Die „warme Phase“ läuft oder der unliebsame Rotstift …


945|630|Unbekannt|Rotstift ...

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Ja, so meine ich es. Es ist die „warme Phase“, noch nicht die heiße. Aber glaubt mir, ich bin aufgeregt genug. Was soll denn das noch werden? Mein Lektor und ich saßen in der letzten Wochen insgesamt vier Tage zum Korrigieren zusammen. Das gemeinsame Lektorat lohnt sich vorallem bei Kurzgeschichten. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Es strengte mich unglaublich an.

Meine Geschichte „Im Land der Vergessenden“ war die dritte im „Bunde“. In dieser geht es um Marlenes Abschied von ihrer alzheimerkranken Tante. Die Protagonistin durchlebt in der Gegenwart auch Teile ihrer Vergangenheit. Ein sprunghaftes Schreiben würde daher zu einer Unterbrechung im Lesefluss führen und den Leser irreführen. Ich hätte nie gedacht, dass man immer wieder neue, verbesserungswürdige Textstellen findet. Gerade diese Geschichte, die zart besaitet daherkommt und sich mit einem sehr sensiblen Thema beschäftigt, war mit „Samthandschuhen“ anzufassen.

Und dann sind die, jedem Autoren unbeliebten Zeitformen. Ich habe geschwitzt, möchte ich Euch sagen. Nun denkt Ihr vielleicht: Warum das, sie lektoriert doch selbst? Ha, das ist der springende Punkt. Wir „Schreiberlinge“ sind doch betriebsblind. Wir sind viel zu sehr in dem eigenen Text involviert, als uns mit den „Kleinigkeiten“ wie unansehnlichen, vielleicht sogar verborgenen „Fehlerchen“ auseinanderzusetzen. Wir wollen etwas ausdrücken und dabei bleiben wir – ganz gleich, ob dies immer den Ansprüchen von Grammatik und Ablauf, den stilistischen Mitteln oder dem Fluss des Textes genügt. Die Finger fliegen über die Tastatur. Bei mir fliegen sie sehr schnell, denn so fix, wie ich denke, muss ich schließlich auch schreiben können. Wenn ich  meinen eigenen Text dann betrachte, finde ich schon die ersten Fehler. Das ist völlig normal. Also korrigiert man schon selbst. Einen Tag später lese ich mir den Text wieder durch und korrigiere erneut. Nun glaube ich (beim Glauben bleibt es auch), ich sei fertig. Weit gefehlt!

Da kommt der Lektor hereinspaziert, trinkt Kaffee (schwarz auch noch, nein!) und setzt den unliebsamen Rotstift an. Vor einigen Tagen also sprach er trocken und geduldig (ja, und das nach bereits mehreren Stunden): „Was willst du? Willst du Präteritum, Perfekt oder Plusquamperfekt? Du kannst nicht alles durcheinanderwürfeln.“ Dabei sah er mich konzentriert, dennoch entspannt an. Meine Gesichtszüge dagegen entwickelten sich zu einer einzigen „Knautschzone“ …. Klar doch, das wußte ich alles. Also grinste ich unschuldig und antwortete ihm artig. (Mein halbungarisches Temperament, welches schon auszubrechen drohte, bekam ich dabei gerade noch so in den Griff.)

Gut, dass er am Ende gnädig mit mir war. Er sagte: „Wunderbare Geschichten, Sylvia. Das Buch wird toll.“ Das wollte ich ihm aber auch geraten haben! 😉 Es ist viel Arbeit, aber ich liebe diese Form der „Anstrengung“.

„Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich.“ Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), deutscher Dichter der Klassik, Naturwissenschaftler und Staatsmann 🙂