ZeitGeflechte


ZeitGeflechte

Du hast mir geschrieben.
Wie viel Zeit Du noch hättest, weißt Du nicht.
Ich weiß es auch nicht. Was ist schon „Zeit“? Ich bemerkte nicht, wie schnell meine Zeit vergangen ist. Zu oft befand ich mich in dunklen, tiefen Schluchten und hatte Mühe, dem Ruf des Lebens zu folgen.
Zu oft hatte ich nach meinem Seelenverwandten gesucht und jagte leblosen Schattengebilden nach.
Zu oft sind an mir die Träume abgeperlt wie Wasser.

Du hast mir geschrieben.
Nein, wir haben keine Zeit mehr für „Experimente“. Aber für unsere Liebe bleibt noch Zeit. Niemand kann uns sagen, wie lange wir noch miteinander haben. Wir wissen nicht, wer zuerst um den anderen weinen muss. Das ist gut so.
Es ist die Vergänglichkeit, der wir uns fügen müssen.

Eine weiße Lilie blüht nicht ewig. Ein Narr lacht nicht ewig. Wie sie ist, diese neue Zeit? Sie ist wie eine aufbrausende Woge im Meer. Auf den Wellen schwimmt der Narr, der eine weiße Lilie in der Hand trägt. Ich sehe, wie seine Hand den Stiel der Lilie umklammert, damit er sie nicht in der Ungestümtheit der Woge verliert.

Du hast mir geschrieben.
Viel Vergangenes hat Frostspuren in uns hinterlassen, auch in Deinem Leben. Du würdest gern erfahren, was sich hinter meinen vergangenen Jahren verbirgt.

Ich würde Dich gern auffangen und Dich auf meine immer noch bunte Wiese betten. In den Jahren haben wir Mäßigung gelernt.

Das Vergangene …, es war in unserem Frühling und in unserem Sommer. Es sind verschollene Stunden.

Du hast mir geschrieben.
Was sollte schon noch Großes kommen? Unser Lebenssommer flog mit dem Wind davon.

Wir heilen, wenn wir uns im Herbst und Winter ein wärmendes Nest bauen.
Ich bewege mich mit Dir im Rhythmus der Dichtung und der Wortfinderei. Wir sitzen wie Kinder im Baumgeäst unserer Träume.
Die Liebe zieht still durch den Nebel hindurch.

Nicht nur jünger fühlt es sich gut und vollkommen.
Vergangenes wird durch unsere Hände rieseln wie feiner Sand.
Und dann ist da noch der Mond. Dort treffen wir uns, wenn die Zeit sich häutet.

©Sylvia Kling

Straßenfotografien - siehe Link

Straßenfotografien – siehe Link

Es hat sich die Zusammenarbeit mit einem zweiten Fotografen ergeben und ich danke Lennart von Herzen für seine Bereitschaft :-). Hier ist der Link zu seiner Website:

https://strassenfotografien.wordpress.com

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25 Gedanken zu „ZeitGeflechte

  1. Ich sitze hier und bin irgendwie sprachlos. Vielleicht, weil mich so vieles an mein eigenes Leben erinnert? Wahrscheinlich. Du hast es in wunderbare Worte gefasst. Danke!

    Herzlichen Glückwunsch zum neuen Fotografen! Ich freue mich für Dich.

    Liebe Grüße
    Jürgen

    Gefällt 2 Personen

      • Liebe Sylvia, das würde mich sehr freuen. Ich wünsche mir schon lange, dass in den Blogs ein lyrischer Austausch stattfindet – in aller Freiheit !!! -keiner soll „verpflichtet“ sein – nur wenn uns eine Gedichtzusammenstellung auch anspricht, wollen wir sie einstellen.
        Schau mal:
        https://spieldergezeiten.wordpress.com/2015/03/13/gluckmachermon…en-trotz-allem/

        Durch das Gedicht von Jorge, kennst Du ihn?, werden unsere Gedichte so richtig … rund wie ich finde. *lächel*

        Ist es nicht schön, wenn die Gedichte an verschiedenen Stellen gelesen werden?
        Sie sind es wert *lächel*.
        Sylvia, ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und bestimmt werden wir noch öfter gemeinsam Gedeichte veröffentlichen.
        Ganz herzliche Grüße
        Barbara

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      • Liebe Barbara, das würde mich auch sehr freuen. Stellt man dort selbst ein oder unterliegt das Jemandem? So richtig verstehe ich das noch nicht, obgleich ich der Seite nun folge. Wie geht das vonstatten? Auch Dir wünsche ich ein wunderschönes Wochenende. Hoffen wir, das der Frühling sehr bald endgültig Einkehr hält :-). Herzliche Grüße, Sylvia

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      • Nein, Du kannst dort keine Gedichte einstellen.
        Es ist ein Blog von mir, den ich extra angelegt habe, wenn jemand mit einem Gedicht in einem meiner Blogs antwortet, also ein Kommentargedicht zu meinen Gedichten schreibt.

        Damit der Zusammenhang nicht verloren geht und sie gemeinsam gelesen werden können, stelle ich die Gedichte gemeinsam noch einmal in spieldergezeiten.wordpress.com ein.

        Ich habe gerne dieses Blog eröffnet. Es fördert die Kreativität und inspiriert.
        Herzlich
        Barbara

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  2. Erst neulich wieder einmal ganz intensiv ins Gefühl der Vergänglichkeit eingetaucht. Du weißt, welche Situation ich meine. Und folgender Satz aus Deinem Text geht mir heute ganz besonders nach: „Wir wissen nicht, wer zuerst um den anderen weinen muss.“ – Ganz lieben Dank für Deine wunderbaren Zeilen hier!

    Grüße von Constanze

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    • Liebe Constanze, die Vergänglichkeit scheint uns nicht aus dem Herzen zu gehen ;-). Ja, mit einem Mal erkennt man: Man hat keine 40 Jahre mehr. Der Sommer des Lebens ist vorüber; der Herbst – dieser goldene, unvergessene – ist eingetreten. Mit ihm kommt die Reife, die Weisheit, doch auch kommen jene Gedanken an die Vergänglichkeit. Ich danke Dir sehr herzlich über Deine Zeilen, die mich immer wieder sehr erfreuen. Liebe Abendgrüße :-), Sylvia

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  3. Auch ich habe das Gefühl, mich in diesen wunderbaren, wieder so berührenden Zeilen, wiederzufinden… Ich lese sie, versinke in Gedanken, lese sie wieder. Verinnerliche sie. Keine Worte können besser beschreiben, als deine Zeilen.

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