Hör- und LesBar: „Die alte Frau im Spiegel“


Hör- und LesBar: „Die alte Frau im Spiegel“

Es ist Wochenende und Zeit zum Zurücklehnen für meine Leser_innen ;-). Darum habe ich für Euch heute eine Kurzgeschichte, die ich gestern schrieb. Sie wurde heute bereits lektoriert und ich sprach sie sogleich für Euch aufs Band. Nun hoffe ich, diese parabelähnliche Kurzgeschichte (so ganz ohne Nachdenkstoff geht es ja bei mir nicht) gefällt Euch:

http://www.sylvia-kling.de/download/die_alte_frau_im_spiegel_final_1.ogg

 

Frau in Indien - über 100 Jahre alt (piqs.de ID: 1ba395ba38c030a30ed19dd6a1592d94)

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Anmerkung/Einfügung:

Auf Grund einiger Kommentare hier möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass ich als Autorin meine Texte (Gedichte wie Geschichten) höchstens mit einem lyrischen oder prosaischen Ich-Anteil gestalte. Haben sie autobiographischen Hintergrund, kann man das mit entsprechender Einordnung erkennen. Im Zweifelsfall bitte auch noch einmal „Über meine Person“ lesen.

Den Text für diejenigen unter Euch, die es gern in Wort und Schrift zum Verinnerlichen und zum Nachspüren haben,  gibt es hier:

Die alte Frau im Spiegel

An einem Morgen vor wenigen Tagen ging ich wie immer taumelig und müde in mein Badezimmer, um mein Gesicht mit eiskaltem Wasser zu erfrischen. Es ist ein Ritual, denn nur so habe ich die Chance, den Kampf gegen den Morgenmuffel in mir zu gewinnen.

Ich trocknete mein Gesicht ab, warf einen kurzen Blick in den Spiegel und erschrak. Im Spiegel sah ich eine Frau, die mir sehr bekannt vorkam. Sie war allerdings einige Jahre älter als ich. Mit aufgerissenen Augen starrte ich in ihr Gesicht und war für einen Moment unfähig, mich zu bewegen.
Doch dann löste sich mein Schock, ich sah kurz weg und schüttelte mich. Offenbar war ich noch nicht munter. Träumte ich vielleicht?

Vor der Badezimmertür sang mein Sohn den Lieblingssong seines Lieblingsrappers. Dies war sein Ritual, den Morgen zu beginnen. Also schlief ich nicht mehr. Niemals würde ich von diesem schrecklichen Lied auch noch träumen.

Ich sah zurück in den Spiegel. Die Frau war immer noch da und sah mir ruhig in die Augen. Sie mochte um die sechzig Jahre alt gewesen sein. Die Haare waren trotz des Alters kräftig, fast noch kohlrabenschwarz und reichten ihr bis zur Schulter. In den Ohren steckten meine weißen Perlenohrringe, die ich jeden Tag trug.
Ihre Augen waren dunkelbraun, so wie die meinen. Sie glänzten ein wenig schelmisch, aber auch weise und liebevoll. Das etwas spitze Kinn war das Kinn meines Vaters, welches ich erbte. Es dauerte einige Sekunden, ehe ich begriff: Diese Frau war ich!

Mitten in meine Gedanken hinein begann sie zu sprechen, langsam, aber nachdrücklich und fest.

„Ich schenke Dir zehn Lebensjahre, wenn Du aufhörst, das scheußliche Kraut zu rauchen.“

Mir schien es so, als hallte ihre Stimme in meinem viel zu kleinen Badezimmer nach. Dann verschwand die alte Frau im Spiegel.

Benommen lief ich in die Küche, nahm meinen Tabak, die Tabakhülsen und feuerte alles entschlossen in den Mülleimer.
Das war eindeutig eine Warnung. Anders konnte es nicht sein. Es war eine Vision. Ich sollte mit dem Rauchen aufhören, damit ich noch zehn Jahre leben konnte.

Den ganzen Tag über dachte ich an nichts anderes, als an die Worte dieser Frau und ihr Erscheinen. Immer wieder lief ich zum Spiegel. Doch ich sah nur mein Spiegelbild und nicht das der älteren Frau. Erleichtert, dass ich offensichtlich noch so aussah wie gestern, versuchte ich, meinen Tag so normal wie möglich zu leben.

Am nächsten Morgen war sie wieder da. Sie sah noch älter aus. Einige Falten durchfurchten ihre Haut. Der Mund wirkte schlaffer, die Augen etwas trüber. Einzelne weiße Haare zogen sich durch das noch schwarze Haar. Es waren Spuren. Spuren, so, als hätte man eine Gabel über ein weißes Tischtuch gezogen.
Wie am Vortag sah sie mich ruhig an. Kerzengerade stand ich vor dem Spiegel. Sie sprach:

„Ich schenke dir weitere zehn Lebensjahre, wenn Du dir täglich zeigst, dass du dich liebst.“

Dann war sie wieder verschwunden. Ich duschte mich, zog mich an, cremte meine Haut liebevoll ein, bürstete mein langes Haar, obwohl ich das hasste, weil es mich schmerzte und kochte mir statt den morgendlichen Kaffee eine Tasse duftenden Wintertees. Ich aß Vollkornbrot mit Honig, zündete mir eine Kerze an und hörte Mozart.
Am Nachmittag wanderte ich eine Stunde lang durch den Wald, atmete tief ein und aus und machte am Abend Yogaübungen.

Am späten Abend fiel ich völlig erschöpft ins Bett und schlief sofort ein.

Als der nächste Morgen begann, schickte ich meinen Morgenmuffel zurück in mein Bett, summte eine fröhliche Melodie und scherzte mit meinem Sohn. Der sah mich an, als sei ich nicht ganz normal.

Beschwingt lief ich zum Bad und lachte in den Spiegel.
Das Lachen erstarb in dem Moment, als ich die alte Frau im Spiegel erblickte. Nun war sie wirklich alt. Ihr Haar war schlohweiß, die Falten noch viel tiefer, die Haut grau und der Mund so schmal, dass er kaum noch erkennbar war. Lange musste ich in ihre Augen sehen, um den alten Glanz der ersten Begegnung wieder erkennen zu können. Irgendwo lag er noch. Bekümmert und traurig sah ich sie an und war den Tränen nahe. Wieso wurde sie jeden Tag älter und dazu noch um so viele Jahre?

Ihr Mund zitterte, als sie mit der brüchigen Stimme einer alten Frau sprach: „Noch einmal zehn Jahre schenke ich Dir, wenn du nie wieder lügst, auch nicht in der Not.“

Als mein Sohn an diesem Tag aus der Schule kam, fragte er mich, ob ich an seine Schulhefte gedacht habe. Ich hatte es vergessen. Gerade wollte ich ihm antworten: „Das Schreibwarengeschäft hatte bereits geschlossen.“ Im letzten Augenblick jedoch besann ich mich. „Max, ich habe es leider vergessen. Während du Hausaufgaben machst, fahre ich gleich los und kaufe die Hefte ein.“
Mein Sohn sah mich erstaunt an, klopfte mir auf die Schulter und meinte salopp und erwachsen: „Mama, das ist doch nicht schlimm, kann ja jedem mal passieren!“

Am Nachmittag rief meine Freundin an. „Vor Monaten sagtest du, du würdest mich anrufen und du hast es nicht getan. Warum?“, fragte sie vorwurfsvoll, aber auch sehr traurig.
Gerade wollte ich antworten: „Oh, meine liebe Susan, ich hatte so viel Stress, weißt du?“ Im letzten Augenblick besann ich mich und sagte: „Ich habe es vergessen. Es tut mir so leid.“
„Das kann ja mal passieren.“, sagte Susan und erzählte mir heitere Neuigkeiten aus ihrer Familie.

Es war der perfekte, ehrliche Tag. Nicht zu lügen war gar nicht schwer.

Zufrieden legte ich mich schlafen. Doch ich schlief schlecht ein. Zu viele ungelogene Gedanken kreisten mir auf einmal durch den Kopf, ließen mir keine Ruhe. Die alte Frau konnte kaum noch älter werden oder doch? Was würde sie am nächsten Tag von mir erwarten? Könnte ich ihre Bedingungen noch erfüllen? Möchte ich das überhaupt?

Der Morgen kam gewiss. Ich summte wieder die fröhliche Melodie vom Vortag und küsste meinen Sohn diesmal beschwingt auf die Wange. „Mama, irgendwas stimmt mir dir neuerdings nicht.“ Er sah mich kopfschüttelnd und ungläubig an und löffelte seine Kornflakes weiter.

Doch irgendetwas war anders an diesem Morgen.Ich öffnete die Badezimmertür etwas vorsichtiger.

Langsam ging ich zu dem Spiegel. Die alte Frau, die ich jetzt sah, konnte mich kaum noch ansehen. Ihr linkes Augenlid hing schlaff nach unten. Die Wangen waren eingefallen. Grobe Falten entstellten ihr Gesicht, unter dem Kinn hing ein loser Fetzen Haut. Das Haar war ausgefallen. Die letzten, feinen Haare waren sorgfältig an die Kopfhaut gekämmt. Müde schloss sie auch ihr rechtes Auge und wollte gerade mit dem Sprechen beginnen, als ich mit meiner Hand behutsam den Spiegel berührte.

Ich flüsterte: „Bevor Du mir eine Bedingung für weitere zehn Lebensjahre stellst, stelle Bedingungen an diese Welt, damit ich diese geschenkten Jahre leben kann. Dann sehen wir uns in dreißig Jahren wieder.

©Sylvia Kling

 

 

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57 Gedanken zu „Hör- und LesBar: „Die alte Frau im Spiegel“

  1. Die Geschichte ist interessant und gut geschrieben. Ich habe aber einen Einwand gegen den Schluss. Die Frau stellt sich selbst ein Alibi aus, wenn sie nach ein paar Tagen in die alte Morgenmuffelei zurückfällt (was unvermeidlich ist, da Angst keine tiefgreifenden Veränderungen bewirkt). „Wenn sich die Welt nicht ändert (was sie nicht tut), kann ich ja auch wieder rauchen“ etc. Liebe Grüße zum Neuen Jahr (ohne gute Vorsätze, die den Weg zur Hölle pflastern). Gerda

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    • Liebe Gerda,
      danke für Deinen Kommentar.
      Mit Deiner Argumentation gebe ich dem Pessimismus Recht.
      Man kann aber auch für eine Zukunft kämpfen, in der die Frau auch die „geschenkten Jahre“ leben kann. Außerdem stellt die alte Frau BEDINGUNGEN. Die Frau stellte sich auf deren Bedingungen ein, sieht aber nicht ein, weitere Bedingungen zu erfüllen, wenn sie nicht weiß, ob die Welt in 30 Jahren noch existiert.

      Aber schön ist es doch, wenn man verschiedene Interpretationen findet, liebe Gerda. Das machte Texte doch erst interessant.

      Sei herzlich gegrüßt von

      Sylvia

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Sylvia, eine wundervolle Geschichte – wundervoll erzählt!
    Ja, wir können selbst etwas tun, um unsere Lebensjahre zu verlängern bzw. unsere Lebensqualität zu verbessern. Und wie es auch in deiner Geschichte passiert, ist schnell zu merken, dass manche Sachen leichter fallen, als man es sich oftmals denkt und einem selbst auch richtig gut tun. Das mit dem Lügen ist ein sehr gutes Beispiel. Oft reagiert die Umwelt anders auf die Wahrheit, als man denkt und einem selbst geht es auch besser damit. Und auch wenn die Umwelt mal negativ reagiert, kann man lernen, damit umzugehen und trotzdem zu dem zu stehen, wie es ist.
    Dem Ende entnehme ich, dass deine Protagonistin weiß, dass sich auch der Rest der Welt ändern muss, um es sinnvoll zu machen, dass sie sich weitere Jahre „erarbeitet“.
    Danke, für diese Geschichte.

    Gefällt 3 Personen

  3. Herzlichen Dank für diese berührende Geschichte, sie stimmt nachdenklich aber auch mutig, bestärkt mich in meinem Denken und zeigt mir auf, dass ich wieder vermehrt bewusst und eigenverantwortlich durch’s Leben gehen darf…. herzlichst samu
    und übrigens…dein Schreibstil ist genial….Kompliment!!

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  4. Das ist eine wundervolle Geschichte, liebe Sylvia! Und sie ist so wahr. Wie oft vergessen wir uns selbst. Wie wenig achten wir doch auf uns und geraten allzuleicht in den Strudel aus Hektik, Stress, Ausreden… Notlügen… und dann wachsen wir uns selbst über den Kopf und merken es nicht einmal…. erst, wenn es fast schon zu spät ist. Danke für diese weise Geschichte. Es ist immer wieder toll, deine Zeilen zu lesen! Liebste Abendgrüße, Polly 😊

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  5. Die Geschichte ist sehr aussagekräftig. Der Mensch vor dem Spiegel hat sich geändert, und zumindest die nächste Umgebung hat es realisiert und ganz anders reagiert, als man es sich vorstellt. Verständnisvoll und positiv verwundert nämlich. Die Reihenfolge finde ich sehr wichtig: Ich ändere mich, frage mich dann aber, ob ich wirklich länger als notwendig in einer Welt leben möchte, die sich anscheinend nicht ändert. Was aber nicht heisst, dass ich mich auch nicht änere, weil es ja eh nichts bringt. Es bringt was, wie der Sohn und die Freundin zeigen.

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Rita, so ist es wohl. Nicht nur das soll der Sinn der Geschichte sein, die ich im übrigen nur mit einem kleinen prosaischen Ich versah (es ist also nichts Autobigraphisches …).

      Wer will in dreißig Jahren noch älter werden? Welchen Sinn in dieser Welt soll es haben? Die letzten zwei Sätze sollen eigentlich die Wendung herbeiführen ….
      Liebe Grüße
      Sylvia

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      • Rita, ich bin doch keine Tagebuchschreierin. Ich schreibe doch hier nicht für MICH. Es sind GESCHICHTEN!
        Es werden BÜCHER entstehen. Denkst Du, Joanne Rowling beispielsweise hat vorher mit Harry die Abenteuer erlebt?

        Irgendwie verwechselst Du hier etwas.

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  6. Danke für Deine schöne Geschichte. Ja, ich denke der Schluss kommt auch klar rüber. Es ist eine unerwartete Wendung der Geschichte und betrifft wohl etwas, worüber wir uns eher selten Gedanken machen: wollen wir so und/oder in dieser Umgebung alt werden. Lieben Dank.
    Belana Hermine

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  7. Wünsche einen schönen Samstag was für eine schöne Geschichte und was für ein süsses Mütterlein.Ja ich weiß ich hatte schon mal eine Thrombose muss Magnemar nehmen und viel zum Arzt vor zwei Jahren war es auch vor Weihnachten daher darf ich auch nicht so lange Zitzen.Wünsche dir auch einen schönen 3 besinnlichen Advent lieber Gruß von mir Gislinde

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  8. Ganz großes Lob, liebe Sylvia!
    Wir haben die Verantwortung für uns selbst und müssen auch im Umgang mit uns selbst achtsamer werden. Das hat deine Geschichte deutlich gemacht. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, alle guten Vorsätze schnell über Bord zu werfen, bis ich jedesmal einen Denkzettel bekomme.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    Gefällt 2 Personen

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