Schreib-Block-Ade (é)


S itze

c harakterstark

h inter

r öchelnd

e rhitztem

i nstrument

b ei

B ravuröser

l angsamkeit

o hne

c hancen

k ann

A nfangsbuchstaben

d auerhaft

e inschläfern.

 

Na, das ist niemandem zu wünschen. Aber wer kennt sie nicht: die Schreibblockade? Der „Block“ wird ersetzt, durch den uns inzwischen ans Herz gewachsenen PC.

Es müsste also heißen: Schreib-PC-ade (adè) – sehr seltsam, das sehe ich ein.

Mir geht es meist nur mit bestimmten Texten so. „Zwergkleinchen und das Zauberkraut“ befindet sich im vierten Teil. Jetzt sollte ich zu dem Moment kommen, in welchem die Zwerge den Wald durchkämmen, um das erlösende Zauberkraut zu finden.

Peter Willweber aus Dresden, der Mann mit der Phantasie, empfahl mir (just in dem Moment, als die Blockade Einzug hielt) die Begegnung mit der Hexe und einer Riesenkröte, die Zwerge haßt. Die Hexe sollte, da sie letztendlich Mitleid mit dem fingergroßen Zwergkleinchen hat, den Zwergen wertvolle Ratschläge geben, wie die Kröte zu überlisten sei.

Okay, ich stelle mir das alles vor. Zumindest gebe ich mir große Mühe. Schließlich war ich selbst mal klein und immerhin habe ich drei Kinder. Der Nachzügler ist dem Märchenalter noch gar nicht lange entwachsen.

Also setze ich mich vor den PC. Der rauscht und dampft verdächtig. Will er mir etwas sagen? („Nun komm, betätige endlich die Tastatur und schreib los. Quäle mich, reihe die Worte wieder aneinander!“)

Nein, da sitze ich, zwar hochmotiviert, doch aber wie gebremst, vor meinem Märchen und starre Löcher in die Decke. Stellt Euch vor, Zwergkleinchen umfasste in der Grundidee nicht einmal eine Buchseite. Und nun stehe ich vor der vierzigsten Seite und verharre in einem phantasiegebremsten Stadium – wie schrecklich!

Ähnlich ergeht es mir momentan mit „Frauenwunder“. Es ist doch fast fertig. Aber nur fast …, denn die Protagonistin „fährt gerade nach Berlin“, um ihre krebskranke Freundin Martina im Krankenhaus zu besuchen. Die Mitteilung des Ehemannes der Freundin hat sie extrem geschockt.

Einige von Euch haben die Leseprobe aus „Frauenwunder“ gelesen. Bisher habt Ihr fleißig gelacht und das ist von mir (ich gebe es unumwunden zu) beabsichtigt.

Die Protagonistin beschäftigte sich mit ihren überflüssigen Pfunden, alles drehte sich um ihre Figur und den „Verlust ihrer jugendlichen Schönheit“. Dann erfährt sie von der schweren Erkrankung der Freundin aus Kindertagen. Martina war immer der blonde Engel in ihrem Leben . Sie hatte die Protagonistin einst vor Angriffen der Klassenkameraden bewahrt. Martina war anders als sie selbst: sicherer, kraftvoller, erhabener, klüger (und hübscher, fand die Protagonistin). Ihre Angst um diesen, ihr so wichtigen Menschen, bringt sie zu einer, zunächst bitteren Erkenntnis.

Und da kommt noch der Gedanke: Warum erwischt es Martina, diesen lieben, empathischen Menschen? Warum diese Frau, die sich aufopferungsvoll für notleidende Kinder einsetzt und sich noch nie im Leben für eine Arbeit zu schade war? Das Blatt der Protagonistin wendet sich, liebe Leser. Viele Fragen prallen auf auf sie ein.

Ja, ich weiß noch nicht einmal, ob Martina leben oder sterben wird. Meinen leichten Hang zur Dramatik lebe ich ungern bis zum bitteren Ende aus.

Es sollte eine Warnung sein. Ihr versteht, was ich meine?

Würdet Ihr Martina leben lassen?

UFF!

Ganz ehrlich, was ist daran schwierig? Warum sitze ich wieder vor diesem schnaufenden PC und habe Krämpfe in den Fingern?

Da kommt mir eine unglaublich gute Idee: Ich schreibe ein Gedicht. Das kann ich ja offenbar hervorragend und es kostet mich beinahe keine Mühe. Die Technik habe ich intus, die Worte fließen meist von selbst.

Zwergkleinchen und das Frauenwunder müssen also im Bett bleiben. Herbst und Winter sind bald im Anmarsch, da ist es im Bett ohnehin am Schönsten.

Im Frühjahr allerdings sollte „Frauenwunder“ fertig sein. Kurz danach sollte auch Zwergkleinchen wieder größer werden als der Finger des Großvaters und die Zwerge sollten viel gelernt haben.

Also gut, im neuen Jahr spätestens hetze ich den kleinen Zwerg auf die vollschlanke Protagonistin im „Frauenwunder“! Ha, das wäre doch gelacht!

Ich darf nur nicht dauernd die Anfangsbuchstaben einschläfern.

🙂

Wie geht es Euch mit den ungeliebten Schreibblockaden? Sind sie auch auf bestimmte Texte bezogen oder treten sie allgemein auf?
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Eure Sylvia Kling

Darf ich vorstellen II: Khalid Aouga


Heute möchte ich Euch wieder jemanden vorstellen:
Khalid Aouga.

Khalid lernte ich hier auf WordPress kennen.
Vor Kurzem entschlossen wir uns, für die Gestaltung meines Lyrikbandes zusammenzuarbeiten. 
Khalid wird die Zeichnungen für den Band anfertigen.

Als ich mich kürzlich intensiver auf seinem Blog umschaute, entdeckte ich Gedichte und Texte mit faszinierender Tiefe, in welcher auch Trauer,  Schmerz und Hoffnung eine entscheidende Rolle spielen.
Die Liebe zur Heimat, der damit auch verbundene Schmerz („Von der Fremde“) und die Reflexion zu den grauenvollen Ereignissen auf dieser Welt, die uns Deutschen in den letzten 70 Jahren erspart blieben,  sind letztendlich eine Ode Khalids an die Menschen,  sich der Spuren und Folgen von Krieg und Kriegstreiberei, Armut und auch sinnfreier Vergeudung bewußt zu werden („Seit wann“, „Ich sehe“).

Doch auch das Leben und dessen Kraft, das Leben mit Kindern und die Wertebeachtung kann Khalid in Worte fassen („Wenn wir lachen“).

Nicht nur in seinen Texten findet Khalid seinen bewussten Ausdruck, sondern auch in seinen Zeichnungen kommt seine Gabe zur Abbildung von Freude, Leid oder Hoffnung zur Geltung.
Der gebürtige Marokkaner bereichert mich in meinem Denken und Fühlen und so lege ich ihn Euch ans Herz.

Doch bitte schaut selbst – Khalid hat es verdient:

https://aouga.wordpress.com/

Ich bedanke mich heute ganz besonders für Eure Aufmerksamkeit und wünsche allen ein schönes Wochenende.

Sylvia Kling

Leseprobe aus „Frauenwunder“ für Frauen (und Männer)


Stockfotos. g. U.

Stockfotos. g. U.

Kapitel 6
DIE FRAU IM SACK

Die letzten Tage kosteten mich enorm viel Kraft, denn ich las zwecks unvermeidlich zu schließender Bildungslücken hinsichtlich des Klimakteriums einiges an Lektüre. Diese war einerseits beruhigend (ich war nicht die einzig Leidende!), andererseits aber auch in höchstem Maße beängstigend (Hormone einnehmen? Niemals und nimmer, Punkt!).

Ich warf die Zeitungen in die Ecke und beschloss, irgendwie doch weiter leben zu wollen. Also schmiedete ich einen Plan.

Erstens: Kleiderschrank beräumen, zweitens: Sachen verschenken, drittens: Geschäfte aufsuchen für die Frau ab Größe 44.
Also los ging es. Ich probierte alles an. Vorher nahm ich eine Baldriantablette, um meine angeschlagenen Nerven zu schonen. Es dauerte zwei Stunden: Die wunderschönen Oberteile meiner früheren Lieblingsmarken stapelten sich auf dem Bett. Ich liebte all diese Sachen und hatte sie immer geschont. Ich wusch sie mit den Händen, um den Stoff nicht in der Waschmaschine zu quälen. Sie hingen in meinem Kleiderschrank abgesondert von den anderen Sachen, damit ich mich immer an ihrem Anblick erfreuen konnte. Und nun? Nun war alles vorbei. Der Schrank wurde immer leerer und gähnte mich mit regelrechter Bösartigkeit gelangweilt an.
Ich setzte mich auf die Bettkante und weinte verstört. Meine Lieblingsmarken gab es nicht mehr in dieser Größe, ich musste mich von ihnen endgültig verabschieden.
Die Sachen mussten jetzt jedenfalls weg. Ich wollte sie nicht mehr sehen, wollte nicht, dass sie mich täglich an den Verlust meiner jungendlichen Schönheit erinnern. Meine Schwägerin hatte diese Größe und nicht viel Geld. Ich beglückte sie am Ende dieses für mich furchtbaren Tages mit all diesen phantastischen Oberteilen, Röcken und Jeans. Sie freute sich ungeheuer. Normaler Weise beglückt es mich ungemein, anderen Menschen eine Freude zu machen.
Diesmal jedoch befand ich mich in der Schlucht von übermächtiger Trauer. Und immer, wenn ich meine Schwägerin sah, völlig neu eingekleidet mit meinen Sachen, trauerte ich. Manchmal konnte ich sie kaum ansehen.  (Die Frau war einfach so schön schlank!) Diese latente Erinnerung war nicht gerade aufbauend.

Am nächsten Tag suchte ich eines jener Geschäfte auf, an welchem ich immer vorbei fuhr. Vor wenigen Jahren bedauerte ich die Frauen, die dort einkaufen gehen mussten. Es hieß „Fülle in Hülle“. Schon alleine der Name verursachte mir Übelkeit. Beim Betreten des Geschäftes sah ich mich um, als würde ich augenblicklich eine Bank überfallen wollen. Eilig verschwand ich im Laden und schloß geräuschvoll die Tür.

Ich war froh, als ich sah, dass die Verkäuferin mindestens zwei Konfektionsgrößen größer trug als ich. Das half mir beträchtlich, den Mut zu finden,  um folgenden Satz herauszuquetschen:
„Ich muss mich neu einkleiden und suche etwas Modernes in meiner Größe.“

Dieser einzige Satz brachte die Verkäuferin dazu, meine Konfektionsgröße zu erraten (was diese Berufsgruppe wohl einfach zu gern machte und es mich früher stets erfreute…). „Ich schätze mal, sie brauchen höchstens die 44?“, meinte sie und lächelte mich freundlich an. Darauf war ich nicht vorbereitet. „Äh, ja, die 44 bis 46 brauche ich. Das heißt oben herum bedarf es eher die 46, bei den Hosen reicht die 44“, stammelte ich. Sie verstand mich trotzdem und lachte irgendwie gemütlich. „Na, umgedreht wäre es nicht so angenehm, nicht wahr?“ Ich war ja nicht so schnell mit dem Verstehen, vor allem wenn ich abgelenkt und angestrengt bin. „Nee, wäre es wohl nicht“, meinte ich salopp und als ich den Satz ausgesprochen hatte, verstand ich erst ihre Bemerkung (sie meinte das also sogar noch freundlich).

„Was haben sie sich denn so vorgestellt?“, fragte die Verkäuferin besonnen und sah mir direkt in die Augen. Ich bemerkte, dass sie jene mütterliche Ausstrahlung besaß, die ich an anderen Frauen mag (nur eben nicht an mir) und fasste etwas mehr Vertrauen zu ihr.
„Nun ja, ich habe im letzten Jahr zugenommen  und würde jetzt gern etwas Weiteres tragen, was mein Gewicht kaschiert.“ Die Frau sah mich an, als hätte ich gerade offenbart, dass ab morgen die Männer Babys gebären. Ich bemerkte, wie sie schluckte und überlegte. „Ich möchte ihnen ja nicht zu nahe treten, junge Frau…“, begann sie und sprach betont langsam, „aber wir führen hier Größen bis über die 54 hinaus. Die Frauen, die diese Größen tragen, wollen tatsächlich kaschieren, was auch in Ordnung ist. Aber sie, mit der 44…, müssen doch nichts kaschieren. Sie können doch ihre Weiblichkeit präsentieren. Sie sprach noch weiter, aber ich verschwand schon wieder in meinem Tunnel. Ich hörte nur „Weiblichkeit“ und war enorm gestresst. Irgendwie gelang es ihr jedoch, dass ich wenigstens meinen Kopf wieder aus der Öffnung des Tunnels steckte.
„Sie sind wesentlich größer als der Durchschnitt der Frau von Heute und man sieht ihnen die Konfektionsgröße gar nicht an.“ Das war Balsam in meinen Ohren und so kroch ich vollends aus dem Tunnel hervor. Dabei überlegte ich kurz, ob die Verkäuferinnen vielleicht eine psychologische Ausbildung erhielten, was ich bisher noch nie feststellen konnte. Als ich noch dünn war, sagte mal eine Verkäuferin zu mir: „Sie brauchen zwar nur die 36/38, aber sie haben ausladende Hüften. Solche Kleidung haben wir hier nicht.“ Damals flüchtete ich aus diesem Laden und man sah mich dort nie wieder.

Jedenfalls stand hier ein offensichtlich außergewöhnlich nettes Exemplar dieser Zunft vor mir und ich faßte den Entschluß, aus diesem Einkauf einiges zu lernen.
„Ach, ich weiß nicht, ich war früher immer schlank und kann noch nicht so richtig damit umgehen. Ich möchte wirklich lieber erst einmal etwas, was nicht so an meinem Körper anliegt, will mich einfach wohler fühlen.“
„Das verstehe ich sehr gut“, meinte die nette Dame und tätschelte meinen Arm. „Wenn wir Frauen älter werden, leiden wir meistens. Die Männer sind da viel lockerer“, erklärte sie mir weise. (Wie war das mit dem „netten Exemplar“? Ich nehme alles zurück!)

Die Frau musterte mich wieder kurz. Offenbar studierte sie meine Gesichtszüge, die in der Regel wie die aufgeschlagenen Seiten eines Buches sind. „Kommen sie doch mal mit. Ich zeige ihnen mal einiges in dieser Größe und sie können in Ruhe anprobieren und auswählen. Es ist niemand weiter im Laden und sie haben alle Zeit der Welt. Die Kleidung ist so wichtig im Leben einer Frau und gerade in unserem Alter legt die Frau besonderen Wert auf ihr Äußeres.“ UPS…. Der erste Teil ging hinunter wie Öl. Doch da war es schon wieder. (Kann das Erdhörnchen nicht mal die Klappe halten?)
Bei dem letzten Satz begann mein Kopf plötzlich verdächtig zu hämmern (in „unserem Alter“ sagt sie? Diese Frau ist über 50 und ich noch nicht einmal Mitte 40! Das sind mindestens acht Jahre! Da gibt es wohl erhebliche Unterschiede!)
Gerade war ich dabei, in meinen wohl geliebten Tunnel zu gleiten, als die Frau sagte:
„Nun ja, sie sind zugegebener Maßen mit Sicherheit jünger als ich und können sich mehr Extras gönnen….“ Und wieder lächelte sie gütig. Diese Meinung war mit meiner endlich konform.

Zunächst suchte ich mir zwei Ponchos aus: einen dunkelbraunen und einen grauen. Ich mochte die Farbe grau nicht, sie ließ mich blass und müde wirken. Jetzt war mir alles gleich, Hauptsache, es war weit und geräumig. Die Verkäuferin sah mich ein wenig traurig an, als ich diese zwei Teile griff und gesenkten Kopfes auf die Kabine zuging. Sie versuchte, mich aufzuheitern: „Hier…, diese zwei Sweatshirts kann ich ihnen noch empfehlen. Die können sie unter die Ponchos ziehen und sie haben etwas Farbe, hellen das Bild etwas auf.“ Nun ja, den Wink mit dem Zaunspfahl konnte ich diesmal gleich verstehen, denn ich tendierte beim Anblick der Ponchos zur Trübsinnigkeit. „Die Pullover liegen an. So können sie die Ponchos super bequem darüber tragen und nichts stört sie darunter.“
Im Spiegel erblickte ich meine verbitterten Mundwinkel, sah die alternde Frau im Spiegel böse an und steckte ihr die Zunge raus. (Bist du häßlich geworden, verdammt noch mal, wie kann das sein? Wie konntest du nur in so kurzer Zeit zum wehmütigen Fleischklops mutieren?) Das alles war mir zu viel. Ich drehte dem Spiegel den Rücken zu und betrachtete das erste enge, fliederfarbene Longshirt näher. Auf dem Schild stand: „EU – Gr. 46/48“. „Das ist doch die 46/48!“ rief ich entsetzt aus der Kabine heraus und hielt mir, erschrocken von der eigenen Impulsivität, sofort die Hand auf den Mund. „Ja, aber die fällt kleiner aus und da sie so groß sind, brauchen sie es länger“, beruhigte mich die Frau.
„Okay“,  meinte ich kleinlaut und zog es mir über, immer noch mit dem Rücken zum Spiegel gewandt. (Es ist doch noch schlimmer, so groß zu sein. Wenn ich klein und dick wäre, würde ich nicht so auffallen. Viele Frauen sehen so aus. Aber groß und dick…, da sehe ich aus wie ein Monster. Aber das versteht die Frau nicht. Sie sieht ja nur das, was sie will.)
Ich sah mich nicht an, sondern zog geschwind den Poncho darüber. „Und? Kommen sie klar?“, rief die Verkäuferin, die scheinbar direkt vor meiner Kabine stand. Warum müssen sie das immer tun? Warum fragen sie solche überflüssigen Sachen wie „Kommen sie klar?“ oder „Brauchen sie noch etwas?“ Womit um Himmels Willen soll ich denn beim Anprobieren nicht klar kommen oder was soll ich beim Ankleiden brauchen? Will sie mich anziehen? Warum lassen die einen nicht in Ruhe anprobieren und rauben einem jede Möglichkeit, sich mit den Sachen anzufreunden? Ich bin doch kein Mann, der ins Geschäft geht, weil er einen Bierbauch mit sich herumschleppt, die Pullover in der XXL darüber streift, „alles klar“ sagt, zur Kasse geht und bezahlt….
Ich bin eine Frau und muss eine Beziehung zu den Sachen aufbauen. Sie sollen ein Teil von mir werden. Als ich meine wunderschönen Sachen meiner Schwägerin schenkte, gab ich einen wichtigen Teil von mir weg. Es war schon wie ein kleiner Tod. Jetzt muss ich mich neu binden: an neues Material, an neue Gerüche, neue Farben, neuen Schnitt, neue Größen. Warum lassen sie einem nicht die Zeit?
„Ja, ich komm klar“, brummte ich aus der Kabine und zog Grimassen wie ein bockiges Kind. (Sie stört mich tatsächlich bei meiner intensiven Kontaktaufnahme mit dem Neuen, mit dem sich vielleicht einmal mein Körper im Einklang befinden soll. Das ist nicht zu fassen!)

Ganz langsam drehte ich mich um, mit dem Gesicht zum Spiegel. Ich spürte, wie ich wieder so schrecklich schwitzte und hatte Angst, dem neuen Longshirt unangenehme Achselflecke verpasst zu haben. Was, wenn ich das Teil nicht kaufe? Was, wenn die Frau die Flecken sieht? Mist, ich habe früher nie geschwitzt. Was zum Teufel ist mit mir los? Und dann nahm ich die fremde Frau dort im Spiegel wahr.
Eine große Frau in einem Sack sah mich an, mit wütend vorgeschobenem Kind, hängenden Mundwinkeln, monströsem Leibesumfang, der in dem Sack noch umfangreicher wirkte.

Meine Lider flatterten in dem grellen Licht der Umkleidekabine (Warum müssen die in den Kabinen immer so viel Licht haben? Wir Frauen wollen gar nicht so viel sehen wie die glauben!). Ich sah ein unförmiges Gebilde in mausgrauem Design und erkannte mich nicht wieder. Mein Atem stockte, im Brustkorb schmerzte es verdächtig. Das Fazit: Ich regte mich mächtig auf. Diese plumpe Gestalt dort konnte doch unmöglich ICH sein?
„Klappt es denn?“, tönte von draußen die Frau, die es ja nur gut mit mir meinte. In diesem Augenblick war sie meine Feindin, denn sie wurde immerhin Zeugin meiner Wandlung zur massigen Kugelfrau.
„Ja, es klappt…“, stöhnte ich mit brüchiger Stimme. (Nichts klappte, rein gar nichts, gute Frau!) Ich wusste, sie wartete darauf, dass ich den Vorhang aufzog, damit sie mich betrachten konnte. Das tat ich auch. Das klappte zumindest ….
Ich überragte die Frau mindestens um eineinhalb Köpfe und sie war viel dicker als ich. Doch ich glaubte, als ich vor ihr stand, sie wäre das zarteste Geschöpf, welches jemals neben mir stand. Das machte die Sache noch schlimmer.
Sie brauchte eine kleine Weile, ehe sie etwas sagte und lächelte nicht. (Das hätte ich jetzt auch nicht ertragen!) Nur in ihren Augen konnte ich so etwas wie Mitgefühl erkennen, in diesen wenigen Sekunden. (Soll sie lieber doch lächeln!)
„Wie fühlen sie sich?“, fragte sie. „Wie im Sack“, antwortete ich ehrlich. „Ja, das ist sicher eine Umstellung für sie, aber sie müssen sich auf alle Fälle wohl fühlen darin. Das ist das A und O bei der Kleidung.“
„Ja, ja, es ist schon okay“, flüsterte ich angestrengt. „Besser als in engen Sachen, in denen ich aussehe wie eine Presswurst.“ Die Frau lachte herzlich über diesen Ausdruck und empfahl mir, die anderen zwei Teile auch zu probieren. Mir war gar nicht zum Lachen zumute, was mein düsterer Blick wohl verriet. Die Verkäuferin räusperte sich und entschloß sich, umgehend wieder eine ernste Miene aufzusetzen, aus welcher pures Verständnis für mich regelrecht tropfte. „Darf ich ihnen noch eine Hose anbieten?“, schlug sie betont munter vor, im Versuch, diese Situation zu entschärfen. „Wenn sie die vierunddreißiger Länge haben?“, knurrte ich, denn gewöhnlich war diese Länge Mangelware.
„Ja, allerdings habe ich in dieser Länge nur zwei: Eine schwarze und eine dunkelbraune.“ Klar, schwarz und dunkelbraun, andere Farben würde ich meiner Umgebung auch nicht mehr zumuten wollen. Melancholisch dachte ich an meine knallenge weiße Jeans, die vor wenigen Jahren meine schlanke Figur betonte. Missmutig nahm ich der Verkäuferin die Hosen ab und lief stocksteif dem zweiten schweren Gang entgegen.

In der Kabine nahm ich die Hosen unter die Lupe und traute meinen Augen nicht. Nicht nur, dass die braune Hose aussah, als ob sie einer Siebzigjährigen gehöre. Nein, sie hatte sogar an den Seiten einen Gummizug, der noch einige Kilo mehr erlaubte. Solche Hosen verachtete ich immer, ich lachte über sie. Sie sollten den gewaltigen Frauen erlauben, nicht darben zu müssen. Der Gummizug war meiner Meinung nach eine Vermeidungsstrategie der übergewichtigen Frauen. Er war einfach nur eine Hilfe zum Selbstbetrug. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich jemals mit solch einer „Omahose“ in einer Kabine stehen würde, um sie anzuprobieren, geschweige denn zu kaufen. Es gab Zeiten, da hättee ich sowas Entwürdigendes nicht einmal zum Unkraut ziehen getragen. Wütend warf ich die Hose auf den Stuhl in der Kabine und verdammte mein Leben. (Warum machte ich nicht einfach eine Diät? Warum kaufe ich mir nicht solche Drinks aus der Apotheke, die man literweise in sich hineinschüttet, um an Gewicht zu verlieren? Warum muss ich nach meiner Mutter schlagen? Warum bin ich überhaupt eine Frau geworden? Männer haben es viel einfacher. Warum konnte ich keinen Sport machen?)
Diesmal hielt sich die Verkäuferin zurück, sinnlose Fragen zu stellen. Ich hätte schon lange fertig sein müssen, doch ich stand wie angewurzelt in der Kabine, stellte mir Grundsatzfragen und starrte die Hosen angewidert an.
„Nein!“ platzte es plötzlich aus mir heraus. „So etwas ziehe ich nicht an, wirklich nicht!“ rief ich schwer atmend und riss den Vorhang auf.
„Okay“ sagte die Verkäuferin und versuchte, ihren beruhigenden Ton beizubehalten. Dabei hob sie beschwichtigend die Hände. Ich nahm die Hosen, legte sie unwirsch auf ihren Arm, den sie mir schon bereitwillig reichte, schloss den Vorhang wieder und zog in Windeseile den anderen Longpullover und Poncho über meinen Kopf. Ich sah mich im Spiegel an, beschloss, dieses Elend hinzunehmen, zukünftig in den Abgründen des „Omadaseins“ zu verschwinden, mich um Koch- und Backrezepte und meinen Haushalt zu kümmern, eine unübertreffliche Mutter für den Kleinen zu sein, eine sittsame, ewig lächelnde Ehefrau in grauer Reizlosigkeit. Punkt, aus, fertig; so einfach wird das sein. Es wird sogar extrem einfach sein. Ich werde nämlich ruhiger leben!
„Es ist wie es ist“, sagte ich konsterniert, „ich bin dick!“ Dann lief ich zum Stuhl, nahm unsanft die Klamotten an mich und stand mit meiner gebrochenen Eitelkeit vor der Verkäuferin. Diese riss ihre Augen entsetzt auf und rief:
„Sie sind doch nicht dick! Sie sind eine stattliche Erscheinung!“ plärrte die Frau regelrecht, ohne jegliche Zurückhaltung und die „stattliche Erscheinung“ hallte durch den kleinen Verkaufsraum. Ich stutzte. (Stattliche Erscheinung nennt man das? Sie besuchte sicherlich jede Weiterbildung in Verkaufspsychologie, damit die Frauen in ihrem Laden ihr Geld lassen! Verdammt noch mal, ich übergebe mich gleich!)
„Ja“, meinte ich in einem Ton, der unmissverständlich klar machte, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte. „Ich bezahle jetzt.“
„Natürlich, gern“. Die Frau drehte sich um und ich hörte ihr Aufatmen. Ob sie wohl nach mir den Laden schließt, um sich von mir zu erholen? Was wird sie wohl ihrem Mann heute Abend erzählen? „Heute war eine total verrückte Frau bei mir. Die hat vielleicht ein Theater um sich gemacht! Die hat sich furchtbar ernst und wichtig genommen. Das war bestimmt eine von denen, die den ganzen Tag nichts weiter zu tun haben, als in sich hineinzuhören…“, und schlimmer wollte ich mir ihre Aussagen gar nicht ausmalen.

Seit diesem Tag verschwand ich in der Farblosigkeit der alternativen Umhängesäcke.

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GESELLSCHAFTSTAUGLICHE SPORTSFRAUEN

An einem dieser düsteren Tage holte ich wieder einmal meinen Sohn vom Sport ab. Der Schnee taute, um mich herum nur grauer Matsch, der meine Stimmung nicht gerade hob. Die Wolken modellierten am Himmel ein schwarzes Gebilde und ich sehnte mich schon jetzt, am frühen Nachmittag, nach meinem Bett.
Während sich die Kinder umzogen, unterhielten sich die ehrgeizigen Mütter der kleinen Sportler angeregt über ihre eigenen sportlichen Aktivitäten. Ich stand dabei, lächelte gezwungen und tat wie immer so, als ob ich dem Gespräch (gackernder Hühner) aufmerksam lauschte, als ob ich mittendrin wäre (und doch nicht dabei).
Dann sagte eine von ihnen (eine jener Frauen, die man mit der Taschenlampe röntgen konnte): „Ich sage euch, ich habe über Weihnachten zwei Kilo zugenommen. Jetzt muss ich mich aber ranhalten, um die wieder loszuwerden! Ich hasse die Feiertage!“ Und ihre Stimme überschlug sich bei „zwei“ beinahe und sie betonte „hasse“, indem sie eine verbale, nie enden wollende Silbentrennung vornahm. Die Augenbrauen hob sie dabei unheilheischend. Zu ihrem Nachteil reichend verdrehte die Frau affektiert die Augen und erhielt von den anderen Müttern mimikreiche verständnisvolle Zustimmung.

Ich merkte, wie mein Mund offen stand und klappte ihn schnell wieder zu. Das darf nicht wahr sein, oder? Diese dürre Pute regte sich jetzt gerade nicht über zwei Kilo auf, oder? (Ich hasse die Feiertage nicht, ich liebe Kekse und Festtagsbraten, Ruhe und Familie, stressfreie Tage, an denen mein Sohn nicht mit dem Leistungssport gequält wird und ich niemanden von den ambitionierten Sportmüttern sehen muss ….)
Sollte ich das etwa sagen? Oder sollte ich über die lächerlichen Rückenübungen gegen meine Arthrose berichten? Bin ich komisch oder eine Eigenbrötlerin? Sollte ich mit dem Strom schwimmen, um auch so viel Beifall zu ernten wie die dünne Mutter, die jetzt leider hungern muss, um sich wieder zu mögen? Nachdenklich nagte ich an meiner Unterlippe und bemerkte aus den Augenwinkeln heraus, wie mich die betroffene Mutter neugierig musterte.
Ich war hin- und hergerissen. Nun fühlte ich mich wie eine introvertierte, weldfremde Mutti, sah mich plötzlich mit einer kitschigen, blumigen Kittelschürze aus Dederon (wie sie meine Mutter früher trug, die ich albern und abartig fand, die mein Frauenbild prägte) am Herd stehen. Die Schürze brachte mein mütterliches Aussehen glanzlos zur Geltung und die Aufgabe am Herd füllte mich ganz und gar aus. Die anderen Mütter tanzten dabei attraktiv, fit und mondän um mich herum. Ich sah ihnen verzweifelt zu, wand mich ab und kochte das Lieblingsessen meiner Männer weiter. Sie sahen auf mich hinab, belächelten mich mitleidig und lachten laut, wie die Hexen, die ich aus den Märchen kannte.

Eine der Sportsfrauen riss mich plötzlich aus meiner furchterregenden Vorstellung. „Sag mal, Sonja, DU massakrierst dich wohl nicht so, oder?“ (Weil: du bist ja nicht so schlank…, warum nicht so?). Ihr Mund verzog sich ekelhaft süßlich und ich konnte den Spott in ihrem Gesicht sehen. Ihr Gesicht war sorgfältig geschminkt. Sie trug eine Markensportjacke, knallenge Röhrenjeans und hohe Stiefel. Sie wirkte wie frisch aus einem Modeheft (Werbung für die moderne, selbständige, gesunde, glückliche Frau…) entsprungen.
„Nö“ meinte ich (scheinbar) ungerührt. „Ich lebe doch nur einmal und Hunger macht böse!“
Kam das etwa aus meinem Mund? Wenn die wüsste, welche grässlichen Vorstellungen mich verfolgen, wie schrecklich die letzten Tage für mich waren, wie sehr ich litt ….
Die Sportsfrau sah mich mitleidig an. Die anderen schwiegen betreten. Ich musste dringend auf die Toilette (hoffentlich fange ich dort nicht an, die Armaturen zu putzen) und eine Zigarette rauchen. Ich beruhigte mich und konzentrierte mich auf meinen Sohn. Er kam aus der Kabine, vor welcher die Sportmütter immer noch schnatterten und mich wieder so höflich mitleidig anlächelten.

(Ihr könnt mich mal!)

Stockfotos. g. U.

Stockfotos. g. U.

Sylvia Kling

Ich hoffe, Ihr hattet Spaß?