Erinnerung


Alle waren wir nackt,

wir waren schorfbedeckt,

so wurden wir geboren,

bläulich blutbefleckt

 

Wir wurden alle gewickelt,

gefüttert durch andere Hand,

waren unbekannte Wesen,

in irgendeinem Land

 

Wir hatten nichts und hatten wir Glück,

wurden wir mit Liebe empfangen,

eine Weile auch zufrieden,

bis es kam, das MehrVerlangen

 

Wir brauchen Fahrgestelle,

Häuser mit VorzeigEffekt,

neue GlanzLebensmodelle,

mit Wohlstand genug verdeckt

 

Wir glauben wohl, die Welt,

sie könnte uns was schulden,

wir haben oft die Kraft,

im selbstmitleidig Dulden

 

Gehen werden wir nackt

und runzlig graubedeckt

Es bleibt die Frage:  Wer von uns

hat die Welt glücklich entdeckt?

 

©Sylvia Kling

 

 

Straßenfotografien, g. U.

Straßenfotografien, g. U.

Zum Foto und Ergänzungen zum Text:

Es ist schon eine Weile her, dass ich eine Fotografie von Lennart für die Gestaltung meiner Texte verwendete. Doch heute endlich ist es wieder soweit. Vor einigen Tagen entdeckte ich diese Fotografie auf Lennarts Blog, die sogleich mein Herz eroberte und die ich bewusst für dieses, mein aktuelles Lieblingsgedicht, auswählte. Sie erzählt von Leben – seht Ihr die Person, die den Handstand macht oder die miteinander sprechenden Menschen? DAS ist das Leben und es ist mir ein Anliegen, dass wir alle wieder lernen, uns genau darauf zu besinnen: auf das Miteinander, das Füreinander.

Wir alle wurden nackt geboren und so werden wir wieder gehen. Uns stand bei der Geburt kein Auto zur Verfügung, wir froren, wenn wir nicht mit Kleidung versorgt wurden. Wir gingen noch zu Fuß, wir freuten uns, laufen zu lernen. Wir waren dankbar über Zärtlichkeiten, Küsse, Wärme und Geborgenheit.

Wann hörte das auf?

Wem das zu „plastisch“ ist, der sollte einfach wieder das Leben lernen.

 

Eure Sylvia Kling

 

Das Kopieren oder die Weiterverwendung von Texten oder Fotografien ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet! Bei der Verwendung meiner Texte bitte ich um das Einholen meiner Zustimmung.

 

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55 Gedanken zu „Erinnerung

  1. Vielen Dank für diese Gedanken, die ich nach einem „Internetfreien Wochenende“ wieder lesen durfte. Vor allem das Gefühl, dass uns „die Welt“ etwas schuldet, ist bei immer mehr Menschen verwurzelt. Dazu kommt die latente Unzufriedenheit mit sich, mit seinem Umfeld und mit einfach allem, was es so gibt. Zu wenig Geld, zu wenig… zu wenig… zu wenig…
    Vor allem haben die anderen immer mehr. Glücklich sein, zufrieden sein, das ist ja bei den Meisten schon fast schlimmer als eine Krankheit. Dass einem etwas Spass macht, dass man etwas geniesst, sich mit etwas begnügt, das geht gar nicht.
    Wieso freuen wir uns nicht mehr über ein Lächeln, einen gefühlvollen Händedruck, ein „Danke“?
    Und dann wundern wir uns, warum unser Leben manchmal so „grau“ aussieht.
    „Erinnerung“…. an die Tage, an denen wir glücklich waren, aus Kastanien und Streichhölzern Tiere zu machen; An denen wir uns über ein selbstgemaltes Bild unserer Kinder gefreut haben; An die Situation, als wir das erste Mal selbst unseren Namen schreiben konnten.
    Und diese Tage gibt es heute auch noch: Jeden Tag gibt es Dinge, die Freude machen wollen, wenn wir nur wollen.
    Aber vielleicht wollen wir schon, nur wir trauen uns das nicht, weil es nicht „in“ ist, Freude zu haben, zufrieden zu sein….

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  2. Meine allerliebste Sylvia,
    das ist ein sooo wunderbares Gedicht….es passt zu unserem neuen Glücksgefühl, da wir seit gestern wissen, dass wir Großeltern werden!!! Gerade in dieser Welt, wo Neid, Missgunst, Oberflächlichkeit und oft nur materielle Werte wichtig sind, werden wir unseren neuen Familienzuwachs mit Liebe und Freude erwarten. Und wenn das Baby auf der Welt ist, werden wir alles daran setzen, dass in seinem Leben Liebe, Glück und Zufriedenheit im Vordergrund stehen…Leider vergessen viele Menschen, glücklich zu sein und wundern sich am Lebensende. Ich habe es in diesem Jahr bei der Sterbebegleitung meiner Tante erlebt. Sie war ein eher spröder und emotionsloser Mensch. Sie ließ sich gerne von anderen bedienen, ohne sich dafür jemals zu bedanken. Aber so kannten wir sie und trotzdem hatten sie alle irgendwie gerne. Erst im Hospiz, während ihrer letzten Lebenstage erlebte ich sie weicher und liebevoller. An ihrem letzten Lebenstag, als sie immer wieder zwischen Leben und Dahinscheiden schwebte, sagte sie plötzlich ganz leise: „Machts gut, Kinderchen. Ihr ward immer so lieb zu mir.“ Diese beiden Sätze waren mir mehr wert, als irgendwelches Geld oder andere „Gaben“…Am Todestag hatte sie es verstanden, worum es im Leben geht. Um Liebe und Zuwendung und Menschlichkeit. Nicht mehr und nicht weniger.

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    • Liebe Katrin,

      Ihr werdet die Werte weitergeben. Auch Erziehung trägt dazu bei, Menschen in ein Leben zu begleiten, das nicht nur vom MehrWollen geprägt ist, dem Streben nach materieller Perfektion.

      Schade, dass manche Menschen erst in den letzten Tagen erkennen, was und wen sie verlieren werden.
      Deshalb lieber das Leben als solches beizeiten mit Gefühl und Verstand erfassen.

      Liebe Grüße
      Sylvia

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  3. ein sehr wertvoller denk-/gedankenanstoß …

    was brauchen wir wirklich ? … eigentlich können wir auf so vieles verzichten …

    zärtlichkeiten,küsse,wärme und geborgenheit gebe ich gern … aber BITTE … BITTE lass mir mein AUTO …

    omg … der held kann zwar ernst werden … aber scheinbar nicht bleiben … denkt die ernsthafte künstlerin jetzt … und irgendwie hat sie auch recht …

    naja … er kann schon … aber wer will das denn …? 😉

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  4. Mir gefällt dieses Gedicht ganz besonders. Wie oft denke ich darüber nach, dass wir im Leben materielle Fassaden aufbauen, deren Pflege uns unendlich viel Kraft kostet und die dem wirklichen (Er-)Leben, dem Lieben und dem Genuss im Wege stehen. Es braucht zwar etwas, aber nicht viel, um Glück zu finden. Dein Gedicht erinnert mich daran.

    Gefällt 1 Person

  5. Wir werden auch ohne jegliche irdischen Gaben und Reichtümer geboren, und verlassen ohne sie – was für eine schöne, ausgleichende Gerechtigkeit! – auch wieder diese unsere Welt. Das letzte Hemd hat bekanntlich immer noch keine Taschen, eine Tatsache, die sich jeder Schwer- und Schwerstreiche (und jeder deutsche „Steuerflüchtling“) mal geflissentlich hinter die Ohren schreiben sollte.

    Gefällt 3 Personen

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