Darf ich vorstellen VI – Teil I: Jürgen M. Brandtner


Teil I – Zur Person und Lyrik

Es ist mir heute eine besondere Ehre, Euch – mit freundlicher Genehmigung – einen Mann vorzustellen, der durch und durch fasziniert:

Regisseur, Schauspieler, Schauspiellehrer, Rezitator, Autor und Lyriker Jürgen M. Brandtner. Die Zusammenstellung dieser Vorstellung war eine große Herausforderung für mich, denn die Geschichte und die Arbeit von Herrn Brandtner ist nicht nur umfangreich, sondern bietet auch die Möglichkeit zu einer fließenden und berauschenden Neuentdeckung von Kunst und Lyrik.

Zur Person:

Geboren wurde Jürgen im Mai 1962, aufgewachsen ist er in Mechtersheim in der Pfalz (in der Nähe liegt die Kaiserstadt Speyer am Rhein).

„Und immer wieder stand er auf irgendeiner Bühne – oder etwas Vergleichbarem. Angefangen im Kindergarten, dann in Kirchen und auf Friedhöfen, später bundesweit in Turnhallen, und noch später auf Bühnenbrettern. Denn plötzlich, ohne jegliche elternhaus- oder freundesbedingte Vorwarnung, einfach so, war es eines Tages da: das Theatermachen und das Musizieren.“

„Eigentlich ziemlich spät, er war schon siebzehn, doch dafür gleich ‚volles Rohr‘. Zeitgleich – und selbstverständlich neben der Schule – spielte & sang er in drei Theatergruppen und zwei Rockbands. Gefördert und angespornt … durch eine Lehrerin.“

So viel gibt es über Jürgen zu erzählen, doch ich bitte um Verständnis, wenn ich hier nur einiges erwähnen kann.

Mit der Unterstützung seiner Frau entschloss sich Jürgen mit über 30 Jahren, seine Liebe und Leidenschaft zum Theater zu seinem Beruf zu machen.

Mehr über seinen Werdegang findet Ihr hier:  http://theaterjmb.jimdo.com/%C3%BCber-mich/

Ich verspreche Euch: Das Lesen ist ein Genuss, denn schon im Lebenslauf findet man Herrn Brandtners bewunderswerten und außergewöhnlichen Ausdruck und Humor. In einer persönlichen Mail schrieb er mir:

„In erster Linie definiert meine Liebe zur Sprache all mein Tun. Ob als Schauspieler, ob als Regisseur, ob als Lehrer/Dozent, ob als Vorleser, ob als Autor. Es ist immer die Sprache, das Wort der Dreh- und Angelpunkt.“

Jürgen und ich stellten einen deutlichen Rückgang des Interesses an Lyrik fest. Hierzu schrieb er mir:

„Ich selbst mache kein Aufheben um meine Person, mir geht es um meine Arbeit, um Freude beim Zuschauer/Zuhörer. Um anspruchsvolle Unterhaltung. Weil ich möchte, dass Kunst noch eine letzte Chance zum Überleben bekommt. Wenigstens so lange, wie ich auf der Erde wandle.  Aber es sieht schlecht aus.“

Bevor ich Euch weitere Bücher und Arbeiten Jürgen M. Brandtners vorstelle, möchte ich Euch in seine Welt der Lyrik entführen.

Copyright: Doris Bredow, db Fotodesign Jürgen M. Brandtner im Theater im Bahnhof Rechberghausen

Copyright: Doris Bredow, db Fotodesign
Jürgen M. Brandtner im Theater im Bahnhof Rechberghausen

 

Ich beginne mit einem wortstarken Werk. Nicht klagend, eher ein geschriebenes Flammen, was den lyrisch Geneigten hier erreicht. Mit Deutlichkeit berührt er hier den Boden der Wahrheit nicht nur, sondern er fegt ihn:

 

IM AUFGEHN UNTERGEHN

Ein Aufgehn ist nach jenem zweiten Kriege.

Fäkal gefärbt bis in manch hohes Amt.

Ein Morgenbraun, in dem der Traum vom Siege

knapp überm Horizont latent noch flammt.

 

Die Sehnsucht nach rilkesker Rosenröte

ist weiterhin ein schlagerselger Klang,

aus dem erst Wohlstand, später dann auch Nöte

erwachsen, bis zur radilinken Bang‘.

 

„No future“! Kurz und wild und laut und magisch.

Danach versinkt ein Mensch in Lethargie.

Jedoch der Falsche. Und so wird es tragisch.

Denn Andrer wacht. Und wächst durch Idiotie.

 

Und unterm Wechselspiel der Violinen,

die la-le-lullend durch Gehirne wehn,

sieht man erneut, vom Abendbraun beschienen,

ein altes Volk im Aufgehn untergehn.

 

© Jürgen M. Brandtner – 29.01.2016

 

Hier entführt uns Jürgen M. Brandtner mit lyrisch gekonntem Schwingenschlag in die heilsame Welt, die uns allen das Leben erträglich macht, die uns geduldig werden lässt, uns bis zum tiefsten Grunde der Verheißung führt:

 

BRAND

Zärtlich berührt mein Finger Dein Lachen.

Ich spüre in dir ein leises Erwachen,

Ein wohliges Schaudern, das dich bewegt,

Das deine Lippen vibrierend erregt.

Ein Zittern, das sanft nach unten gleitet,

Bald Herz, bald Schoß empfindsam weitet.

Ein Beben, das zweifachen Brand wird entfachen.

Zärtlich berührt mein Finger Dein Lachen.

© JMB – 01062012

 

 

DANN

Wenn wir DANN beieinander liegen,

erhitzt, verschwitzt uns um uns biegen,

uns suchen und uns meiden wollen,

uns weg, dann wieder zu uns rollen,

und Stille tobt nach Lustgeschrei …

DANN plötzlich blinkern fröhlich zwei

Grübchenseen auf deinem Rücken

zu meiner Augen Wohlentzücken.

In dieser Kostbarkeit zerfließen,

das Salz der Leidenschaft genießen,

im Meer der Perlen mich ertränken,

um mich dir voll und ganz zu schenken,

bis ich durch dich DANN endlich bin …

danach steht lustvoll mir der Sinn.

 

© JMB – 22062012

 

Mit diesem Gedicht hatte Jürgen mich in den letzten Wochen sehr nah an eine Kulisse geführt, die mit ihren Konturen ein Bild zeichnet, welches den Geistwind belebt. Kostbar, die Zeit begreifend, packt er die Worte beim Schopfe und setzt sie wie eine Blüte in die Sinne des Lesers:  duftend und schwer, doch leicht zugleich:

 

EIN LETZTER TANZ:

Ein letzter Tanz - Jürgen M. Brandtner

Ein letzter Tanz – Jürgen M. Brandtner

 

Auf dieser Website könnt Ihr weitere Gedichte finden. Momentan wird diese zwar nicht aktualisiert, doch dies kann sich ändern:

http://jmbrandtner.blogspot.de/

Hier findet Ihr alles, was das literarische und fühlend fiebernde Herz begehrt:

http://theaterjmb.jimdo.com/gedanken/

Den ersten Teil meiner Vorstellung möchte ich an dieser Stelle beenden. Ich würde mich sehr freuen, Euch in den nächsten Tagen auch für den zweiten Teil begeistern zu können.

Mein Versprechen: Es bleibt spannend, denn Jürgen M. Brandtner wird lesen. Auch stelle ich Euch sein Projekt: „Gegen das Vergessen“ vor, welches nicht nur berührt, sondern sowohl Szenen aus der Geschichte als auch substanzielle Gegenwartszeugnisse von hoher Bedeutung ablegt.

Jürgen M. Brandtner war auch an der  Anthologie „TrümmerSeele“ beteiligt, die ihm ganz besonders am Herzen liegt. Warum es so ist, das könnt Ihr ebenfalls im Teil II lesen.

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit!

 

 

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16 Gedanken zu „Darf ich vorstellen VI – Teil I: Jürgen M. Brandtner

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  6. Ich finde Du hast den Einstieg in die Vorstellung hervorragend gemeistert und Neugierde geweckt. Mir kommt eher die schwere Lyrik entgegen und diese finde ich sehr gelungen, auch wenn sie für meine Generation geschrieben scheint, die sich noch mit Rilke beschäftigte oder Filme mit Rühmann kennt. Wenn dieses Genre heute etwas in Vegessenheit geraten ist, liegt es aber vielleicht auch an uns selber, die wir unsere Kinder nicht dementsprechend dorthin geführt haben, also mea culpa liebe Sylvia.

    Gefällt 3 Personen

    • Lieber Arno,

      wie wahr sind Deine Worte!
      Ich versuche, meinen Sohn langsam an die Lyrik heranzuführen (nun gut, er wächst ja mit einer Lyrikerin heran – was nicht unbedingt positiv sein muss, lach): Goethe, Schiller – die einigermaßen leichte Kost. Rilke, unser geliebter Rilke: ja, diesen Unvergesslichen, dessen Werke wir unseren Kindern vermitteln sollten.
      Danke, dass Du daran erinnert hast, lieber Arno!
      Ich habe noch die Hoffnung, dass wir keinem Kunstverfall unterliegen ….

      Dum spiro spero

      Herzliche Grüße
      Sylvia

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Arno von Rosen,
        dass Ihnen meine „schwerere Lyrik“ gefällt, freut mich.
        Dass Sie aber auch noch Rilke anführen, ehrt mich ungemein.
        Und: Ja, mag sein, dass es keine „moderne“ Lyrik ist. Aber ich schiele auch nicht danach modern oder angesagt oder hip zu sein. Ich beackere die verschiedenen Felder meiner Kunst, die alle „Geschichten“ erzählen wollen, einfach mit den Mitteln, auf die ich mich jeweils am besten verstehe. Und bei der Lyrik ist es eben das „Gereime“, das mir am besten gefällt und am leichtesten von der Hand geht.
        Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Stellungnahme!
        Jürgen

        Gefällt 2 Personen

      • Sehr geehrter Herr Brandtner, bitte sagen Sie einfach Arno und ich finde die Lyrik hat keine Zeit, eher Epochen. Damit ist alle Lyrik modern. Geschichten erzählen finde ich ganz wichtig, nicht nur in Gedichtform oder wenn es sich reimt (ich reime ja ebenfalls). Der Anspruch alles aus unserer Sprache herauszuholen einen wunderbaren Vorsatz, dem ich ebenso versuche zu folgen, gerade in Zeiten, wo unsere Sprache zusehens abflacht. Mit flinken Augen folge ich, dem Lyrikschreiber ewiglich – ich wünsche einen fabelhaften Tag.

        Gefällt 1 Person

      • kommt das jetzt auf die richtige Ebene

        Lieber Arno,
        ob Zeit oder Epoche … In Tagen des „Anything goes“ ist nach meinem Dafürhalten jede Form der Lyrik „modern“ – natürlich nur für die, die sich nicht für „moderner“ halten. Aber das war schon immer so. Mit der Flut der Reimbelächler kann ich gut leben.
        Auch beim Anspruch an die Sprache gehen wir konform!? Das erscheint mir dann doch googlenswert. 😃
        Ich wünsche einen wundervollen Abend
        mit Dank für das Like bei FB.
        Jürgen

        Gefällt 2 Personen

  7. Liebe Sylvia,
    Danke für diesen interessanten Beitrag. So können auch wir „Nicht“Profis an der Vielfältigkeit der dichtenden Kunst teilhaben und wir werden auf immer neue Weise an die verschiedensten Lebenspunkte herangeführt.
    In der Hoffnung, dass auch Dich viele Deiner Kollegen entdecken und bei ihren Lesern bekanntmachen grüß ich Dich ganz lieb aus der Stadt der „KomischenOper“ (könnte man dieser Tage auch doppeldeutig auffassen)….aber ich bin noch ganz berührt von Jewgeni Eunegin gestern (in Russisch!)…
    Katrin

    Gefällt 4 Personen

    • Liebe Katrin,
      vielen herzlichen Dank für Deine Worte und Dein Interesse.
      Ja, die Kunst – sie sollte uns fesseln oder auch „ent“fesseln, sie sollte uns lehren, lebend wissen, sie sollte uns verzaubern, erinnern.
      Dabei geht es weder Jürgen noch mir um das „Entdecken“, denn wozu machen wir KUNST? Um die Menschen zu erreichen, um etwas zu vermitteln: auch die Werte. Es geht uns darum, dass die Menschen sich wieder erinnern: an das Eigentliche, das Primäre. Es geht uns darum, dass die Menschen sich wieder dem Marionettenverhalten der Zeit entketten.

      Verstehst Du denn russisch noch so gut? Mein Russisch ist leider nicht mehr gut :-(. So ist das mit dem VerLernen ….

      Ich grüße Dich herzlich aus Meißen,

      Deine Sylvia

      Gefällt 2 Personen

  8. Sylvi, wie machst Du das nur immer? Ich bin wieder gefesselt und finde es so toll, dass Du ganz uneigennützig andere Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft und Kunst vorstellst! Die Gedichte von Jürgen sprechen mir aus meiner streitbaren, politischen Seele. Niemand weiß das besser als DU…;-). Danke für Deine tolle Arbeit und ich hoffe, wir können irgendwann einmal eine Lesung zusammen veranstalten oder der Regisseur Jürgen M. Brandtner verfilmt mein Buch und Du darfst meine Uromi als junge Frau spielen …. Wie wäre das mein „Kleenes Schwesterchen“…:-)?
    Ich hoffe, Du machst weiter so und irgendwann kannst Du vielleicht auch durch Deine Kunst leben. LG, dicke Umarmung und Kussi, Geli (Autorin A.LaRé).

    Gefällt 3 Personen

    • Meine liebe Geli,

      oh, Jürgen ist eher Theater-Regisseur und ich beim Theaterspiel mit meinem lästigen Idom :-)? Nein, nein, diese Zeiten sind längst vorüber. Das wollen wir mal lieber denen überlassen, die das wirklich können.

      Warum ich das mache, weißt Du sicherlich schon (wir hatten ja auf FB schon einen Dialog dazu):

      Es ärgert mich so ungemein, wenn die Deutschen – in einem Land der „Dichter und Denker“ – nicht mehr imstande sind, echte Kunst zu würdigen. Du weißt: Ich bin halt nur eine Kämpferin und wenn ich etwas möchte, dann kann ich mich durchbeißen. Jürgen schreibt so phantastisch (ich habe sogar ein Gedicht über den Dichter geschrieben und werde deshalb nicht einmal rot 😉 …, denn immerhin betrifft es seine Lyrik) und das soll was heißen! Bisher wurde nur Goethe mal in einem meiner Gedichte erwähnt. Ich möchte schlicht und ergreifend, dass sich der Deutsche seiner Kultur wieder bewusst wird.
      Der Wertezerfall macht sich auch im Bereich der Kunst deutlich bemerkbar.

      Ob ich jemals von meinen Arbeiten leben werde, weiß ich nicht. Das ist mir auch nicht wichtig und auch diese Vorstellung ist nicht die Intention dessen. Wie ich schon im Kommentar an Katrin schrieb:

      „Dabei geht es weder Jürgen noch mir um das “Entdecken”, denn wozu machen wir KUNST? Um die Menschen zu erreichen, um etwas zu vermitteln: auch die Werte. Es geht uns darum, dass die Menschen sich wieder erinnern: an das Eigentliche, das Primäre. Es geht uns darum, dass die Menschen sich wieder dem Marionettenverhalten der Zeit entketten.“

      „Was nützt uns ein Brot, welches nach der Not des Bäckers schmeckt?“ (Aphorismen-Sammlung S. Kling 😉 )

      Ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine lieben Worte,

      Deine Sylvia

      Gefällt 3 Personen

      • Liebe Angelika,
        das mit dem Verfilmen wird nichts. Wie Sylvia richtig schreibt: Theaterregisseur. 😃
        Aber vielleicht gibt es ja mal eine Bühnenfassung!? Dann …
        Und: Ich freue mich sehr, dass eine „streitbare, politische Seele“ an meiner Lyrik Gefallen findet.
        Herzlichst,
        Jürgen

        Gefällt 1 Person

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