Gebt den Augen Zucker – GASTBEITRAG


Heute möchte ich zum ersten Mal einen Gastbeitrag veröffentlichen und es wird auch weiterhin in bestimmten Abständen auf meinem Blog Gastbeiträge geben.

Wenn jemand von Euch/Ihnen Lust darauf hat, bei mir einen Gastbeitrag zu schreiben, kann sich gern mit mir in Verbindung setzen – ich bin für fast alle Themen offen, die mit der Literatur, dem Schreiben, den allgemeinen Themen zum Verfassen von Texten in Verbindung stehen.

Ich stelle Euch heute meinen Lektor und Mentor Volker Wolfram vor, der den ersten Gastbeitrag auf diesem Blog erstellen wird. Das Thema dürfte viele Autoren/Autorinnen sowie die gesamte schreibende Zunft interessieren.
Herr Wolfram konnte erfolgreich meinen Lyrikband zum Druck überführen. Sollte jemand Interesse haben, sich mit professionellem Satz zu beschäftigen, dem steht Herr Wolfram gern zur Seite.

Gebt den Augen Zucker!

"Die lkoalen Braureeien lieden unetr dem Durck der großen Konzrene und fidnen in den örtlcihen ärtken kaum noch Nieshcen für ihr gtues Bier."

Hat man den Satz lesen können und den Sinn verstanden? Richtig, unser Hirn liest nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern erkennt sofort die Wörter, auch wenn in diesem Falle absichtlich Tippfehler integriert wurden. Das Lesen ist wortorientiert und erfasst den Anfang des folgenden Wortes ebenso. So entsteht ein flüssiges Lesen.

In diesem Beitrag geht es darum, dass das Auge die Wörter schnell erkennt und der Sinn des Textes sich sofort erschließt. Das funktioniert blitzschnell in der Wechselwirkung von Auge und Hirn. Doch die Hauptarbeit hierbei hat das Auge zu leisten.

Also gebt dem Auge Zucker! Verwöhnt es mir Wortkulinarien, die nicht nur das Lesen erleichtern, sondern auch die Sinne beim Lesen verwöhnen. Das Lesen ist ja ein Genuss! Doch wie verwöhnt man ein Auge?

Blendung und Irritationen ärgern die kleinen Kugeln beidseits unserer Nase. Diese werden von Muskeln in winzig kleinen Bewegungen gesteuert. Somit sind hektische Bewegungen zu vermeiden. Das Auge sollte auch nicht geblendet werden. Dies kann unter Umständen so richtig weh tun. Gebt auf das Auge acht! Lux res sacra homini.

Doch was hat das alles mit dem Verfassen von Texten zu tun, mit dem Drucken von Buchstaben auf Papier? Kurzum: sehr viel.

Einen Text auf Papier zu bringen, hatten schon die Mönche im Kloster zur Meisterschaft entwickelt. In den Skriptorien wurde fanatisch darauf geachtet, dass der Text beidseitig einen gleichbleibenden Rand besaß. Der Text erschien als Block. Die Worte wurden am Rand entsprechend getrennt.

Dieser Textblock wurde auch mit der Erfindung des Buchdruckes durch Johann Gutenberg um 1450 nicht zerfetzt. Es galt, den Blocksatz beizubehalten und die Leerräume auf der Zeile gleichmäßig zu verteilen. Je homogener der Wortfluss in der Zeile war, um so angenehmer kann das Auge über die Muskeln in schonender Bewegung geführt werden.

So kommen wir zu der Art, wie ein Druckerzeugnis gelesen wird. Zum einen gibt es das lineare Lesen, welches beim Schmökern von Romanen und beim Studium von wissenschaftlichen Texten das Auge in beruhigender Art das Gehirn anweist, die Lektüre zu erfassen.

Das konsulierende Lesen ist unsere Suchmaschine in den Telefonbüchern und Anzeigen, den Lexika und Comics. Die Augenbewegung ist unruhig, sprunghaft suchend. Die Schrift und das Layout unterstützen das Finden durch verschiedene Größen und Hinweise, wie Rahmen, Fettschrift und plakative Darstellung und Farbdruck. Je intensiver die Kontraste und Gewicht der Schrift, um so unangenehmer wird das lineare Lesen.

Hierzu möchte ich ein paar Hilfen dem geneigtem Autor oder Autorin geben, das Lesen zum Genuss werden zu lassen, so das möglich ist, viele Seiten entspannend für Auge und Hirn zu konsumieren.

Das Wichtigste für eine gute Leserlichkeit ist, dass Buchstaben eindeutig zu erkennen sind und somit sofort die Wörter mit unserem Wortspeicher abgeglichen werden können. Dies ist der Punkt, an dem der Schriftart große Bedeutung zukommt. In der Regel findet man in der schöngeistigen Literatur die Schriften mit Serifen Anwendung. Die Worterkennung ist leicht, da hier die Verzierung der Lettern ein eindeutige Zuordnung garantiert.

Ebenso ist der Blocksatz von höchster Wichtigkeit! Die Wortabstände sind durch die Trennung der Wörter weitestgehend im gesamten Textgleich zu halten. Die optimale Zeilenlänge von ca. 40 bis 60 Zeichen, oder maximal 8 bis 12 Worte lässt gute Leserlichkeit erwarten. So ist der Sprung des Auges vom Zeilenende zum Zeilenanfang der nächsten Zeile nicht zu groß und somit nicht mehr suchender Art. Dazu kommt noch ein unbedruckter Rand, der das Auge so weit von der Umwelt isoliert, damit es in Ruhe die Wörter erkennen kann. Denn der Übergang vom Papier hin zur wahrgenommenen Umwelt ist ebenso ein großer Kontrast und dadurch eine Irritation.

Wichtig ist auch noch zu wissen, dass zu große Kontraste von Papier und Schrift das Auge auch belasten. Das gute Papier ist immer noch matt und hat eine schwache Tönung von cremeweiß bis beige.

Nun verliere ich noch ein paar Worte zum Erstellen von Texten, die diesen Anforderungen gerecht werden.

Die Entwicklung der Texte sollte in Stufen erfolgen. Zuerst schreibt man in einem Editor, dann kommt ein Satz−System zur Anwendung. Die Wörter sind im Editor nicht zu trennen; der Editor sollte das Umbrechen an den Wortgrenzen vornehmen. Zwangsläufig entsteht dabei ein rechter Flattersatz. Dieser wird dann mit der zweiten Stufe, dem eigentlichen Setzen entfernt und die Worttrennung erscheint. Angaben zur Schriftart und Textstruktur werden im Editor auch festgelegt. Ein Satz−System bietet professionelle Eigenschaften, angefangen vom Einbinden von Grafiken über Tabellen bis hin zum hochwertigen Formelsatz.

Zugegeben hat das Setzen von Text einen nicht geringen Lernaufwand. Doch es lohnt sich wirklich, sich mit professionellem Satz zu beschäftigen. Die Mühen vieler Autoren, wenn sie den Umstieg von Office−Programmen zum
Satz−System geschafft haben, werden mit der Freude des problemlosen Formatierens von Hunderten von Seiten belohnt.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit der Anwendung von Satz−Systemen und bin mit den Druckerzeugnissen immer wieder höchst zufrieden.

Gönnt Euch wieder mal ein schönes Buch! Gebt den Augen Zucker!

Volker Wolfram
Dresden


Zum Foto:

http://piqs.de/fotos/17750.html

Fotograf:
grafica

Titel: Die Bibel

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21 Gedanken zu „Gebt den Augen Zucker – GASTBEITRAG

  1. Es würde mich mal interessieren, wie aufwändig (und funktional) die Darstellung z.B. dieses WordPress-Beitrags im Blogsatz (bei deutschem Text !) ist. z.B. wg. der Trennung(svorschläge ?) …
    Ich hab keine Desktopversion, mit der ich das richtig testen könnte; die an meinem Mini-Tablet eingesetzte Version WordPress für Android bietet die drei Satz-Varianten im Editor nicht an, die die Desktop-Version im Browser anzeigt.

    Gefällt 2 Personen

    • Hallo Rainer,

      leider ist die Darstellung im Browser immer äußerst mangelhaft. Die Unterstützung von Trennung ist rudimentär in CSS3 angedacht, kommt aber bei den meisten Browsern noch nicht zum Einsatz.

      Zu beachten ist, dass die entsprechenden Wörterbücher im Browser vorgehalten werden müssten, um eine vernünfige Trennung nach den Regeln zu erhalten.

      Bleiben wir doch einfach beim Buch…

      😉

      Liebe Grüße,

      Volker

      Gefällt 2 Personen

      • ja, so sieht’s wohl noch eine Weile aus, in Deutschland = nicht englischsprachigen Ländern/Einstellungen/Sprachen sowieso. Dachte ich mir schon, dass auch WordPress.com da noch nicht wesentlich weiter gekommen ist. Große Aufgabe (bei offenem CSS-Code sowieso)…
        und mobil ist auch noch speziell zu berücksichtigen…
        Nichtsdestoweniger, die Hoffnung bleibt.
        Ich bin ein Online-Freak und eigentlich mehr oder weniger weg von Büchern 😎

        Gefällt 1 Person

  2. Ein sehr interessanter Text. Ich möchte noch Folgendes hinzufügen:
    Wie ich zu lesen anfing, da dachte ich … „da hat einer dasselbe Problem wie ich“!
    Soll heißen, seit meinem Schlaganfall damals habe ich leichte Sensibilitätsprobleme mit den Händen, oder wie man das nennt. Das führt dazu, dass manchmal 2 Buchstaben in der falschen Reihenfolge kommen, noch dazu, wenn man als 10-Finger-Schreiber relativ schnell ist, und sich manchmal selbst überholt, was zu genau diesem Effekt führt. Wenn auch bei Weitem nicht in der Häufigkeit.
    Und was ich noch sehr wesentlich finde, neben dem Blocksatz und der verwendeten Schrift, das ist die Schriftgröße. Wenn die Augen schon etwas älter sind, an Lebensjahren, dann tun sie sich sehr viel leichter, wenn die Schrift groß genug ist. Leichter mit dem Lesen, und leichter mit dem Auffinden des nächsten Zeilenanfangs. Denn so ist das Lesen zum einen ermüdungsfreier, und zum anderen findet man sich nicht ständig in der falschen Zeile wieder.

    Gefällt 2 Personen

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