Ich erinnere mich – N(OST)algische Fragmente


Leute, das waren Zeiten!

Wir brauchten ein Visum, um nach Ungarn zu fahren.

„Warum fahren sie, zu wem fahren sie, wie lange fahren sie, wo werden sie sich aufhalten?“ Solche und ähnliche nervtötende Fragen mussten wir jedes Jahr beantworten. Nach einigen Jahren wussten sie dann endlich Bescheid. Trotzdem stellten sie immer dieselben Fragen. Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich meine Freundin Birgit mit nach Ungarn nehmen. War das ein Prozedere! Mein Vater erschien dann auf dem Amt und regelte die Dinge auf seine Art. Damals wusste ich noch nicht so recht, welche Art genau das war. Heute ist mir das natürlich klar.

Überall liegen heute Bananen herum. Eigentlich kann ich sie kaum noch ersehen, ich kaufe sie auch äußerst selten. Damals stellte ich mich stundenlang an, um für jeden eine Banane zu ergattern. Meine Ausbeute waren manches Mal tatsächlich sechs Bananen, auf die wir uns regelrecht stürzten. Den ersten Bissen machten wir wie Menschen, die am Verhungern sind. Die weiteren aßen wir genüßlich, ganz langsam. Heute wundere ich mich darüber, dass die Dinger beim Essen nicht braun geworden sind.

Und dann dieses FDJ-Hemd, das ich als Jugendliche tragen musste. Ich erinnere mich daran, wie viele Schüler/innen meiner Klasse die Hemden „gerade in die Wäsche gegeben hatten“ – nur, damit sie sie nicht tragen mussten. Irgendwann kam es der damals jungen Klassenleiterin „spanisch“ vor. Beim nächsten Elternabend wurde darauf hingewiesen, dass die Mütter sich doch beim Wäschewaschen etwas beeilen sollten, damit die FDJ-Hemden bereit liegen. „Seid bereit, immer bereit“ galt auch für diese blauen Hemden.

Es stellte sich heraus, dass die Mütter hervorragende Hausfrauen waren. Die Hemden lagen schon längst gewaschen und gebügelt im Schrank der Schüler/innen. Das gab Ärger zu Hause!

Am Intensivsten ist die Erinnerung an die Flucht aus unserer Neubauwohnung, als mein Vater einen Anruf seiner Schwester bekam. Die Augsburger Verwandtschaft halte sich gerade in Dresden auf und möchte uns besuchen.

Um Himmels Willen, das wäre ein Dilemma für meinen Vater und unsere Familie gewesen. Der war in seiner gehobenen Position bei der Deutschen Reichsbahn einer  „GVS-Verpflichtung“ unterlegen. Das hieß: Jeglicher Kontakt zum westlichen Ausland war strikt unterbunden und sollte ein solcher stattgefunden haben, war dieser umgehend zu melden.“ Selbst, wenn mein Vater oder ein Familienmitglied einem Kapitalisten die Hand gegeben hätte, so war dies meldepflichtig. Die Schwester meiner Mutter lebte sei 1959 in Amerika/Kalifornien und sie durfte sie seit 30 Jahren nicht mehr sehen, lesen oder hören. Meine Mutter fluchte und weinte oft.

Jeder, der in der DDR gelebt hat und von der Arbeitsweise der STASI Bescheid wusste, damit in Berührung kam, weiß, was hier vonstatten ging.

Mein Vater hatte jedenfalls nicht die geringste Lust auf eine „Meldung“. Er rief uns Kinder und meine Mutter zusammen und sagte nur noch: „Anziehen! Wir fahren weg.“ Ich protestierte, meine Schwester auch. Die hatte sich mit ihren Freunden verabredet. Doch mein Vater ließ keine Widersprüche zu und forderte uns zur Eile auf. Es ging dann recht schnell. Innerhalb von zehn Minuten saßen wir in unserem Trabant, den wir nach 13 Jahren Wartezeit endlich unser Eigen nennen konnten und brausten davon – sofern man in diesem Fall von einem „Davonbrausen“ sprechen konnte. Unser „Flüchtlingskoffer“ fuhr also aufs Land zu einem überraschenden Besuch bei meiner Lieblingstante.

Leute, das waren vielleicht noch Zeiten! Da machte die Aufregung noch Spaß!

Meine Mutter fand das alles gar nicht lustig und hätte gut und gerne auf diese Form der Aufregung verzichten können. Sie hasste die Kommunisten genauso wie die Kirche. „Diese ständige Kontrolle der Roten macht mich noch wahnsinnig!“, schimpfte sie ohne Unterlass.

Einmal, ich war in der 8. Klasse, kehrte ich nach den Sommerferien in die Klasse zurück und Michael B. fehlte. Die Mitschüler/innen flüsterten, eine geheimnisumwitterte Stimmung machte sich in der Klasse breit. „Die sind im Westen!“, hörte ich dauernd und aus jeder Ecke. „Wie das denn?“, fragte ich. Ich konnte mir das gar nicht vorstellen. Eduard von Schnitzler erzählte doch immer so überzeugend, wie schlecht, bedauernswert und sogar gefährlich der Kapitalismus sei. Wie nur konnte man in solch eine Hölle gehen wollen und das freiwillig?

Die Klassenleiterin kam nicht umhin, sich den Fragen der Klasse zu stellen. „Die Familie B. versuchte, illegal in die BRD zu flüchten. Sie wurde gefasst und die Eltern von Michael befinden sich nun im Gefängnis. Michael lebt deshalb jetzt bei seinen Großeltern und besucht vorerst eine andere Schule.“

Ich war schon immer sehr sensibel und fand das traurig. Die ganze Wahrheit erfuhren wir dann von Michaels Bruder Tom. Die Familie hat einiges in Kauf genommen. Der Vater wurde bei der Flucht angeschossen und befand sich im Gefängniskrankenhaus. Die Mutter erlitt einen Schock, ebenso die Kinder. Michael war gerade auf Grund dieser Erlebnisse krank und dies dauerte einige Wochen. Der Ausreiseantrag, der ja ohnehin schon länger vor dem „versuchten, unerlaubten Grenzübertritt“ durch die Familie B. gestellt wurde, ist zwei Jahre später bewilligt worden. Ich sah Michael B. nie wieder.

Als ich einige Jahre später einen polnischen Staatsbürger heiraten wollte, war sprichwörtlich „Polen offen“.

Die STASI klopfte bei meinem Vater an die Reichsbahntür und stellte bohrende Fragen. Mein Vater war die Ruhe in Person. „Nein, meine Tochter möchte nicht ausreisen. Meine Tochter ist vom Sozialismus überzeugt, so habe ich sie erzogen. Nein, meine Tochter hat kein Interesse am Kontakt mit dem kapitalistischen Ausland. Der zukünftige Mann meiner Tochter ist zwar Pole, aber durchaus vertrauenswürdig ….“

Naja, so vertrauenswürdig war er dann doch nicht. Ich war mit 20 Jahren bereits von ihm geschieden. Aber nichtsdestotrotz – war das eine latent rote Sauerei!

Meine Ausbildung machte ich bei der Justiz. In dieser Zeit lernte ich viel über das „System“. Es gab sehr viele, sogenannte „MfS-Verfahren“. Diese wurden durch Richter durchgeführt, die gerade ihr zweites Staatsexamen absolvierten. „Zu meiner Zeit“ war das ein junger Richter, der gerade mal 29 Jahre alt war.

Kein Richter durfte sich dagegen sträuben, sonst drohte ihm die Entlassung.

„Draußen“ durfte ich nicht erzählen, wie häufig DDR-Bürger versuchten, „unerlaubt“ die Grenze zu übertreten und welche Mittel dabei angewandt wurden, um ihr Ziel zu erreichen, welche Strafen sie erhielten und wie die Verfahren abliefen. Ich war Gott sei Dank nicht dabei, doch die „Justizprotokollantin“ Katrin, die für diese Verfahren ausgewählt wurde, ließ einiges durchblicken. Die Katrin W. durfte nach der Wiedervereinigung in keiner Behörde arbeiten. Der Richter wurde 1991 vom damaligen Justizminister entlassen. Als er aus dem Urlaub kam, heftete ein Zettel an seiner Tür: „Melden sie sich umgehend beim Justizministerium“. Zwei Stunden später war der Vater einer einjährigen Tochter arbeitslos. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt in Dresden.

Ich wusste nicht, ob die Rechtsprechung wirklich im Recht war. Die sozialistische Erziehung, die mir von klein auf die rote Farbe überstülpte, prägte mich einerseits, doch mein Gerechtigkeitsempfinden prägte sich ebenfalls mit jedem Jahr und Zweifel wurden genährt. Ich hatte auf dem Gerichtsgang einen Mann gesehen, der mit Handschellen vorgeführt wurde. Mir wurden die „Flüchtenden“ als die personifizierten „Teufel“ beschrieben, diese „Systemgegner“, diese „Landesverräter“. Dieser Mann sah aber ganz normal aus, wie einer meiner Nachbarn.

Ja, irgendwann sind die Ostdeutschen geflüchtet, in Massen. Sie haben vor Freude geweint, sie haben um ihre Freiheit gekämpft.

Heute kommen andere Flüchtende nach Ostdeutschland. Die sind nicht gern gesehen, obwohl sie auch weinen und um ein kleines bisschen Freiheit kämpfen.

Vielleicht wollen sie an unseren hart erkämpften Wohlstand? Nicht, dass wir uns wieder stundenlang nach Bananen anstellen müssen, weil die Fremden die Bananen aufkaufen? Das wäre ja …, undenkbar, ja!

Das Vergessen ist doch ein Dilettant ….

Nach Ungarn können wir heute auch jederzeit reisen. Aber wer will das noch?

Ja, ja, das waren noch Zeiten! Ich könnte weitere OstGeschichten erzählen, doch ich muss leider an der „Geschichte der Frau H.“ weiterarbeiten.

Nur eines noch: Fragt mich jemand, was ich vermisse aus den alten Zeiten? Einige von euch werden sich sicher noch an mein Gedicht  „OstKind(er)“  erinnern – es ist jetzt in meinem Lyrikband enthalten.

ICH vermisse den Zusammenhalt, das freundliche Wort des Nachbarn, die alten Werte. Aber die vermissen sicher auch so manche Deutsche aus den alten Bundesländern, nicht wahr? Die Zeit hat sich verändert, so oder so!

Immerhin hatte ich eine Nachbarin, die im Buchhandel arbeitete und mich als Kind und Jugendliche mit „Bückware“ versorgte, sonst wäre ich nicht in den Genuss gekommen, mich literarisch unsozialistisch zu bilden.

Mein Nachzügler, der ja erst 2003 – da war ich im stolzen Alter von 36 Jahren – geboren wurde, fragte mich kürzlich: „Was war die DDR?“ Wie erkläre ich es meinem Kind? Gut, ich versuchte es kindgerecht: „Das war ein kleines Land, aus dem wir nicht hinaus durften. Es war eine Mauer da, die DDR war wie ein Gefängnis.“ Der Kleine sagte daraufhin entsetzt mit kindlicher Logik: „WAS, Mama? Du bist in einem Gefängnis aufgewachsen?“

„Ja, so ungefähr. Ich bin sozusagen vorbestraft ….“

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen wunderschönen 3. Oktober und spreche den ehemaligen DDR-lern an diesem Tag Mut zu, kleine Reminiszenzen durchaus zuzulassen.

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Das war mein Jugendweihe-Buch. Wir hielten es alle in den Händen. Dann verschwand es in der „Versenkung“.

 

Eure Sylvia Kling

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DAS waren noch Zeiten! Da wurden wir bei dem wöchentlichen Schulappell aufgerufen und erhielten, wenn wir Glück hatten, solche Urkunden.

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Na, für so manchen Schüler wäre eine solche Urkunde heute eine wahre Motivation.

Im Übrigen erscheint die hier Unterzeichnende  „B. Boxberger“ (links) in meiner Danksagung des Lyrikbandes. Sie war meine Deutschlehrerin und förderte mich. Ohne dieser Frau hätte ich nie den Mut gehabt, den begonnenen Weg weiterzugehen. Irgendwann bog ich in die falsche Richtung ab. Doch in den letzten Jahren kehrte ich um – immer mit den Gedanken an Frau Boxberger. Es gibt Menschen, die vergißt man nie. Sie war der „Engel meiner Kindheit“.

 

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Das „künstlerische Wort“ – gibt es das heute noch?
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Seid bereit!

Immer bereit!

Ich habe in meinem „DDR-Hefter“ ungefähr 30 solcher Urkunden, die zu den wöchentlichen Schulappellen überreicht worden sind.

Ja, das waren eben Zeiten ….

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88 Gedanken zu „Ich erinnere mich – N(OST)algische Fragmente

  1. Danke für den wundervollen Bericht, liebe Sylvia. Ich habe spontan eben auch mal meine drei Urkunden fotografiert, die ich bei Rezitationswettbewerben bekommen habe. Das heßt, es sind nur zwei, die dritte wurde unserer Gruppe im Ferienlager ausgehändigt „Sieger in Lagerordnung + Disziplin“ 😉
    Ich werde sie in Facebook hochladen, aber nicht in meinem Blog integrieren.

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  2. Pingback: Freitag, den 05. Februar 2016 | Kulturnews

  3. Liebe Sylvia, habe gerade deine Erinnerungen mit sehr viel Interesse gelesen. Wir hatten Ostverwandte, haben sie auch manchmal besucht und deshalb wusste ich auch ein bisschen Bescheid. Den Rest aus Geschichtsbüchern. Ich interessiere mich sehr für die Deutsche Geschichte und habe auch vor zwei Wochen wieder einmal, dieses Mal eine Bildungsreise, nach Berlin gemacht. Und ich war wieder erschüttert, von der Besichtigung und den Erzählungen im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Ich hoffe so sehr, dass es eine solche Zeit NIE mehr geben wird. Und es ist für mich unverständlich, wie viele Nazis es heute immer noch oder wieder gibt. Die Gefahr lauert überall.
    Meinen Bericht darüber (Blog Nr. 59) -vielleicht hast du ihn gelesen?- hatte ich auch auf Facebook veröffentlicht. Wollte damit aufrütteln und sagen, dass wir Deutsche in der ehemaligen DDR eine schlimme Vergangenheit hatten und froh sein sollen, heute (ALLE) in Freiheit leben zu können. Du kannst dir nicht vorstellen, wie man diesen Bericht falsch verstanden hat oder falsch verstehen wollte! Ist mir aber auch egal. Ich würde es wieder tun. Wir dürfen solche Dinge nicht wieder zulassen!!! Liebe Grüße

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    • Lieber Robert,

      sehr gut verstehe ich, was Du meinst.
      Erst einmal habe ich dazu eine Frage:
      Du schreibst, Ihr hattet Ostverwandtschaft und weiter unten im Text schreibst Du „wir Deutsche in der ehemaligen DDR“. Warst Du nun DDR-Bürger oder nicht? Entschuldige bitte, das war etwas mißverständlich.

      Ich würde gern Deinen Bericht (Blog Nr. 59) lesen – könntest Du mir hierzu einen Link übermitteln? Das wäre sehr nett :-).

      Viele ehemalige DDR-Bürger haben offenbar nach 25 Jahren vergessen, worum sie gekämpft haben und welchen Engen sie entkommen sind – das ist in der Tat sehr traurig.

      Die nationalsozialistische Entwicklung in unserem Land ist äußerst beängstigend. Gerade in Sachsen, meiner Heimat, erlebe ich es tagtäglich und bin darüber wütend und sehr traurig. Mit meinen Texten versuche ich, ein Zeichen zu setzen. Dennoch fühlt man sich als Künstler/in des Öfteren hilflos.

      Herzliche Grüße
      Sylvia

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      • Liebe Sylvia, es ist schon richtig, dass ich im Westen geboren und aufgewachsen bin. Das mit dem „wir Deutsche“ meinte ich im Allgemeinen mit Heute, dass wir eine gemeinsame ….! Denn für mich waren auch die Ostdeutschen schon immer dazugehörig.
        Mein Blog lautet: Seniorenleichtathletik.com
        Dort sind meine Beiträge mit Nummern gekennzeichnet. Außerdem hast du bereits bei mir schon gelesen und diverse Beiträge gelikt – Danke dafür! Wünsche dir noch einen schönen Tag!

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  4. Ich mochte die DDR nie so richtig, hatte aber eine unbeschwerte Jugend, und die galt es so zu Leben.

    In dem Film „Sonnenallee“ wird dieses Gefühl sehr gut beschrieben.

    Ich hatte alles durch: Diskussionen, Stasi- Besuche, Angst.
    Und ich hatte Freunde, gute Musik, und intakte Gliedmaßen.
    Das reichte, um glücklich zu sein…

    mobwish

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  5. Inzwischen ein Tsunami von Reaktionen hier… Und eine neue Welt die sich mir öffnet…
    An jenem 13ten August war ich als 11 jährige in West Berlin. Mit meinen Eltern bin ich damals zum Brandenburger Tor gegangen, sah die Panzerwagen, den Stacheldraht… ein erstes Erwachen dass die Welt nicht nur aus Sonnenschein besteht und auch ein Augenblick in dem ich Berlin unvergänglich in mein Herz geschlossen habe. Aber bis jetzt hatte ich nicht so ‚hautnah‘ und ohne jegliche dramatische ‚Sosse‘ gelezen wie es war für die Leute in der DDR… Danke für Deine Erinnerungen 🙂

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  6. Liebe Sylvia
    Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Rückblick. Es wäre schön, mehr von Ost und West in dieser Form zu lesen, ohne dass gleich wieder eine Diskussion entfacht wird, wo es besser war oder warum man bloss…
    Die Geschichte Deutschlands war viele Jahrzehnte eine „geteilte“. Und so, wie bei uns im „Westen“ viel zu wenig über die Menschen und Länder jenseits des „eisernen Vorhangs“ gesprochen wurde, denke ich, war es auch im „Osten“.

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  7. Es muss 1990 gewesen sein, da nahm ich an einer Fortbildung teil, zu der auch Kollegen und Kolleginnen aus den damals neuen Ländern eingeladen waren. Obwohl wir die gleiche Sprache sprachen, waren unsere Erfahrungen so unterschiedlich, dass es einfacher war, sich mit Holländern oder anderen Europäern zu unterhalten. Trotz der Sprachbarriere teilten wir mit denen die Musik, die Filme, die Konzerte, die Reiseerfahrungen – aber die Gespräche mit den Kolleginnen aus (Ost-)Berlin waren viel spannender. Sie erzählten, so wie du, aus einem Alltag, der für mich so fern und fremd war wie der Mond. Mehr davon!

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    • Lieber Manfred,

      es war gerade für mich sehr spannend, Deine Beschreibung zu lesen – vielen herzlichen Dank dafür :-).

      Da das wahrscheinlich sehr interessant ist für viele Menschen, werde ich Deine und Anna-Lenas Bitte bei Gelegenheit aufgreifen und weitere Berichte über unseren Alltag in der DDR niederschreiben.

      Kannst Du Dir vorstellen, dass Schüler/innen zum Direktor mussten und einen Direktorenverweis (bei Wiederholung) einsteckten, wenn sie mit einer „Aldi-Tüte“ (in der sie Zeichenutensilien oder Sportbekleidung für den Unterricht transportierten) in die Schule kamen? Da wir ja – wie im Text beschrieben – keinerlei Kontakt zum Westen haben durften, erhielt ich auch nie „Direktorenverweise“ – da hatte ich Glück ;-).

      Du hast es gut betitelt: „…fremd wie der Mond“. 🙂

      Ich bedanke mich für Deine Zeilen und Dein Interesse und wünsche Dir einen schönen Sonntag.

      Liebe Grüße
      Sylvia

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  8. Liebe Sylvia,
    ein interessanter und auch etwas intimer Text, der mich sofort in die Zeit vor 25 Jahren zurückversetzte. Ich hatte dieser Tage oft den Gedanken, dass ich die DDR Zeit nicht missen möchte, wenn gleich ich sie auch nicht zurückholen wollen würde. Ich war auch in der FDJ, damals an der Schule GOL Sekretärin, heute würde man SchulsprecherIN sagen. Klar hat mich diese Zeit geprägt, was aber wirklich positiv „hängen“geblieben ist, ist die Fähigkeit, Dinge dialektisch zu sehen. Das vermisse ich bei vielen Menschen heute, das Ursache/Wirkung Prinzip….
    Gegen das Vergessen und für die Weiterreichung unseres DDR Lebens an die kommenden Generationen habe ich angefangen, meinen Töchtern jedes Jahr zu Weihnachten eine Geschichte aus meinem Leben in der DDR aufzuschreiben. Es gibt so viel zu erzählen und tatsächlich kommt da auch manchmal Wehmut auf. Schön war Dein Bananenbeispiel. Als ich 6 Jahre war, wünschte ich mir zu Weihnachten, dass mich einmal an Babanen satt essen kann, ohne, dass ich meinen Geschwistern welche abgeben muß. Und: meine Eltern haben das wirklich geschafft und ich bekam ein Kilo Banenen zu Weihnachten (natürlich auch andere Dinge, wie einen blauen Teddybär „Bummi“, den ich auch heute noch habe..) Und manchmal nervt mich auch diese heutige Riesenauswahl an allem Möglichen und Unmöglichen, man kann sich ob der Vielfalt der Dinge gar nicht mehr richtig über etwas freuen ud das bedaure ich sehr.
    Aber egal, wir hätten uns zu DDR Zeiten keine Reisen leisten können, es macht Spaß, neue Länder und Menschen kennenzulernen. Das Rad der Geschichte dreht sich und wir mit ihm.
    Ich freu mich, dass wir uns kennengelernt haben, liebe Sylvia. In diesem Sinne lass uns den heutigen Tag einfach feiern!!!

    Liebe Grüße aus der gesamtdeutschen Hauptstadt!!!

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    • Ach, meine liebe Katrin, nun bin ich wieder so gerührt über Deine Zeilen und bisschen steht mir das Wasser in den Augen.
      Ja, wir haben diesen Überfluss, der dazu führt, dass wir uns nicht mehr richtig freuen können. Es muss immer mehr und mehr sein.
      Entbehrungen machen auch dankbar …., haben wir es verlernt?

      Ich kann Deinen Zeilen kaum noch etwas hinzufügen (ich muss mich auch entschuldigen, da ich ziemlich erschöpft heute bin – nach 9 Stunden „Frau H.“), sie nur noch genießen und Dir in allem zustimmen, meine Berliner Freundin!

      Ich umarme Dich herzlich!

      Deine Sylvia

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  9. Ich finde das toll, dass jemand „einfach so“ erzählt, wie das damals war. Die Wenigsten „Wessis“, wie auch ich einer bin, wissen das. Können sich nicht die kleinen Dinge vorstellen, von denen der Alltag geprägt war.
    Es wird einem dann auch wieder klar, wie wichtig und schön solche Kleinigkeiten sind, über die man schon gar nicht mehr nachdenkt.
    Solche „Geschichten“ sind auch ein Akt gegen das Vergessen. Ich denke, nur wer weiß, was gewesen ist, kann wirklich beurteilen, was sein soll.

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    • Das hast Du sehr schön und treffend geschrieben. Ich bin begeistert. „Solche Geschichten sind auch ein Akt gegen das Vergessen“ und „Ich denke, nur wer weiß, was gewesen ist, kann wirklich beurteilen, was sein soll.“ – besser hätte ich es niemals ausdrücken können – KOMPLIMENT!

      Irgendwie hoffe ich ja, dass wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen und diese mentalitätbedingte Jammerei ein Ende findet ….

      Ganz herzlichen Dank an Dich – fürs Lesen und die wunderbaren Zeilen!

      Herzlichst,
      Sylvia

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  10. Liebe Sylvia, danke für die Aufforderung, sich zu erinnern und danke für deine biografischen Einblicke, die du uns gewährt hast. Ich erinnere mich gern an meine Jugend in der DDR und freue mich, wie sich in Deutschland Ossis und Wessis gemischt haben, so dass man eigentlich nur noch manchmal „typisch Wessi“ oder „typisch Ossi“ sagen kann 🙂
    Herzliche Grüße ins Sachsenland sendet Dir
    Marlis

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    • Liebe Marlis,

      ich danke auch Dir – fürs Lesen und Deine Worte.
      Die Mischung könnte noch besser wirken, wenn wir aufhören, uns unserer Vergangenheit zu schämen oder eben ihr im Unmaß nachzuhängen. Wir könnten leben, einfach leben und uns erinnern.

      Ich kann über meine Jugend in der DDR auch nicht klagen. Wir hungerten nicht und wir lebten – zumindest im herkömmlichen Sinne – in Frieden.

      Ich wünsche Dir noch einen schönen Feiertag und grüße Dich herzlich zurück,

      Sylvia

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  11. Geschichte, wie sie jeder auf irgendeine Art und Weise hier im Osten erlebt hat. Die Vorstellung der DDR als Gefängnis hatte ich ebenfalls, mein anderthalb Jahr Fahne habe ich dann als verschärfte Einzelhaft empfunden. Völlig rechtlos und oft genug der Willkür von Personen ausgesetzt, die in einem normalen Leben wohl in der Gosse oder im Knast gelandet wären.
    So viele Urkunden habe ich aber nicht bekommen. :-))) Lange Haare, andere Ansichten passten nicht ins System. Die Methoden der Einflussnahme auf das Leben der Menschen waren sehr subtil.
    Herzliche Grüße und einen schönen Feiertag, Eberhard

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    • Lieber Eberhard,

      die Männer, die bei „der Fahne“ waren, können viele interessante Geschichten erzählen, denen ich zu gerne lausche. Wenn man bedenkt, dass alle Männer, die studieren wollten, zum dreijährigen Dienst bei der NVA verpflichtet wurden und beim Widersetzen das Studium abschreiben mussten, wird einem noch heute ganz scheußlich zumute. Dieser Zwang, diese Willkür, die Du auch benennst, waren in einem Land, dass offenbar glaubte, egalitäre Bedingungen zu schaffen, menschenverachtend.

      Könntest Du Deine Erfahrungen bei der NVA niederschreiben bzw. wäre das für Dich denkbar?

      Herzliche Grüße zurück,
      Sylvia

      PS: Die Urkunden bezogen sich überwiegend auf Erfolge im literarischen Bereich (also Erfolge auf Schülerebene und im Stadtausscheid). Ich glänzte nicht bei Mathematikwettbewerben (Note: 3 bis 4 …).

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  12. Sylvia, ich danke Dir sehr für den Einblick in alte Zeiten. Gerade, weil es autobiokratisch und nicht die Geschichte Deines lyrischen Ichs zu sein scheint ist es bewegend und interessant!
    Beeindruckend, wie freudig und mit Tränen in den Augen wir Wessis Euch am Grenzübergang in die Arme genommen haben…..
    Heute ist das anders mit Einreisenden.
    Und sagt nicht der Volksmund „Die Menschen sagen immer „Die Zeiten werden schlimmer.“ Die Zeiten bleiben immer, die Menschen werden schlimmer.

    Ich finde „wir“ sind bislang großartig zusammengewachsen. Vielleicht sollte man langsam diese ewige Ost-West-Vergleiche einstellen – die Trennen mehr, als dass sie helfen.
    Einen schönen 3. Oktober wünsche ich Dir und allen, die dies lesen!
    Patrick

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    • Lieber Patrick,

      vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar.

      Du schreibst wahre Worte.

      Gut, ich finde, die Zeiten ändern sich. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das deutsche Fernsehen jemals ein so hohes Verblödungsmaß innehatte, wie es jetzt der Fall ist. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich früher Menschen traf, die dieses Fernsehen als Maßstab aller Dinge ansahen und stundenlang darüber diskutierten, wer nun die dümmste Schwiegertochter oder Schwiegermutter am Vortag gewesen sei.
      Die Blicke vieler Menschen ändern sich und das macht sie „schlimmer“.
      Die Blicke auf das Wesentliche sind verschwommen, lieber Patrick.

      Doch ich möchte keine Schubladen öffnen oder einer pathologischen Pauschalisierung zum Opfer fallen.

      Ich bin glücklich darüber, dass es noch jene Menschen gibt, die mit dieser gewollten Verblödung nicht konform gehen und Niveau in ihren Alltag implizieren. Alles andere wäre für mich desisollierend, Patrick.

      Ich weiß nicht, ob diese „Ost-West-Vergleiche“ jemals ein Ende haben. Diese jedoch zeigen eines deutlich auf:
      Die Wiedervereinigung war recht ungeplant, zu heftig und kolidiert nunmehr mit den Ansichten vieler Menschen.
      Es gibt sehr viele OSTalgiker, die sich gegen die BRD stellen. Es gibt auch viele Westdeutsche, die über den SOLI schimpfen. Erst kürzlich las ich einen Kommentar, der so lautete:
      „Und für diese Steineschmeißer zahle ich Soli? Pfui!“
      Es erfolgt eine Kategorisierung, es sind Welten, die aufeinanderprallen.

      Die damaligen Umarmungen, die Du beschreibst, sind bei zu vielen auf beiden Seiten offensichtlich vergessen ….

      Ich wünsche auch Dir einen schönen Feiertag (nun ja, arbeitgeberfreundlich in diesem Jahr …;-) ),

      Sylvia

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  13. Danke für diesen sehr anschaulichen und bewegenden Text, liebe Sylvia.
    Wir hatten eine Großtante, die in der ehemaligen DDR lebte. Wir bekamen sie nur alle heiligen Zeiten zu sehen. Einmal, als ich so fünfzehn Jahre alt war, trafen wir uns in Ungarn am Balaton, und verbrachten zusammen mit ihr und ihrem Sohn einige Tage. Wenn sie vom Leben, den Umständen, den Verhältnissen in der DDR erzählten, kam das meinem jüngeren Bruder und mir vor, als würde da jemand von einem anderen Planeten, einer anderen Welt berichten. Es gab so vieles, was wir, die wir im Westen geboren und aufgewachsen waren, überhaupt nicht vorstellen konnten, trotz aller Phantasie…

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    • Danke, Martha. Ich vermute, sie erzählte die Wahrheit ….
      Wir wuchsen so auf und kannten nichts anderes. Als mein Sohn die Urkunden (unter dem Text) sah, lachte er herzlich. Für ihn sind das „bömische Dörfer“, aber er hört mir gern zu, wenn ich „aus dem Nähkästchen plaudere“.

      Ein bisschen Wehmut ist da – immerhin lebte ich dieses Leben 23 Jahre. Genau zur Wendezeit wurde mein 2. Kind geboren. Ich bekam keine Milch für sie – alle Geschäfte waren wie leergefegt. Der Vater des Kindes hatte in einem der Läden einen Aufstand gemacht, nachdem die Kleine nach dreistündigen Suchmarathon keine Geduld mehr hatte. Der Säugling lag im Korb und schrie. Wir warteten so lange, bis die Verkäuferinnen das Lager umstülpten und endlich noch 2 Packungen Milasan fanden.
      Eine Stunde später war die Kleine endlich satt. Es war nicht schön, diese Zeit.

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    • Dankeschön, Kadee.
      Nein, nein, ich bin keine Gesetzesuntreue – ich konnte mir ein solches Verhalten in der Justiz gar nicht leisten.

      Ich habe noch einen Freund, der sich auf Facebook aufhält und diverse andere Freunde außerhalb von WP. Ich hoffe, dieser Text wird weiter geteilt.

      Herzliche Grüße,

      Sylvia

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      • Den „Ängstlichen“ ist nicht mit Vernunft beizukommen. Das Einzige, was denen vermutlich hilft, sind eigene Erfahrungen. Ich möchte lieber nicht umreißen, welche ….

        Auch Dir wünsche ich ein schönes Wochenende. Der Oktober beginnt so sonnig, wie der September endete – fein. 🙂

        Herzlichst,
        Sylvia

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  14. Pingback: Ich erinnere mich – n(OST)algische Fragmente |

  15. Vielen Dank für Deine spannenden autobiographischen Erinnerungen hier, Sylvia. Es gibt so manches aus der Geschichte zu lernen. Als geborener „Wessi“ habe ich selbst von 2001 an acht Jahre lang in den neuen Bundesländern gelebt und so manche prima Freundschaft dazugewonnen 🙂
    Liebe Grüße
    Markus

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  16. Beim Lesen bekomme ich Gänsehaut. Bitte mehr davon, liebe Sylvia.
    Wir waren gestern Abend bei unseren Nachbarn eingeladen und erfuhren auch zum ersten Mal, dass der Nachbar über Ungarn ausgereist war. Ich hatte ihn immer für absolut „linientreu“ gehalten. Mehr Mitmenschlichkeit, Nachbarschaftlichkeit, auch das wünsche ich mir.

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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