiberei und so

  1. Wunderbar geschrieben, beim Lesen werde ich zur „Sonja“- vielleicht auch, weil ich sie tatsächlich schon ein paar mal war- doch hauptsächlich durch deine bildliche Art des Erzählens und dass deine Worte direkt das Herz erreichen.
    Du hast ein wunderbares Talent und ich beneide deine Zuhörer am Samstag ein wenig…
    Viel Spass wünsche ich dir dabei, sie für einen Abend in deine Welt zu entführen!

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    • Liebe Beate,
      vielen lieben Dank für Deine Worte, die mich gerade sehr glücklich machen.
      Schade, dass Du nicht in Sachsen wohnst – das wäre wunderbar.

      Vielen herzlichen Dank auch für Deine Wünsche – ich hoffe, alles geht gut und auch Leser oder Interessierte werden sich einfinden.

      Liebe Abendgrüße
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Montag, den 21. März 2016 | Kulturnews

  3. Liebe Sylvia, mich hast du mit deiner Leseprobe erreicht, nachdenklich gemacht, aber auch zum schmunzeln gebracht. Wie Muttis Küche die Kids (vor allem die Jungs) doch immer wieder nach Hause führen kann 🙂 Ich wünsche dir für deine Lesung gutes Gelingen und eine kurierte samtweiche Stimme. Liebe Grüße Michi

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  4. Die Geschichte ist i-wie wie aus dem Leben gegriffen. Na gut – nicht so ganz. Aber sie passt dazu, wie ich jetzt alte Dias angesehen habe, um festzustellen, wie ich damals immer eigenständiger wurde, und um festzustellen, dass mein Sohn mittlerweile älter ist, als ich damals.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, finde ich auch. Es ist eigenartig für beide: Mutter und Sohn – alles ist neu. Es erfordert eine völlig neue Orientierung, ein Loslassen.

      Ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar :-).

      Herzliche Grüße
      Sylvia

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  5. Ja, manche entdecken die Musik wieder…oder das Schreiben und bloggen 😉 . Nein, meine 2 sind noch nicht aus dem Haus, aber ein Ende ist absehbar. Das macht sich aber schon lange vorher schleichend bemerkbar: sie fangen an auf Partys zu gehen, machen nach der Schule ihr eigenes Ding wie Sport oder Videos und sind nur noch selten gemeinsam an einen Tisch zu kriegen. Gehört zum Loslassen dazu, und ich weiß, dass da wirklich (gerade Frauen) ein Problem mit haben. Von daher glaube ich, dass sich viele Leserinnen mit dem Thema identifizieren können und das ein gefragter Roman werden kann. Ich wünsch Dir, dass Du das durchziehst (daran hakts bei mir immer wieder) und liebe Sonntagsgrüße aus dem sonnigen Norden 🙂 , auch wenn mein Ausdruck heute irgendwie grottig ist.

    Gefällt 2 Personen

    • Hihi, mit dem Durchziehen muss ich auch an mir arbeiten. Prosa ist für mich weitaus schwieriger als Gedichte.
      Aber es wird nur eine Erzählung, die nächstes Jahr mit erscheinen soll – zusammen mit anderen Erzählungen wie „Frauenwunder“.
      Für Romane habe ich momentan nicht ausreichend Zeit (Nachzügler).
      Ich hoffe auch, dass es einige Leser/innen interessieren wird, zumal ich nicht alles bierernst schreibe. Mit Humor kann man bei solche Themen oft die Leute erreichen.
      Nun, ich hoffe, Du kommst gut in die Zeit hinein, wenn die Kinder ausziehen. ☺💜
      Ich habe das schon zwei Mal hinter mir. Es war komisch. …;-).

      Liebe Grüße und ein liebes Danke für Deinen Kommentar,
      Sylvia

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  6. Liebe Sylvia, das wird ein Bestseller! 🙂 Ganz ernsthaft, ich finde deine Ideen und Gedanken zu diesem Thema wie aus dem Leben gegriffen. Genau so geht es vielen Menschen, wenn sie plötzlich alleine sind und nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Mach weiter so!!! LG und noch einen schönen Sonntag! Robert

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    • Lieber Robert, die Erzählung wird mit anderen Erzählungen im nächsten Jahr im Buch erscheinen. Bestseller? Ich denke nicht. Zu diesem Thema schreibe ich lieber öffentlich nicht meine Meinung. 😯
      Aber mir ist das nicht so wichtig – hauptsache, ich kann Menschen erreichen und fahre keine Minuszahlen ein. ☺
      Ich denke auch, dass es sehr viel Menschen mittleren Alters interessiert. Öffentlich wird darüber nicht gern gesprochen. Wer gibt das auch freiwillig vor anderen zu ….
      Ich wünsche Dir auch einen schönen Sonntag und danke Dir! 🙂
      Liebe Grüße
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

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