EndSommerBrief


Aus „HerbstKlänge“ – Die Geschichte der ZeitLosen

Lieber H.,

Wie oft lächelst du,wenn du meine Nachrichten liest? Wie oft schimpfst du über mich? Wie oft warte ich ungeduldig auf deine Zeilen?

Ich sitze auf einer alten Holzbank an der Elbe und atme die langsam kühler werdende Luft gierig ein. Immer wieder denke ich über dich nach. Du bist ein Mysterium für mich. Du bist ein Grobian. Deine Ehrlichkeit ist mir oft zu nah.

Irgendwann bemerke ich, wie sich mein Körper im Rhythmus meiner Gedanken schaukelt, beinahe wie ein Blatt im Wind.

Deine Gefühle lese ich zwischen den Zeilen. Eines Tages habe ich begonnen, in dir zu lauschen. Ich weiß, du bist ja ein “ganzer Mann” und für solche Gefühlsduseleien nicht zu begeistern. Du schreibst nichts, was du nicht auch wirklich meinst. Da ist mir deine Ehrlichkeit nah genug.

Du nennst mich eine Nervensäge. Ich nenne dich einen alten Kauz.
Die Bank unter mir bewegt sich. Ich bin wütend auf dich. Zornig, wenn ich daran denke, wie du mich heute wieder kritisiertest. Ich will einen Mann, keinen Vater. Schliesslich hast du auch Ansprüche, die meine Stirn schon mehr als einmal in grobe Furchen gezogen haben.

Auf meinen Lippen wird es salzig. Ich fühle mich, als ob ich den Kerker zu deinem Herzen zu öffnen versuche. Du willst es und doch nicht. Kennen wir uns schon zu lange? Du willst mich nicht verletzen, hast du geschrieben.
Du bist mir so vertraut. Dann wärmst du mich von innen. Und oft bist du mir auch fremd. Dann suche ich nach einer wärmenden Decke, die mich einhüllt, mich in meinen Gefühlsepisoden beschützend.

Der Himmel färbt sich im sanftblau ein, das müde Sonnenlicht scheint sich einzumischen. Ich lehne mich zurück und atme wieder ruhig.

Ich habe dich mit vielen Sinnen erfasst. Doch ein Rätsel bleibst du mir, mit deinen sturen Betrachtungen. Du gibst mir wenig Raum, so zu sein und bleiben zu können wie ich bin. Ich bin die ewig Grübelnde, alles Zermalmende, Festhaltende, die mit dem schmerzenden Stachel, die Mimose,Tröstende, Liebende. Ich bleibe, verdammt noch mal, wie ich bin, du Brüllender, Tobender, Sehnsüchtiger, Ehrlicher, Kauziger!

Die Bank unter mir ist schon längst zum Stehen gekommen. In der Elbe badet die Sonne wie eine schöne Frau mit rotgoldenem Haar.

Die Jugend geht zur Neige, hast du geschrieben. Nein, mein kritischer Geliebter. Unsere Jugend söhnt sich nur mit der Zeit aus.
Deine Seele sei mit dem Tod deiner Frau von dieser Erde gegangen. Nicht ganz, mein Lieber. Vielleicht ist dein Herz auch nur ergraut?

Wenn es so sei, will ich dich auch wie du bist. Ich mag den Gedanken, mit dir im Schein der Laternen über die alten Zeiten zu jubeln und zu klagen.

Kalt ist es inzwischen geworden.
Ich glaube, unsere Herbstzeit hat längst begonnen. Wusstest du, dass ich den Herbst wie ein Kind in seiner Wiege besinge?
Vielleicht ist Dir danach, in diese Zeitenklänge einzustimmen.

Deine „Mimose“

 

©Sylvia Kling

Straßenfotografien, g. U.

Straßenfotografien, g. U.

Gleich nach der Publizierung dieser Fotografie durch Lennart wusste ich, welche Geschichte ich damit verbinde.  Schaut doch mal auf den Blog des Fotografen und Ihr werdet mir zustimmen, wie wertvoll die LebensMomente sind.
DANKE, Lennart!

https://strassenfotografien.wordpress.com

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29 Gedanken zu „EndSommerBrief

  1. Hach das sind wieder so treffende Sätze… Erkenne uns, sozusagen als altes Ehepaar, in einigen Bemerkungen wieder und muss dabei auch etwas schmunzeln….Im Grunde kennen wir uns in und auswendig, ER ist oft mein „Zausel“ ich einfach seine „Trine“…aber beide wissen wir, wie es im ganz tiefsten Inneren gemeint ist. Dieses wirkliche „Verinnerlichen“ des Anderen ist etwas ziemlich Grosses, birgt aber auch einige Gefahren, die man aber mit zunehmendem Alter gut umschiffen kann. Insofern liebe ich mein mittelalterliches Leben mit meiner alten Jugendliebe…
    Hab einen schönen Tag….ich freu mich schon auf Deine nächsten Beiträge…

    Katrin

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Katrin,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Ja, das Alter bringt viel Aufregendes mit sich: Ob man nun schon ein halbes Leben miteinander verbracht hat oder sich neu findet. Zumal ich denke, dieses neue Finden in den „Jahren des Herbstes“ ist recht schwierig. Schöner ist es, wenn man gemeinsam in die Reife hineinwächst, sich dabei die Hand hält und auch mal getrennte Wege geht, um sich an einer Weggabelung wiederzufinden.

      Du hast Deine Erfahrungen und Gedanken sehr schön „zu Papier“ gebracht – ich mag das sehr!

      Herzliche Grüße nach Berlin (morgen oder übermorgen erfülle ich im Übrigen Deinen vor einigen Wochen geäußerten Wunsch …)!

      Deine sächsische SchreiberFee

      Gefällt 1 Person

  2. Da spricht Weisheit und Reife… ☺ Nicht der jugendliche „LeichtSinn“. Alles hat seine Zeit, auch der Endsommer, oder ist es schon der Beginn des Herbstes?
    Aber warum Mimose? Es ist einfach mit dem Herzen gesehen…

    Liebe Grüße WoMolix

    Gefällt 1 Person

    • Ja, das ist des Alters Vorteil: die Reife und die Weisheit. EndSommer ist der Beginn des Herbstes …, ja.
      „Mimose“ deshalb, weil hier zwei sehr unterschiedliche Charaktere aufeinanderprallen: ER ist der „Grobe“, der „schrecklich“ Ehrliche (der oft damit auch Verletzende) und SIE mit ihrer Empfindlichkeit auf seine Ehrlichkeit – in SEINEN Augen die „Mimose“ :-).

      Ich danke Dir für Deine Worte und schicke Dir herzliche Grüße aus der Nähe von Meißen,

      Sylvia

      Gefällt 1 Person

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