«Dichtergehabe», Gebündeltes und das Leben ist: Lernen


DichterGehabe

Ach, Flüchtigkeit!
Du uns verginge,
beschwichtigend ich denk und schreib,
ach,
ist des Menschen Wesen zu geringe,
ich brauche prallen Geist und Seel,
nicht Leib.

Die Herkunft

Die Lüge wird oft dort geboren,
wo man sie nie gewahr,
weil niederträchtig sie beschworen,
bleibt sie oft unsichtbar.

 

Führung

Tätig zu sein
uns sehr erfreut,
wer tätig ist und läuft,
der muss nicht spüren,
und wer die Stille und
leisen Töne scheut,
den kann man schnell und
leichte hinters Lichte
führen!

 

Gejammertes II

Ich wünschte mir, kein Berg sei mir zu hoch,
nur ein Stück von der Erde fortgetragen,
(ich will entmenscht nicht am Boden heften),
ich könnt den Vögeln oder Gott ein MenschenLeide klagen.

 

Hinweg

In den Fernen unsre Sehnsucht lieget,
in der Weiten ewig lockend Schoß,
doch die Heimat ist es, die uns wieget,
ach, das Unbekannte. Es ist unser Los.

Irriges

Sei doch der Irrende
der Herr der Welt,
sofern seine Sinne
wach!
Der sich nicht irrt,
sei wohl geprellt
im Leben tausendfach.

©Sylvia Kling

Auszüge aus „Gebündeltes“ des im November erscheinenden Lyrikbandes „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“.

Alles hier Veröffentlichte unterliegt dem Urheberrecht. Bitte dazu Hinweise im Impressum beachten! Kopieren und Weiterverwendung ist ausdrücklich nicht gestattet!

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

gerade gelingt es mir noch, einen weiteren Beitrag einzustellen, bevor das Internet mich morgen wieder „verlässt“. Bald jedoch sollte es eine Lösung geben und wir können es kaum noch erwarten.

Wie Ihr seht, kann ich mich auch kurz halten. «Gebündeltes» ist eine noch recht junge Variante der Poesie für mich. Nicht nur, dass ich mich damit schule, jedes einzelne Wort so zu wählen, dass es »sitzt», konkret ist, dass es sich auch am richtigen Platz befindet (hier sind Klangunebenheiten nicht günstig, man erkennt sie in der Kürze eher, als in einem längeren Gedicht), sondern damit eine entscheidende Aussage zu treffen. Eine gute Schule für Poeten, die ich nur empfehlen kann. Interessant dabei ist: Ich arbeite an diesen Kurzversen länger, als an einem Gedicht von mehreren Versen.

Im Moment ist eine meiner Aufgaben, ein Sonett zu schreiben. Nein, nein! Lobt mich nur nicht!

Es ist die hohe Kunst des Dichtens und mein erster Versuch war zwar nicht schlimm, doch aber auch nicht gut (er genügte u.a. einfach nicht den Anforderungen von Hebungen und Senkungen). Ich bin sehr froh, dass ich hier meinen – leider räumlich zu entfernten – Literaturfreund und Autor  Johannes G. Klinkmüller – an meiner dichterischen Seite zu haben, der mich mit Ratschlägen und für das Sonett mit Arbeitsblättern versorgt. Ihm kann ich auch «Proben» schicken, wenn ich unsicher bin und muss keine Sorgen haben, mich zu blamieren (oder doch, Johannes? 😉 ).

Für mich bleibt das Schreiben meine Lebensleidenschaft. Doch es ist notwendig, dass man immer wieder lernt. Dichten ist letztendlich ein Handwerk. Ich möchte meine Gedichte nie zu verkopft schreiben und doch ist die Technik absolut wichtig. Wörter werden in ungewohnter Weise kombiniert, neue Bedeutungen entstehen. Man kann Begriffe erfinden oder vorhandene zerlegen sowie mit Buchstaben und Lauten spielen.

Man kann auf manche Grammatikregel verzichten, doch nie auf seine Inspirationen.

In diesem Kontext möchte ich den Schreibern oder Interessierten das Buch von Johannes G. Klinkmüller empfehlen:

http://gedichtinterpretationen-gestalten.blogspot.de/

Es wird bald auch in meinem Besitz sein und ich freue mich darauf.

Ich wünsche Euch eine gute Restwoche.

Eure Sylvia Kling

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„Verlautbarung“ – das Älterwerden als Tücke oder können wir unseren Blick (ver)wandeln?


Du sehnst dich nach der Jugend,
wo nichts stille stand,
die Sterne golden dich umkreisten,
du sehnst dich nach der alten Kraft,
durch lange Nächte
schöne Träume reisten.

Du sehnst dich nach
dem unbeschwerten Fühlen,
in Ungebändigkeit so schön,
kein Sturz und Bruch,
kein elend Niederfallen
mit schmerzendem Gedröhn.

Du sehnst dich nach
der reinen Haut,
den jungen Brüsten,
so unverdorben weich,
nach ungestümen,
drängenden Gelüsten.

Du sehnst dich
nach dem NochNichtsAhnen,
nun ist der erste Kuss schon längst vergessen,
doch:

junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.

©Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „BruchStücke“, Band I

https://www.amazon.de/BruchSt%C3%BCcke-Sylvia-Kling/dp/3741841145

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

nach dem letzten Gedicht »Offenbarung (Morgenrot)« entstand eine unglaubliche Welle von Meinungen und Kommentaren, auch persönliche Mails erreichten mich. Ich bin froh, dass wir dazu imstande sind, das Thema des Älterwerdens miteinander zu diskutieren, Meinungen anderer zu respektieren.

Mit »Verlautbarung» schreibe ich im letzten Vers:

«doch junge Boote kämen nicht
an deinem Schiff vorüber,
um mit deinen Segeln sich zu messen.»

Das ist meine Sicht der Dinge. Mich zum Beispiel muntert es unglaublich auf (und ich habe einige gesundheitliche Probleme), wenn mir junge Menschen zuhören, wenn sie meine Meinung hören wollen. Oder wenn manche mich ignorieren (ja, selbst das), weil sie wissen, dass sie sich mit „meinen Segeln“ nicht messen können. Wenn ich weiß: Ich habe so viel schon erlebt, dass es für zwei Leben reichen würde und begegne anderen Menschen nicht mit Arroganz, sondern mit Reife und Weisheit.

«Glaubst du denn, die andern altern nicht?

Sie würden jeden Morgen fröhlich singen?

Sieh die Zeit einfach als Lebenston.

Nur durch dich kann würdevoll er klingen.»

schreibe ich in dem Gedicht Zeitenlauf am Ende. Ist es so leicht? Setze ich hier einem Irrtum auf, meinem Wunschdenken, liebe Freunde und Leser?

Ich möchte in meinen Gedichten aufzeigen, aber auch aufmuntern – gelingt mir das? Wie könnte ich so anmaßend sein, dies zu glauben?

Männer und Frauen werden unterschiedlich alt.

Das ist beinahe doppeldeutig. Um es eindeutig zu formulieren:

Es gibt zwischen Frauen und Männern im Alterungsprozess erhebliche Unterschiede. Habt Ihr Euch mit dieser Thematik schon einmal auseinandergesetzt?

Eine gute Freundin und Autorin berichtete mir, dass ihr Mann seit dem Wegfall (Renteneintritt) seiner Arbeit an Antriebslosigkeit – ja, teils sogar Depressionen – leidet. Sie schrieb weiter, dass es viele Männer um die 70 aus ihrem Bekanntenkreis betrifft. Warum das so ist – fragt man sich das auch? Werden wir nicht noch immer, in dieser fortschrittlichen Welt voller geistiger und wirtschaftlicher Reichtümer, mit Klischees konfrontiert? Der Mann muss stark sein («Indianer kennen keinen Schmerz»), er muss arbeiten:

Immerhin hat er seine Familie zu ernähren und daran hat sich in tausenden Jahren nichts geändert – man sehe auch auf die Gehaltsunterschiede in gleichen Positionen von Männern und Frauen (!), er muss bauen (das Nest) und er muss zeugen, für Nachwuchs sorgen, seinen Namen und seine Gene weitertragen.

Was geschieht jedoch, wenn all das nicht mehr Teil seines Lebens ist? Worüber definiert sich der Mann nun? Wie fühlt sich der Mann, wenn ihn die Gedanken ereilen, nutzlos geworden zu sein?

Die Frau:

 

Kennt Ihr das Buch »Frauen und Bücher» von S. Bollmann? Frauen waren die ersten, die Bücher lasen und von Männern und der Gesellschaft ausgelacht worden waren. Frauen waren bereit für tiefgründige Gespräche und Betrachtungen, Frauen wollten schon immer «mitmischen». Warum nicht?

Wir wissen: Fast jede Frau, die bis zum 50. Lebensjahr auf Grund gesundheitlicher Probleme ihre Gebärmutter oder/und den/die Eierstock/Eierstöcke verliert, fühlt sich nicht mehr «als richtige Frau». Sie weiß zumeist, dass sie ohnehin kein Kind mehr zur Welt bringen möchte, doch das ändert nichts an ihrem Gefühl. Mir persönlich ging es so. Ich war 43 Jahre alt und hatte bereits drei Kinder. Äußerst seltsam fühlte ich mich, wie «unvollständig», «unweiblich» – ja: alt. (Diese Gefühle hielten allerdings infolge der Verbesserung meiner allgemeinen physischen Verfassung nicht lange an.)

Die Frau weiß auch, dass das Klimakterium nicht mehr fern ist. Dieses ist wiederum häufig mit Gewichtszunahme, teilweise auch Depressionen und manchmal sogar mit sozialem Rückzug verbunden. Der eigene Mann dreht sich immer häufiger nach «Frischfleisch» um. Kein gutes – sogar ein erniedrigendes Gefühl für die Frau!

Die Frau jedoch sucht einen Arzt auf, bespricht es oft auch mit einem Therapeuten. Sie will darüber hinweg kommen. Sie will leben, erleben, sie will sich wieder gut fühlen – hat sie auch einige Kilos mehr auf den Rippen. Keine Frau möchte sich unattraktiv fühlen. Warum ist das so? Unattraktive Menschen werden in dieser Gesellschaft nicht so gern gesehen. Das ist eine Tatsache, die nicht verschwiegen werden darf!

Frauen wurden und werden eher über ihr Aussehen, doch nicht über ihre Arbeitskraft definiert – immer noch. Vor Frauen, die im Berufsleben Leistungen erbrachten, hatte man schon immer eher Angst, als dass man sie dafür bewunderte. Sie erbringen Leistungen und das ist gut so. Doch sie werden NICHT darüber definiert. Können sie aus biologischen Gründen kein Kind bekommen – dann ist das so ähnlich, als würde der Mann seine Arbeit verlieren.

Frauen können sich auch zu Hause beschäftigen. Sie lesen, sie haben Freundinnen, sind vom Grund her extrovertierter, sprechen unter Freundinnen über ihre Probleme, sie gehen shoppen, sie reisen gern, sie schmücken ihr Nest. Eine Frau, die vor einem Jahr in Rente gegangen ist, berichtete mir:  «Endlich kann ich alles machen, was mir gefällt und wofür ich nie Zeit hatte. Die Kinder sind längst aus dem Haus und ich muss mich nicht am Sonntag ausruhen, um am Montag die neue Arbeitswoche zu schaffen. Ich kann Ausflüge machen, wann und wohin ich will, ich kann lesen und malen.» Ihr Hobby hatte sie ihr Leben lang an den Nagel hängen müssen. Es blieb ihr einfach keine Zeit dafür.

Was tun Männer?

Der Absatz tut Not.

Heute noch scheut sich der inzwischen reife Mann, mit »Ärzten oder Therapeuten« darüber zu sprechen. Jenes ist schließlich «Weiberkram». Woher kommt diese eingefahrene Einstellung? Wer hat das den Männern eingetrichtert? Ist es die Erziehung, die Gesellschaft, die eigene Normvorstellung oder ist es Scham?

Komme ich nun zum Thema Sex.

Sex »im Alter« sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein. Die durchschnittliche reife Frau von heute definiert sich zumeist nicht über ihre sexuellen Aktivitäten. Sie kann – man hört es oft – «auch ohne leben». Sie kann den Orgasmus vortäuschen, sie kann sich mit wenig zufrieden geben. Sie hat »ihr Soll erfüllt«, Kinder geboren und erzogen. Vielleicht ärgert sie sich über erschlaffende Haut, über ihre «Hängetitten» (Sabine – verzeih, ich musste das übernehmen, dieses Aussprechen scheint mir doch zu liegen 😉 ). Ist es so, liebe Freunde und Leser?

Aber: Wir sind schon lange revolutionär – auch auf diesem Gebiet. Das nämlich gibt es auch:

In diversen Plattformen tümmeln sich Frauen, die es gar nicht einsehen, auf Sex zu verzichten. Sie wollen ausprobieren, sie wollen sich nicht mehr schämen, sie wollen Bewunderung, Berührung, sich selbst erleben. Sie wollen wissen, wie sie sind – ohne Einschränkungen und ja, sie brüllen sich beim Orgasmus auch schon mal die Seele aus dem Leib.

Doch: Das ist nicht der überwiegende Teil der Frauen.

Wie ist das beim Mann?

Im Alter haben mehr Männer Potenzschwierigkeiten, als den Frauen offenbar bekannt ist. Auch das sollte schon längst kein Tabuthema mehr sein! Für den Mann ist das der Verlust der Männlichkeit. Für den Mann ist das ein unglaublicher Verlust seiner männlichen Attraktivität. Vielmals führt es auch zu Depressionen und sozialen Defiziten. Er zieht sich zurück. Ein alleinstehender Mann sehnt sich jedoch auch nach körperlicher Nähe, nach Berührungen, nach Sex. Wie sollte er seiner Angebeteten mitteilen: »Liebes, ich muss dir etwas sagen. Wir können gemeinsam etwas unternehmen. Aber Sex kannst du vergessen. Ich kriege ihn nicht mehr hoch.« Welcher Frau würde das gefallen und WENN sie es akzeptiert, dann geschieht es aus Liebe. Aber ändert dies das Gefühl des Mannes – das Gefühl zu sich selbst?

Der Mann ruft nicht seinen Kumpel an, mit dem er Skatrunden bestreitet, um ihm zu erzählen, dass er Potenzprobleme hat. Und sind wir doch mal ehrlich: Welcher Frau würde das gefallen? Wie schnell sind Frauen mit der Meinung: »Was ist das für ein Weichei?« In einem Gedicht »Die WunschInnen« beschreibe ich das und so mancher Frau dürfte das nicht gefallen. Eine kleine Kritik an der Frau sollte mir doch gestattet sein. Man kann sich keinen Mann wünschen, der weint wie sie, der fühlt wie sie, der weich ist wie sie, um ihn dann als «Weichei» abzustempeln. Einen Alpha-Mann haben zu wollen und einen Beta-Mann daraus machen zu wollen? Nein, Ihr lieben Frauen: Das ist Unfug! Männer sind wie sie sind und so, wie wir von ihnen akzeptiert werden wollen, so ist es an der Zeit, sie auch zu akzeptieren!

Frauen und Männer – beide haben im Prozess des Älterwerdens einiges zu bewältigen und nicht immer ist es leicht. Wir sollten mehr miteinander sprechen, wir sollten unsere Probleme gegenseitig respektieren und uns für das andere Geschlecht sensibilisieren. Für keinen der beiden Geschlechter ist das Älterwerden ein «Zuckerschlecken». Dessen sollten wir uns bewusst werden. Ich bin auch nicht dafür, dass man sich etwas «schön redet», sondern lediglich dafür, dass wir uns bewahren, einem positiven Blick die Gelegenheit zu geben, um uns nicht von Bitterkeit fangen zu lassen. Es ist mir durchaus bewusst, dass dies nicht immer möglich ist.

Noch eines sei hinzugefügt:

Meine Ausführungen haben KEINE Allgemeingültigkeit. Es gibt Männer, die kommen sehr gut mit dem Leben ohne Arbeit zurecht, es gibt auch Frauen, welche die Verwandlung ihres Körpers nicht stört usw., usw. Meine Gedichte sind ebenfalls keine wissenschaftlichen Abhandlungen.

Ich hätte sicher noch einiges mehr darüber schreiben wollen –  doch die Gefahr, dass ich Euch keinen Raum mehr zu Kommentaren gebe, ist mir persönlich zu hoch. Ich freue mich auf Eure Meinungen, auf Eure Erfahrungen und vielleicht hat der eine oder andere Mann gute Ratschläge für jene, für die sich das Älterwerden schwieriger gestaltet.

Zum Thema Kommentare:

Neuerdings bekomme ich Hinweise, dass mancher nicht kommentieren kann. So geriet ich in Verdacht, die Kommentare für bestimmte Personen nicht zuzulassen. Sicher, diese Personen gibt es 😉 – betraf jedoch nicht jene, die mir dann eine Mail geschrieben haben. Liebe Leute, schreibt mir eine Mail, falls das passiert, so dass ich möglicherweise Einfluss nehmen kann.

Ich danke Euch und wünsche allen eine schöne Woche und wie immer: Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Beitragsfoto:

pixabay.com/

 

 

Die Offenbarung (Morgenrot)


Die Offenbarung (Morgenrot)

Mein Leben,
es war nicht still,
nicht stumm,

heute frage
ich bitter,
warum,

hab ich getragen
so düstere
Stunden,

warum
auf dem Weg
nur Steine gefunden,

warum trug
meine Seele ein
TrauerGewand,

warum ich nur
böse Träume
fand,

ja, heute frage
ich
abgeblüht,

die Wehmut
hockt in meinem
Gemüt,

die Nacht
hat mich an den
Händen genommen,

bis das Morgenrot
ist an mein
Fenster gekommen,

hat mich
liebgoldig
umschlungen,

ist mir entschlossen
in die Augen
gedrungen,

drehte dann
zierlich sich
im Kreise,

sprach
ins Ohr mir
entzückend leise:

Es ist das
Vergangene
nicht mehr im Jetzt,

keine
alte Dorne
dich noch verletzt,

kein
modriges Wasser
taugt zum Trinken,

jedes
alte Fleisch beginnt
zu stinken,

jedes
Lied klingt
eines Tages alt,

die schönste Rose
verliert ihre
Gestalt,

in alten Kleidern
larven irgendwann
Motten,

sogar Gott zuweilen
erträgt das
Verspotten,

jede Zeit
hat ihren vergänglichen
Glauben,

auch das Heute
wird irgendwann mal
verstauben,

das Heute, ja
trägt sich
wunderbar leicht,

wenn man dem
Gestern
verzeihend entweicht,

drum beweine
nicht die
NieVollendung,

in deinem
Herzen braucht
es Wendung,

lobsingen
solltest du
jeden Tag,

der dich in
seiner Schönheit
barg,

diese Verse
sind rebellisch
wahr,

daran nähre dich
bis zum Ende
gar.

©Sylvia Kling

Auszug aus meinem Buch „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“, welches im November 2017 erscheinen wird. Die Zeichnungen fertigt wieder Khalid Aouga – Autor und Künstler aus Düsseldorf – an, was mich besonders freut.

Das Gedicht wurde bisher schon mehrfach zu Lesungen vorgetragen und ist Teil meines Soloprogramms „AusgeKLINGt – Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“.

Das Beitragsfoto stellte der Fotograf Uwe Richter zur Verfügung. Hier findet Ihr seine neue Seite auf WordPress, die ich Euch empfehlen möchte:

https://minoltagrafie.wordpress.com/

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

mit diesem Gedicht wünsche ich Euch einen wunderschönen Wochenausklang und ein erholsames Wochenende.

Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Wenn Poeten laut werden …


Life is Live …

Ich hörte und las, dass viele von Euch traurig seien, auf Grund der Entfernung nicht an Lesungen teilnehmen zu können. Hier habt Ihr die Gelegenheit, mich – wenn auch mit dem gekürzten Programm – am Bildschirm zu erleben.
»So gespalten, wie ihre Heimat Sachsen in diesen Tagen, so ist auch das Herz der Dresdner Poetin Sylvia Kling. Sie schreibt ohne Unterlass seit frühen Jugendjahren in Sorge um Frieden und Menschlichkeit, gegen das Vergessen von Unrecht und Zerstörung, doch nimmer mit der Feder des Hasses und der Gewalt, sondern mit Liebe und Hoffnung.«

Volker Wolfram:

Der Zweite im Bunde ist der gebürtige Thüringer Volker Wolfram, der immer wieder aufbricht, sein musikalisches Selbst zu finden.
»In seinen Improvisationen ist er mit sich allein. Irgendwo da draußen, findet er in seiner Musik die Anfänge seines Seins.«

Ein kleiner Teil meines Programms „AusgeKLINGt – Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“ – hier ein Livemitschnitt der Lesung in Klingenberg:
Danke an HC Schmidt und Angelika Wittenbecher-Hennig!

Ich verrate Euch zu diesem Live-Mitschnitt ein Geheimnis:

Während der Lesung fühlte ich mich nicht wohl in meiner Haut. Der Saal war groß, das Licht, welches ich brauchte, da ich ohne Brille las, war sehr kalt und grell (wofür niemand etwas kann). Dennoch bin ich ab dem dritten Text warm geworden und mit meinen Texten „Eins“.

Als ich den Tisch verließ, glaubte ich: Diese Lesung habe ich nicht so gut – wie gewohnt – gemeistert. Doch: diese Einschätzung konnte der »Meister« – HC Schmidt – so gar nicht teilen. Er fand meinen Auftritt phantastisch und ich war absolut überrascht. Soviel zur Selbstreflexion …  ;-).

Ist ein Künstler überhaupt jemals mit sich zufrieden? Welche Erfahrungen habt Ihr damit machen können?

Ich bin gespannt auf Eure Rückmeldungen.

Habt eine wunderschöne Zeit und passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Puppenmädchen


©Christine: Christine vom Blog Deine Christine – Link zu ihrem wunderbaren Blog: https://deinechristine.wordpress.com/

Puppenmädchen
Für B.

Wie es damals war, als wir Kinder waren,
weiß ich noch sehr genau:
Gänseblümchen steckten in deinen Haaren,
deine Augen verträumt im Meeresblau.

Du warst still und klug, voller Lieblichkeit,
ich war jungenhaft wild und am Plagen,
es war eine arglos fröhliche Zeit,
du warst meine Sonne in den Kindertagen.

Du spieltest mit Puppen, ich mit Soldaten,
wir waren verschieden und doch warn wir gleich,
denn wenn wir unsere Traumwelt betraten,
waren wir kleine Mädchen im eigenen Reich.

Vierzig Jahre sind inzwischen vergangen,
und ich weine und ich weine bitterlich,
die Zeit hat sich hat sich im Nebel verhangen,
mein Puppenmädchen, für dich.

Du blickst aus dem Bett, wo dein Leben jetzt ist,
du kannst nicht gehen, nichts greifen, nicht lachen,
als ob jeder Muskel in dir vergisst,
die normale verdammte Arbeit zu machen.

Das Sprechen fällt dir elend schwer,
die Krankheit ist teuflisch gnadenlos,
deine Augen sind immer noch blau wie das Meer,
und deine Stille ist größer noch als groß.

Manchmal trägt man dich in einen Rollstuhl hinein,
damit das Leben dich ein wenig zu streifen vermag,
du siehst zu, wie es ist, der Anderen Sein,
wie es ist: so ein kraftvoller Lebenstag.

Dein Haar glänzt lebendig, so wie einst,
wenn du blickst in die Lebensidylle –
durch ein Fenster hindurch (ungebrochen du scheinst)
bist du Teil dieser buntsüßen Fülle.

Ich weiß nicht, wie lang dich das Leben noch hält,
nichts weiß ich. Ich fühle mich hilflos und leer,
hab im Traum letzte Nacht die Zeit verstellt.
Auf Anfang, mein Mädchen. Für ein Immer. Und mehr.

©Sylvia Kling

Vorbereitet für meinen Gedichtband „Als die Amsel verstummte“

Erscheinungsdatum: voraussichtlich Ende 2018

Gewidmet ist dieses Gedicht allen Frauen,
die an Multipler Sklerose erkrankt sind – der Krankheit
mit den 1000 Gesichtern.

Ich danke heute besonders Christine, die mir das Beitragsfoto gern zur Verfügung stellte.

Christine wurde 1972 geboren, ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Die Diagnose MS hat sie mit 15 Jahren erhalten.

Mittlerweile lebt  sie bereits 30 Jahre mit der MS = Multiple Sklerose. Die MS hat sich nach 13 Jahren Ruhe zu Wort gemeldet und Christines Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Hier findet ihr den Blog von Christine – für Betroffene, Angehörige und Interessierte:

https://deinechristine.wordpress.com/

Ich möchte Euch folgende Geschichte nicht vorenthalten, die mich dazu bewegte, das „Puppenmädchen“ zu schreiben:

Das Leben ist …

Heute war ich unterwegs, um Vorbereitungen für die Entlassung meiner Mutti aus der Klinik zu machen. Dabei besuchte ich meine alte Heimat und den Ort, an welchem ich aufgewachsen war: Dresden.
Ich hatte Bücher als Geschenke in der Tasche und suchte meine alte Nachbarin auf, die meine Kindheit als gute Seele begleitete.
Kennt Ihr das? Es gibt Menschen, die man nie im Leben vergisst.

Anschließend wollte ich noch für meine beste Jugendfreundin Bea bei deren Eltern mein Geschenk für sie abgeben.
Wir hatten in den letzten 5 Jahren auf Grund diverser Lebensumstände, auch auf meiner Seite, den Kontakt verloren.

Ich wusste, dass Bea in den Neunzigern an MS (Multiple Sklerose) erkrankte. Als wir uns das letzte Mal hörten, lief sie an einer Krücke und klagte über massive Gleichgewichtsstörungen. Sie wohnte mit ihrem Lebensgefährten, mit dem wir gemeinsam in einem Haus aufgewachsen waren und der sie seit seinem 14. Lebensjahr vergötterte, in Bayern.
Als Schwerbehinderte hatte sie eine gute Arbeit in einem Großunternehmen, die ihr auch während ihrer Schübe und demzufolge Krankheitszeiten immer den Arbeitsplatz sicherten.

Nach 27 Jahren traf ich auf Beas Eltern, die mich nicht wiedererkannten und sich riesig freuten, mich zu sehen. Doch lange hielt die Freude nicht an, denn bald hatten wir alle, die Eltern, ich und mein Mann Tränen in den Augen.

Die Mutter erklärte mir, dass Bea ans Bett gefesselt ist. Sie kann nicht mehr zufassen, nicht mehr aufstehen, demzufolge nicht mehr laufen. Sie sieht nur noch sehr schlecht.
Ihr Gesundheitszustand hat sich in den letzten Jahren rapide verschlechtert.
A., unser Jugendfreund und ihr Lebenspartner, pflegt sie. Sie wohnen nun wieder in der Nähe unserer alten Heimat. A. hat seine Arbeit aufgegeben, um sich voll und ganz der Pflege meiner Freundin zu widmen.

„Sie mag nicht mehr“, sagte ihre Mutter. „Ich könnte den ganzen Tag, von früh bis abends weinen.“
Sie überreichte mir die Telefonnummer von Bea.
„Sylvia, vielleicht kannst Du etwas erreichen? Sie lässt uns nicht mehr an sich ran. Niemanden lässt sie ran, nur noch A. Ich glaube, sie gibt auf.“

Betreten stand ich in ihrem kleinen Korridor, wo ein Foto von Bea hing. Es war aus neunziger Jahren und ich erkannte sie sofort.
In diesem Moment hatte ich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Ich bin kein Mensch vieler Tränen. Weinen ist etwas, was ich nicht so gut kann. Ich weine eher in meinen Worten.

Ewig war ich nicht mehr in diesem Haus mit der Nummer 93. Jetzt gibt es dort einen Fahrstuhl. Viel hat sich verändert, auch die Menschen darin. Alt sind sie geworden, kämpfen gegen den Krebs, leben mit den Folgen von Herzinfarkten und Muskelabbau.

Ich versprach Bea Mutter, gleich morgen Bea anzurufen. Dieses Versprechen werde ich halten.

Still war es dann im Auto. Ich starrte aus dem Fenster. Mein Magen krampfte sich zusammen. Wenn ich doch nur heulen könnte!
Unbeschreibliche Wehmut kroch in mir hoch, eine unsagbare Trauer.

Ich sah den Park, der sich gleich gegenüber unseres Hauses befand. Dort spielten wir gemeinsam, wollten Kriminelle jagen, die es nicht gab, suchten Kastanien, fuhren im Winter Schlitten, klauten in den angrenzenden Gärten Kirschen.

Bea war mein Pendant. Sie war eher ein ruhiges, ausgeglichenes Mädchen und immer ein wenig langsam – auch in ihren Entscheidungen. Ich dagegen war temperamentvoll, ein wahres Energiebündel, sprühte vor Ideen (die sie nicht immer verstand …), wollte sie unbedingt mitreißen in meine Welt der Phantasie und der Erlebnisse.

Wenn es Bea zu viel wurde, bremste sie mich und meistens sah ich dann ein, dass ich wohl übertrieb. Ich liebte sie, gerade weil sie so still und überlegt, so ganz anders als ich, war.

Ich sah Bea vor mir: mit ihren klaren, blauen Augen, ihren brünetten Locken, ihrer schlanken Gestalt. Ich sah Bea, wie sie den Puppenwagen durch den Park schob und dann in den Busch zum Austreten gehen wollte. „Passt Du bitte auf meinen Puppenwagen auf?“, fragte sie.
„Na gut“, sagte ich halbherzig und stellte mich einen Meter von dem Wagen entfernt hin, stocksteif, die Hände salopp in die Hosentaschen gesteckt. Meiner Auffassung nach reichte das vollkommen.
„Nee, Du musst ihn schon anfassen!“, bestand Bea darauf, schob den Puppenwagen vor meine Beine und sah mich herausfordernd an. Wenn es um ihren Puppenwagen ging, kannte sie keine Gnade.

„Was?“, rief ich entsetzt aus. „Ich soll das komische Ding hier aaaaaaanfassen?“, schüttelte ich mich, um meine Aussage dramatisch zu bekräftigen.
Ich hielt nichts von Puppen und solcherlei Mädchenspielzeug und fasste das „Zeuch“, wie ich es abfällig nannte, auch nicht an.
Im Falle von Bea und mir zogen sich die Gegensätze in der Tat an, wie ein Sprichwort besagt.
Jetzt sah ich UNS. Nicht mehr die Strenge dieses Lebens. Nicht mehr unsere verstreuten Jahre. Nicht mehr die Wehmut oder die Zweifel.

Danach fuhren wir in die Klinik zu meiner Mutter. Ich hätte noch mehrere Stunden Auto fahren können, um meinen Gedanken und Gefühlen nachzuhängen. Meine Gedanken überschlugen sich. Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Zu den Menschen, die alles so hinnehmen, wie es ist, gehöre ich nicht.
Als ich sie anrief, musste ich jede Träne, die rollte, unterdrücken. Sie kann kaum noch sprechen (ihre Sprache gleicht der einer Schlaganfallpatientin). Sie kann kaum noch zufassen. Sie liegt fast ausschließlich oder wird mit dem Rollstuhl gefahren. Es geht ihr sehr schlecht. Die MS hat einen schnellen Verlauf genommen. Sie hat ihr häßlichstes Gesicht gezeigt.

Meine Bea, meine zarte, feine und sensible Bea.
In diesem Moment, heute, fühle ich mich hilflos. Nichts wird noch so sein wie es mal war.

Wir sollten Demut lernen. Jeden Tag aufs Neue. Wir sollten jeden Tag, den wir gesund verbringen, als ein Geschenk betrachten.

Aber:
Warum ist dieses Leben manchmal so ein Schwein?

©Sylvia Kling

Zur Krankheit Multiple Sklerose:

  • Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft
  • Frauen erkranken doppelt so häufig wie Männer. Das typische Erkrankungsalter liegt zwischen 20 und 40 Jahren
  • Ursache ist vermutlich eine Autoimmunreaktion: Das Immunsystem greift fälschlicherweise körpereigene Strukturen an, in diesem Fall die Hüllschicht der Nervenfasern
  • MS ist „die Krankheit mit den vielen Gesichtern“, da die Symptome so vielfältig sind
  • Die Krankheit verläuft zunächst häufig in Schüben und kann später in eine chronisch fortschreitende Form übergehen. Es gibt verschiedene Verlaufsformen
  • MS lässt sich bislang nicht heilen. Die Therapie zielt darauf ab, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern

Quelle: http://www.apotheken-umschau.de/Multiple-Sklerose

Ich danke allen, die sich die Mühe gemacht haben, diesen Beitrag bis zum Ende zu lesen. Habt eine wunderbare Woche.

Eure Sylvia Kling

Die Faszination des Schreibens: „Der Erzählstein“


Glaubt mir: Nichts, was ich in letzter Zeit las, hat mich mehr berührt, als die Erzählung von Khalid Aouga „Der Erzählstein“. Ich könnte selbst ein Buch darüber schreiben, wie dieses Buch mich berührt hat, zum Nachdenken zwang, mir Tränen in die Augen trieb und eine Gier in mir entzündete, sich über diese packende Geschichte hinaus für das Schicksal vieler Menschen im Nahen Osten zu interessieren.

Bitte glaubt mir noch eins: Die arabische Kultur ist so farbenprächtig, filigran und faszinierend exotisch, so dass sie unsere westliche Welt nicht nur bereichern, sondern auch zu ergänzen vermag.

Ich erhielt das Manuskript vom Autor mit der Bitte um ein Korrektorat und Lektorat, welches ich gerne annahm, da Khalid Aouga mir – und meine Leser werden ihn kennen – die bewegenden Zeichnungen für zwei meiner Bücher anfertigte.

Mein Mann und ich waren uns sofort einig, dass dieses Buch in die gut sortierten Bücherregale des heimischen Wohnzimmers gehört. Es ist ein Stück Literatur, dessen Vielschichtigkeit beeindruckt und die Geschichte zweier Brüder erzählt, die die Last von dauerhaftem Krieg und Zerstörung nie ablegen konnten. Es ist ein Buch, das eindringlich mahnt, Hass und Kriege zu ächten und sich dem friedlichen Leben bedingungslos zu verschreiben.

Kurzum: Hier folgen Leseproben, sonst verliere ich mich darin, ein Buch über das Buch „Der Erzählstein“ zu schreiben.

Es kam mir alles so unwirklich vor. Es mischte sich mit meinen Träumen und meinen Erinnerungen aus den Straßen von Beirut. Bilder und Geräusche wurden in mir lebendig: der Lärm der Maschinengewehre, Granaten, Sirenen, der Schreie von Menschen und das Bild meines Vaters, der meinen Bruder Christopher trägt, mich hinter sich herziehend. »Geht es Ihnen gut, ist alles in Ordnung?«, fragte mich der Polizist, wobei er mich mit seiner rechten Hand leicht am Oberarm berührte. Er sagte mir, dass die Beamten der Antiterroreinheit jeden Augenblick bei uns sein werden, da sie sich im Bahnhof befanden. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, standen schon zwei Männer vor mir. Einer trug Lederjacke und Jeans, der andere eine verwaschene Militärjacke. Es ging alles so schnell. ›Warum kommen direkt die Männer von der Antiterroreinheit? Warum prüft man nicht erst mal alles nach oder ist das die übliche Vorgehensweise? Nicht, dass die zwei Verdächtigen jetzt nach Syrien, in die USA oder wer weiß wohin verfrachtet werden‹, dachte ich. Alles ist möglich, wenn Staaten in Panik geraten. Die beiden Männer, die nun vor mir standen, sahen nicht gerade vertrauenerweckend aus, was mir noch mehr zusetzte. Der in Lederjacke gab mir die Hand, sah mich mit dem Blick eines Zerberus an, der die Reisepässe der Gestrandeten vor den Pforten seiner persönlichen Hölle überprüft und sagte »Herr Talal, kommen Sie bitte mit uns mit.« ›Was geht hier vor? Ich habe doch niemandem meinen Namen verraten.‹ Er merkte, dass mir das Ganze nicht gefiel und sagte beschwichtigend: »Es geht um Ihren Vater, nur soviel kann ich Ihnen verraten, der Rest wird Ihnen unser Chef erzählen.«

(…)

Ich hatte einmal meinen Vater gefragt, warum er uns ausgerechnet nach Deutschland brachte. Er antwortete wie so oft mit einem Vergleich. »Mit einem Piloten zu fliegen, der schon eine Bruchlandung hinter sich hat, ist viel sicherer, als mit einem zu fliegen, der diese Erfahrung nicht gemacht hat. Und Deutschland hat schon mehr als nur eine hinter sich«, sagte er und streichelte mein Kopf.

(…)

Unsere Eltern führten eine harmonische Ehe. Wir erlebten trotz der äußeren Umstände eine schöne Zeit. Mutter sprach nicht viel über den Krieg. Sie lehrte uns vieles über die Geschichte Libanons, die arabische  Sprache und deren Schönheit.

Ihre Lektionen hatte sie immer in schöne Geschichten gepackt. Es wurde nie langweilig ihr zuzuhören. Sie liebte die Gedichte und Essays der alten arabischen Meister. Sie meinte, nicht mal ein Nizar Elqabani oder  Mahmoud Darwish können ihnen das Wasser reichen. »Wisst ihr warum?«, fragte sie. Wir wussten es nicht. »Weil die zeitgenössischen Dichter noch am diesseitigen Schmerz festhalten und von ihm zehren. Die alten Meister hatten ihre Meisterschaft erreicht, weil sie sich von ihm gelöst hatten«, erklärte sie uns. Unsere Mutter war die Sonne unseres Lebens.

Khalid selbst schreibt zum Buch:

«Ich habe zwei Jahre lang daran gearbeitet, von 2008 bis 2010. Zum Schluss haben ihn die von mir sehr geschätzte Dichterin Sylvia Kling und ihr Mann Volker korrigiert und lektoriert.
So viel Arbeit kann man nur in Etwas investieren, das einem sehr wichtig ist.
Das Schicksal vieler Menschen, die ihre Heimat hinter sich zurücklassen müssen, aus welchen Gründen auch immer, interessiert mich sehr. Wie leben sie? Wie denken sie? Wie ist ihre Einstellung zum Sein?
Wie gehen die Alteingesessenen damit um?
Und die wichtigere Frage ist, wie werden Kinder damit fertig?
„Der Erzählstein“ musste zwangsläufig den Nahostkonflikt ansprechen, da sich ein Großteil der Geschichte im Libanon abspielt. Ein Thema, bei dem sich die Geister nicht nur scheiden, sondern schon mal die Köpfe einschlagen. Aber lasst euch überraschen ….»

Der Link zum Buch:

https://www.neobooks.com/ebooks/khalid-aouga-der-erzaehlstein-ebook-neobooks-AVdD6pDsz5W64AJ33jLZ

Portrait des Autors und Künstlers Khalid Aouga:

Khalid wurde 1973 in Marokko geboren. Er lebt seit 1986 in Deutschland.

https://sckling.wordpress.com/2015/07/25/darf-ich-vorstellen-ii-khalid-aouga/

Hier findet Ihr den sympathischen Autor und Künstler auf WordPress:

https://aouga.wordpress.com/

Weitere Bücher:

Islamische Lyrik:

https://www.buecher.de/shop/kunst/an-mein-krankes-herz/aouga-khalid/products_products/detail/prod_id/15015814/

Heute eröffnet Khalid seine Ausstellung in Düsseldorf:

Einige ganz persönliche Worte noch von mir:

Ich bin sehr dankbar, Khalid kennen zu dürfen und ihn sowie seine Familie bald auch persönlich zu treffen. Wenn man mit Khalid spricht und arbeitet, weiß man erst, was wahre Freundschaft und Menschlichkeit bedeuten.

Ich wünsche Euch ein erholsames Wochenende und wie immer: Passt auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

Worte und Lieder


Es handelt sich um eine erste Probeaufnahme von „Kinder (Kleine Hände)“ der Liedermacherin Bettina Wegner.

 

Heimat

Heimat,
welch großes Wort,
ein Zuhause,
eine Liebe,
ein ewiger Ort,

könnt ich dich
nur finden,
die Freiheit,
mein Ich,
mein Sein,
wo mich denn
getroste binden,
in ein Stückchen
Ewigkeit hinein,

wachen Geistes,
zeitfern und real
mich niederlassen,
offenbaren −
mit meinen Schmerzen,
meiner Qual,
mit meinen Freuden,
mit meinen ganzen
fünfzig Jahren,

selbst die Stadt,
in deren Schoße
eines Tages ich
ergraute,
zeigt zuweilen mir ein
KaltGesicht,
die ich liebte,
ihr vertraute,
meine Spuren sind
dort längst verwischt,

Heimat
nirgends,
nirgends fühl ich mich
zu Hause − gehe,
doch ich
kehre niemals heim,
Heimat, die mich
niemals verstehe,
solltest du mich finden,
so lad mich auf die
letzten Jahre ein!

©Sylvia Kling

Ich verweise ausdrücklich auf die Urheberrechte (siehe Impressum).

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger,

endlich gelingt mir heute wieder einmal ein Beitrag. So habe ich Song und Worte in einen Beitrag „gepackt“. Das Gedicht ist ein Auszug des Buches „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“, welches im November erscheinen wird.

Ich möchte Euch auch auf meine/unsere nächsten Programme hinweisen. Die Termine findet Ihr hier:

https://sckling.wordpress.com/lesungentermine/

Ich hoffe, es ist Euch gut ergangen, Ihr hattet eine schöne Sommerzeit und seid gesund. Allen meinen Lesern möchte ich heute ganz besonders danken für die Treue und die Freude, die Ihr mir mit Kommentaren und Zuspruch macht. Daraus schöpfe Mut und Kraft – gerade in Zeiten, in denen die Kraft nicht selbstverständlich ist.

Passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

 

 

Brand(t)ige Zeiten!


Text und Gestaltung: Jürgen M. Brandtner

Ihr könnt Euch erinnern an den Regisseur, Schauspiellehrer, Schauspieler, Rezitator und Lyriker Jürgen Brandtner?

Wenn man diesen Links folge, erfährt man einiges über den inszenierenden, spielenden, lehrenden, schreibenden und sogar singenden

Jürgen Brandtner:

https://sckling.wordpress.com/2016/02/04/darf-ich-vorstellen-vi-teil-i-juergen-m-brandtner/

https://sckling.wordpress.com/2016/02/05/darf-ich-vorstellen-vi-teil-ii-juergen-m-brandtner/

 

Ich lege Euch mit Inbrunst seinen Blog mit der Seite „Brandtneue Lyrik“ ans Herz:

https://theaterjmb.wixsite.com/brandtneue-lyrik/single-post/2017/08/09/F%C3%9CNFTAGEWOChe

Auch über Kommentare freut sich Jürgen.

Damit verabschiede ich mich heute und wünsche allen eine noch wunderbare Woche mit vielen Inspirationen und möglichst wenig Überladungen.

Eure Sylvia Kling

Gefährlichkeiten


Gefährlichkeiten

Was bin ich vor Tieren weggerannt,
so jeder Verwandte mich gekannt,
war es eine Kröte, jeglich Insekt,
was kroch, was schlich, ward ausgestreckt,

ICH hatte Angst und einmal war:
Mir nach lief eine Kückenschar,
man dorfesweit mein Zetern hörte,
so laut, dass es die Nachbarn störte,

bis meine Mutter mich erlöste,
mit mir geschwind vom Hofe döste
und mir erklärte: «Die Babys sind von der Henne,
vom Opa Franz», die ich doch kenne,

«die legen mal dein Frühstücksei!»
Ha! Das war MIR doch einerlei!
Kreischende Küken rannten mir hinterher,
das war unmenschlicher Verkehr.

Egal, ob Hund, ob Katze,
ob zarte Pfötchchen oder Tatze,
das Tier schien mir, ob groß, ob klein,
ein Ungeheuer nur zu sein.

Längst entschlüpft der Kinderhaut,
von Tieren wurd ich nie verSAUt.
Inzwischen wurd mir – eiskalt – klar:
NICHT Tier – der Mensch ist die Gefahr!

©Sylvia Kling

 

Drum liebe bloß die Tiere mehr,
der Mensch liebt sich alleine – sehr. 😂💟

Fortsetzung folgt!

BEITRAGSFOTO: pixabay.com

„werdepate“

Liebe Freunde, Leser und Besucher,

zum Gedicht muss ich nichts weiter schreiben – es spricht für sich. Es gibt noch ein weiteres Gedicht, welches ich als eine Art Fortsetzung sehe („TIERisch“) und Euch auch in den nächsten Wochen zeige.

Heute schaffte ich es, mal nach einer erfolgten Nachbuchung von 500 MB einen Beitrag zu veröffentlichen. Auf Facebook ist dies täglich leichter für mich, da ich dort per Smartphone poste – hier ist dies leider nicht erfolgversprechend. Der Aufbau von WP ist nicht dafür geeignet. Es kommt zu Fehlern und immer wieder musste ich feststellen, dass die meisten meiner Follower meinen Beitrag nicht angezeigt bekommen. Also lasse ich das und warte lieber, bis sich eine Möglichkeit ergibt, die für mich und Euch zufriedenstellender ist.

Ich hoffe, es geht Euch allen gut und Ihr könnt Euch am Sommer erfreuen. Bei uns in Sachsen beginnt am kommenden Montag wieder die Schule. Auf ein Neues! Bald hat mein „Kurzer“ Jugendweihe, was ich kaum fassen kann. 😉

Mein Buch „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ ist nicht vergessen – nur hängt momentan wirklich alles am fehlenden Internet. Dennoch sind wir bemüht, diesen Lyrikband bis November zu veröffentlichen. Auch mein erster Prosaband „Zimmer 101“ wartet auf die Beendigung des Lektorats und die neugierigen Augen von Lesern.

Bleibt gesund und passt gut auf Euch auf.

Eure Sylvia Kling

 

Zurück ist: Das törichte Weib


Ach, welch töricht Weib ich doch bin,
ich, die mit dem vollen Haar und dem spitzen Kinn,
glaub ich noch an die Kunst und deren Mühe,
rühre worteseifrig in manch öligdunkler Brühe,
hör den Narren zu und auch den Weisen,
den Jungen ebenso, wie den Greisen,
meid den Abgrund, mag das Ebne eher,
fühl mich nicht dem Mond, nur der Sonne näher,
nähre inniglich mich von Wiesen, Bächen und Gesang,
hab zu schwachen Wesen einen SeelenHang,
will die alten Lehren nicht verlieren,
stoß mich an so manchem unverständlich Gieren,
will im Puls der Worte jauchzen, klagen,
stelle immer wieder bohrend Fragen,
lege meine Augen in Geschriebnes von Gelehrten,
hänge auch an alten, längst vergessnen Werten,
will der ErdenFäulnis elenden Geruch
wickeln in ein wohlriechend SeidenTuch,
bete keinen Gott an, weil ich an den Menschen glaube,
der mir nun in aller Schändlichkeit den dummen Edelmute raube,
ach, welch töricht Weib ich doch bin,
mit den MenschenTräumen in mir drin,
ich, die mit den Worten weint und schmachtet −
Wie kann man nur lieben, was man doch so verachtet?

Copyright: Sylvia Kling

Auszug aus dem Lyrikband „Von Morgenseelen und Eisbrecherferne“ – geplante Veröffentlichung im November 2017 –

Das Gedicht ist Teil des Programms „Poetisch-musikalische Szenen mit Zuckerbrot und Peitsche“ sowie meines Soloprogramms (siehe Termine) „Im Geiste bleib ich gefräßig, zu vieles ist nur mäßig“.

Kopieren meiner Texte oder Fotografien ist nicht gestattet (siehe Impressum)!

 

Liebe Freunde, Leser und Besucher, lieber Holger ;-),

nach meinem Urlaub melde ich mich – nicht (un)beschadeter als zuvor – zurück und grüße Euch herzlich. Meine Gedichte für diesen Blog wähle ich stets intuitiv aus – so auch heute.

Ich erinnere mich daran, wie mich in Italien auf einem Campingplatz die Nachrichten über Hamburg erreichten, an mein Entsetzen, meinen Unglauben. Dichtern wird oft nachgesagt, sie seien Idealisten. Ich nenne mich „realistische Idealistin“ – ein klein wenig Wortspielerei kann ich mir nicht verkneifen. Wer meine Arbeiten schon länger kennt, weiß, dass ich das in der Tat bin. So geht das lyrische Ich in dem Gedicht „Das törichte Weib“ mit meinem Ich eng umschlungen.

Ich hoffe, Ihr seid gesund und erfreut Euch trotz aller Widrigkeiten, die uns allen das Leben bietet, am Sommer und den Möglichkeiten, die uns diese Jahreszeit offenbart.

Mit einem Zitat von Erich Maria Remarque aus „Die Nacht von Lissabon“ möchte ich diesen Beitrag beenden:

„Jeder ist für Frieden, wie immer – kurz vor der Katastrophe.“

Eure Sylvia Kling