Einfach so (Ein Brief mit Risiko)


Liebe (r) „Wolkenruf“,

warum ist es schrecklich, wenn ich Deinen realen Namen wissen möchte?
Ein Name schafft eine gewisse “Identität” – gerade im Zeitalter von Internet, dieser manchmal gemochten, oft auch verhassten Transparenz. Doch da ist noch diese seltsame Anonymität.

Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn ich mich mit einem Menschen über Gedanken austausche und seinen Namen nicht einmal weiß.
Merkwürdig, als ob der Name etwas daran ändern würde, dass man einem fremden Menschen in seine tiefsten Empfindungen Einblick gewährt.

So viel kann passieren im Leben. Ich gehe aus dem Haus und ein Auto überfährt mich, einfach so. Oder ein Ziegelstein fällt mir auf dem Kopf, einfach so.
Fieberhaft sehnt man diesen Tag X herbei, an dem man jenem fremden Menschen endlich außerhalb der virtuellen Zone begegnet, der einem gar nicht fremd zu sein scheint. Dort, in der Wirklichkeit, wo das Leben seine Bahnen zieht.
Er kennt doch all Deine Gedanken, Deine Regungen, Deine Ängste, Deine Hoffnungen. Dann also steht er endlich vor Dir, dieser Mensch und alles ist anders.
Es ist vorbei, einfach so. Der Zauber, der sich nicht einmal Liebe nannte, nur Verbundenheit, vielleicht etwas Zuneigung; einfach eine schlichte, sanfte Vertrautheit, ist vorüber. Die Magie streift Dich nur noch einmal in Erinnerung an die Zeit des Schreibens, des Anvertrauens; beinahe wie ein warmer Windhauch. Jetzt ist sie weg, einfach so. Sie weht jetzt anderswo.

Vertrauen? Was ist das? Welchem Menschen kann man schon vertrauen, wo doch alle nur mit sich selbst beschäftigt sind? Welchen Wert hat es noch in einer Welt, in der Neid, Mißgunst oder Eifersucht das Dasein beherrschen?
Aber es gibt noch die Wenigen, an die man glauben kann. Ohne der Hoffnung schwindet das letzte kleine Licht. Ohne Risiko lässt es sich nicht leben.
Finde ich, einfach so. Ich lebe nicht in ewiger Dunkelheit. Nicht jetzt und auch nicht, wenn die Menschen nichts mehr lernen sollten.

Suche ein wenig nach dem kleinen Licht. Lass Deine Zeit nicht einfach so verstreichen.

L. 

©Sylvia Kling

Castelo S. Jorge, Lisbon, Portugal (piqs.de ID: 861b001ec26dfc7c9796b8a67f1eb27d)

Castelo S. Jorge, Lisbon, Portugal (piqs.de ID: 861b001ec26dfc7c9796b8a67f1eb27d)

Zum Foto:

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Fotograf: Pedro Ribeiro Simões

Titel: Writing

http://piqs.de/fotos/138675.html

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(Textneubearbeitung Sept. 2015)

Kopieren oder Weiterverwendung ist aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet!

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37 Gedanken zu „Einfach so (Ein Brief mit Risiko)

  1. Pingback: 2015 im Rückblick – WOW! | Sylvia Kling - Literatur

  2. Mhmm. In der virtuellen Welt kann jeder sein, was er möchte. Ein Name ändert wenig daran. – Und wir haben ja schließlich unsere Projektionen… Man liest sich; man chattet; telefoniert schließlich… Und irgedwann ist da vielleicht der „wirkliche“ Mensch und der ist so ganz anders, als das „gezüchtete“ Phantom. – Doch genau an dieser Phantasie wird gemessen….

    Liebe Grüße,
    Frank

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  3. Liebende Sylvia
    Deine Erfahrungen hm
    Neben dem seelichen geistigen Menschen ist der sinnlich leibliche oft ein anderer
    Die Eigenart körperlich dann einem Fremden gegenüber zu stehen zeigt ja eine Verschobenheit dieser
    Alle guten Dinge sind drei Wesen
    Die Erfahrung war Es wohl wert
    Wenn Es ein Mann ist treffe Ihn nächstes mal einfach früher
    Und weshalb nur das kleine Licht
    Bescheiden wozu
    Die Sonne gibt Es nur ganz und gar
    Anonymität zeugt von Selbsunsicherheit eben einem kleinen Licht
    Wer sich versteckt hat Angst nicht angenommen geliebt zu werden
    Oder versteckt sich hinter Seinem Schatten dem Schmerzkörper
    Sieh gelegentlich diesen Begriff in Wikipedia YouTube nach
    Sehr erhellend
    Und wofür steht das L. ?
    Danke Deiner Wertschätzung
    Dir Joachim von Herzen

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    • Lieber Joachim,

      in diesem Brief schreibe ich lediglich mit meinem prosaischen Ich. Wenn alle meine Texte zu 100 Prozent aus eigenem Erlebten bestünden, wäre ich wahrscheinlich schon in der Psychiatrie ;-).
      Natürlich sind auch eigene Anteile dabei, doch in diesem Brief geht es weder um partnerschaftliche Beziehungen noch in diesem Kontext meine Wenigkeit. Die Idee stammt aus meinem Kontakt mit einem kreativen Blogger, mit welchem ich ursprünglich eine Zusammenarbeit anstrebte.
      Dies ist in der Folge mit dem Thema Unsichtbarkeit und Anonymität im Netz verbunden und sollte meinen Lesern Stoff zum Nachdenken geben.

      Also kein Grund zur Sorge!

      Viele Grüße
      Sylvia

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  4. Oft ist es doch so, wenn man nicht viel erwartet, kann man auch nicht enttäuscht werden. Ist die Erwartungshaltung groß und man bekommt nicht das nach seinen Vorstellungen, sind wir enttäuscht. Das ist im Freundeskreis so und sogar in der Verwandtschaft und der eigenen Familie. Es klingt zwar traurig, aber ich habe meine Erwartungshaltung sehr zurück geschraubt.
    Hier im Blog habe ich bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Das liegt aber mit Sicherheit daran, dass ich von niemand anderem etwas erwarte und umgekehrt auch. Ich möchte einfach nur meine Erfahrungen mitteilen und erfreue mich an meinen sportlichen Aktivitäten genau so wie über das Schreiben darüber. Ich genieße das eine und das andere, weil man es so gut verbinden kann.
    Und wie es aussieht, können dabei durchaus Freundschaften entstehen, obwohl man sich vielleicht niemals im realen Leben treffen wird und dadurch auch nicht enttäuscht werden kann.
    Grüße an alle, die sich an dieser interessanten Diskussion beteiligt haben.
    Robert

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  5. Was für ein Bericht.
    So ist es nicht. Wenn ich draußen bin, lächele ich jeden an. Manche gucken stur geradeaus, manche grüßen höchst erfreut.
    Auch beim Bloggen kann man sich ein wenig besser kennenlernen.
    Die ich real getroffen habe, davon ist nur eine einzige rausgefallen. Alle anderen ticken ziemlich genauso wie ich.
    Neid, Mißgunst oder Eifersucht sind mir fremd.
    Liebe Grüße
    Bärbel

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  6. Interessanter Artikel. Für viele ist das Leben eben ein „Maskentanz“. Ich muss gestehen, wenn ich auf Seiten komme auf denen nicht ersichtlich ist wer dahinter steht, erlischt mein Interesse sehr schnell.
    Ich stelle mich im realen Leben ja auch nicht vor: Gestatten, mein Name z.B. „Wolkenfee“. Was ich sage, schreibe, es ist von mir, ergo stehe ich dazu.
    Heißt aber nicht, dass ich es nicht akzeptiere, nur für mich geht es gar nicht.
    „Die Welt in der wir heute leben
    und morgen wieder verlassen
    wir haben sie nicht verstanden“
    (Karl Miziolek)
    Liebe Grüße
    Karl

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    • Lieber Karl,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Inzwischen handhabe ich das so, dass ich Kommentare von Personen, die sich „unsichtbar“ halten und mir in keiner Weise bekannt sind (ohne Profil, ohne Namen), nicht mehr freigebe. Ich bin der Ansicht, dass man – wenn man zu Arbeiten anderer einen Kommentar hinterlässt – auch seinen Namen hinterlassen kann.

      Ich habe vor nicht allzulanger Zeit einen Artikel über den Umgang miteinander im Netz geschrieben (hier ist der Link:

      https://wiedaslebenklingt.wordpress.com/2015/09/03/austauschbarkeit-unverbindlichkeit-und-verantwortung-im-netz/), der genau das zum Ausdruck bringt, was Du im Vergleich zum realen Leben erwähntest.
      Dein Zitat trifft es …, herzlichen Dank dafür.
      Ich freue mich, dass Du „da bist“ :-).

      Liebe Morgengrüße aus Sachsen,

      Sylvia

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  7. Hallo, liebe Sylvia. Wenn man etwas macht, sollte man auch dazu stehen. So gesehen verstehe ich die Geheimnisse um den eigenen Namen überhaupt nicht. Wenn ich etwas verbergen möchte, fange ich erst gar nicht an, etwas zu veröffentlichen.
    Es tut gut Deinen Text zu lesen.
    Mit lieben Grüßen,
    Michael

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    • Auch das hat was …, diese Betrachtung ist nicht ohne. Ich schränke es nur insofern ein, dass es Menschen gibt, die sich als Blogger auch zur Arbeit äußern und austauschen wollen und natürlich nicht „aufgespürt“ werden wollen.
      Danke für Deine Zeilen.
      Liebe Grüße
      Sylvia

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  8. Das Bedürfnis, die Anonymität zu wahren, kann ich schon verstehen. Aber wenn man eine Basis gefunden hat, gibt es ja auch andere Möglichkeiten des Austauschens und des Sich-Öffnens, wenn man das will. So ganz dicht zu machen, verstehe ich nicht, denn dann darf man sich von vorn herein gar nicht hier bewegen.

    Gefällt 1 Person

  9. Interessantes Thema. Öffnen, nicht öffnen, Vertrauen, vertraut sein, Anonymität und die Vertrautheit, die ich in der Anonymität mir vielleicht leisten kann, weil ich in „Wirklichkeit“ schon meine „Schublade“ gefunden habe.Enttäuschungen entstehen oft aus Bildern, die man sich selbst gemacht hat vom anderen, nicht weil sie der Andere so beschrieben hat.
    Anonymität im Netz kann auch Schutz vor seinem eigenen Umfeld sein. Ich stelle mir zum Beispiel jemanden vor, der über seine Gedanken schreibt, diese Gedanken aber in seinem engsten Kreis nicht teilen kann.
    Wie viele Autoren waren auch schon vor dem „Internet“ anonym, wie viele haben unter einem Pseudonym etwas anderes geschrieben, gemalt etc., als mit ihrem „echten Namen“.
    Bitte nicht falsch verstehen: Ich möchte mein Gegenüber auch gerne kennen (lernen). Ich habe auch lieber den richtigen Namen, mit dem ich Menschen anspreche. Aber ich akzeptiere auch, wenn der Name nicht preisgegeben werden wiil.

    Viele Grüsse
    Jörg

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  10. Das muss auch mal gesagt werden — richtig so!

    Seit 2007 wandle ich durch die Bloguniversen… was ich da alles erlebte (tw. erleben musste), das erzähle ich lieber nicht (mehr)… die Zeit hat endlich die gröbsten Wunden geheilt, liebe Sylvia…

    herzliche Abendgrüße
    vom Lu

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    • Es ist gut, wenn wir alle eine gewisse Distanz wahren, was ja nicht zwingend heißt, sich gar nicht mehr zu öffnen.
      Aber Achtsamkeit – in diesem Falle uns selbst zuliebe – kann nicht schaden.
      Meine Erfahrung: Was lange währt, wird gut.
      (Ver)Bindungen jeglicher Art, die mit Euphorie beginnen, sind meist von kurzer Dauer. Beständigkeit ist nicht jedermanns Sache.
      Schade, dass wir auf dem Weg des Lernens Verletzungen erleiden.
      (GUT,DASS DEINE Wunden heilen ….)

      Herzliche AbendGrüße zurück !

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  11. Derart negative Erfahrungen habe ich nicht gemacht. Alle Kontakte, die übers Blog entstanden und durch die Interaktion in Kommentaren zu einem vertraulichen Verhältnis geworden waren, erweisen sich bei Treffen in der fassbaren Welt als wirklich erfreulich. Vielleicht hängt es mit dem Medium zusammen. Anders als in Foren liest man im Blog auch Texte, die nicht zur Kontaktaufnahme verfasst wurden, aber gerade deshalb feine Nuancen der jeweiligen Charaktere enthüllen.

    Gefällt 3 Personen

    • Manche Menschen scheinen leider diese negativen Erfahrungen zu machen. Die Idee zu diesem Text entstand im Kontakt zu einem Blogger, der wahrhaft gute Zeichnungen anfertigte. Auch seine Texte wiesen verschiedene, interessante Facetten auf. Doch es gab nicht einmal die Bereitschaft, seinen/ihren realen Namen zu offenbaren. Als Grund nannte er/sie zu häufige Enttäuschungen und negative Erfahrungen in Realität und innerhalb des Internets.
      Vielleicht sind oftmals die eigenen Erwartungen im Weg? Manchmal stellen uns auch idealistische Vorstellungen ein Bein.

      Ich freue mich, wenn auch gute Erfahrungen berichtet werden – mögen wir uns daran orientieren.

      Liebe Grüße
      Sylvia

      Gefällt 2 Personen

  12. Vertrauen ist ein hohes Gut. Ich habe zu oft vertraut, und bin böse enttäuscht worden. Trotzdem habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben. Aber die kindliche Naivität ist abgetötet. Eigentlich schade, denn Vertrauen ist die Basis zum Miteinander mit Sinn… Danke für den schönen Beitrag, liebe Sylvia!

    Gefällt 3 Personen

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